Den Krieg verklären

Sprach-Soldaten an der Kommunikations-Front

Autor: U. Gellermann
Datum: 07. September 2012
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Buchtitel: Den Krieg erklären
Buchautor: Hrsg. Zowislo-Grünewald, Schulz, Buch
Verlag: Peter Lang

Natürlich heißt der Titel des Buches "Den Krieg erklären" und die Herausgeber (Natascha Zowislo-Grünewald, Jürgen Schulz und Detlev Buch) versammeln eine Reihe Kommunikationstechniker, um der ungeneigten Öffentlichkeit den Krieg (in Afghanistan und sonst wo) verständlicher zu machen. Aber sie erklären primär dem gesunden Menschenverstand den Krieg und zuweilen auch der deutschen Sprache: "Die Zerstrittenheit der Öffentlichkeit bezüglich aller Fragen des Einsatzes von Militär ist demnach nicht nur als Folge des Missverständnisses der Moderne als großer marktförmiger Friedensveranstaltung oder als Ausdruck einer durchgreifenden und fundamentalen Pazifizierung der deutschen Psyche, die aus dem Schock der Niederlage von 1945 erwächst, zu interpretieren . . . "

Offenkundig kann der Autor die Befreiung vom Faschismus bis heute nur als Niederlage begreifen. Und der Schock darüber sitzt bei ihm so tief, dass er der Moderne Beine machen will, damit diese verdammte Friedensveranstaltung sich endlich von der fundamentalen Pazifzierung weg zu einem ordentlichen, totalen Kriegs-Bewusstsein hin entwickelt. Damit das auch wirklich klappt, betet er ein neues "internationales Rechtsverständnis" herbei, das die Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder möglich machen sollte, wenn dort die Menschenrechte verletzt werden. Leider vertraut uns der Kommunikations-Dichter nicht an, was er unter Menschenrechtsverletzung begreift: Die brutalstmögliche Anwendung der Scharia in Saudi Arabien oder die disproportional hohe Anzahl Farbiger in den Gefängnissen der USA? Aber bei allen Kriegen außerhalb des Landes, die er in billiger Verklärung "Out-of-Area-Operationen" nennt, muss eins klar sein: "Nun sind auch Soldatinnen und Soldaten Menschen, die ihr Leben nicht verlieren möchten, weshalb im Zweifel der Finger locker sitzt." Deshalb ist auch mit einer "Gewissen Opferquote unter unschuldigen Nichtkombattanten" zu rechnen.

Kaum hat der Leser sich von der Kaltschnäuzigkeit erholt, mit der Morde an Unschuldigen in eine "gewisse Opferquote" umgetextet werden, stößt er auf "strategische Narrative", also Propaganda-Erzählungen, die den Krieg verklären sollen, um "Gewissheit zu erzeugen, wo rationales Denken zu kurz greift". Na klar: Die blöde Rationalität der Bevölkerung, die Kriege in anderen Ländern zum Zwecke der Rohstoffsicherung einfach falsch findet, braucht dringend einen "epischen Wahrheitsbegriff". Und damit der Leser diese Art der Dichtung begreift, wird ein Beispiel aus dem Marketing zitiert: "Unbrauchbar sind die Begriffe von Lüge und Wahrheit, wo es im Einvernehmen aller Marktteilnehmer primär darum geht, dem Endverbraucher gewünschte psychophysische Prozesse zu verschaffen." Im Klartext: Damit dem dummen Medienkonsumenten der Krieg schmeckt, muss der Kriegsproduzent sein Produkt als Erlebniswelt inszenieren.

Einer der Autoren, ein Oberst im Generalstab, versucht es mit Treuherzigkeit und sagt im Einsatz gern: "I am German; Germans are famous for being serious and honest. I am only providing true informations." Klar, so berühmt wie Goebbels (dem der Oberst "Erfolg" attestiert) im Falle Gleiwitz und so ehrlich wie von Guttenberg und seine Doktorarbeit. Fundamental komisch ist auch sein Satz: "Verluste unter der Zivilbevölkerung wirken sich aber auch auf die Glaubwürdigkeit von ISAF (die internationale Kriegstruppe in Afghanistan) aus. Ein anderer Autor diffamiert die kritische deutsche Öffentlichkeit als "Stammtisch", schwafelt dann vom "Stabilisierungseinsatz", um den Krieg schließlich in eine "Krisenbewältigungsmission" umzudeuten. Schließlich wird der Gesprächs-Kreis "Mars & Merkur" hochgelobt, ein Kommunikationsnetz zwischen Bundeswehr und Wirtschaft, in dessen Mitte die klandestine Spinne des "Celler Trialog" sitzt: Eine Veranstaltung von Commerzbank und Bundeswehr, die ausdrücklich unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Und genau so ist auch das Buch gemeint: Der Öffentlichkeit soll der Krieg so erklärt werden, dass sie von der Wahrheit ausgeschlossen wird.


Am 15. September 2012 um 17.00 Uhr in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platzwird einer der Herausgeber von "Den Krieg erklären", Dr. Jürgen Schulz, Professor an der UdK, ein Podium mit dem Herausgeber der RATIONALGALERIE, Uli Gellermann, bestreiten.


Moderiert wird das Podium unter dem Titel "Winning Hearts and Minds - Zur Schaffung von Mediennarrativen"
von Thomas Leif.

Schon am Vortag, 14. 9. 2012, um 18.00 Uhr beginnt die Veranstaltung "Die Chimäre der Information - Wie werden wir informiert?" in der AdK. Mit Jutta Brückner, Byung-Chul Han und Jana Seehusen.


Am Samstag setzt sich die Veranstaltung fort: Ab 13.00 Uhr sprechen in der AdK Georg Seeßlen über„Blödmaschinen - Zur Fabrikation der Stupidität“, Philip Grassmann über "Wird der Journalismus bald überflüssig?" und Mercedes Bunz über "Filter-Bubbles und der automatisierte Journalismus der Netze".


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 10. September 2012 schrieb Wolfgang Blaschka:

Nur zu, lieber Uli, erklär dem Kommunikations-Kommandeur mal den Krieg! Vielleicht versteht er ihn dann besser nach Deiner geharnischten Kriegserklärung. Mir wurde der Krieg in meiner Jugend als "der Vater al­ler Dinge" angepriesen, als Motor des Fortschritts und überhaupt Quelle alles Neuen. Ich werde den Ver­dacht nicht los, dass es sich umgekehrt verhält: Der Krieg ist nicht der Vater aller Dinge. Der Krieg war das Ding meines Vaters.


Am 08. September 2012 schrieb Rita Langefeld:

Auch wenn die Rezension zu "Den Krieg erklären" ziemlich bedrohlich klingt: Ich glaube, dass es eher Gruppen wie OTPOR sich, die, als "Revolutionäre" getarnt, den nicht selten gerechten Zorn der Bevölkerung ausnutzend, die Vorwände für "Missionen" aller Art, also das militärische Eingreifen von außen liefern.


Am 08. September 2012 schrieb Harald Werner:

Es ist schwer zu glauben, dass sich eine Gruppe von Wissenschaftlern auf die Verklärung des Krieges einlässt. Haben die denn nichts besseres zu tun?

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