Der niedliche Faschismus

Oder: Wie Mussolini den kleinen Leuten half

Autor: U. Gellermann
Datum: 29. März 2012
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Buchtitel: Canale Mussolini
Buchautor: Antonio Pennacchi
Verlag: Hanser

Wie wir alle wissen hat Adolf Hitler die Autobahnen ziemlich eigenhändig erbaut. Das wird ihm bei diesem oder jenen immer noch als Verdienst angerechnet. Und so wie der Führer selber zugelangt hatte, so machte sich auch der Duce, der Erfinder des Faschismus, verdient: Er und ein paar andere legten von 1930 bis 1940 die Pontinischen Sümpfe trocken. Als es dort trocken genug war, zogen die Peruzzis in das Gebiet, jene Familie, mit der uns der Autor Antonio Pennacchi in seinem Roman "Canale Mussolini" vertraut macht.

Pennacchis Ich-Erzähler ist einer aus der weit verzweigten Peruzzi-Sippe, landlose Bauern, die nach Land gierten und deshalb dem Duce unendlich dankbar waren, als er ihnen, nahezu persönlich, Äcker im ehemaligen Sumpfgebiet übergab. Es ist ein sehr interner Bilderbogen, der in "Canale Mussolini" aufgeblättert wird: Man lernt die fleißigen Peruzzis aus der Nähe kennen und schätzen. Hatte die Großmutter der Sippe tatsächlich mal was mit Mussolini, damals als der noch Funktionär einer sozialistischen Partei war? Vielleicht, sagt das Buch, in dem das Lob des einfachen Mannes gesungen wird, der eigentlich einen eher gemütlichen Faschismus kennen gelernt hat, eher so einen familiären Verein, dessen Sinnen und Trachten auf die Besserung der Lage kleiner Leute gerichtet war, sicher auch schon mal auf die ruhmreiche Größe Italiens.

Auf Seite 150 mag der Erzähler, in der Familie Peruzzi hockend wie die Made im Kokon, kurz erwägen, dass der Duce nicht nur ein angenehmer Mann war: "Sicher . . . er hat die Diktatur gebracht, den Totalitarismus, die Sondergesetze, Kriege, die Judenverfolgung", aber dann holt der Erzähler wieder tief Atem und singt das Loblied auf die Besiedlung der trockenen Sümpfe, darauf, dass Mussolini mal Sozialist war und wohl deshalb das Land den Reichen wegnahm und den Armen gegeben hat. Dass die Reichen zum Verrecken mit der Brache nichts anzufangen wussten und erst interessiert waren, nachdem der italienische Staat die Gegend mit Billigarbeitern hatte trocken legen lassen, das muss man schon selbst reinlesen.

"Ich komme und befreie Dich, und Du leistest mir Widerstand?", darf drohend einer der Peruzzi-Onkels im Roman die Eingeborenen fragen, um den Giftgaseinsatz der italienischen Armee gegen die überfallenen Äthiopier zu rechtfertigen. Zwar wendet einer der Neffen ein: "Aber Onkel, das waren doch Menschen", aber schließlich landet das Buch doch bei der Nivellierung aller Ursachen: "Du hast recht mein Junge. - Jeder hat seine guten Gründe. Sie genauso wie wie wir." Das ist die Methode des Autors: Zwar, aber: Zwar gab es auch dieses oder jenes Verbrechen der Faschisten, aber es gab auch ein historisches Geworfensein, was sollte man da groß machen?

Denkbar wäre, da wir ja einen Erzähler aus dem Inneren des Faschismus vor uns haben, dass der Autor nur erklären will: Seht, so kann es passieren, so ist es passiert und lasst es Euch ja eine Lehre sein. Aber am Ende des Buches wird der Erzähler als ein Priester enttarnt, einer, der nach Ende des Faschismus geboren ist, einer, der zwischendurch auch mal Mia Fuller zitiert, eine amerikanische Wissenschaftlerin, die den italienischen Faschismus als Rassismus analysiert. Der Erzähler könnte es also besser, kann also eine Haltung, eine Wertung aus dem Heute annehmen. Aber er kommt uns niedlich: Mit pittoresken Bildern aus dem Stall und vom Acker, mit einer gepinselten Folklore der kleinen Leute, die uns in ihrem Mitläufertum sympathisch erscheinen sollen, verstehbar zumindest, außerhalb eines moralischen Urteils stehend.

Der Hanser-Verlag hat mit "Canale Mussolini" ein Lügenbuch verlegt, ein gut formuliertes, außerordentlich geschicktes Täuschungswerk. Das unüberlesbar die Fragen von Schuld und Verantwortung übertüncht, wenn zum Beispiel eine der letzten Schlachten auf italienischem Boden zwischen den Alliierten und den Mussolini-Truppen gewertet wird: "Dreißigtausend Tote auf beiden Seiten insgesamt an der Front Anzia Nettuno. Zwanzigjährige Jungs, aus der ganzen Welt hier zusammengekommen, um zu sterben." So wird es gewesen sein: Rein zufällig sind sie "zusammengekommen" und dann sind sie ebenso zufällig gestorben. Welch ein unwürdiges Requiem für jene, die Europa vom Faschismus befreit haben.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 01. April 2012 schrieb Gert Velesko:

Ein wunderbare Absage an den "niedlichen Faschismus".


Am 30. März 2012 schrieb Doro Hansen:

Es ist kaum vorstellbar, dass unter der Verlagsleitung von Michael Krüger bei Hanser ein solcher Roman erscheint. Krüger galt doch bisher zumindest als Demokrat.

Antwort von U. Gellermann:

Vielleicht interpretiert er Demokratie anders als Sie?

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