Der Schachtürke

Frank Schirrmacher: Im Apparat gefangen

Autor: U. Gellermann
Datum: 04. März 2013
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Buchtitel: EGO Das Spiel des Lebens
Buchautor: Frank Schirrmacher
Verlag: Blessing

Mal war es der Methusalem in uns allen, dann der Zerfall der Familie, später war es "der" Computer, nun ist es "die" Informationsgesellschaft, die uns alle bedroht und der wir hilflos ausgeliefert sind. Unter einem ordentlichen Weltuntergang tut es Frank Schirrmacher nicht wenn er ein Buch auf den Markt wirft: "Ego - Spiel des Lebens" ist sein jüngster Apokalypso betitelt, und der Umschlag zeigt uns blutigrot auf düsterschwarz wohin wir gekommen sind: Eine Marionette tanzt hilflos an Fäden. Später werden wir erfahren, dass die Fäden von der unsichtbaren Hand des Marktes gehalten werden, einer Hand in der alle Informationsfäden der Erde zusammenlaufen und der die absolute Macht gegeben ist: Das alte Testament quillt aus den Seiten des Buches, der letztlich namenlose Gott hört alles, sieht alles, weiß alles und Frank Schirrmacher ist sein entsetzter Prophet.

Denn entsetzlich ist das schon, was Schirrmacher zusammengetragen hat: Die Anhäufung von Daten im Netz, die Erfassung des Menschen als Käufer, Wähler, Liebhaber und vor allem als Knecht der Software, die er täglich nutzt und die ihn, den transparenten User, vernutzt. Dieses "Monster", so Schirrmacher, trage die Verantwortung für Staat und Ökonomie, reduziere das einzelne Wesen auf den "Homo oeconomicus", jenes Wesen, das, nur noch auf seinen Vorteil bedacht, sich zugleich dem Vorteil anderer ausliefert, jener neue Frankenstein, von Google und "amazon" zusammengeflickt, der computergesteuert den eigenen Willen, vor allem die eigene Individualität aufgegeben habe und die Welt dem durch Algorithmen gesteuerten Derivatehandel übergeben hat. Nicht wenige Erscheinungen, die Schirrmacher notiert, sind ebenso existent wie bedrohlich. Aber so, wie er die Schrecknisse benennt, verwischt er die Spuren der Verantwortung, anonymisiert er die Ursachen und lähmt so die Gegenwehr.

Im Bemühen seine Theorie gegen Widersprüche zu immunisieren, ist Schirrmacher von einer wahren, wahllosen Zitierwut ergriffen, die nichts beweist und alles: "Es gibt kein wahres Selbst," lässt er zum Beispiel Red Hoffmann, den Gründer von LinkedIn behaupten, "irgendwo in dir drin, das du durch Selbstbeobachtung entdecken könntest und das dir die Richtung weisen könnte." Soll heißen: Längst haben "die Apparate" dein Selbst in ihr Sein umgewandelt. Als ob das Selbst nicht immer schon vom gesellschaftlichen Sein abhängig gewesen sei, als ob menschliche Reflektion nicht immer schon die vielen anderen gebraucht hätte, um das Einzelwesen zu bewerten, einzuordnen, zu schöpfen. So funktionieren Schirrmachers Zitate zuhauf: Scheinbar schrecklich entpuppen sie sich beim näheren Lesen als Binsenweisheiten.

Um seine Horror-Geschichte von Menschen als Anhängsel des Apparates historisch zu grundieren, widmet sich der Autor auch den Menschenmaschinen, jenen mechanischen Jahrmarkts-Attraktionen, die im 17. Jahrhundert Flöte spielten, tanzten oder schrieben. Schirrmacher sieht die ersten Androiden als Väter der Computer-Gesellschaft wenn er über die frühe kapitalistische Industrialisierung schreibt: "Der automatisierte Körper wurde zum Körper des Menschen, und der Körper des Menschen zum Organismus der Ökonomie." Unter den vielen Apparaten, die der Autor aufzählt, fehlt ausgerechnet der berühmteste: Der von Wolfgang von Kempelen 1769 gebaute Schachroboter, wegen seiner Kostümierung "Schachtürke" genannt, war schlichter Betrug. In seinem Inneren war ein Mensch verborgen. Dass dem Herausgeber der FAZ ausgerechnet diese Sensation unter den Androiden versehentlich entgangen sein soll, ist undenkbar. Er passte nur nicht in sein Schema der nebulösen Verantwortung, der No-Name-Bedrohung.

In "Ego" kommt das Wort "Eigentum" nicht ein einziges Mal vor. Dass mit den beschriebenen Schrecken Geld gemacht wird, ist dem Schirrmacher vor lauter mystischer Angst verloren gegangen. Dass es Namen gibt, Zusammenhänge, dass auch der unmoderne, noch nicht vom Computer gestützte Kapitalismus, den Schirrmacher noch bis jüngst verteidigt hat, kaum weniger Schrecken produzierte - von der Kinderarbeit bis zum Weltkrieg - von all dem will der Autor nichts wissen. Statt dessen gelingt ihm ein unabsichtlicher Witz: Lang und breit entwickelt er den neuen, computerisierten Kapitalismus aus dem kalten Krieg. Und seit der zu Ende sei, wären die im Militär gebundenen Physiker auf den Wertpapierhandel umgestiegen und damit hätten sie all die sozialen Grausamkeiten begonnen, damit hätten der Markt und die Computer die Macht ergriffen, sei der Krieg der Sterne in den Krieg der Börse umgewandelt worden. Dass die neue Frechheit des Kapitals mit dem Wegfall sozialistischer Konkurrenz zu tun haben könnte, kommt ihm auf keiner Seite seines Buches in den Sinn. Dabei entspricht genau das der auch ihm geläufigen Markttheorien: Ohne Konkurrenz breitet sich das Monopol aus, der Feind jeder Entwicklung. Aber solange Frank Schirrmacher noch in seinem Apparat gefangen sitzt, wird ihm das nicht auffallen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 06. März 2013 schrieb Wolfgang Blaschka:

Sowenig er Ross und Reiter nennen und das Innenleben des "Schachtürken" preisgeben mag, "entsetzt" sich der Prophet Schirrmacher über den Mechanismus des Systems, dem er dient, doch zurecht. Es hat schon etwas beklemmendes, diese Vorstellung aus dem Kalten Krieg, man könne nur überleben, wenn man den unterstellten bösen Absichten der Gegenseite mit noch böseren Absichten zuvorkommen müsse. Diese Logik führte nur aufgrund des "Gleichgewichts des Schreckens" nicht damals schon zum präventiven atomaren Erstschlag. Als Handlungsmaxime wird sie mit zunehmender Entwicklung des Monopolkapitalismus bei tendenziell sinkender Profitrate und immer gesättigteren Märkten, also immer "dünnerer Luft" für zu erzielende Extraprofite, nur noch gefährlicher als sie es ohnehin immer war. Die Kapitalakkumulation als absoluter, abstrakter, sich selbst genügender, aber alles verzehrender Lebenszweck hat schon etwas Gespenstisches, zumal sich ganze Gesellschaften diesem fast widerspruchslos ausliefern und willig unterordnen. Dazu trägt seine FAZ publizistisch ebenso wie marktwirtschaftlich bei: Happs, und schon ist die Frankfurter Rundschau einverleibt. Nur damit kein Konkurrent sie wegschnappt. Insofern ist er durchaus glaubwürdig als Kronzeuge seiner Zunft; er weiß exakt, wovon die Rede ist. Wenn so jemanden schon das eigene Geschäftsgebaren zu beunruhigen beginnt, wird es allerhöchste Zeit für allgemeine Beunruhigung.


Am 04. März 2013 schrieb Rüdiger Reidemeister:

Da hat Frank Schirrmacher mal ein paar Einsichten, da gehen Sie hin und kritisieren ihn in Grund und Boden. Das ist zumindest nicht pädagogisch.

Antwort von U. Gellermann:

Schirrmacher sieht nicht ein, er mystifiziert.


Am 04. März 2013 schrieb Heiko Herrmanns:

Wenn doch das neue Buch von Schirrmacher so schlecht ist wie Sie es beschreiben, warum hat es dann solche einen Erfolg?

Antwort von U. Gellermann:

marketing hat selten etwas mit Qualität zu tun.

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