Blick auf Charles Dickens

Durch die Augen seiner Kinder

Autor: Botho Cude
Datum: 23. Dezember 2011
-----
Buchtitel: Unser Vater Charles Dickens
Buchautor: Mary und Charlie Dickens
Verlag: Aufbau

Die gegenwärtige glänzende Schule der Romanschriftsteller in England, deren fein gezeichnete und beredte Schilderungen der Welt mehr politische und soziale Wahrheiten enthüllt haben als alle professionellen Politiker, Publizisten und Moralisten zusammengenommen, hat jede Abteilung der Mittelklasse beschrieben, vom „hochanständigen“ Leibrentner und Staatspapier-Inhaber, der auf alle Arten von Geschäft als vulgär herabsieht, bis zum kleinen Ladeninhaber und Advokatengehilfen. Und wie haben Dickens, Thackery, Charlotte Brontë und Frau Gaskell sie gezeichnet! Voll von Eigendünkel, Ziererei, kleinlicher Tyrannei und Ignoranz, und die zivilisierte Welt hat ihr Verdikt bestätigt mit dem verdammenden Epigramm, das sie dieser Klasse anheftete, „dass sie servil sei nach oben und tyrannisch nach unten“.
Karl Marx, Die englische Mittelklasse

Der Leidensdruck auf uns alle, liebe LeserInnen, nimmt gerade wieder mächtig zu, denn Weihnachten stellt seinen Stiefel in die Tür. In der Glotze läuft „Kevin allein in Schloss Bellevue“ und zuhause häufen sich die Pakete. Wenn man mit dem Auto auf eine Currywurst zum Weihnachtsmarkt flüchtet und das Radio anstellt, um sich gegen den Weihnachtsstau zu wappnen, tönen einem Weihnachtsgeschichten entgegen, ebenso rührselig wie unwahrscheinlich, und meistenteils von Charles Dickens geschrieben.

Dieser große Meister der Sentimentalität, des Humors und der Gesellschaftskritik schrieb nicht nur reichlich Romane und ungezählte Erzählungen, er setzte auch zehn Kinder in die Welt. Aus den überlieferten Erinnerungen der Nachkommen hat Alexander Pechmann ein kleines, aber feines Dickensbrevier komponiert, das uns den berühmten Romancier überwiegend von der Schokoladenseite zeigt, als Prachtvater, eifrigen Regisseur eines Liebhabertheaters und Hobbyschauspieler, begnadeten Vortragskünstler, cleveren Vermarkter seiner Werke und literarischen Star. Im Rückblick wird ein Zeitalter wieder lebendig, in dem die Eisenbahn, das Dampfschiff und der Entdeckungsreisende die Welt für den Kommerz eroberten.

Charles Dickens, ein typischer Selfmademan, der sich aus den Niederungen der Gesellschaft hochgearbeitet hatte, pflegte mit der Familie den Lebensstil der gehobenen britischen Mittelklasse. Das verdammte ihn dazu, ständig zu produzieren. Dieser ökonomische Aspekt wird in den Aufzeichnungen seiner Kinder weitgehend ausgeblendet.
Dafür berichten sie von Leistungsbereitschaft und Geschäftssinn, Beredsamkeit und Beobachtungsgabe des Vaters und überliefern Anekdoten, die seinen Humor und seine Tierliebe in den höchsten Tönen loben.

Nebenbei gewinnen wir auch manche Einblicke in die Arbeitsmethoden eines Bestsellerautors. Denn die Dickensschen Fortsetzungsromane, für die er eine eigene Zeitung gründete, wurden von den Konsumenten mit einer Begeisterung verschlungen, von der heutige Soap-Opera-Produzenten nicht zu träumen wagen. Das dürfte mit dem Niveauunterschied zu tun haben. Seine effektvoll inszenierten Lesungen waren rappelvoll und Vortragsreisen führten bis in die USA.

Bemerkenswerterweise steigert sich die Gesellschaftskritik in Dickens’ Romanen mit zunehmendem Lebensalter des Autors. Dabei greift er nicht nur auf seine traurigen Kindheitserlebnisse zurück, die in den Romanen „Oliver Twist“ und „David Copperfield“ verarbeitet sind, sondern er betreibt auch regelmäßig Feldstudien in den Armenvierteln von London. In seinen Lesungen allerdings verschont er die Zuhörer mit Schilderungen sozialen Elends.

Fünf Jahre vor seinem Tod ist Dickens in einen der ersten Massenverkehrsunfälle verwickelt, das Zugunglück von Staplehurst 1865. Dickens überlebt in dem einzigen Waggon, der nicht in den Fluss stürzt. Er leistet erste Hilfe, labt die Sterbenden mit Brandy und kehrt tatsächlich noch einmal in den über dem Abgrund hängenden Waggon zurück, um ein Manuskript an sich zu nehmen, dass er im ersten Schrecken hatte liegen lassen. Traumatisiert wird er nie wieder eine Kutsche ohne Angst besteigen.

Die Schattenseiten der Dickensschen Vita haben seine Kinder naturgemäß ausgeblendet, sie werden aber vom Herausgeber im Nachwort nicht verschwiegen. Missratenen Nachwuchs konnte man in den großen Zeiten des britischen Empire in die Kolonien schicken, wo er sein Glück machte oder verkam. Der Übervater Dickens verordnet zweien seiner Söhne den Klimawechsel. Der Ehemann Dickens trennt sich von der Mutter seinen zehn Kinder und wendet seine Neigung einer achtzehnjährigen Schauspielerin zu. Eine seiner Töchter wird berichten, wie der Vater friedlich in ihren Armen entschlief, aber ein Hausmeister überliefert, dass er den leblosen Körper des vom Schlag getroffenen Dickens aus dem Haus der Geliebten in einer Kutsche heimgebracht hat, um den Skandal zu vertuschen.

Die Engländer lieben und ehren ihre großen Männer. Charles Dickens wurde zur letzten Ruhe gebettet in Westminster Abbey.

Das viktorianische England, das Mutterland des verruchten Manchesterkapitalismus, zugleich höchst skurril und sentimental, ist in den Romanen von Charles Dickens für alle Zeiten aufbewahrt. Vermutlich wird die verflossene DDR für kommende Generationen ähnlich konserviert in den Werken Christa Wolfs, repressiv, ärmlich und etwas langweilig, wie ein Trabantenstaat mit zuviel Geheimpolizei, ohne MilliardärInnen und Hartz-IV-EmpfängerInnen halt ist.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 24. Dezember 2011 schrieb Tanja Bergfelde:

Ein weiterer, durchaus anmerkenswerter Mangel der langweiligen Verblichenen war die Absenz ihrer Söhne auf den Schlachtfeldern dieser Welt.


Am 24. Dezember 2011 schrieb Werner Allemann:

Auf die Idee, eine Dickens-Rezension mit einem Marx-Zitat einzuleiten, kommt auch nur Botho Cude. Prima.


Am 23. Dezember 2011 schrieb Martin Berghaus:

Na, na, das waren ja wohl eher die Augen von Botho Cude. Von den Kindern habe ich nichts erfahren.

Kürzlich...

15. Januar 2018

Privat geht vor Staat

Selbstmord der Linkspartei
Artikel lesen

26. Dezember 2017

Yanis Varoufakis: „Die ganze Geschichte"

Ein Blick in den tiefen Staat der Europäischen Union
Artikel lesen

18. Dezember 2017

LINKE gegen LINKE

Zoff um den Zensur-Senator
Artikel lesen

08. Dezember 2017

Rechts-Staat rettet Bürger

Linker Senator muss Babylon freigeben Zensur-Anwalt Klaus Lederer verliert mal wieder
Artikel lesen

01. Dezember 2017

Der Berliner Zensur-Senator

Klaus Lederer bastelt eine Rechtfertigung
Artikel lesen

PDF dieses Artikels

Diesen Artikel herunterladen

Wenn Sie möchten, können Sie sich diesen Artikel auch als PDF-Datei herunterladen:
PDF-Datei laden

Artikel kommentieren

Brillant? Schwachsinn? Mehr davon?

Sagen Sie uns Ihre Meinung! Wir überprüfen Leserbriefe, bevor wir sie online stellen – nicht um sie zu zensieren, sondern um unsere Leser vor SPAM und Werbung zu bewahren. Über Kritik freuen wir uns!
Kommentar verfassen