BERLINALE: Hollywood wie es lacht und singt

Die rauschende Stille der Coen-Brüder

Autor: U. Gellermann
Datum: 15. Februar 2016

Das dreht und macht, das brüllt und lacht, das springt und spreizt, das ist so falsch, wie Leben nur sein kann: Hollywood, die Illusions-Maschine. Diesmal echt gefälscht von den Coen-Brüdern im Eröffnungsfilm der Berlinale: „Hail, Cesar“. Ein verfetteter, alter und tendenziell schwuler George Clooney opfert seine Welt-Schönheit auf dem Altar einer Hollywood-Hommage von Joel & Ethan Coen. Der Nespresso-Mann spielt die Hauptrolle beim Dreh eines pompösen Sandalenfilm, einer der vielen Filme im Film, den die genialen Brüder in ihrer Filmfabrik-Karikatur erinnern.

Aber nicht Clooney steht im Mittelpunkt der Handlung. Es ist Josh Brolin, der den kalten Allesmacher spielt, den Problemlöser, den Ausbügler, den Mann, ohne den kein Film auf den Markt käme. Und weil er so kalt ist, kommt er im Verlauf der rund 100 Minuten Film auch mit nahezu einem Gesicht aus. Da geht es der brillanten Tilda Swinton in der Doppelrolle zweier nerviger Journalistinnen auch nicht viel besser: Da die Coen-Brüder sich entschlossen haben Hollywood als Comic-Strip zu zeichnen, sind der Stereotypen viele, die Regungen voraussehbar und immer witzig, Aber wer will schon zwei Stunden an einem Stück lachen?

Zugegeben: Dass eine Bande wüster, kommunistischer Drehbuch-Autoren den armen Clooney entführt, das hat was. Es hat die Erinnerung an die McCarty-Zeit, in der jede Menge Hollywood-Leute als Kommunisten denunziert und gesellschaftlich liquidiert wurden. Das war damals eher nicht lustig und auch heute gelingt der Witz nur mit Mühe. Ja, es ist heiter, wenn der klischierte Cowboy-Darsteller Alden Ehrenreich eine Spaghettinudel zum Lasso zaubert, ja, es ist amüsant wenn die Vertreter der christlichen Religionen als Filmgutachter mit dem Rabbi über den Gottes-Sohn disputieren, der natürlich für den Rabbi nie und nimmer Gottes Sohn sein darf: Hatte Gott auch ne Frau und nen Hund? Ja, es ist brüllend komisch, wenn der komplette Set ehrlich ergriffen dem bekehrten Clooney und seinem Glaubensbekenntnis lauscht, den Tränen nahe, obwohl doch alle wissen: Es ist Film!

Aber, sagt der eine ziemlich erwachsene Filmkritiker zum anderen: „So what?“ Dessen Konter lautet „WhatsApp?“ Und beide müssen bekennen, dass sie vielleicht einfach zu viele Filme gesehen haben, zu erwachsen sind und nicht mal mit dem WhatsApp Textnachrichten-Dienst umgehen können. Was solls? Die Frage darf nach diesem Film auch den großen Coen-Brüdern gestellt werden.

GRÜSSE AUS FUKUSHIMA
Die Stille nach dem Schuss der Doris Dörrie

Es war nicht der erste Warnschuss für die weltweite atomare Profitgemeinde, die Katastrophe des AKW-Fukushima. Doch Teile der Welt sind immer noch taub für die Botschaft, die vom zerstören Fukushima ausgeht. Vielleicht dieser Taubheit wegen, vielleicht weil die Dörrie weiß, dass man gute Botschaften nicht schreien muss, hat die Filmemacherin mit „Grüße aus Fukushima“ einen eher stillen Film gedreht. Ein Film, in dem wenig geklagt wird und der doch eine einzige Anklage ist.

Mit ihren fast Einmeterachtzig ist Rosalie Thomass nicht gerade klein und so ganz leicht dürfte sie auch nicht sein. Genau sie ist die ideale Besetzung der sehr deutschen Maria, die vor sich selbst nach Japan flieht und dort auf die entschieden zierliche Kaorie Momoi trifft, die letzte Geisha Fukushimas. Was nach Klischee klingt – Elefant trifft auf Gazelle– gerät in den Händen der Dörrie zu einem zauberhaft warmherzigen Zusammentreffen der unterschiedlichen Kulturen an einem Ort, dem die Atomindustrie und eine ignorante japanische Administration, eine Symbiose aus Staat und Geschäft, jede Kultur ausgetrieben hat.

Wie ein böser Running Gag tickt der Geigerzähler in vielen Szenen eines Films, der, weil er tatsächlich in der Zone erhöhter Radioaktivität gedreht worden ist, ein notwendiger Begleiter im und für den Film ist. Die Thomass, völlig zu Recht für ihre Rolle mit dem bayerischen Filmpreis ausgezeichnet, kommt als Mitglied einer Clown-Truppe in die Notunterkünfte der Fukushima-Überlebenden und wird so zu einer grausig-komischen Figur jenes Spiels, das auch der Not lieber ein Lächeln abringen will statt eines Aufschreis.

Die letzte Geisha von Fukushima entlarvt die unterhaltende Barmherzigkeit als „bullshit“ und reist aus den Notunterkünften in ihr altes Zuhause: Ein zerstörtes, kontaminiertes Haus in einem kontaminierten, zerstörten Ort. Zwar mag die japanische Gazelle nicht die deutsche Elefantin, aber die wird gebraucht: Für die Flucht mit dem Auto, für das Tragen der schweren Sachen und das Ertragen jener strengen Geisha, die der europäischen Riesin das richtige Sitzen, die richtige Haltung erklärt und die falschen Tränen austreibt.

Doris Dörrte mahnt nicht, sie erzählt. Ihr Buch und ihre Regie sind von jener Leichtigkeit, die der Schwere des Themas entkommen ist, nur um seine bedrückende Wahrheit aus dem Allgemeinen in das Besondere zu führen, seine gesellschaftliche Bedeutung im sogenannten Privaten zu spiegeln.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 15. Februar 2016 schrieb Gideon Rugai:

Er lohnt also nicht der neue Coen-Film ? Schade, hatte mich darauf gefreut mal wieder was vom Brüderpaar zu vernehmen - aber einen grotesken Anti-Film wie "Burn after reading" oder gar den genialen "Fargo" oder auch "The Big Lebowski" kann es wohl nur einmal geben...an den letzten mir bekannten Wurf (ein amerikanischerJude auf dem Weg zur Selbstfindung oder so ähnlich) kann ich mich auch nur noch fragmentarisch erinnern...kein Kino für alte Männer :)


Am 15. Februar 2016 schrieb Clara Bergner:

Woher nehmen Sie nur die Zeit? Zu den aufwendigen politischen Artikeln auch noch Filmkritiken! Und mein Kompliment: Auch sprachlich halten Sie ein hohes Niveau.


Am 15. Februar 2016 schrieb Guenther Lachmann:

Eine sehr sensible Darstellung eines groben Themas ? Fukushima, und die latente Bedrohung durch Strahlung und Oblivion einer Flucht-Gemeinschaft.
Besser könnte man das tägliche human-environment, in einer japanischen Gesellschaft kaum darstellen.
Profitgier wird als Kultur verkauft, und das eine Geisha, deren traditionelle Ausbildung über Jahre geht, das konditionierte Verhaltensmuster als bullshit entlarvt, wird wohl in einigen Mägen zu dem Unbehagen fuehren, welches Doris Dörrie gewollt hat.
Wenn ich die Zeilen richtig gelesen habe, (und ich hoffe dieses habe ich) dann ist der Film eine Einladung an all Jene, deren Neugier etwas wie eine Enklave in der Flucht auf Zeit suchen.
Ich werde mir den Film ansehen

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