BERLINALE: Sarajevo im Kino

Bernard-Henri Lévy der Welt-Regent

Autor: U. Gellermann
Datum: 18. Februar 2016

Absicht oder Zufall? Wohl niemand hat bisher den reisenden Welt-Regenten Bernard-Henri Lévy (BHL) so brutal als puren Selbstdarsteller, als Profiteur der Krisen und Kriege entlarvt, wie der bosnische Regisseur Danis Tanovic in seinem Film „Tod in Sarajevo“. Minutenlang lässt er einen Schwadroneur in seinem Hotel-Zimmer der Stadt eine große Europa-Rede proben, die er dann später als Schauspieler des Einpersonenstück aufführen wird: Während der feierlichen Erinnerung an den 100. Geburtstages des Attentates auf den Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo. Es ist das Stück des Trend-Philosophen BHL über sich selbst und es ist so falsch wie sein Pathos und so falsch wie der Mythos, das Attentat habe den Ersten Weltkrieg ausgelöst.

Während Jacques Weber als Darsteller des Welt-Geistes alias BHL seine Worthülsen aneinander reiht, proben die Angestellten des Hotels den Aufstand: Seit Monaten ohne Lohn, wollen sie mit ihrem Streik ein besseres Leben erzwingen. Auf dem Dach des selben Hotels treffen die bosnische TV-Reporterin und ein Nachfahre des Serben Gavrilo Princip, des Attentäters vom 28. Juni 1914, aufeinander. Und beinahe hätten sie den jüngsten Krieg um Sarajevo – den zwischen den verfeindeten serbischen, bosnischen und kroatischen Ethnien im Ergebnis der Auflösung des Vielvölkerstaates Jugoslawien – privat fortgesetzt. Es ist ein hilfloses, polemisches aufeinander Einschlagen, eine Rede und Gegenrede der Beschuldigung und der Selbstbezichtigung, in der jene Kräfte außerhalb des alten Jugoslawiens, die ein Interesse an der Zerschlagung des Staates hatten, einfach nicht vorkommen.

Wenigstens einmal hätte der kluge Regisseur erwähnen dürfen, dass inzwischen fast alle Länder Jugoslawiens in der NATO sind, einmal nur, dass manche der Nachfolgestaaten heute mehr Flüchtlinge produzieren als Waren für den Export. Doch erbittert über den fortschreitenden Verfall Bosniens nach der Neugründung im Jahr 1992, nimmt er nicht mal dessen galoppierende Islamisierung aufs Korn, die von den 158 Moscheen landesweit belegt wird, die mit saudi-arabischem Geld gebaut worden sind. Statt dessen lässt er im Keller des Hotels die neue, kriminelle herrschenden Schicht auftreten, die in den jugoslawischen Nachfolgeländern unterhalb der Kämpfe von Religionen und Ethnien eine neue Internationale der Kriminalität etabliert hat. Drogen und Korruption bieten die Hauptumsatz-Quellen im illegalen Bereich Bosniens, während die legale Bereicherung von Ausländern beherrscht wird: Sie kontrollieren 85 Prozent der bosnischen Banken. Die offiziell angegebene Arbeitslosenrate liegt bei 28,2 Prozent.

Bernard-Henri Lévy: Das ist der Mann, der bis heute stolz von sich behaupten darf, dass er dem wahlkämpfenden Sarkozy erfolgreich eine militärische Intervention in Libyen aufgeschwatzt habe, das ist der, der zu gern eine NATO-EU-Intervention in der Ukraine gesehen hätte und auf diesem Weg ein guter Freund des amtierenden Oligarchen Poroschenko geworden ist, und ist der, der in Danis Tanovic Film das Hampeln für eine von ihm gerichtete Welt nicht aufgeben will. Vermutlich war diese Entlarvung nur ein zufälliges Nebenprodukt. Und doch zählt „Tod in Sarajevo“ zu den besseren Filmen der diesjährigen Berlinale.


Spike Lee, die Schwarzwurzel
Lysistrata of the Blocks

Seifenopern: So nannte man die Serien, die – von irgendeiner Seifenmarke finanziert – endlosen Quatsch verbreiteten. Kitsch, Schmalz, Glamour, verrührt mit blanker Gedankenlosigkeit, galten sie als unschädliches Schlafmittel, waren aber der Volksgesundheit wegen schwerer Hirnverkleisterung durchaus abträglich. Jetzt also ist der lange zu Recht verehrte Spike Lee mit einer Soap unterwegs: Chi-Raq, so ist der Name des titelgebenden Gängsta-Rappers (Nick Cannon), dessen Gang in einer bewaffneten Fehde mit einer andern Gang liegt. Lee will mit seinem Film das endlose Morden in vielen schwarzen Vierteln der USA anklagen. Und er lässt auch durchblicken, dass die Mörderei mit Armut, mangelnder Bildung und einem elenden Rassismus zu tun hat.

Er empfiehlt zur Heilung der US-Misere den alten Sex-Streik der Lysistrata: Die Freundin des Gängstas, von Teyonah Pariss gespielt, redet mit den andern Mädels, immer schön gereimt, damit die antike Komödie auch wirklich blöd daher kommt, und erst verweigern sich die schwarzen Schwestern in den Blocks und nachher dann in der ganze Welt. Und weil Love nun mal wirklich Peace bewirkt, wird sicher bald alles gut. Das kann der Papst besser und intellektuell klarer begründen.

Bevor es so richtig gut wird, müssen wir uns die lange Rede eines katholischen und weißen Pfarrers (John Cusack) anhören, sehen diverse Ballet-Nummern in denen leichte Kleidung als erster Schritt zur Befreiung erscheint und sollen glauben, dass schwarzer Machismo vor sexueller Verweigerung den Schwanz einzieht. Damit alles schön im patriotischen Rahmen bleibt, wird die amerikanische Geldvergeudung in den diversen Kriegen der USA beklagt, nicht wegen der Kriege, sondern weil von dem vielen Geld Schulen und Krankenhäuser in Afghanistan und im Irak gebaut würden, Geld das in den schwarzen Vierteln der USA fehle.

Spike Lee: Das war doch mal der zornige schwarze Mann, der in seinen Filmen die Rassengesellschaft anklagte, der mit einem Film dem bedeutenden Malcolm X ein Denkmal setzte und der das „New Black Cinema“ mitbegründet hat. Der liefert in diesen Tagen eine brave, weiße, gottesfürchtige Revue in die Kinos, deren Darsteller nur eine schwarze Haut haben. So wird der Spike (Dorn) auf seine alten Tage zur Schwarzwurzel: Außen schwarz, innen weiß.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 18. Februar 2016 schrieb Lutz Jahoda:

Danke für die kurzweilig aufschlussreichen Rezensionen. Titos Jugoslawien darf guten Gewissens nachgeweint werden.


Am 18. Februar 2016 schrieb Anna Bergkamp:

Gibt es denn nur mäßige Filme auf der Berlinale?

Antwort von U. Gellermann:

Nahezu.


Am 18. Februar 2016 schrieb Hannes Bernburg:

Spike Lee Schwarzwurzel zu nennen ist starker Tobak. Geht es nicht sanfter?

Antwort von U. Gellermann:

Film ansehen, danach weiter reden.

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