Der Joschka-Stammtisch

Ein Fischer-Buch zur Europäischen Union

Autor: U. Gellermann
Datum: 16. Oktober 2014
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Buchtitel: Scheitert Europa?
Buchautor: Joschka Fischer
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Schon im Vorfeld der Buchpräsentation des beinahe berühmten Autors Joschka Fischer wurde dessen große Bedeutung heftig unterstrichen: Vor Pressekonferenz und Rezension musste der Rezensent schriftlich versichern, nichts vorab über das Buch "Scheitert Europa" zu veröffentlichen: Per Fax, unterschriftlich und schadenersatzpflichtig. Während der Pressekonferenz zum Buch im Haus der GRÜNEN Böll-Stiftung roch es dann nach Brötchen, nach ziemlich kleinen Brötchen. Wenn auch pompös dargeboten: Viele Kameras, viel Gewese für einen Ex-Außenminister.

Das Pompöse auch gleich zum Auftakt des Fischer-Buches: Zwei Seiten einer Churchill-Rede aus dem Jahr 1946. Der hatte schon damals im September in Zürich zur Gründung der "Vereinigten Staaten von Europa" aufgerufen. Wenn Fischer ihn heute zum Kronzeugen für seine Vorstellung von Europa auftreten lässt, dann meint er damit vorrangig Marketing: Churchill ist bedeutend, ich auch, zusammen sind wir noch bedeutender. Nicht aufgefallen ist dem Europa-Autor offenkundig die Hohlheit jener Churchill-Phrase in dessen Rede, in der er die "Errettung der Menschen aller Rassen und aller Länder aus Krieg und Knechtschaft" fordert. Denn zu jener Zeit ächzten Indien und Pakistan noch unter dem Stiefel englischer Kolonial-Soldaten, waren rund zehn afrikanische Staaten noch in britischen Kolonial-Fesseln gefangen und es sollten, bis sie sich selbst aus "Krieg und Knechtschaft" befreit haben würden noch viel Blut fließen. So isser, der Fischer: Da schlägt jemand wie Churchill mit dem imperialen Kochlöffel auf irdenes Geschirr und der ehemalige Außenminister gibt es für tönendes Erz aus.

In seinem eigenen Text ist es dann eher Blech, aus dem er der Europäischen Union eine Zukunft schmiedet: Eine lange Nacherzählung der Finanzkrise mündet bei ihm notwendig in der "Zentralisierung" europäischer Macht als Heilmittel. Da fragt er nicht lange für wen und für was, und preist erneut die von Schröder und ihm 2003 verkündete Agenda 2010 als "überfällige Struktur-Reform" als "unabweisbar". So ging und geht es dann der deutschen Unterschicht wie den Indern und Afrikanern: Errettung gilt nur der weißen Oberschicht, die Hartzer werden so lange in Knechtschaft verharren, wie sie sich nicht selbst befreien.

Doch gibt es bei Fischer immerhin zwei Gedanken im Buch, die unabweisbar richtig sind: Er notiert die Ängste unserer Nachbarn vor einem "deutschen Europa" und zitiert deren Sorgen, dass sie unter "deutscher Vormundschaft" stünden. Auch die zweite Fischer-Erkenntnis, nach der die Europäische Zentralbank "faktisch als eine Art Ersatzregierung" agiert, ist nicht von der Hand zu weisen. Errettung aus dieser ihm misslichen Situation findet der Autor in der Geschichte der EU: Sie sei nicht "auf Umfragen und Mehrheitsstimmungen gebaut". Sie wurde "vielmehr von Staatsmännern gebaut, die nicht nach Popularität schauten". Derartig auf Macht und Mächtige fixiert entgeht dem einstigen Straßenkämpfer, dass genau hier, in mangelnder Legitimation, im undemokratischen EU-Apparat die Krise der EU liegt: Die europäische Bevölkerung muss den `dummen´ Inder spielen und die Fischers machen den Churchill.

Zuweilen verirrt sich Fischer in die Weltgeschichte und dann blinzelt der kleine Josef hinter der großen Fischermaske hervor: Europa sei einfach historischer als andere Weltregionen, zum Beispiel sieht er Ost- und Südostasien seit 2000 Jahren von China bestimmt. So alte Kulturstaaten wie Japan und Vietnam verschwinden dann, zugunsten der Vereinfachung, mal eben unter Fischers Stammtisch. Und wenn er dann der europäischen Geschichte zu nahe tritt, befragt er sie nach der wissenschaftlich verbotenen Was-Wäre-Wenn-Methode: Was wäre "wenn es dem Haus Valois im Spätmittelalter gelungen wäre, eine machtpolitische Restauration des mittleren Erbteils der karolingischen Erbfolge auf Dauer durchzusetzen?" Hier kommt der versammelte Fischer-Chor zu einer verblüffenden Erkenntnis: "Die Geschichte verlief anders". Dass immerhin zwölf französische Könige aus dem Hause Valois und seinen Nebenlinien stammten, was macht das schon, wenn es doch um den Fischer-Ritt durch die Geschichte geht?

Schließlich kommt Fischer zur "Strategischen Krise Europas", die ihm besonders im Ukraine-Konflikt deutlich wird: Der Russe sei es, der mit "militärischer Gewalt" eine Revision der postsowjetischen Staatsordnung anstrebe. Die EU habe der Ukraine "ohne böse Absicht" einen Handelsvertrag angeboten. Hier schafft es der Autor sein bisheriges Niveau noch zu unterbieten: Dass im harmlosen "Handelsabkommen" auch eine Sicherheits- sprich militärpolitische Passage existiert, die den Russen das Messer an die Kehle setzt, verschweigt er einfach. Ohne böse Absicht versteht sich. Dann kartet er noch seine Niederlage als Pipeline-Lobbyist nach, wenn er die Ostsee-und Schwarzmeer-Pipelines als Geldversenkung charakterisiert und die ukrainischen Blockade-Spielchen bei der Durchleitung des russischen Gas nach Westeuropa schlicht unterschlägt. Höhepunkt der geistigen Falschmünzerei ist dann seine Behauptung der EU als "Friedensprojekt", obwohl jede Menge EU-Mitglieder die Kriege der USA im Irak, in Libyen und in Syrien fröhlich begleitet oder sogar vorangetrieben haben. So steuert das NATO-Mitglied Joschka Fischer tapfer im Dunkel seiner Gedanken pfeifend auf die "Vereinigten Staaten von Europa" zu, die er sich nur im Bündnis mit den USA denken kann. Aber warum sie dann notwendig sein sollten, verschweigt er ebenso, wie er kein einziges Wort über das imperiale Handelsabkommen TTIP verliert. Diese Sorte Europa darf getrost scheitern.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 23. Oktober 2014 schrieb Lutz Jahoda:

Gut darauf hingewiesen zu haben, lieber Uli Gellermann: Zwei Wahrheiten reichen nicht, um ein unnützes Buch nützlich werden zu. lassen.
Meine Empfehlung: Zieh die Turnschuh wieder an, Joschka - es dürfen ruhig die alten sein - setz Dich untern Weihnachtsbaum, träume Deinen alten Traum - und schäm Dich!


Am 17. Oktober 2014 schrieb Markus Schmitz:

Eine satirisch-ironische und damit geistige Glanzleistung!!!! Noch dazu mit 100% Wahrheitsgehalt! Danke Uli Gellermann!
Weiter so!


Am 16. Oktober 2014 schrieb Aleksander von Korty:

`Papier ist geduldig´, besagt zu Recht ein deutsches Sprichwort, Und so darf selbstverständlich auch unser Ex-Aussen-Laubfrosch seinen geballten Fischer-Unsinn niederschreiben. Nun könnte mensch allerdings fragen, ob dieser gequirlte Blödsinn dann auch gedruckt und veröffentlicht werden muss? Und da ist es nun mal so, dass ein wirklich kluger Mann aus Trier schon vor anderthalb Jahrhunderten zu der richtigen Erkenntnis kam , dass `im Kapitalismus alles käuflich ist, also zur Ware wird!´ So auch beschriebenes Papier, dass dann gedruckt zum Buche wird. Dabei ist völlig nebensächlich, ob sein Inhalt lesenswert, geistreich, informativ oder aber einfach Unsinn ist. Es zählt nur der Waren- oder Verkaufswert des Machwerkes. Und auch wenn dieser Laubfrosch schon lange keinen politischen Wert mehr hat, einen Marktwert hat er allemal noch und damit füllt er sich und dem Verlag die Taschen. Überhaupt fristet er ja seit dem Ausstieg aus der aktiven Politik sein kärgliches Dasein durch Vorträge zu den verschiedensten politischen Themen und kassiert damit jeweils mehrere zehntausend Euro. Was allerdings auch kein Beleg für die inhaltliche Qualität seiner Reden ist. Vielmehr ist es so, dass dieses Buch nun doch einen sinnvollen Zweck erfüllt. Es zeigt nämlich dem Publikum, am Beispiel dieses Laubfrosches, dass die gesamte bürgerliche Politiker-Kaste ihr Unwesen nicht nur im Interesse ihrer Profit heischenden Brotherren betreibt, sondern dass es ihr auch eklatant an Kompetenz, Kenntnissen und Qualifikation mangelt. Bedauerlich daran ist allerdings, dass diese schlecht zusammen gebraute, trübe Politiker-Suppe immer von den "regierten" Menschen ausgelöffelt werden muss. Jedenfalls so lange noch, bis sich die Erkenntnisse des wirklich klugen Herrn aus Trier bei den beherrschten Massen breit machen, fest- und durchsetzen wird!!!


Am 16. Oktober 2014 schrieb Marie Brenner:

Welch ein schönes Fischer-Bashing! Der eitle, machtbesessene Fatzke hat es wahrlich verdient.


Am 16. Oktober 2014 schrieb Reyes Carrillo :

Ich schließe mich meinem Vorkoster an: Brillant, vernichtend. Danke schön.


Am 16. Oktober 2014 schrieb Paul-Wilhelm Hermsen:

Fischers Fritz, Uli Gellermann, fischt frische Fische, derweil Fischer Joschka im Trüben fischt. Vortreffliche Sicht im Ozean der Irrlichter, derweil auf dem Piratenkutter der Eu die Planken vor sich hin rotten.


Am 16. Oktober 2014 schrieb Fred Lichtenau:

Eine brillante, vernichtende Kritik an einem Wichtigtuer der Sonderklasse. Aber wen man die Medienreaktionen sieht hat der Mann immer noch einen Markt.

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