Das letzte Buch von Günter Grass

Aus der Erinnerung nur wächst die Zukunft

Autor: U. Gellermann
Datum: 09. November 2015
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Buchtitel: Vonne Endlichkeit
Buchautor: Günter Grass
Verlag: Steidl

Das war´s: "Vonne Endlichkeit", ist das letzte Buch von Günter Grass. War´s das? Wer kann schon so weit in die Zukunft blicken und Geschichtsmächtigkeit erkennen? Jene Summe von Zitaten und Rezitaten, die Erinnerungen künftiger Rezensionen, die Bilanz germanistischer Diplomarbeiten: "Die Auswirkungen sozialdemokratischer Politik auf die Poetik des Günter Grass", oder "Der Pferdekopf als Aalköder – das Märchen von der Gänsemagd als Material für die Blechtrommel". Endlich, denken sie, sie hätten ihn beerdigt, den Querschreiber, auf USB-Sticks abgeheftet, und sie könnten sich den Nachrichten zuwenden, in denen doch nur ein weiteres Stück von Grass über den Krieg aufgeführt wird: "Gedachten wir, vom Bildersturz verschreckt, / des Ersten, während vielerorts / der Dritte anfing, Probe nur / und Übung für den Ernstfall war." So brandet noch einmal der Grass auf, in seinem letzten Buch: "Und hielt den Atem an / haßentbrannt in diesem Sommer."

Hassentbrannt? Ja hat der Alte denn nicht seinen Frieden gefunden, in seinen letzten Tagen? Es wird dieser Sommer gemeint sein, der letzte des Grass´schen Lebens, ein Sommer voller Krieg, auf den die Vernunft und die Liebe zu den Menschen mit dem selben Hass zurückblicken wird wie der Dichter. – Der lag mal zur Probe in seinem Sarg. Machte sich vertraut mit seinem Tod, das Holz roch frisch, zufrieden habe er ausgesehen, meinte seine Frau, bei der Anprobe. So gehen Momentaufnahmen. In langen Spannen misst sich die Unzufriedenheit: "Erst als die immer schon Heimischen / sich fremd genug waren / begannen auch sie / ihr Fremdsein zu ertragen" das notiert uns Grass über die Vertriebenen, beschrieben werden die Millionen Deutsche des letzten großen Krieges, gemeint sind alle, die vor Kriegen geflohen, in fremden Ländern die nützliche Masse der Fremden stellen.

Einmal, auf den gut gebundenen Seiten von dickem, weichen Papier, lädt Grass uns zum Vergleich mit sich selbst ein: Auf der linken Seite ist Herbstlaub mit dem Zeichenstift schraffiert zu sehen, auf der rechten malt er das Laub in seiner Sprache: "Ich beuge mich, lerne lesen. Kein Blatt ohne Inschrift. Auf einem Fächer Kastanienlaub hat Eichendorff ein Gedicht hinterlassen, das ich als Schüler hersagen konnte." Stünde der Dichter mit dem Zeichner im Wettbewerb, um Längen hätte der Dichter den Kampf gewonnen. Wie sollten auch Zeilen über das unheimliche Wort der Kindheit, nach dem Gott alles sieht, in einer Zeichnung gefasst werden können. Grass nimmt das Wort, zerschlägt es, fügt es neu und betet: "Ach, liebe Drohne / mach mich fromm, / daß ich in deinen Himmel komm." So wird das Auge Gottes in die wirklichen Machtverhältnisse bewegt, dorthin, wo aus heiterem Himmel jede Stunde ein US-Gottesurteil die Erde verfinstern kann.

Ganze vier Seiten lang kämpft der Dichter den "Abschied vom Fleisch". Und was das Feuilleton sicher als vegetarische Handreichung überblättert hat, ist ein beißendes Gedicht vom Tod, sich noch einmal ins lebendige Fleisch krallend, noch einmal den Leib der Frauen erinnernd und auch den eigenen; den Abschied nehmen, weil anderes nicht mehr zu nehmen ist. – Die Deutschen sagen bei den langen Abschieden "Lebe wohl", das nimmt sich nach dem Ende des Lebens eher komisch aus. Einmal mehr hilft das englische Farewell: Reise gut, Grass! Reise im Gepäck derer, die erinnern können. Denn aus der Erinnerung nur wächst uns die Zukunft.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 10. November 2015 schrieb Michael Kohle:

Kann Frau Michelbach nur beipflichten. In aller Kürze hat UG etwas zu GG und darüber hinaus Bleibendes geschaffen. Für Manchen wird es wohl auch für ein versöhnliches Erinnern herhalten können. Dass diejenigen, die über "Ilsebill salzte nach" nicht hinausgekommen sind oder jene, die wohl immer noch meinen, sie müssten sich an einem Gedicht wie an einem zu dicken Kloß verschlucken, mit der Gellermannschen Rezession auch nichts anfangen können, davon sollten wir ausgehen. Mögen sie uns wenigstens ihre Kommentare ersparen.


Am 10. November 2015 schrieb Lea Gräber:

Wie soll ich denn den Hinweis auf das "Märchen von der Gänsemagd als Material für die Blechtrommel" verstehen?

Antwort von U. Gellermann:

Es gibt in der "Blechtrommel" einen Stelle, in der Aale mit einem Pferdekopf als Köder gefangen werden. Im genannten Märchen spricht ein abgeschnittener Pferdekopf. Solche gequälten Zusammenhänge gab es, gibt es und wird es in Diplomarbeiten immer geben.


Am 09. November 2015 schrieb Angelika Kettelhack:

Is ja toll, was Hänschen da für Rebell-Ion hält ?


Am 09. November 2015 schrieb Hans Rebell-Ion:

"GRAS(S)" sollte man lieber in der Pfeife rauchen!


Am 09. November 2015 schrieb Andrea Michelbach:

Das ist eine sprachlich und politisch herausragende Rezension. Sie liest sich, als hätte der "Alte" die Hand geführt.


Am 09. November 2015 schrieb Anke Zimmermann:

Aus der Erinnerung nur wächst die Zukunft.

Nissiti - ich habe es versucht, so steht es geschrieben, auf Abie Nathans Grabstein.Er allein hat so viel bewirkt, was können wir gemeinsam erreichen, in Frieden und Respekt?

https://www.youtube.com/watch?v=8gH_HGuupgc

Nicht Bange machen lassen.
Wir schaffen das.

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