Der Lampenputzer und die USA

Wie man heute den Erich Mühsam hören muss

Autor: U. Gellermann
Datum: 04. April 2016

Das waren Zeiten: Als man noch wegen „sozialdemokratischer Umtriebe“ der Schule verwiesen werden konnte, wie es dem jungen Schriftsteller Erich Mühsam 1896 geschah. Was treibt die Sozialdemokratie heute um? Nichts was das muntere Treiben der Herren von Börse und Export sonderlich stören würde. Doch der nun schon lange in einem Grab verstummte Anarchist Mühsam hat Texte geschaffen, die auch heute noch verstörend wirken können. Das Musiktheater Weber-Herzog hat sie neu in Töne gesetzt, gemeinsam mit einer Gruppe von einfühlsamen Musikern auf eine CD gemastert und stellt sie jenem Teil der Öffentlichkeit zur Verfügung, dessen Herz und Hirn noch nicht der Suche nach einem deutschen Superstar erlegen ist.

Wer bei Mühsam primär den tödlichen Textbiss erwartet, der wird von den scheinbar sanften Tönen überrascht sein, mit denen die Sängerin Christa Weber sich im Song „Im Westen“ dem Hörer nähert, heimtückisch versteht sich, denn spätestens mit der Zeile „Die Stadt Berlin, die baut nicht mehr . . . Mag Kranken-, Schuldienst und Verkehr verdrecken und verrecken“ sind wir mitten im brutalen Heute kommunaler Wirklichkeit, im Kontrast der Ku-Damm-Cartier-Armani-Auslagen zur öffentlichen Armut.

Aber Herzog (Komposition) und Weber (Gesang) können auch anders, wenn mit einem harschen Eins-zwei-Eins-zwei jener Marsch intoniert wird, der aus den 20er Jahren kommt und heute zwar dem tiefen Brummen der Todes-Drohnen gewichen ist und doch den selben Inhalt kennt: „Angeschossen, hochgeschmissen, Bauch und Därme aufgerissen“. Die Nazis wussten, warum sie den Erich Mühsam im KZ Oranienburg umbringen ließen. Wer aus der hohen deutsche Poeten-Schule mag sich heute den Därmen afghanischer Ziegenhirten widmen? Schließlich ist der eigene Bauchnabel auch ein lyrisches Körperteil.

Und dann kommt das Lied, auf das alle Kenner gewartet haben: Der Revoluzzer, der aus dem Stand der Lampenputzer kommt und einer Revolution nur zustimmen kann, wenn den Straßenlaternen kein Leid getan wird. Wir wissen nicht, aus welchem Stand der jeweilige Anti-Deutsche kommt, aber wer seine Laternen sind, ist bekannt: Den Leuchten aus den USA und Israel darf kein Haar gekrümmt werden und wer den Banken den Scheitel mit dem Beil ziehen möchte, der gilt den Anti-Deutschen als Antisemit. „Wer Antisemit ist, das bestimme ich, mit unfreundlichen Grüßen, Jutta Ditfurth.“ – „Dann ist er zu Haus geblieben und hat dort ein Buch geschrieben“ erzählt Erich Mühsam über den Lampenputzer, ein Lied, dass er der deutschen Sozialdemokratie gewidmet hatte. Doch die SPD, längst und eindeutig auf der anderen Seite der Barrikade, taugt nicht mal mehr zum Bremsen der Friedensbewegung.

Nach der Arbeit sollte man die CD hören, ein Glas Rotwein kann nicht schaden, wenn Freunde dabei sind, um so besser: Man schiebt einfach das flache, metallisch schimmernde Ding in den Schlitz und los geht´s. Vorher aber: Bei Amazon oder bei Jump up bestellen. Kostet 12 Euro und alle Texte sind im Boocklet mit abgedruckt.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 06. April 2016 schrieb Hella-Maria Schier:

Hella-Maria Schier:
Die offiziellen Gruppierungen der Anti-Deutschen mögen zahlenmäßig nicht relevant sein, nicht bedeutend groß sein, ungleich verbreiteter ist aber in verschiedenen Gradabstufungen ihre Geisteshaltung. Sie führte ja letztlich auch zur Spaltung und Diffamierung, damit fast zur Verhinderung der Friedensbewegung.

Sie steht für die plötzliche USA-Treue vieler "Linker", die einmal amerikaskeptisch waren.
Sie bezeichnet Kapitalismus-Kritik als antisemitisch und lenkt so die weltweite Wut auf das Großkapital zu den Juden hin. Dass dieser Effekt und die beinhaltete Unterstellung selbst ziemlich antisemitisch sind entzieht sich der geistigen Wahrnehmung ihrer Gläubigen.
Kritik an den zunehmend mächtigen Finanzeliten, ist für sie "verkürzte Kapitalismus-Kritik", weil nicht das System, sondern Personen aufs Korn genommen würden...aha, den Eliten war also, in Betrachtung ihrer geringen Stückzahl, nach Bankenkrise und so ein bisschen mulmig geworden und sie wollten aus dem Fokus genommen werden um nicht nächtens von Albträumen über revolutionäre Massen vor ihren Villen heimgesucht zu werden.
Bedrohte Minderheiten müssen geschützt werden, denkt sich da der homo antigermanus. und nutzt die gute Gelegenheit die Kapitalismus-Kritik nicht etwa zu verlängern sondern ganz zu streichen, was ja sowieso die Absicht dahinter war.
. Da im Kampf gegen die chamäleonhaften und allerorts verflochtenen Eliten so wenig Trophäen zu gewinnen sind, wechselt ein Teil der Linken gern die Front und erinnert sich, dass Linke ja schon immer auch gegen rechts-national waren. Dieser Neu-Linke findet im modernen Rechtspopulismus.einen ergiebigen und sichtbaren Gegner, den der eliten-gelenkte mainstream ihm .gerne zum Fraß vorwirft um so selbst aus der Schusslinie zu geraten. Die eigenen Leute bei den Rechten, vom Verfassungsschutz und so, die werden schon verstehen...In ihrer Verwirrung ganz folgerichtig, da ja nur Nationalismus rechts ist, erscheint dem Antideutschen der globale internationale Kapitalismus nun links, da er ja i n t e r -national ist und ganz offenbar weltweit verdammt und die FInanzeliten also die Verdammten dieser Erde sein müssen, die .er retten muss, und wie heißt es doch? Die Internationale (Finanzmafia) erkämpft....bekämpft das Menschenrecht...
auf jeden Fall, Reich gewinnt.
Es ist eine ansteckende Krankheit.

Antwort von U. Gellermann:

Leider finden sich immer wieder dumme Bühnen für Querfront-Propheten. Zum Beispiel bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Hamburg.


Am 05. April 2016 schrieb Brigitte Klara Mensah-Attoh:

Erich Mühsam mit seinen `verstörenden Wahrheiten´ ist ja dem Zeitgeschehen dermaßen auf der Spur wegen seiner realistischer Eins-zu-Eins-Beschreibung des damaligen UND des aktuellen Ist-Zustandes - so aufwühlend, daß man wirklich GÄNSEHAUT davon bekommt! Ach was, schon die Lektüre Deines Artikel über diesem "Staatsfeind", den die Nazis auf dem Gewissen haben, hat den gleichen Effekt..!


Am 05. April 2016 schrieb Ulrike Spurgat:

Ein Mensch der 1933-1945 überlebt hat ist mir bis Heute nahe geblieben.
In ganz besonders dunklen Stunden im Nachkriegsdeutschland waren es Heine, Tucholsky, Brecht, Mühsam, Carl von Ossietzky um nur einige zu nennen,die die Gespenster des Vergangenen erträglicher machten und die Sprachlosigkeit des Erlebten in den geschriebenen Texten zu finden war.
Er war Antifaschist mit Leib und Seele.- Der Verrat der Sozialdemokratie an der Arbeiterbewegung hat seinen Höhepunkt in der Agenda 2010 gefunden.
Die SPD kann ihre Glaubwürdigkeit nur wiedererlangen, wenn die Politik eindeutig, klar und an dem orientiert ist was ihre Existenzberechtigung ausmacht; nämlich als Ausdruck von gesellschaftlichen Verhältnissen in die Gesellschaft einzuwirken, und sich schützend vor die zu stellen, und deren Interessen zu vertreten, die sie gewählt haben.

Die Erinnerung ist Teil eines Lebens.
Geschichte kann sich wiederholen, und Mühsam ist neben vielen anderen wichtiger denn je. Die gesellschaftlichen Verhältnisse lassen schlimmes befürchten, denn Ähnlichkeiten mit der Geschichte sind nicht auszuschließen.
Vielleicht besinnen sich ja einige Sozialdemokraten, wenn sie diesen Artikel gelesen haben.


Am 04. April 2016 schrieb Wera Blanke:

Ja! Es ist wichtig, die Klassiker lebendig zu halten - wir brauchen ihre Solidarität!
Unter den "Partnern" vermisse ich übrigens "Kontext TV". Zufall?

Antwort von U. Gellermann:

Zu den Kollegen von „Kontext TV“ hat sich bisher kein Kontakt ergeben.


Am 04. April 2016 schrieb Lutz Jahoda:

Erich Mühsam - Bruder im Geiste!


Am 04. April 2016 schrieb Aleksander von Korty:

Nicht nur der Anarchist ist so aktuell wie nie. Auch Brecht, und Tucholsky und Heine und viele mehr aus dem vorherigen und dem vorvorherigen Jahrhundert. Sie bleiben es auch, so lange der gierige Imperialismus auf dieser Erde sein blutiges Unwesen treibt !

Danke für die KRITIK der Mühsam(en) CD


Am 04. April 2016 schrieb Andreas Wagner:

Gern haette ich diese CD bestellt, leider...
Jump up listet sie nicht und amazon´s Lieferant HOFA GmbH liefert diese nicht nach Australien!
Und Zahlung per Karte ist eh illusorisch.
All das in einer vernetzten Welt..., es ist zum Haare Ausraufen!


Am 04. April 2016 schrieb Karl Döll:

Der Erich-Mühsam-Platz in München. Eingezäunt von Pollern vor einem italienischen Restaurant. Das wird heute wohl noch existieren. Stellte man ein Dixi-Klo auf den gepflasterten Platz, zwischen die Poller, wäre es eine Reminiszenz an den Platz, wo er erschlagen und aufgehängt wurde. Er wird die Dummköpfe ausgelacht haben, solange er lachen konnte.


Am 04. April 2016 schrieb Reiner Hofmann:

In Ihrem Artikel erwähnen Sie die Anti-Deutschen, was ist das denn für eine Gruppe?

Antwort von U. Gellermann:

Anti-Deutsche halten sich für links. Sie pflegen eine blinde Israel-Solidarität, wenden sich gegen das was sie (darin der bürgerlichen Reaktion ähnlich) als "Antiamerikanismus" verstehen und halten Antikapitalismus nicht selten für den Ausdruck eines strukturellen Antisemitismus. Man darf sie auch als Durchlauferhitzer für noch dümmere Positionen begreifen: Jürgen Elsässer z. B. gehörte lange zu ihren Lautsprechern. Heute ist er so reaktionär wie möglich.

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