Der Ort zum Buch

Englischer Adel aus der Nähe

Autor: U. Gellermann
Datum: 17. Mai 2013
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Buchtitel: Hunnen und Rebellen
Buchautor: Jessica Mitford
Verlag: Berenberg

Packen Sie schon die Urlaubskoffer? Wissen Sie schon, wo Sie hinfahren? Und welches Buch Sie einpacken? Sie werden, fürchte ich, der falschen Urlaubsmethode erliegen und erst Ihr Reiseziel wählen und dann das Urlaubsbuch. Es sollte aber genau umgekehrt gehen: Erst das Buch festlegen, in diesem Fall "Hunnen und Rebellen" von Jessica Mitford, und dann den Ort. Wählen Sie bitte einen völlig banalen Sommerbadeort, Scheveningen in Holland zum Beispiel, oder Arenal auf Mallorca. Weil nur mit dem Duft von Fritten und Sonnenöl, dem Flattern der Bildzeitung im Wind und den Schwimm-Bällen, die immer wieder auf Ihrem Kopf landen, der skurrile englische Adel, die viktorianische Verklemmtheit der Mitford-Sippe und ihr exotisches Verhalten einen echten Kontrast erfährt: The honourables meet the ordinary people, das ist der eigentliche Clash der Kulturen.

Sicher ist, dass Jessica Mitford, die in "Hunnen und Rebellen" über sich und ihre Familie erzählt, zum besten Teil der edlen Sippe gehört: Immerhin war sie zeitweilig Mitglied der Kommunistischen Partei der USA. Ihre Schwester Unity aber war damals um einiges berühmter: Sie hechelte so lange einem Herrn Hitler hinterher, dass Ihr Vater, der 2. Baron Redesdale, sich gegenüber der britischen Presse gezwungen sah, die Verlobungsabsichten des deutschen Adolf mit der englischen Schönheit zu dementieren. Die schönste der legendären Mitford-Sisters, Diana, heiratete zwar sicherheitshalber erstmal den Erben der Guinness-Brauer-Dynastie, um dann aber doch den britischen Nazi-Chef, Oswald Mosley zu ehelichen: Im Berliner Büro von Joseph Goebbels, versteht sich. Sicher, der Adel sollte längst untergegangen sein. Aber die bunten Blätter und die öffentlich-rechtlichen TV-Sender, legen einfach die Pferdedecke der noblen Horse-Guards darüber, dass weite Teile der englischen Oberschicht - von König Edward (Simpson) VIII. bis zur britischen Appeasement-Regierung - den Nazis zugeneigt waren. Die waren so schön antikommunistisch, wie Jessica Mitford aus der Nähe zu erzählen weiß, darin lag ihr Nutzen für die upper class.

Das Buch ist kaum aufgeklappt und schon knirscht der erste Sand zwischen Ihren Zähnen, da dürfen Sie das Knirschen stoppen: Keineswegs hat sich der Berenberg-Verlag unversehens zu einer Heimat von Adels-Postillen entwickelt. Er macht nur das, was er immer tut: Seltene, in Deutschland bisher nicht veröffentlichte Bücher von einigem Gehalt im internationalen Verlags-Schutt zu entdecken und dann dem verblüfften Publikum vorzustellen. Das Buch der Mitford hat es in sich. Sie begreift schon als Kind, dass mit dem Leben des englischen Adels etwas nicht stimmt. Immer wieder versucht sie auszubrechen, und bei ihrem ersten gelungenen Befreiungsschlag landet sie auf der richtigen, der republikanischen Seite des Spanischen Bürgerkrieges.

Während gerade jemand auf der Suche nach seinem Hund über Ihre Füsse stolpert, stolpern Sie im Buch vielleicht über den Begriff "Thälmann-Brigade", die Formation deutscher Kommunisten im Spanischen Bürgerkrieg, in deren Reihen zeitweilig der Mann von Jessica Mitford kämpfte. Thälmannn, Thälmann? Ja, darf man den heute überhaupt noch erwähnen? Natürlich nicht. Der ist, wenn auch aus anderen Gründen, fast so vergessen wie die Legion Condor, jene Nazi-Söldner, die auf der Seite der spanischen Faschisten waren und zu Übungszwecken die Stadt Guernica zerbombt hatten. Noch vergessener ist es, dass die lange, breite Spanische Allee im Berliner Grunewald zu Ehren der uniformierten Mörder ihren Namen bekommen hat. - "Alemanes! Criminales! Animales! Bestiales!", zitiert Jessica Mitford eine Baskin, die vor Wut über die deutschen Legionäre und deren feiges Bombardement außer sich war.

Falls der Wind am Strand gegen Abend kühler geworden sein sollte, bietet sich ein Ortswechsel zur Strandkneipe an. Auch Frau Mitford und ihr beharrlich linker und ein wenig verrückter Mann Esmond haben die Gegend gewechselt. Und während Ihnen mit ein wenig Pech das Klingeln der Flipperautomaten in die Ohren läutet, klingeln für Jessica Mitford die Eiswürfel in den Cocktail-Gläsern bei den Partys der amerikanischen Oberschicht, die dem echten englischen Adel mit zoologischem Interesse begegnet. Die Mitford revanchiert sich mit hinreissenden Betrachtungen über die Sitten der begüterten Eingeborenen und verliert keine Minute ihren politischen Blick. Sie nimmt den "New Deal" in Augenschein, jenes vom amerikanischen Präsidenten Roosevelt begonnene Sozial- und Bauprogramm, von dem die Infrastruktur der USA partiell noch heute lebt, während sein Gedanke, Arbeitsplätze zu schaffen, weitgehend gestorben ist. 

"Das Milieu unserer Kindheit, ausgestattet mit einer üppigen Ader von Verrücktheit, war kaum dazu angetan, uns auf die höchsten humanitären und kulturellen Werte hinzulenken", schreibt Jessica Mitford und sie mahnt einen Mangel der Oberschicht an, den sie im Gegensatz zu Eigenschaften der Arbeiterklasse sieht, der sie "instinktive Achtung vor der Würde jedes anderen Menschen" attestiert. Das müssen Sie abends am Massen-Buffet unbedingt verifizieren. Aber Achtung: Sie sollten, wie damals Jessica Mitford, eine Sprache und Haltung finden, die Ihnen einen Zugang zu einem Milieu ermöglichen, das Sie nicht immer im Urlaub treffen. 


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 01. Juni 2013 schrieb Karen Haussen:

Der politische Teil der RATIONALGALERIE ist ja nicht schlecht, aber die Rezensionen (und die Kinokritiken) sind für mich immer wieder intellektuelle Höchstleistungen.Das gilt auch und ganz besonders für "Der Ort zum Buch", in der zum Zweck der Rezension eine klassischen Ferienkulisse aufgebaut wurde. Chapeau!


Am 21. Mai 2013 schrieb Barbara Neumann:

Mir gefällt die Idee, einen Urlaubsort zum Buch aussuchen, außerordentlich gut. Was schlagen Sie denn für Umberto Eccos "Der Friedhof in Prag" vor?

Antwort von U. Gellermann:

Die Pariser Katakomben: 300 Kilometer Geflecht aus Höhlen und Gängen, ein Reich der Dunkelheit, als "schrecklicher Keller" bezeichnet.


Am 18. Mai 2013 schrieb Marion Schröder:

Das ist zwar eine ungewöhnliche, aber wunderbar formulierte Rezension: Das Buch ist schon eingepackt, am Ort arbeite ich noch.


Am 17. Mai 2013 schrieb Karin Löser:

Sie werden doch nicht erwarten, dass ich nur um das empfohlene Buch zu genießen nach Mallorca fahre? Dann lieber ein anderes Buch!

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