Berlinale: Vom Leben unter den Toten

Britta Wauers Dokumentarfilm über den jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee

Autor: Hans-Günther Dicks
Datum: 21. Februar 2011

Neben dem Wettbewerb hat die Berlinale noch andere Sektionen. Aus der Auswahl des "Panorama" präsentieren wir zwei Filme.

Raupen und Schnecken, die über Blattwerk und Marmorstein kriechen. Nicht einmal Minuten alt ist Britta Wauers neuer Dokumentarfilm, da hat ihr Kameramann Kaspar Köpke mit wenigen Nahaufnahmen schon die Stimmung geschaffen, die den ganzen Film durchzieht: Heitere, auch mal schmunzelnde Gelassenheit über kaum bemerktes Leben an einem Ort der Toten, getrübt weder von frömmelnder Jenseitshoffnung noch von gruftigen Gruseleffekten. „Im Himmel, unter der Erde“ hat Wauer, das dialektische Komma mit Bedacht gesetzt, ihren Film über den jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee genannt. Heines „hier auf Erden schon das Himmelreich“ kommt einem in den Sinn, und ganz wie er zwingt Wauer zusammen, was vordergründig nicht zusammen gehört: Leben und Tod, Erinnerung und Zukunftsangst, Politisches und Privates, menschliche Zerstörung und unzerstörbare Natur, nüchtern Irdisches und den offenen Blick für Wunder.

Ein Wunder möchte man es nennen, dass der Friedhof fast 130 Jahre „überlebt“ hat, die Pläne für eine Schnellstraße zu DDR-Zeiten und sogar die Jahre der Nazipest, der die meisten Berliner Juden zum Opfer fielen. Wo auf manchem Grabstein das Sterbedatum fehlt, denkt man sich Auschwitz unvermeidlich hinzu. Und doch hat es Akte von Vandalismus nur vereinzelt und erst in späteren Jahren gegeben. Eine irrationale Angst vor dem Golem, so meinen die einen, habe die braunen Horden davon abgehalten, auch dieses letzte, posthume Refugium des Judentums zu schleifen; „Sie haben es einfach nicht mehr geschafft, den Friedhof zu zerstören“, sagt Hermann Simon vom Centrum Judaicum. So ist das flächendeckend von Grün und Efeu überwucherte, 42 Hektar große Gelände der größte jüdische Friedhof Europas, auf dessen weit über 100.000 Grabstellen immer noch bestattet wird.

„Ich habe keinen Friedhof, sondern ein Museum“, meint Friedhofsinspektor Ron Kohls, und zu den wunderlichsten Stücken darin gehört der von klingendem Spiel begleitete Aufmarsch von Bundeswehrsoldaten, die in großem Festakt gemeinsam mit israelischen Kollegen jüdische Tote ehren, die für Kaiser und Reich auf den Schlachtfeldern der Kriege blieben. Doch was sich wie eine an solchem Ort besonders makabre Waffenbrüderschaft ausnimmt, ist doch bloß eines der vielen Rätsel dieser verwunschenen Welt, in der jeder Grabstein Geschichte und Geschichten birgt. Die protzigen Mausoleen jüdischer Fabrikanten, die erst der Denkmalschutz der wuchernden Natur wieder entreißen musste, gehören dazu ebenso wie der auf jüdischen Friedhöfen sonst nicht übliche Blumenschmuck auf den Gräbern, den in jüngerer Zeit eingewanderte russische Juden mitbringen. Und immer wieder Leben, alltäglich, prosaisch, banal: die Vogelwelt unter dem dichten Blätterdach hat das Interesse von zwei Ornithologen geweckt, und ein junges Ehepaar hat inmitten der Toten sogar eine Wohnung bezogen. „Gruselig, so die junge Frau, seien allenfalls die nächtlichen Schreie der Füchse.

„Nicht Grabanlagen, Efeu und Kieselsteine sollen die Leinwand füllen, sondern Menschen, die uns vom reichhaltigen Leben erzählen, das einst in Berlin zuhause war“, sagt die Regisseurin. Erstaunliches Archivmaterial hat sie dafür gefunden, Bilder aus dem Berlin der wild bewegten „Golden Twenties“, die ihr Cutter Berthold Baule mit hintersinnigem Witz montiert hat. Und wie sollte einem das Wort Trauer einfallen bei Zeitzeugen wie Rabbiner William Wolff, der sich über die posthume Prunksucht mancher hier Begrabenen mokiert – „Eigentlich sind doch alle Toten gleich.“ – und der an Beerdigungen wichtig findet, dass man „etwas für die Hinterbliebenen tun kann“. Auch wer im Kino nicht an die eigene Vergänglichkeit erinnert werden möchte, kann und sollte Wauers Film genießen.

BERLINALE: DAS LEBEN IST EIN GUTES DREHBUCH
Der Kampf der Bolivianer um ihr Wasser im Film
Autor: U. Gellermann

So hatten sich Sebastian (Gael García Bernal) der Regisseur und sein Producer Costa (Luis Tosar) das gedacht: "Even The Rain", einen Film über Christoph Kolumbus zu machen, den sie ausgerechnet in Bolivien drehen wollten. Schön, Kolumbus war nie in Bolivien, aber dort sind die Statisten preiswerter als anderswo, und die Indios sehen aus wie man sich Indios vorstellt, die örtlichen Behörden sind kooperativ, also was soll´s. Auch mit den Figuren der Kirche, die im Drehbuch auftauchen, ist man nicht zimperlich: Es gab zwar während der Zeit der Conquista, der räuberischen Eroberung Südamerikas, zwei Dominikaner-Padres, die arge Zweifel am Vorgehen der Spanier hatten, aber die haben den alten Kolumbus nicht kennen lernen können. Doch mit ihnen war der Zweifel an der brutalen Versklavung der Indios, an der Gier nach Gold, so schön dramatisch in Szene zu setzen, dass man auf sie nicht verzichten mochte.

Schon beim Casting gibt es die ersten Probleme: Lange Schlangen drängen sich vor dem Büro, denn die Leute der ganze Gegend würden gern den schlechten Lohn der Filmproduktion gegen den noch schlechteren der üblichen Arbeit tauschen. Einer in der Schlange führt einen kleinen Aufruhr an und fällt so auf: Daniel (Juan Carlos Aduviri), so denkt der Regisseur, ist die Idealbesetzung für einen Indio-Führer, der damals einen Aufstand gegen die Spanier geleitet haben soll. So ein Drehbuch ist doch was Feines, man schreibt rein was man will, und die Schauspieler spielen Schau und die virtuelle Realität schlägt allemal die altmodische, umständliche Wirklichkeit. Zumal der Regisseur Sebastian im Film von der echten Regisseurin (Icia Bollain) als etwas wirrer Idealist gezeichnet wird, der unbedingt so etwas wie eine Aussage in seinem Film unterbringen will, so was gegen Unterdrückung und so.

Dieser aufsässige Daniel ist, das erkennt der Producer, der Mann der aufs Geld gucken muss, vom ersten Tag an, untauglich für einen guten Dreh-Ablauf: Wer einmal stört, so denkt Costa, stört immer. Und während der Film im Film sich langsam entwickelt, entwickelt sich auch die Wirklichkeit. Denn man dreht in Cochabamba, der drittgrössten Stadt Boliviens, in der im Jahr 2000 die Bewegung gegen die Privatisierung des bolivianischen Wassers ihren Ausgang nahm. Und Daniel, als Aufrührer gecastet, rührt wirklich auf: Gegen die Weltbank, die in dieser Zeit einen 25-Millionen-Dollar-Kredit für Bolivien nicht verlängern will, wenn das Wasser nicht privatisiert wird. Und wenn die Weltbank Privatisierung sagt, dann meint sie es auch so. Brunnen, Teiche, Flüsse: Die Bolivianer sollen nirgendwo mehr ihr eigenes Wasser frei trinken dürfen. Davon erzählt der Film ein gutes Stück. Aber er nennt, immer noch, so viel Jahre danach, keinen Namen. Es war der US-Konzern Bechtle, ein Unternehmen, das mit der Busch-Cheney-Mafia bestens bekannt war und bis heute prima Beziehungen zum saudischen Königshaus unterhält, der die bolivianische Polizei und die Streitkräfte zum verlängerten Arm seiner Interessen machte.

Es ist ein schönes Doppelthema, das uns der Film präsentiert: Die alte Gier nach Gold wird in Szene gesetzt, während außerhalb des Drehs die Gier nach immer mehr Profit die Menschen in Bolivien auf die Straße treibt und so den einen Kampf mit dem anderen verquickt. Manchmal, wenn der Film im Film über die Rolle der Kirche und deren selektiver Moral handelt, gibt er sogar Erkenntnisse preis. Aber es ist nur ein kleiner Seitenarm des Drehbuches, der den besten Hinweis präsentiert: Mitten im Kampf um das Wasser fällt einer Frau aus dem Team ein, das man wohl besser einen Dokumentarfilm über den Kampf ums Wasser machen solle, der sei spannender als alles, was man im Spielfilm zeigen könne. Da hat sie recht. Denn die bolivianische Bevölkerung gewann den Kampf um ihr Wasser. Und auch aus dieser kämpferischen Quelle speiste sich der spätere Sieg von Evo Morales, dem ersten indigenen Präsidenten Bolviens. Manchmal, selten genug, schreibt das Leben die besseren Drehbücher.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 23. Februar 2011 schrieb André Datené:

Wer einem Spielfilm-Regisseur empfiehlt, er solle doch lieber einen Dokumentarfilm machen, der ist dem Regisseur eher nicht wogen. Oder?

Antwort von U. Gellermann:

Stimmt.


Am 21. Februar 2011 schrieb Jens Rathnow:

Wenn der Film über den Friedhof in Weißensee so gut ist wie die Kritik von Herrn Dicks, dann lohnt sich der Besuch des Films ganz sicher.

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