Der treue Renegat

Fußnoten zum Scheitern des Sozialismus

Autor: U. Gellermann
Datum: 17. November 2011

Das ist kein Buch, das ist ein Weltvorhaben. Aus dem Nachlass von Ralf Schröder hat die Edition Schwarzdruck dessen Vorhaben, den Untergang des Staats-Sozialismus mittels seiner Literatur zu erklären, weitergeführt. Der Slawist, Literaturwissenschaftler und Verlagsdirektor für sowjetische Literatur in der DDR, Ralf Schröder, gehörte zu einer aussterbenden Sorte der menschlichen Gattung: Reich gebildet, dem Ideal einer neuen, besseren Welt verpflichtet, hat er bis zuletzt versucht, dieser Welt ein Stück Hoffnung durch Analyse einzuflößen. Dass er 1958 als Rädelsführer einer "partei- und staatsfeindlichen Gruppe" zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, ähnlich der Gruppe Harich, mit der er manches teilte, hat ihn auch nach seiner Entlassung nicht gehindert, an einem anderen, demokratischen Sozialismus zu arbeiten.

Schröder kannte die sowjetische Literatur wie kaum ein anderer. Er entdeckte in den Büchern von Granin, von Tendrjakow oder Trifonow - jenen Schriftstellern der sowjetischen Tauwetterperiode, die ihm seelenverwandt waren - das Subversive. Jene Spannung zwischen dem Gewissen des Einzelnen und gesellschaftlicher Verantwortung, von der Schröder hoffte, dass sie zu einer zweiten Revolution führen könne, die den sowjetischen Bürokratismus und mit ihm die erstarrte DDR zurück zur Rätedemokratie wandeln würde. Zu einem Modell, mit dem der einstige Sozialismus seine Existenz begonnen hatte. Es waren solche Überlegungen, die ihm den Trotzkismus-Vorwurf eintrugen, denn Trotzkis Formel von der "permanenten Revolution" war seinen Postionen zu ähnlich. Ein Vorwurf, der im sozialistischen Großreich nicht weit von einem Todesurteil entfernt war.

"Unaufhörlicher Anfang", so lautete der Titel des Schröderschen Buches, und der vorliegende Band atmet diese Unaufhörlichkeit, denn er ist, nach dem Tod des Autors, unfertig, eine Baustelle geblieben. Eine Baustelle auf den Ruinen der DDR, deren Brocken den Linken bis heute um die Ohren fliegen. Doch mitten in dieser Ruine blieb Schröder das, was er wohl sein Leben lang war: Ein treuer Renegat, einer der die große Idee, die das Unten nach oben kehren sollte, unter den Bedingungen der immer enger werdenden realsozialistischen Welt verfocht. Seine Analyse lässt ihn zwar die kleine Gruppe deutscher Kommunisten begreifen, die nach dem Krieg letztlich gegen das eigene, faschistisch kontaminierte Volk eine Diktatur begann, um einer besseren Zukunft willen. Aber dass sie stehen blieben verzieh er nicht. Kritisch blickt er auf den Versuch der Sowjetunion 1917, den Sozialismus in nur einem Land aufzubauen. Und er notiert eine entschiedene Abrechnung mit dem Stalinismus, den er auch in den Strukturen der DDR feststellte. Doch liest man keine Zeile des Jammerns über seine Haft, kein Bedauern am gescheiterten, sozialistischen Großversuch teilgenommen zu haben. Nur Wut und Trauer über das Scheitern ist nachzulesen.

Gleich hinter der mittelalterlichen Stadtmauer von Gransee, im Landkreis Oberhavel, hat die Edition Schwarzdruck ihren Sitz in einem alten Kornspeicher. Dort fertigt der Verleger Marc Berger, inmitten einer Welt aus Drucklettern und alten Pressen, seine Bücher fast noch mit der Hand. Kleine Preziosen mit Texten von Anna Seghers, Wolfgang Kohlhaase und Christoph Hein entstehen dort. Eine Reihe heißt "Freche Hefte". In ihr erfährt eine wunderbare Arbeit von Tucholsky ihre Wiederauferstehung. Und in einer Sachbuchreihe erscheinen Fußnoten zur DDR, in der auch der "Unaufhörliche Anfang" beheimatet ist. Schröders Buch mit seinem üppigen Materialschatz ist nicht nur eine Fundstelle für Slawisten, sie ist eben auch eine dieser Fußnoten zu einem Land, aus dessen Scheitern zumindest Erkenntnisse gewonnen werden können.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 22. November 2011 schrieb Thomas Nippe:

Zum "Treuen Renegat". Hierzu kenne ich ein Gedicht von Gerhrad Schoenberner
die letzte Strophe:

Die jetzt am Ende scheinen
öffentlich beschuldigt
der Unbelehrbarkeit
Anhänger der großen Hoffnung
trotz allem, sind nicht widerlegt
Eine Jahrhundertchance
ging verloren. Die Geschichte ist
nicht am Ende, sie geht weiter
Und weiter gehen die Kämpfe
nicht um das Paradies. Aber
um ein menschenwürdiges Leben.


Am 21. November 2011 schrieb Bob Estermann:

Sie feiern mit Ihrer Rezension offenkundig einen Mann, der als braver Partei-Soldat ein paar Jahre Gefängnis einsteckte, um einem unmenschlichen System eine Besserung abzugewinnen. Das nenne ich pervers.

Antwort von U. Gellermann:

Wo Sie das Feiern entdecken, ist mir schleierhaft. Aber Respekt vor einem, der das Wohl aller über das eigene stellt, stünde auch Ihnen gut zu Gesicht.


Am 18. November 2011 schrieb Michael Leetz:

Durch Zufall bin ich heute im Internet auf Ihre Rezension zu Ralf Schröders Buch "Unaufhörlicher Anfang. Vorboten eines Romans" gestoßen, die mich sehr gefreut hat. Als Herausgeber des Buches ist für mich so ein Echo sehr wichtig. Das Buch ist nun in der Welt, und als ich Ihre Rezension las, hatte ich das Gefühl, es hat nun ein eigenes Leben und fällt auf fruchtbaren Boden.

Da Sie von den Fußnoten schreiben: Ich hatte, als ich an dem Buch arbeitete, absolut keine Ahnung, wo ich dieses Buch überhaupt unterbringen könnte. So habe ich das Internet durchsucht und bin, ebenfalls zufällig, bei einem Text über die DDR als Fußnote der Weltgeschichte hängengeblieben (auf diesen Ausspruch von Stefan Heym bezieht sich mein Vater ja), und das war auf der Seite der "EEE"-Reihe von "Edition Schwarzdruck". Hierher, dachte ich, könnte das Buch passen wie die Faust aufs Auge. So kam das Buch zu "Edition Schwarzdruck" und "Edition Schwarzdruck" zum Buch.

Mir war klar, daß die Fußnoten für das Verständnis des Buches ganz wichtig sind. Das meiste Wissen, das in ihnen zu finden ist, habe ich mir bei der Arbeit erst angeeignet. Anderthalb Jahre habe ich daran gesessen (am Buch insgesamt 2 1/2 Jahre). Die Arbeit hat mir großen Spaß gemacht und ich habe dabei viele neue Erkenntnisse gewonnen. Sie war aber auch sehr mühevoll. Doch mir war vor allen wichtig, daß auch Menschen, die, wie ich, viel später geboren sind als Ralf Schröder und die von der DDR-Geschichte und der sowjetischen Literaturgeschichte wenig wissen und davon auch gar nicht so viel wissen können, in die Lage versetzt werden, das Buch zu lesen. Und neben diesem Schlüssel, den ich den Lesern in die Hände legen wollte, besteht die Bedeutung der Anmerkungen auch darin, daß ich durch sie einen Dialog mit meinem gestorbenen Vater führe, der in dem Buch dennoch lebt.

Kürzlich...

13. Juli 2018

Illusionen über Donald Trump

Ein Waffenhändler als Friedensengel?
Artikel lesen

09. Juli 2018

Rubikon macht Trump-Reklame

Blauer Dunst statt harter Fakten
Artikel lesen

02. Juli 2018

Von FAZ bis TAZ

Kein Arschloch, niemand und nirgendwo
Artikel lesen

18. Juni 2018

Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes

Muss der Papst aus der Kirche austreten?
Artikel lesen

11. Juni 2018

Die unheilige Allianz Saudi-Arabien und Israel

Zum US-Ausstieg aus dem Atom-Abkommen mit dem Iran
Artikel lesen

PDF dieses Artikels

Diesen Artikel herunterladen

Wenn Sie möchten, können Sie sich diesen Artikel auch als PDF-Datei herunterladen:
PDF-Datei laden

Artikel kommentieren

Brillant? Schwachsinn? Mehr davon?

Sagen Sie uns Ihre Meinung! Wir überprüfen Leserbriefe, bevor wir sie online stellen – nicht um sie zu zensieren, sondern um unsere Leser vor SPAM und Werbung zu bewahren. Über Kritik freuen wir uns!
Kommentar verfassen