Das Buch zu Grass

Ein Plädoyer gegen den Iran-Krieg

Autor: U. Gellermann
Datum: 28. Mai 2012
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Buchtitel: Iran: Der falsche Krieg
Buchautor: Michael Lüders
Verlag: C. H. Beck

Immer noch ist die Hysterie nicht abgeklungen, immer noch erfährt die Grass'sche Mahnung vor einem Krieg gegen den Iran ihren Reflex in den deutschen Medien: Selten ist eine dumme und gewissenlose Öffentlichkeit einer Kriegs-Warnung blinder begegnet als eben jener, die Günter Grass in ein Gedicht gepackt hatte. Mitten in die gefühlige Debatte des Ach-was-sind-wir-doch-für-tapfere-Israel-Freude erscheint das kühle und analytische Buch von Michael Lüders: "Iran - Der falsche Krieg". Das hatten wir doch alles schon mal, in den Kriegen gegen Afghanistan und den Irak, erlaubt sich Lüders anzumerken. Schwere, durch nichts bewiesene Anschuldigungen, dann der Einmarsch, dann die schleichende Niederlage, dann der Zerfall der Staaten.

Die Kampagne zur Vorbereitung eines Krieges gegen den Iran, schreibt der Autor, begann mit dem im November 2011 veröffentlichten Iran-Report der internationalen Atombehörde: "Dieser Report führt an keiner Stelle den Beweis, dass der Iran an einer Atombombe baut." Das lässt "Spiegel Online" nicht ruhen, man hat, steht dort, einen "alarmierenden Bericht" gelesen. Zwar stellt der Enthüllungsjournalist Sexmor Hersh im "New Yorker" fest, dass der Report substanzlos sei, trotzdem werden die Sanktionen gegen den Iran verschärft: Die Geschäftsmöglichkeiten des Iran werden so eingeschränkt, dass der Autor begründet von einer "wirtschaftlichen Kriegserklärung" schreibt. Als der Iran nun darauf antwortet und droht die Seestraße von Hormuz zu sperren, wird er in den Medien zum Schurken: Er provoziere, eskaliere und heize den Streit an.

Dass man Konflikte durch Reden belegt, ist den USA und ihren treuen Verbündeten nicht nur fremd, es wird auch ausdrücklich verboten: Das US-Repräsentantenhaus verbietet mit dem "Iran Threat Reduction Act" jede Verhandlung mit dem Iran. Nur wenig später enthüllt der israelische Journalist Ronen Bergmann, dass der israelische Verteidigungsminister einen Angriff auf den Iran bereits für den Januar 2012 angeordnet hatte und nur in letzter Minute von den USA daran gehindert wurde. Keine Frage: Der Krieg wird vorbereitet, obwohl US-Geheimdienste einschätzen, dass der Iran nicht nach der Atombombe strebt, obwohl der ranghöchste Soldat General Martin Dempsey sagt: "Wir halten den Iran für einen rationalen Akteur. Wir wissen auch … dass der Iran sich entschieden hat, keine Atombombe zu bauen." Doch Realität und Völkerrecht, nach dem ein Angriffskrieg immerhin verboten ist, können die Kriegsredner nicht stoppen. Neben dem israelischen Regierungschef, der sich wöchentlich in düsteren Drohungen gegen den Iran ergeht, findet Lüders solche Äußerungen wie die des britischen Historikers Niall Ferguson in "Newsweek", der vor einem "Appeasement" warnt und Sätze ablässt wie: "Man kommt sich vor wie an einem Vorabend einer kreativen Zerstörung".

Lüders Buch enthält einen klugen Exkurs zur Geschichte des Iran, anmerkend, dass die Iraner bis heute nicht vergessen haben, dass der Westen ihnen die erste Demokratie unter Mossadegh zerschlagen hat. Sein kleiner Ausflug in den israelischen Apartheid-Staat bedingt sich daraus, dass im Nahen Osten alles mit allem zusammenhängt und seine Passage über das Deutsch-Israelische Verhältnis - das er mit "Feigheit vor dem Freund" betitelt - belegt, dass er einer der vielen deutschen Freunde Israels ist, die sich um die Entwicklung des Landes sorgen. Schließlich zitiert er, um die Stumpfheit deutscher Medien zu belegen, noch aus dem Berliner "Tagesspiegel", der, warum auch immer, als intelligent gilt: Dort darf ein stellvertretender Chefredakteur zur Entsendung deutscher Soldaten in den Iran-Israel-Konflikt aufrufen, ohne dass es Abbestellungen hagelt. Auch die aus unerfindlichen Gründen als links geltende "Frankfurter Rundschau" findet einen Platz in Lüders Kuriositäten-Kabinett: Dort befindet irgendein Schlaumeier: "Der Iran droht dem Westen", weil der die Frechheit gehabt hätte, sich im "Falle eines israelischen Angriffs" zu wehren. Philosemitismus gilt in Deutschland als moralische Haltung. Dass er blind & blöd macht, dass er letztlich nicht einmal Israel nützt, wer will das wissen?


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 28. Mai 2012 schrieb Reinhard Blomert:

Ich habe das Buch von Lüders nicht gelesen, aber nach dem, was Sie darüber
schreiben, kann man nur sagen: Es ist dabei auch dem Beck Verlag zu danken
und ihm zu dem Mut zu gratulieren, ein solches Buch herauszubringen! Da
sitzt in München ein Verleger, der sich Sorgen macht nicht nur um seinen
Gewinn, sondern um Krieg und Frieden und um die ökologische Zukunft (denn
dieser Bereich ist ebf. stark vertreten bei Beck).


Am 28. Mai 2012 schrieb Verena Kellermann:

Die Dämonisierung des Iran, in Ihrer Rezension gut beschrieben, ist die Voraussetzung für den Krieg: Wer das absolut Böse bekämpft kann nur gut sein. Danke für Ihre klaren Worte.


Am 28. Mai 2012 schrieb Eva Hörhaus:

Wie kommen Sie denn auf die Idee, dass der Irak-Krieg für die USA verloren gegangen ist?

Antwort von U. Gellermann:

Indem ich mir den Irak anschaue: Ein kaputtes Land, eher auf den Iran orientiert als auf die USA, das kann ja wohl nicht das Ziel eines völkerrechtswidrigen Krieges gewesen sei,

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