Bonzenkinder

auf der Flucht

Autor: Botho Cude
Datum: 25. Juni 2012
-----
Buchtitel: Ab jetzt ist Ruhe
Buchautor: Marion Brasch
Verlag: S. Fischer

Und dann sagte Honecker den wunderbaren Satz, daß er sich den Sozialismus doch auch anders vorgestellt hätte, und auf diese bemerkenswerte Weise näherten sie sich beide der Schlußfolgerung, daß es wohl besser wäre, für beide Seiten, Thomas (Brasch) würde in den Westen gehen.
Florian Havemann, HAVEMANN

Vergangenheitsbewältigung ist belastend. Man besichtigt die glänzenden Götter von einst und es sind bloß versteinerte Götzen. Die veralteten Rituale, die Aufmärsche und Kampflieder erscheinen dem späten Betrachter lächerlich. Auch die einst hochgeschätzte Kunst des larmoyanten Protestgesangs ist ganz aus der Mode gekommen. Deutschlands Rapper meckern cooler.

Alle paar Jahre fällt mir ein ehrliches Buch in die Hand, liebe LeserInnen aus dem Beitrittsgebiet, das Erinnerungen weckt an das Große Experiment, schöne und schlimme, an Miterlebtes und Erlittenes. Gern empfehle ich solch ein Buch als Fibel für diejenigen unter unsern LeserInnen, die das Große Experiment nur von Ferne beäugen durften, weil sie ausgesperrt waren in den vergoldeten Westen. Und ich bewerbe es als Aufklärungs-E-Book für die Jugend auf der Fan-Meile der RATIONALGALERIE, die das Große Experiment in Schwarzweiß aus dem History-Kanal kennt.

Seit einiger Zeit werden Familienerinnerungen an Systemkritiker der verflossenen DDR vorzugsweise als Roman deklariert, um den gerichtlichen Verfügungen eines HeldInnenklüngels um den Liedermacker vorzubeugen, der seine verstaubten Lorbeeren partout unzerknickt in die Geschichtsbücher retten will. Neuerdings werden sogar die Berichte vom Leiden der Funktionäre an ihren Kindern anonymisiert. Aus Solidarität werde auch ich unsere Kummer gewohnten LeserInnen mit durchsichtigen Umschreibungen narren.

Im vergangenen Jahr hatte sich Eugen Ruge zu Wort gemeldet mit dem famosen Roman „In Zeiten abnehmenden Lichts“, einer Familiensaga von Emigranten, die aus Mexiko und dem sowjetischen Gulag in die DDR kamen. Nun hat Marion Brasch in einen autobiografischen Roman verpackt die fragmentarische Geschichte ihrer jüdischen Exilantenfamilie vorgelegt, die von der britischen Insel heimkehrte. Diese Rückkehrer galten damals im Osten als die besseren Deutschen, nicht weil sie Juden waren, sondern Antifaschisten! Zugleich waren sie die schlechtern Kommunisten, weil sie die Emigration ohne Gefahr für Leib und Leben im kapitalistischen Ausland überdauert hatten. Der große Bruder besetzte die hohen Posten im neuen Arbeiter- und Bauernstaat anfangs mit Gefolgsleuten, die in der Sowjetunion nach Stalins Auslese mithilfe des NKWD übrig geblieben waren. Man glaubte sich ihres unbedingten Gehorsams sicher, erzeugt durch Dressur und Furcht.

Vater Brasch beginnt seine Karriere 1946 in der SBZ als Berufsfunktionär, im Volksmund auch abfällig Apparatschik oder Bonze genannt. Er ist einer, den die Partei überall einsetzen kann und der normalerweise den Apparat aufzublähen hat, wobei er nach den Regeln von Parkinsons Gesetz handelt. Heute übernehmen diese Jobs Manager, die der Wirtschaftlichkeit frönen, indem sie Konzerne verschlanken und Leute entlassen.

Die vier Kinder der Familie Brasch sind andauernd auf der Flucht. Erst ist es die Flucht vor den Eltern, dann die Flucht vor sich selbst, bei den Söhnen getarnt als Flucht in den Alkohol. Denn die drei Brüder leiden an einem Selbstzerstörungsmechanismus. Das Leben in der DDR bekommt ihnen nicht.
Zwei werden Schriftsteller. Einer der beiden, Thomas Brasch, wird auch berühmt und dekoriert, nachdem er in den Westen wechselt. Der dritte Brasch geht unter die Schauspieler. Die kleine Marion ist der Realo unter den Geschwistern – sie trinkt nicht mehr, als sie verträgt.
Das Nesthäkchen ist nicht nur auf der Flucht vor Vater und Stiefmutter, sondern auch vor ihren Brüdern. Die Marion gibt Gummi, gefühlsecht beschichtet mit dem herben Charme der DDR.

Die familiären Grabenkämpfe und das Beziehungsgestrüpp machen Abschnitt 1 – 6 des Buchs leicht verständlich auch für diejenigen LeserInnen, die im besserverdienenden Teil Deutschlands aufgewachsen sind. Die Generation Ost, die heute um die Fünfzig ist, wird sich mehr erwärmen für die Abschnitte 7 – 12. In dem präzisen Bericht von den Hürden des Alltags und den Mühen des Erwachsen- und Selbständigwerdens mögen sich manche LeserInnen selbst erkennen, was die einstigen Sorgen und Wünsche, Reinfälle und Höhepunkte betrifft.

Ein leidiges Thema, sehr instruktiv vorgetragen, sind die Privilegien. Die Kinder der Führungsriege wurden nicht nur besser versorgt, sondern auch besser behandelt. Ein Beispiel soll genügen.
Wenn die sozialistische Justiz Bonzenkindern wegen politischer Vergehen drei Jahre Knast aufbrummte, wurden sie nach drei Monaten entlassen. Man zeigte ihnen nur die Instrumente, wie weiland Genossen Galilei. Sie kämpften sozusagen im privilegierten Widerstand. Deshalb ist ihnen der persönliche Mut nicht abzusprechen, denn ein wenig von den Säuberungsmethoden im Vaterland der Arbeiter wird die Elterngeneration doch wohl angedeutet haben.
Viel härter von der Staatsmacht behandelt wurden die namenlosen Kritiker. Sie saßen ihre Haftstrafe großteils ab, bevor man sie in den Westen verkaufte.
Renitente Funktionärskinder mögen manche Karriere gebremst haben. Vielleicht ist so der eine oder andere Parteisoldat vor einem Mauergerichtsprozess bewahrt worden, weil er wegen der Missetaten seines Sohns nicht ins Politbüro aufsteigen konnte.

Ein Hauptproblem der DDR schimmert in Marions Erlebnisbericht an allen Ecken und Enden durch. Jene, für die der Staat gedacht war, die Arbeiter nämlich, mochten ihn mehrheitlich nicht. Der kämpferische Falsettgesang des Liedermackers war ihnen schnuppe, sie hörten lieber Schlager. Und sie wussten instinktiv: Auf Malle am Ballermann ist’s viel schöner als am Balaton mit Bier, Mann.
Ein weiteres Kümmernis der Obrigkeit war der allgegenwärtige Mangel. Wegen des fehlenden Konsumangebots wurde im Osten andauernd genörgelt. Wenn man zum Frühstück in der Kantine in der Schlage stand, konnte es gut sein, dass man gefragt wurde: Heute schon gemeckert? DDR – das war Der Dumme Rest.
Kritik und Besserwisserei gelten immer noch als die einzigen Psychopharmaka gegen Politikverdrossenheit. Aber die Pharmaindustrie arbeitet mit Hochdruck an schwarz-gelben und rot-grünen Pillen.

Was soll’s? Das Große Experiment ist längst Geschichte.
Realisierte Utopien sind per se zum Scheitern verdammt. Das hat vor über 100 Jahren der britische Philosoph George Edward Moore erkannt, der in den „Principia Ethica“ über Utopien schreibt: „die sogenannten Güter, die sie berücksichtigen, sind überwiegend Dinge, die bestenfalls bloße Mittel zum Guten sind – Dinge wie etwa Freiheit, ohne die möglicherweise nichts sehr Gutes in dieser Welt existieren kann, die aber an sich ohne Wert sind und von denen nicht einmal sicher ist, dass sie irgend etwas Wertvolles hervorbringen.“ [111 (2)]

Ach ja, und wie liest sich der Roman nun so? Er geht runter wie Öl. Die erzählerische Begabung liegt in der Familie.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 26. Juni 2012 schrieb Heinrich Bergmann:

Einspruch, Herr Gellermann. Reduziert man die vermeintlich todesmutige DDR-Opposition um Kirchenvertreter mit Rundum-Airbag, blitzen im Bodensatz erstaunlich viele Bonzenkinder und vormals Systemintegrierte auf. Widerstand neben beiden Sondergruppen - fremdbezahlte echte Brandstifter und Saboteure mal ausgeklammert - scheint es nur marginal gegeben zu haben. Vielleicht waren Terror und Hunger doch nicht gar so groß.

Mir sind all diese Mutigen ziemlich zuwider, seit ich seit den frühen 80ern mehrfach solche Bonzenkinder in natura erlebte. Borniert, blasiert und immer etwas besser. Sie durften ein wenig mehr, hatten ein wenig mehr und nahmen sich unvergleichlich wichtig. Folgerichtig wurde der klassische, oft scharfe Eltern-Kinder-Konflikt (redliche Bonzen haben häufig ganz ohne Spitzengehalt hart auf den Herzinfarkt weit vor der Rente hingearbeitet, hatten scheinbar auch zu wenig Zeit für die eigene Brut) retrospektiv dann meist zur antistalinistischen Heldentat. Und wenn einer, wofür auch immer, begabt war - besonders dramatisch.

Eugen Ruges "famosen Roman" habe ich sorgfältig gelesen. Er lebt aus meiner Sicht von guter Kenntnis der russischen Sprache und Mentalität, einer ausgeprägt denunziatorischen Grundhaltung gegenüber der eigenen Sippe und dem Bemühen um Markterfolg um jeden Preis. Die Ruges - es gibt seriöse Vertreter selbst im alten Westen, irgendwie waren sie ganz früher scheinbar alle links - müssen ein großer Familienverband gewesen sein. Ich las das Urteil eines bekannten Autoren-Anverwandten Ost über den gefeierten "Literaten" - sehr alt, redliche Biografie: knapp und sehr ätzend.

Das Buch von Marion Brasch wurde auch in meiner Tageszeitung rezensiert - umfassend, verkaufsfördernd und mit einem geradezu dankbaren Unterton. Liefern doch all diese später folgerichtig meist preisgekrönten Werke, literarisch wertvoll oder nicht, doch genau das, was der Zeitgeist gern bestellt hat: Bestätigungen der eigenen Überzeugungen.
In sofern kann man redliche Ausgesperrte West eigentlich nur davor warnen.

Was es nicht gibt, wohl auch kaum npoch geben wird, sind qualitativ gute Romane jenseits der Rechtfertigungsliteratur, die ein Gegengewicht schaffen zu all den politisch aufgepumpten Leidensstorys mental zu kurz gekommener Töchter und Enkel oder geschäftstüchtigen Chancenergreifer. Dass sich viele besser Gebildete im Anschlussgebiet Schultern zuckend abwenden, kann ich bezeugen: "Geschichte wird nun mal von den Siegern geschrieben."


Am 25. Juni 2012 schrieb Lea Bergengrün:

Horst Brasch, den Vater von Marion Brasch deren Buch Sie rezensieren, abfällig als "Bonzen" zu bezeichnen ist eine ziemliche Schweinerei. Barsch war als rassisch und politisch Verfolgter einen der deutschen Ausnahmeerscheinungen: Er wandte sich offensiv gegen Hitler. Auch während seine "Karriere" in der SED eckte er nicht selten an.

Ihre Rezension ist politisch, mit der Literatur von Frau Brasch möchten oder können Sie sich augenscheinlich nicht auseinandersetzen.

Kürzlich...

15. Januar 2018

Privat geht vor Staat

Selbstmord der Linkspartei
Artikel lesen

26. Dezember 2017

Yanis Varoufakis: „Die ganze Geschichte"

Ein Blick in den tiefen Staat der Europäischen Union
Artikel lesen

18. Dezember 2017

LINKE gegen LINKE

Zoff um den Zensur-Senator
Artikel lesen

08. Dezember 2017

Rechts-Staat rettet Bürger

Linker Senator muss Babylon freigeben Zensur-Anwalt Klaus Lederer verliert mal wieder
Artikel lesen

01. Dezember 2017

Der Berliner Zensur-Senator

Klaus Lederer bastelt eine Rechtfertigung
Artikel lesen

PDF dieses Artikels

Diesen Artikel herunterladen

Wenn Sie möchten, können Sie sich diesen Artikel auch als PDF-Datei herunterladen:
PDF-Datei laden

Artikel kommentieren

Brillant? Schwachsinn? Mehr davon?

Sagen Sie uns Ihre Meinung! Wir überprüfen Leserbriefe, bevor wir sie online stellen – nicht um sie zu zensieren, sondern um unsere Leser vor SPAM und Werbung zu bewahren. Über Kritik freuen wir uns!
Kommentar verfassen