Dämonen und Wunder

Vom Elend der Flucht und vom Elend der Fremdheit

Autor: Angelika Kettelhack
Datum: 10. Dezember 2015

Als habe der französische Regisseur Jacques Audiard vor vier Jahren die Flüchtlingsströme vorausgesehen, so aktuell wirkt sein Film „Dämonen und Wunder – DHEEPHAN“, der vom Elend der Flucht und vom Elend der Fremdheit am Fluchtort berichtet. Denn die Flüchtlinge treffen in der ihnen zugewiesenen Unterkunft in einer Pariser Vorstadt auf das ohnehin schon aufgeheizte Klima eines Milieus von sozial Ausgegrenzten aus einer früheren Auswanderungswelle, deren Menschen sich selbst immer noch fremd fühlen in Frankreich. Diese Konfrontation verschärft noch den Verlust von Heimat für die Neuankömmlinge. Mit einem wunderbar klar aber brutal erzählten Film wirft der Regisseur ein Leinwandlicht auf Verhältnisse, die jetzt gerade zur Massenerscheinung werden und die die Nachrichten bestimmen.

„DHEEPPAN“, der diesjährige Gewinner der „Goldenen Palme“ in Cannes, kommt jetzt unter dem Titel “Dämonen und Wunder“ in die deutschen Kinos. Nach seinen beiden letzten Filmen „Ein Prophet“ (2009) und „Der Geschmack von Rost und Knochen“ (2012) habe Jacques Audiard wieder einen „bildgewaltigen Thriller“ gedreht, heißt es in der Werbung für seine neuste Arbeit. In Realität handelt es sich bei „Dämonen und Wunder – Dheepan“ aber vielmehr um ein Flüchtlings-Drama, das dokumentarisch untermauert und deshalb besonders aufwühlend ist.

Dheepan ist zugleich der Name des Hauptdarstellers. Gespielt wird er von dem ehemaligen Freiheitskämpfer und heute in Paris lebenden tamilischen Schriftsteller Shobasakthi, der als 16-jähriger von den „Tamil-Tigers“ gezwungen wurde, als Kindersoldat zu kämpfen. Am Anfang von Audiards Film legt Dheepan die Waffen ab. Zusammen mit einer für ihn fremden jungen Frau und mit einem für beide unbekannten neunjährigen Mädchen flieht er aus seiner Heimat Sri Lanka. Die Rettung dieser drei Personen sind die Papiere einer vor sechs Monaten getöteten Familie. Aber in deren Identität müssen die Flüchtlinge sich erst hineinfinden, um Asyl beantragen zu können. Ein ständiges „auf der Hut sein“ und eine andauernde Fremdheit und Beklemmung werden die falsche Familie den ganzen Film hindurch begleiten.

Zuflucht finden die Drei in einem heruntergekommenen und vom Drogenhandel bestimmten fiktiven Pariser Vorort. Sie, Yalina genannt, kann zwar als Krankenpflegerin, bzw. Putzfrau arbeiten, Dheepan bekommt die Stelle eines Hauswarts und Illayaal, die fremde Tochter, kann eine französische Schule besuchen. Doch in ihrem Bemühen um Anpassung wird die „Familie“ ungewollt immer mehr in die blutigen Bandenkriege ihrer Nachbarschaft verwickelt. Ihr Traum von einem friedlichen Zusammenleben wird wahrscheinlich wie Treibsand zerrinnen und so an das Gedicht „Sables Mouvants“ von Jacques Préverts erinnern, auf das sich der Regisseur im Film immer wieder bezieht.

Audiard sagt, er habe vor vier Jahren bei den Vorarbeiten zu DHEEPPAN noch nichts ahnen können von der aussichtslosen Situation, in der aktuell die Flüchtlinge aus aller Welt aufgerieben werden. Aber heute würde er den Film auf keinen Fall noch Mal drehen wollen, nachdem ihn die Wirklichkeit so schrecklich eingeholt habe. Die Wirklichkeitsnähe des Films komme daher, dass er immer nur die potenzielle Sicht der Figuren eingenommen habe: Ihren Blick auf eine Realität, in die sie aber nicht eintauchen könnten, solange ihnen die Sprache ihrer Umgebung fremd bleibe.

Vor vier Jahren wurde Audiard klar, dass er unbedingt „Ungesehenes ans Licht bringen“ musste, „von dem der Rest der Welt noch nie etwas gehört hatte“. Ein befreundeter Autor hatte ihm die BBC-Dokumentation „No Fire Zone“ gezeigt als Zeugnis eines Bürgerkrieges, der von 1983 bis 2009 in Sri Lanka tobte. Obwohl Audiard die Gewaltlastigkeit des BBC-Films unerträglich erschien, wollte er von Anfang ein Thriller-ähnliches Drama – möglichst mit „echten“ Darstellern aus dem tamilischen Krisengebiet – drehen. Glücklicherweise fand er die Theaterschauspielerin Kalieaswari Srinivasan als Darstellerin der vorgetäuschten Ehefrau und die kleine Claudine Vinasithamby als falsche Tochter. Vom Spiel des Dheepan-Darstellers Jesuthasan Antonythasan, rau und zugleich zartfühlend, ist wohl nicht nur der Regisseur, sondern auch der Zuschauer sehr erstaunt und beeindruckt. Audiard nennt seine Hauptfigur – den Schriftsteller Shobasakthi –liebevoll immer nur „Shoba“.

Dem blonden Schauspieler Vincent Rottiers, der den Boss der marodierenden Banden darstellt, hat Audiard den arabischen Namen „Brahim“ gegeben. Das erinnert daran, dass er schon den Boxer in seinem Film „Der Geschmack von Rost und Knochen“, den der blonde Matthias Schoenaerts spielt, „Ali“ genannt hatte. Vielleicht sind diese Vornamen für Audiard Programm. Beide Akteure lässt er ihre Rollen bewusst als lethargische, fast kindliche Typen anlegen, die zwar durchaus hilfsbereit sind aber ihre ganze Wut und Grausamkeit zeigen, wenn sie in einen für sie aussichtslos erscheinenden Kampf geraten.

Auch den Schauplatz der Handlung – die im Verfall befindliche Sozialbau-Siedlung La Coudraie im Pariser Vorort Poissy – hält Audiard als ideal geeignet für seine Geschichte. Ohne die wohlwollende Mitarbeit der tatsächlichen Bewohner dieser ghettoartigen Siedlung, sagt er, hätte er seinen Film wohl nicht realisieren können. Denn dort kann Dheepan als Hausmeister zwischen den endlos langen Reihen der Häuserblocks diesseits und jenseits eines Mittelstreifens, eine von ihm als notwendig erachtete Linie zwischen zwei Welten mit weißer Spielfeld-Kreide markieren. Der Streifen erinnert an die "No-Fire-Zone", die er in seiner Zeit als Kindersoldat in Sri Lanka kennen gelernt hatte. Jene Zone, in der nicht geschossen werden sollte. Doch das hat damals nicht funktioniert, denn auch hinter der weißen Linie wurde die Bevölkerung bombardiert. Und erstrecht heute wird die weiße Linie im Film von den rivalisierenden Banden nicht respektiert.

Audiards Darstellung der Erfahrung von einer von allen Seiten verhinderten Integration der Immigranten ist polemisch aber keineswegs didaktisch. Und vor allen Dingen: Dieser Film spielt zwar in Frankreich, aber das Flüchtlings-Dilemma ist weiß Gott nicht nur eine französische Katastrophe. Doch in Audiards Film gibt es noch die Botschaft einer möglichen Menschlichkeit. Und er zeigt auch, dass sich Liebe unter fast untragbaren Zuständen dennoch entwickeln kann. Das berührt außerordentlich.

Der Film ist ab heute in den KInos.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 11. Dezember 2015 schrieb Reyes Carrillo:

Eine ganz besondere Rezension ist das! Weil sie den ganz, ganz seltenen Spagat schafft: Über Distanziertheit Nähe zum (politischen) Thema zu erzeugen. Hier zieht sich eine emotionale Sachlichkeit (!) wie ein rot-weißes Band durch Inhalt, Daten und Metadaten des Films, dass es eine - zweite - Freude ist! Zweimal lesen lohnt sich. Das Wissen, dass die Autorin selbst (Doku-)Regisseurin ist, hilft hier möglicherweise ein wenig, diese ungewöhnliche distanzierte Nähe zu dekodieren. Manches liest sich, als schriebe zum Beispiel Ken Loach über einen von ihm bewunderten Film: In distanzierter Hingabe an eine, an diese emotionale Sachlichkeit, die er und vielleicht auch die Autorin als ihre eigene Verbeugung vor ihrem Gewerbe und seinen politischen Möglichkeiten verstehen. Es ist dies, wie gesagt, letztlich eine politische Filmrezension, aber wunderbar frei jedes politischen Duktus. Ein Blick, in dem - als Beispiel - eine Liebesgeschichte, die andere Kritiker als einen zweiten Strang herausgesehen haben wollen, keine Rolle spielt. Natürlich! Diese Rezension kürt die Askese zum Stilmittel. Und das ist spannend.


Am 10. Dezember 2015 schrieb Lutz Jahoda:

Lieber Rebell Ion,
lieber Hans!
"Ohne Schnee keine Lawine!"
Welch eine Metapher!

Liebe Angelika Kettelhack,
vielen Dank für die Filmbesprechung.


Am 10. Dezember 2015 schrieb Georg Friedberg:

Liest sich ja gut, gehe ich rein.


Am 10. Dezember 2015 schrieb Hans Rebell-Ion:

Die FLÜCHTLINGE sind eine "LAWINE"!
Die USA sind der "SCHNEE"!
Ohne SCHNEE keine LAWINE!

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