Deutsche Wieder-Erbeutungskünste

Ob Merkel mal den Mund halten kann?

Autor: Professor Gerhard Bauer
Datum: 27. Juni 2013

Sie ist doch auch eine Person, manchmal ist sie sogar ganz menschlich, diese Frau Merkel. Deshalb muss man sie auch achten usw., bis zu "nicht erzürnen, sondern lieb und wert halten", wie schon Luther für den Umgang mit allerlei „Eltern und Herren“ empfohlen hat. (Die Emanzipationsgewinne bis zur Wahl und Wiederwahl einer Frau in ein solches "Herren"amt konnte dieser olle Patriarch schließlich nicht vorhersehen). Als Mensch genießt sie sämtliche Menschenrechte, auch das, sich zu irren, Relationen zu verzerren oder schlicht zu vergessen, Unsinn zu reden und drucken zu lassen, unbenommen.

Ehe sie aber zum nächsten Mal die Rückgabe der von Sowjetsoldaten verschleppten deutschen Beutekunst fordert, wünscht man sich, dass ihr stolz und stur ausgeübtes Menschenrecht, über ihren Tageslauf und ihren Aufenthaltsort innerhalb Berlins frei zu entscheiden, irgendwie, durch Überredung oder durch Verführung, eine nur zweistündige Unterbrechung erleidet. Dass sie einmal nach Karlshorst in die Ausstellung über die Auswirkung der deutschen Kriegsführung nebst Sonderbehandlungen auf die sowjetrussischen Menschen: auf Soldaten, Zivilisten, Funktionäre, Parteilose, Partisanen, Unbewaffnete und viele andere Gruppen und einzelne, entführt oder verschleppt würde (denn freiwillig? nein, den Weg scheinen unsere fürs Heute verantwortlichen Politiker zu scheuen).

Vielleicht würde ihr da etwas dämmern, sie ist ja auch ein Mensch. Sie ist nicht dumm, sie versteht sich darauf, Zahlen zu lesen, auch andere als die, über die sie in ihrem Super- und übergreifenden Ressort gebietet. Sie zeigt Anflüge von Einsicht, hinter besonders knirschenden oder zu Protest gehenden Summen auch einen Blick auf die Menschen zu werfen, die von solchen Akkumulationen, Schulden, Verpflichtungen und dgl. betroffen sind. Sie kann lesen, denken, hören und sogar zuhören, kann fühlen, schmecken und riechen, ja sie hat ein Herz. Es stimmt nicht, dass sie von diesem Muskel nur in ihren Weihnachtsansprachen Gebrauch macht. Vielleicht, wenn sie dann noch ein wenig Gedächtnis zu Hilfe nimmt, könnte sie das nächste Mal, bevor sie wieder .... (Ich weiß auch gar nicht, für wen so unbedingt. Unser Kunstwerksbetrieb ist doch nicht so notleidend ohne diese Beutestücke? Braucht die Devotionalienbranche einen neuen Kick? Gerade diesen?) Einen Versuch jedenfalls wäre es wert. Vielleicht hält sie dann einfach mal den Mund.

Laut Tagesspiegel-Überschrift blieb Merkels Forderung einfach "ungehört". Wenn Deutsche im Ausland fordernd auftreten und nicht bekommen, was sie wollen, muss das an der Harthörigkeit der andern liegen. Um zu unterstreichen, wie "wir" in Fragen des gewesenen Kriegs und seiner Folgen zu Russland stehen, setzt dieses Blatt dick und in Rot darüber "AUSLAND". Jetzt können es alle seine Leser wissen: Das Geschehen, das in jenen Beutezug mündete, geht die Russen an, nicht uns. Und was die im gleichen Geschehen erzielten Toten angeht: Sie sind sowieso so unfasslich, schon durch ihre gewaltige Zahl, die sich jeder Vorstellbarkeit entzieht und darum den schon anderweitig okkupierten Landsleuten nicht obendrein noch zugemutet werden kann, dass sich eine nähere Befassung damit schlicht verbietet. Gar die Erinnerung, dass die alle, Mann für Frau oder Kind, einmal lebende Menschen gewesen sind, die braucht normalerweise, so wie wir unsere Vergangenheit entsorgt haben, gar nicht aufzukommen.

Außer wenn jemand von diesen Lesern, von den Berlinern überhaupt, von denen, die sich hier gerade aufhalten, doch mal hingeht. Es liegt weniger weitab, als man vorher gedacht hat.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 27. Juni 2013 schrieb Annegret Richter:

Professor Bauers höflicher und emotionaler Kritik ist dringend zuzustimmen. Es sind nicht nur die unsäglich vielen Toten, die Deutschland durch seinen mörderischen Krieg in der Sowjetunion zu verantworten hat. Deutsche Soldaten und Dienste haben damals auch ohne Ende Kunstschätze geraubt und vernichtet. Das weiß die deutsche Seite, aber sie verhält sich nicht, sie fandet nicht nach den Raubgütern, sie gibt nichts raus. Auch aus diesem Blickwinkel ist das Verhalten der Merkel eine Schande: Letztlich stellt sie sich mit ihrer Forderung hinter den Raubkrieg Hitlers. Ekelhaft.


Am 27. Juni 2013 schrieb Johannes Verden:

Professor Bauers kluges und wohl formuliertes Plädoyer gegen die Merkelsche Beutekunst-Kampagne hat eine erstaunlich Stelle. Wenn er schreibt: "Sie kann lesen, denken, hören und sogar zuhören, kann fühlen, schmecken und riechen, ja sie hat ein Herz", dann nähert er sich - und das kann beim einem profilierten Germanisten wie ihm nicht unabsichtlich sein - dem Monolog des Shylock im "Kaufmann von Venedig": "Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?" Nun ist Frau Merkel alles andere als ein in Bedrängnis geratener jüdischer Händler, wie ihn Shakespeare in seinem Stück zeichnet. Sie ist eine Machterhaltungsmaschine, die solche Inszenierungen wie jene in St. Petersburg, als sie mit ihrer Beutekunst-Rückforderung aufstampfte, nicht unabsichtlich macht: Sie schielt auf reaktionäre Wählerstimmen, auf den antirussischen Reflex der Deutschen, kurz: Sie hat dort, wo andere ein Herz haben eine Rechenmaschine.


Am 27. Juni 2013 schrieb Sabine Reichwein:

Ja, gut so!!

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