Bürgerkrieg im Bund

Ein bayerischer Alp

Autor: Wolfgang Blaschka
Datum: 04. September 2012

Dieser Text wurde im Almanach BLASCHKAS NOTIZEN GEFUNDEN

Kürzlich hatte ich einen Alptraum: Die politischen Verhältnisse wurden unerträglich, die wirtschaftlichen waren längst untragbar, kulturell war ohnehin alles unsäglich geworden. Nicht einmal rauchen durfte man mehr im Biergarten, weil in Berlin eine Technokraten-Clique herrschte, die das strenge bayerische Raucherschutzgesetz noch übertrumpfen wollte. Nicht einmal Weihrauch sollte mehr wabern dürfen in den Kirchen, um die vorzeitige Vergilbung der Deckengemälde zu vermeiden. Schließlich war der Staat für den Denkmalschutz zuständig. Das hätte mich persönlich als Atheisten zwar kalt lassen können, aber als das allgemeine Kerzenverbot auch für Privatwohnungen, das Grillverbot für Balkone und die Laternenuntersagung selbst für Terrassen und Vorgärten kam, wurde ich doch nachdenklich. Irgendwo mussten Vermieterschutz, Nachbarschaftspflege, Verrußungs-Prophylaxe, Gesundheitsvorsorge und Brandschutz auch ihre Grenzen haben.

Als der Schweinebraten dran war, begann ich mit den Aufständischen zu sympathisieren. Die trafen sich an provokant offenen Lagerfeuern hinter Vereinsheimen, an Flussufern und in Schrebergärten, rotteten sich zusammen in Schützenvereinen und Freiwilligen Feuerwehren, im Trachtenverein, bei der Katholischen Landjugend und beim Notverband zur Rettung des Cholesterins. Mit all denen hatte ich nichts zu tun, ich war da nicht dabei, gehörte nie dazu. Doch die offenkundige Unterdrückung bayerischen Brauchtums, zumindest einzelner Bräuche, derer auch ich zuweilen pflegte, brachte mich Laizisten in Versuchung, doch Partei zu ergreifen für die Bajuwaren-Fundis gegen die Bundis. Der Konflikt spitzte sich rasend schnell zu. Ein Bio-Diktat nach dem anderen verteuerte und verunmöglichte das karge Restleben, doch die "Trittin-Rente" ernährte längst nicht mehr die Dosen- und PfandflaschensammlerIn. Und das Regime hatte noch größeres vor, denn je ehrgeiziger die Klimaziele und strenger die Grenzwerte, desto höher die Absatzchancen für neue Produkte. Die alten sollten am besten gar nicht mehr erlaubt sein.

Als die Polizei eine Fronleichnamsprozession nicht mehr als Fahnenabordnung begleitete, sondern wegen unerlaubter Luftverpestung, zu lauter Gebetsbeschallung und Verkehrsbehinderung auflösen wollte, regte sich in mir der ursprünglich gelernte und später entschieden abgelegte Katholik. Das Gerangel endete mit der Beschlagnahme der Monstranz und anderer Kultgegenstände (darunter ein "Himmel" an vier vergoldeten Tragstangen), setzte sich in einer Straßenschlacht mit Knüppeln und Kerzenleuchtern fort, griff über auf die benachbarten Wirtshäuser, und schon war der Volksaufstand ausgebrochen. Zwar konnte die bayerische Bereitschaftspolizei die Oberhand gewinnen, aber nur kurz, beinahe widerwillig. Einzelne Polizisten desertierten. In den Kneipen wurden Kerzen angezündet, um Bittandachten als Solidaritätsbesäufnisse durchzuführen, es wurde wieder ungeniert geraucht, und die Schweinsbraten-Bestellungen schnellten hoch. Die Wirte wählten zwischen Konzessionsentzug und Umsatzsteigerung die kurzfristig lukrativere Variante.

Bald gab es bayerisch befreite Gebiete, in denen sich Jeansträger nicht mehr blicken lassen durften. Und wer die falsche Grußformel maulte, galt als suspekt. Das ging schon wieder zu weit, dachte ich im Traum, aber es war ein Albtraum, den man in Bayern fortan wieder als "Alptraum" schrieb. Irgendwann drohte Berlin mit dem Einsatz der Bundeswehr, nachdem die bayerische Staatsregierung sich aus populistischer Rücksichtnahme geweigert hatte, die Gebirgsschützen zu entwaffnen. Sie hätte das politisch nicht überlebt. Zwar hatte sie all die Jahre gegen den Länderfinanzausgleich gestänkert, aber nun ging's ans Eingemachte.

Denn inzwischen trugen alle Lederhosenträger in den dafür vorgesehenen Taschen wieder ihren Hirschfänger und nicht den USB-Stick für den Laptop oder ihr Handy oder eine Taschenuhr. Das Volk begann sich zu bewaffnen. Zunächst mit Bierkrügen, später sogar mit Information. Zu unangemeldeten Versammlungen unter freiem Himmel marschierte Bundespolizei auf und versuchte die Menge zu zerstreuen. Doch je mehr Pfefferspray und Reizgas eingesetzt wurde, desto renitenter wurde die Meute. Darunter hatten sich im Laufe der Zeit immer mehr rauflustige Niederbayern, knorrige Oberpfälzer und ohnehin mit der Gesamtsituation unzufriedene Franken gemischt. Auch vereinzelte Schwaben aus Kreuzberg rückten an zur Verstärkung. Ein regelrechter Revolutionstourismus kam in Gang. In dieser Situation fiel dem Regime in Berlin nichts besseres ein als Reisewarnungen für den Freistaat Bayern herauszugeben.

Eine Uralt-Kanzlerin vergab mit ruhiger, aber eiserner Hand die letzten Steuermilliarden an die Banken, Versicherungen und Holdings, die irgendwelche Schrottpapiere oder unsichere Staatsanleihen gekauft hatten, was die Sympathien für die Spardiktatoren im restlichen Bundesgebiet gen Null sinken ließ. Umso wohlwollender wurde selbst in der Bildpresse von den "aufständischen Bergdeutschen" berichtet, zumal der Vatikan die Entsendung eines leicht bewaffneten Kontingents der Schweizer Garde in Aussicht gestellt hatte für den Fall, dass das Kirchenasyl für Bundesverfolgte nicht umfassend respektiert würde. Selbst bayerisches Landesrecht wurde kaum mehr beachtet, sondern regional eigenwillig ausgelegt. Holländische Wohnwagengespanne wurden an Autobahn-Raststätten gestoppt unter dem Vorwand, die heimische Hotellerie fördern zu müssen. Eine Notverordnung zur Rettung des bayerischen Reinheitsgebotes untersagte den Import von Becks und Bitburger.

Damit wollte die bayerische Staatsregierung die Volksstimmung besänftigen. Doch half alles nichts. Auch das mediale Bombardement mit gesamtdeutschen Soaps brachte wenig. Nicht einmal der äußerste rechte Rand konnte von der aufgeladenen Atmosphäre profitieren. Wo immer sich Nazis an der allgemeinen Aufwallung ein Süppchen kochen wollten, wurden sie als "deutschnationales G'sindl" oder verkürzt gesprochen als Preußenpack verjagt. Allmählich wurde es auch für mich eng, da ich ja nur ein Bayer in erster Generation war, kein Alteingesessener. Noch gab es keinen offiziellen Bajuwarenpass, noch konnte man auf Ämtern und Behörden auch Hochdeutsch sprechen, doch war es nur eine Frage der Zeit, wann du zum Führerschein, Fahrzeugschein, Warndreieck und Verbandskasten auch ein Jodeldiplom vorweisen müsstest.

Ich war hin- und hergerissen zwischen Sympathie für den Aufstand und heimlicher Hoffnung auf dessen Niederschlagung. Als Hubschrauber über den Häuserschluchten knatterten, hatten wir offenkundig syrische Verhältnisse. Oder Libysche. Oder auch jugoslawische, kosovarische, also eigentlich international übliche. Der Bund schickte zuverlässige Infanterie aus dem Norden und versetzte Gebirgsjägereinheiten an die Ostsee, bevor sie nach Afghanistan abgeschoben werden sollten. Gesetze zur Aufstandsbekämpfung traten in Kraft: Biergarten-Schluss bereits vor Anbruch der Dunkelheit, Schnupftabak war nicht mehr erhältlich. Dirndl wurden konfisziert, ihre Trägerinnen in Hosenanzüge gezwungen. Wer auf der Straße rauchte, wurde inhaftiert. Ein "aufsässig's G'schau" genügte für eine Anzeige, und wer beim Fußball "Bayern vor, noch ein Tor!" brüllte, verschwand in den Kerkern der Bundesschwadronen. Trotzdem fand ich die Häuserkämpfe und Wirtshausschlachten nicht wirklich zivilisationsfördernd. Mich offen auf eine der beiden Seiten zu schlagen oder gar aktiv zu werden im Bürgerkrieg blieb mir zuwider. Freilich konnte ich mich den Auswirkungen nicht entziehen. Bald wurden die Brezen knapp, wurde doch deren Teig für die Semmelknödelkanonen gebraucht, mit denen sich die Schützenvereine illegal eindeckten für die letzte Schlacht im bewaffneten Aufstand. Selbst halbe Sauen führte man ins Gefecht, und alsbald herrschte Schweinebraten-Knappheit.

Mit den Schweinehälften sollte die anrückende Bundessoldateska beleidigt und erschreckt werden, was die muslimischen Bevölkerungsteile in helle Empörung versetzte. Immerhin fand sich seitens der Juden ein Rabbiner, der das zumindest nicht offensiv verurteilte, solange das Fleisch nicht verzehrt würde, sondern nur der Abschreckung und als Kugelfang diente. Seltsame Allianzen ergaben sich: Bündnisse zwischen Heimatvereinen und assimilierungssüchtigen "Zuag'roasten", norddeutschen Schafkopfrunden mit Chiemgauer Golfclubs. Alle bisherigen Gewissheiten und Gepflogenheiten gerieten aus den Fugen. Marienanbeter wurden zu trotzigen Blaukraut-Schützen, Motorradgangs mutierten zu Rosenkränzlern, alle vereint in der Hoffnung und Wut, dem Berliner Regime und dessen rigiden Spaßbremsen zu trotzen. Die Gefahr einer schleichenden Rechristianisierung wurde unübersehbar. Katholizistische Hassprediger hatten immensen Zulauf, das Weihrauchfass-Schwingen nahm bedrohlich zu. Über den Bayerischen Rundfunk drang die Kunde in die weite Welt, dass ein kleines, tapferes Völkchen sich gegen die Zentralregierung auflehnt, aber in blutigen Massakern niedergeschlagen wird.

Da wurden Bilder gezeigt von kotzenden Kindern nach Karusselfahrten, von torkelnden Kampftrinkern, von röchelnden Bierleichen, die hinter einem Volksfest vom Roten Kreuz notdürftig versorgt werden mussten, es gab verwackelte Videos von riesigen Flüchtlingszelten auf dem Oktoberfest, in die sich die massenhaft Verfolgten mit letzter Kaufkraft zu retten wussten. Da wurde berichtet von einem Pfarrer, der damit drohte stante pede zu heiraten, wenn der Papst nicht sofort ein Stoßgebet zum Himmel sendet, das über Berlin ein Strafgewitter evoziert, welchselbiges wiederum das marode Kanzleramt zum Einsturz und die korrupte und ungläubige (oder andersgläubige) Regierungsclique zur sofortigen Umkehr zwinge.

Vollintegrierte Türken spuckten vor Saarländern aus und verbrüderten sich mit "Bergtürken". Kurdische Newrozfeuer waren fortan nur noch am Datum zu unterscheiden von hiesigen Sonnwend- oder Osterfeuern, nicht mehr nach dem Umfang des bereitstehenden Polizeiaufgebots. Das brauchte man anderweitig. Überall kokelte und duftete es nach Gegrilltem wie nach Freiheit. Dieser Flächenbrand wäre nur aus der Luft zu löschen gewesen, unter Inkaufnahme eines großräumigen Infernos, einer menschlichen Katastrophe, vielmehr unmenschlichen Tragödie. Der erste, der eine Flugverbotszone "zum Schutz der Zivilbevölkerung" forderte, war der französische Hollande, ein erprobter Rebellenfreund. Er wollte, konnte, durfte nicht mit ansehen, wie eine Staatsführung ihre eigene Bevölkerung hinmetzelt. Dann schon lieber die Seine eine andere.

Ich fand das bedrückend, beängstigend und bedrohlich, und doch wieder nicht unverständlich, wie das eben in Träumen so ist. Alles wird durcheinandergewirbelt, neu sortiert und unter neuen Gesichtspunkten eingeordnet. Sofern von Ordnung noch die Rede war. Die vom Konkurs bedrohte OSRAM durfte weiterhin ihre Glühbirnen-Restbestände in den Freistaat liefern, für den Volksfestbedarf, angeblich stoßfeste für die Autoscooter. Im bayerischen Bürgerkrieg war so ziemlich alles möglich und erlaubt, was zuvor verboten war. Als ruchbar wurde, dass die auch in Schrebergartenkolonien anderer Bundesländer so beliebte weißblau-gerautete Beflaggung heruntergeschossen wurde, drohte der Aufstand auf den Rest des Bundesgebietes überzugreifen. Die Regierung des Freistaates Sachsen schickte Solidaritätstelegramme wie seinerzeit Lenin, nur anderen Inhalts.

Spätestens jetzt musste der NATO-Rat Sanktionen gegen Deutschland beschließen und über ein militärisches Eingreifen nachdenken, wenn schon die UNO untätig blieb, weil die Chinesen sich die Geschäftsbeziehungen mit den in München ansässigen Firmen Siemens und BMW nicht verderben, aber auch mit VW nicht brechen wollten. Die Russen hatten zwar immer noch keinen Flottenstützpunkt am Bodensee (den die Rote Armee der Räterevolutionszeit etwas vollmundig in Aussicht gestellt hatte), spekulierten aber auf einen an der Havel oder am Müggelsee, und hielten daher eisern zur Bundesregierung. So blieb der CIA zunächst nicht viel anderes als via Vatikanbank ihre religiösen Werke zu verrichten und frisch gewaschene Mafia-Gelder nach Bayern einzuschleusen, mit denen nicht nur Sensen, Dreschflegel und Kettensägen gekauft werden konnten.

Über die österreichische Grenze lief der Schmuggel im großen Stil. Bundesgrenzschutz und Zoll waren machtlos, da die meisten Beamten mit ihren Familienangehörigen, Nachbarn und Saufkumpels paktierten und Beschlagnahmungen verweigerten. Großzügige Steuerfluchtmillionen kehrten aus Liechtenstein über gefährliche Alpenpässe ins bayerische Oberland zurück, für "gute Taten" und am Fiskus vorbei, meist reuig gespendet von satourierten CSU-Amigos. Alte Kumpels aus schwerer Zeit, schwere Kumpels aus alten Zeiten. Als immer mehr Ewiggestrige die Lostrennung Südtirols von Italien und den Anschluss an Bayern zu fordern begannen, drohte sich der innerdeutsche Konflikt zu einer internationalen Krise auszuweiten. Auch der italienische Regierungschef Monti jenseits der Berge fing an, die Kanzlerin wieder wertzuschätzen und alte Achsen-Phantasien zwischen Rom und Berlin zu beschwören, um die aufbegehrenden Oberländler nachhaltig niederzuwerfen. Brüssel zeigte sich "brennend besorgt". Wien protestierte entschieden. In Bern war niemand zu erreichen.

Nun stand das Bundesregime unter immensem Zeitdruck (beim Träumen meist ein Indiz für zunehmenden Harndruck). Bevor es zum großen Showdown mit echten Kriegswaffen kommen würde, sollte die Knödelrevolte also bundesintern niederkartätscht werden. Das wollte ich respective mein Unterbewusstsein dann doch nicht erleben, und ich wachte völlig benommen auf, torkelte aufs Klo und war froh, dass draußen nicht geschossen wurde. Allerdings hatte ich das nicht minder dringende Bedürfnis Nachrichten zu hören, ob nicht doch ... Glücklicherweise war nur die Rede von Syrien.

Ich hätte, ehrlich gesagt, nicht wirklich gewusst, von wem ich lieber erschossen worden wäre: Als Bayer vom Bund oder als Deutscher von einer französischen Mirage zur Wiederbelebung der bayerisch-napoleonischen Freundschaft. Oder als Münchner von einer NATO-Rakete, um Deutschland "in die Knie zu zwingen", wie FDP-Außenminister Kinkel das weiland mit "Serbien", sprich Bundesrepublik Jugoslawien erfolgreich durchexerzierte. Aber Bayern als Militär-Protektorat wäre auch keine verlockende Perspektive, mit oder ohne Tirol.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 04. September 2012 schrieb Wolfgang Blaschka:

Zum Leserbrief von Rainer Karkowski:

Es ist weniger "bayerische Folklore" als Parabel auf die syrische Wirklichkeit, die weder "volks-" noch "-tümlich" daherkommt, sondern ziemlich ungemütlich, wenn auch bei Teilen der Bevölkerung populär.


Am 04. September 2012 schrieb Rainer Karkowski:

Blaschka liefert geballte bayerische Folklore. Das ist mir zu volkstümlich.

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