Der schmutzige Kampf

Ein scharfer Blick auf das englische Sozial-Drama

Autor: U. Gellermann
Datum: 22. November 2012
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Buchtitel: Ein plötzlicher Todesfall
Buchautor: J. K. Rowling
Verlag: Carlsen

Die wichtigste Figur des Buches stirbt gleich auf der dritten Seite: Der Gemeinderat Barry Fairbrother. Er trägt einen sprechenden Namen und er hat ihn zurecht von der Schriftstellerin J. K. Rowling erhalten. Fairbrother kümmert sich, erfahren wir im Spiegel der Überlebenden, wie ein Bruder um die Sorgenkinder seiner kleinen Gemeinde, irgendwo im ländlichen England, und soziale Fairness steht auf dem Banner, das er vor sich herträgt. Es mag sein, dass die Herkunft Rowlings ist - ihre Eltern waren eher einfache Menschen, die Zeit in der die alleinerziehende Schriftstellerin von Sozialhilfe lebte - die ihre sozialen Sinne geschärft haben. Was auch immer die Ursache sein mag: J. K. Rowling hat den ultimativen Blick auf die Unter- und die Oberschicht, sie kann erzählen wie sich Elend und Arroganz anfühlen und lässt in "Ein plötzlicher Todesfall" eine soziale Welt aufschimmern, wie wir sie inzwischen fast überall in Europa kennen: Das abscheuliche Monster der Klassengesellschaft, kaum verbrämt durch ein wenig Sozialklimbim.

Eine zweite wichtige Figur, das Mädchen Krystal, trägt die ganze Last der elenden Wirklichkeit: Ihre Mutter hat Kinder von verschiedenen Männern, wurde schon von ihrem Vater vergewaltigt, ist drogenabhängig und lebt in jenem heruntergekommenen Teil des Ortes, den die vermeintlich bessere Gesellschaft loswerden will. Er beschmutzt die vorgebliche Ehre der Eingebildeten und belastet nur die Gemeindekassen. In Krystal hatte Barry Fairbrother eine Hoffnung erkannt: Jene vom Ausstieg aus dem Sozialsumpf und zum Aufstieg zum dem was Krystal wirklich ausmacht: Die fürsorglichen Schwester ihres kleinen, von der Mutter vernachlässigten Bruders, die eine zarten Seele hat, verborgen unter ruppigem Ton und frecher Provokation. Fairbrother war es, der Krystal in die Rudermannschaft der Schule aufgenommen hatte und der einzige, mit dem sie hatte reden können. Doch der ist tot.

Mit dem Tod des Gemeinderates Fairbrother bricht ein unerbittlicher Kampf aus. Zwischen denen, die das Elendsviertel und die Drogenklinik im Ort einfach nur weghaben wollen und den nun weniger gewordenen, die sich erinnern, das Gesellschaft auch soziale Verantwortung heißt. Auch wenn Rowling erkennbar auf der Seite der Unterschicht schreibt, beschönigt sie nichts. Der ganze verkommene Dreck der dritten oder vierten Generation Arbeitsloser, ihre Stumpfheit, ihre Kriminalität und ihre Gewaltbereitschaft wird ausgebreitet. Doch zugleich erzählt die Autorin von den Ursachen und davon, dass die Umgangsformen der Oberschicht nur besser aussehen, besser verbrämt sind, aber dass sie unter dieser Formenfassade von den selben Begierden getrieben wird wie ihre Zerrbilder im Vorort.

Es ist ein 500-Seiten-Krieg den J. K. Rowling führt: Um das Interesse des Lesers und darum, wer denn auf der Bühne ihres Sozial-Dramas die Oberhand behält. Den ersten Teil des Kampfes hat die Autorin gewonnen: Die liebevolle Nähe zu ihren Figuren, auch dann wenn sie ärgerliche Idioten sind, die zuweilen drastische Sprache und der Spannungsbogen, mit dessen Sehne sie den Lese-Rhythmus zupft, machen süchtig. Der zweite, schmutzige Teil des Kriegs, der in einem furiosen Ende mündet, bleibt offen: Obwohl wir aus den Nachrichten wissen, dass der Kampf Arm gegen Reich längst zugunsten der Reichen entscheiden ist, will die Autorin nicht von der anderen Hoffnung lassen. Ach, ja: J. K. Rowling hat auch eine Reihe Bücher über den Zauberlehrling Harry Potter geschrieben.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 22. November 2012 schrieb Stefan Wilke:

Es ist schön zu lesen, dass J. K. Rowling über Harry Potter hinaus schreibt. Offenkundig ist es ein gutes Buch.

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