Bildmächtig & Sprachlos

Betreff: Melancholia. Der Film.

Autor: U. Gellermann
Datum: 01. Oktober 2011

Sehr geehrter Herr von Trier,

herzlichen Dank für die Fertigstellung des von unserem Unternehmen produzierten Films "Melancholia". Treffender hätten sie unseren Firmennamen - "Bildmächtig und Sprachlos AG" - nicht illustrieren können: Dieser tolle Riesenplanet, der auf die Erde rast, das alte Schloss von einem 18-Loch-Golfplatz umrahmt, Vögel, die tot vom Himmel fallen und das umkippende Pferd in Zeitlupe, alles riesige Bildaufwendungen, die den Meister loben, auch wenn man nicht weiß warum. Aber gerade dieses permanente Warum & Wozu, das sich dem Publikum wie ein brennendes Fragezeichen in die Haut tätowieren wird, macht den tiefen, philosophischen Reiz Ihrer Arbeit aus.

Philosophisch auch einer der Sätze, der aus dem allgemeinen Gebrabbel der Dialoge von "Melancholia" herausragt wie ein Fels in der Brandung: "Die Welt ist schlecht", sagt Justine (Kirsten Dunst) und genau so wird die Welt seit Jahrhunderten annonciert, sie verdient also schon länger einen ordentlichen Untergang. Hoffentlich bekommt sie den dann genauso pompös hin, wie Sie ihn mit Ihrem Film inszeniert haben. Verzeihen Sie bitte, wenn wir an der wagnerianischen Film-Musik eine leise Kritik üben: Es gab in den 50 Jahren doch diesen wunderbaren Schlager "Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang!", den hätten Sie doch prima integrieren können.

Zur Auswahl der Schauspieler müssen wir Ihnen dringend gratulieren: Wie Sie mit leichter Hand einen Star nach dem anderen in den Film streuen, das ist bewundernswert, das wird die Besucherzahlen nach oben schnellen lassen. Aber nicht die Kosten, denn bei Charlotte Gainsbourg, die im Film kaum zwei Gesichtsausdrücke rüberbringt, haben wir deshalb die Gage heftig kürzen können. Auch Ihr Ratschlag, Frau Dunst nicht nach Quadratzentimetern zu bezahlen, hat uns mächtig Geld gespart: Obwohl sie ihre pfundschweren Brüste einmal wie aus einer als Hochzeitskleid getarnten Bonboniere rausquellen lässt, ein andermal bleich und bloß komplett darbietet, kam sie uns vergleichsweise billig.

Manche Kritiker werden Ihr großes Werk als dekadent bezeichnen, nur weil Sie mit den Ängsten der Menschen spielen und ein düsteres Modell der Antikommunikation entwickelt haben. Wir ziehen es vor, von einem gut dekantierten Film zu sprechen, erstmalig geöffnet in der Zeit der japanischen Fassung von Godzilla, jetzt neu aus der selben Flasche gegossen. Mag sein, dass dieser oder jener den Stoff als abgestanden bezeichnet, wir finden, der Film konnte durch das Öffnen so lange atmen, dass man ihn geradezu röcheln hören kann.

Lieber Herr von Trier,

dass der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik Ihre bezaubernde Arbeit "Dogville" - eine wirklich inspirierende Massenschlächterei - als einen seiner Lieblingsfilme angibt, ist, so glücklich vor dem Start von "Melancholia", ein wunderbares Marketingereignis. Nicht eimal Ihr köstlicher Beitrag als Hitlerversteher während Ihrer Presskonferenz in Cannes wird die Kinokasse so klingeln lassen, wie Breiviks exklusiver Filmgeschmack. Trotz aller Zuneigung zu Ihnen werden wird unseren Firmennahmen allerdings nicht in "Verächtlich & Schamlos" ändern, wie Sie es jüngst wünschten: Wir wollen die Selbstanalyse doch nicht übertreiben.

Ihre BILDMÄCHTIG & SPRACHLOS AG

Die Geschäftsführung

Der Film kommt am 6. Oktober in die Kinos.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 02. Oktober 2011 schrieb Evamaria Hendtjes:

Der arme Lars von Trier, so eine vernichtende Kritik. Haben Sie denn gar kein Mitleid?

Antwort von U. Gellermann:

Nein.

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