Das andere Griechenland

Stürzt die Götter vom Olymp

Autor: U. Gellermann
Datum: 09. Juni 2014
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Buchtitel: Stürzt die Götter vom Olymp
Buchautor: Landolf Scherzer
Verlag: Aufbau

Mit großen, staunenden Kinderaugen wandert Landolf Scherzer durch Länder, Gegenden und gesellschaftliche Verhältnisse. Und weil seine Augen in einem höchst klugen Kopf sitzen, können seine Leser durch Scherzers Augen hindurch jene Wirklichkeit sehen, die, unverstellt durch mediale Gehirnwaschmittel, dem Erkennen der Welt dient. Scherzers jüngstes Buch erzählt von seinen zwei Besuchen in Thessaloniki, beim ersten versucht er sich als Pauschaltourist, verkleidet sich kurzzeitig als deutscher Herrenmensch, der glaubt, er könne sich mit dem Wort all-inclusive ein Land aneignen. Dann, bei der zweiten Reise ist sein Erkundungsposten "das schlechteste Hotel von Thessaloniki". Er lebt mitten zwischen Huren, Flüchtlingen und Ausgestoßenen und kann sich auf ein Netz von Griechen stützen, von denen manche Deutsch können und alle jenes Griechenland kennen, das hungert und ohne Geld existiert, das solidarisch ist und kämpft.

Den Herrenmenschen geben kann Scherzer nicht, auch weil er nicht wenige griechische Verhältnisse in der vergehenden DDR miterlebt hat: Was damals die "Treuhand" war ist heute die "Troika", beides Instrumente des Raubs von sozialen Errungenschaften, von Arbeitsplätzen und Gewissheiten. Vor allem aber, weil er kein Herr ist, weil er nüchtern und gründlich recherchiert, auch und gerade über den "faulen Griechen", jene Schimäre aus deutschen Medien, die der Scherzer-Recherche nicht standhält: Die Griechen arbeiten 44,3 Wochenstunden, die Deutschen nur 41, die Jahresarbeitszeit der Griechen liegt bei 2.120, die der Deutschen nur bei 1.400 Stunden, und während die Deutschen sich 30 Urlaubstage gönnen, begnügen sich die Griechen 23. Und so fort. Zur Recherche gehört auch, dass sich Scherzer vor der Reise mit einem griechisch-deutschen Unternehmer trifft, der ausgerechnet in Suhl, am Ende der bekannten deutschen Welt, einen erfolgreichen Delikatessen-Versand betreibt und der nicht nur köstliches Taramas serviert sondern auch diesen denkwürdigen Satz: "Wissen Sie, dass der reiche Kapitalismus das Wertvollste, das es für den Menschen gibt, niemals finanzieren kann: soziale Sicherheit und ein Leben ohne Zukunftsängste. Die arme DDR konnte das."

Neben den großen sozialen Sorgen der griechischen Mehrheit, einem Leben, in dem nicht selten der letzte in einer großen Familie, der noch Arbeit hat, die anderen drei, vier, fünf miternähren muss, ein Leben mit brutalsten, von der Troika verordneten Lohnkürzungen, neben diesem Elend findet Scherzer auch das Aufbäumen, nicht nur in Demonstrationen und Kundgebungen, auch und gerade in gut organisierter Lebens- und Nothilfe. Zum Beispiel in der "Gesellschaft der kostenlosen Arzthilfe", ein Projekt in dem inzwischen 250 Ärzte und Helfer jährlich 8.000 Patienten kostenlos behandeln, Menschen, die man aus dem staatlichen Gesundheitssystem vertrieben hat. Die Portraits der dort Arbeitenden gelingen Scherzer tief berührend. Und damit das Projekt so lange weiter existieren kann, bis die Griechen sich ihr Land zurückerobert haben, schreibt der Autor auch gleich die Spendenkonto-Nummer auf: Piraeus Bank 5272-059087-744. In einem anderen Beispiel wird von einem Betrieb erzählt, den die Arbeiter erfolgreich übernommen haben, nach dem die privaten Eigentümer mit einigen Millionen Euro aus der Unternehmenskasse verschwunden waren. Alle sind gleich, bekommen das gleiche Geld, haben gleich viel zu sagen. Geht nicht? Geht wohl. Bei der "Arbeitergewerkschaft VIO.ME" in Thessaloniki.

Scherzer lässt in seinem Buch Konstantin Wecker zu Wort kommen, der von seiner Verehrung des großen griechischen Musikers Theodorakis erzählt und davon, wie der unbeugsame Linke, inzwischen 86 Jahre alt, kürzlich bei einer Demonstration von der Polizei mit Reizgas bedacht wird. Auch Asteris Koutoulas, ein in Deutschland lebender griechischer Musikproduzent, Publizist und Filmemacher schreibt in Scherzers Buch und erinnert an die Schande der Europäischen Union, die während der langen, brutalen Militärdiktatur das NATO-Mitglied Griechenland keineswegs isolierte. Auch die USA, die heute so gern Regimes changen, mochten damals die Diktatur nicht unter Druck setzen. Vor allem aber schreibt Scherzer mit liebevoller Zuneigung über jene Griechen, die ihm begegnen, die ihm auf seiner Reise in das griechische Herz weiterhelfen und mit denen er singt, lacht, trauert und feiert. Fast alle, die er trifft, wollen den Sturz jener falschen Götter, die den Markt und die Banken beherrschen, Götter, die eher in Berlin oder Brüssel sitzen als in Athen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 10. Juni 2014 schrieb Sven George:

Offensichtlich mal wieder ein gutes Buch von Landolf Scherzer, der Reporter der Menschlichkeit.


Am 09. Juni 2014 schrieb Rainald Irmscher:

Danke für dieses Plädoyer für mehr Menschlichkeit,

Die verquaste Enge griechisch-orthodoxer Lustfeindlichkeit wird einfach ignoriert und auch deren Auswüchse zu griechischer Rechtsradikalität, die es schließlich auch dort gibt - Dinosaurier, die eigentlich längst ausgestorben sind.

Die Besinnung auf das, was dort erhaltenswert ist, gefällt mir.

Die Götter sitzen wahrlich nicht auf dem Olymp - aber auch nicht in Brüssel oder Berlin, wo deren Lakaien wuseln, ihre Herrschaftssitze sind eher in der City of London oder Manhattan.

Aber warum sollten wir die stürzen? Warum überhaupt davon reden? Warum denen noch mehr Angst machen. Dass die Mächtigen von Angst bestimmt werden, würden wohl die meisten empört von sich weisen, ist aber die Voraussetzung aller Herrschaft über Menschen. Die Steigerung ihrer Angst treibt sie noch mehr in Überwachung, Bespitzelung und Krieg.

Unsere heutige Chance, ist es, denen zu zeigen, wie es besser ginge. Wenn ein Bill Gates oder Warren Buffett große Teile ihres Vermögens für wohltätige Zwecke bereitstellen, ist das zwar auch ein Trick, die Vermögen zu sichern, ist aber auch ein Zeichen ihrer Besinnung auf menschliche Züge in ihnen.

Unsere Chance ist es, die modernen Kommunikationsmittel zu nutzen, damit weiterbringende Alternativen nicht zu lokaler Isolation verdammt werden sondern als mutmachende Zeichen in aller Welt bekannt gemacht werden. Auf eine solche Aktion möchte ich hier hinweisen: Die Vollgeld-Initiative in der Schweiz

http://www.pachizefalos.de/forum/thread.php?board=3&thread=20

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