BERLINALE: Gigantische Zahlen, minimale Kunst

Filme über alles Mögliche, das Unmögliche bleibt surreal

Autor: U. Gellermann
Datum: 22. Februar 2016

Vierhundert Berlinale-Filme rauschten am Tag und in der Nacht über Netzhäute, rund eine halbe Million Menschen werden wieder in die Festivalkinos gegangen sein. Aber was bleibt? Die Filme im Herz der Kino-Maschine, dem Wettbewerb, werden schneller vergessen sein als sie vorgeführt wurden. „Briefe aus dem Krieg“ zum Beispiel, ein Film der im damals noch besetzten Angola spielt und vor dem Hintergrund der Kämpfe zwischen der portugiesischen Kolonialmacht und der Befreiungsbewegung handelt, spult dann doch nur Sehnsuchtsbriefe von der Front ab, einer Front, die den Machern des Films keine wirkliche Erinnerung wert ist. Die Kriege der letzten Jahre, die im Irak, in Libyen oder gar der in Syrien? Fanden nicht statt. Wer will auch schon die Sponsoren verärgern, wer will den Bundeszuschuss von 6,7 Millionen Euro gefährden?

Aber, aber, ist der Einwand zu hören: Immerhin gab es zwei Filme über Flüchtlinge, einer, „Fire at Sea“ bekam sogar einen goldenen Bären. Ist das nichts? Ja das ist was: Ein Film über die Folgen des Krieges. Einer, der über die unzähligen Flüchtlinge handelt, die auf ihrem Weg in ein Fluchtland auf der Insel Lampedusa landen und auch von den Vielen erzählt, die ertrinken. Der Krieg selbst aber, erst recht der Wirtschaftskrieg der „Entwickelten“ gegen die „Unterentwickelten“ blieb da, wo die Entwickler ihn am liebsten sehen: Im Dunkeln. Der zweite Fluchtfilm berichtete sogar von einer Mauer, von den USA zur Abwehr gegen die Mexikaner hochgezogen, um die Flucht aus der Armut in den Reichtum zu verhindern. Und von einem Schlupfloch: Wenn ein Mexikaner sich für einen der Kriege der USA meldet und den dann überlebt, bekommt er die begehrte Green Card, darf also im Land seiner Träume bleiben und den Rasen mähen. Das wäre eine filmische Anklage wert gewesen. Leider erzählt „Soy Nero“ wirr über die Wirren des Krieges, und ausschweifend über ausschweifenden Reichtum, genauer: Der Film kann nicht erzählen.

Denken wir über Ästhetik nach, über die Möglichkeit der Verarbeitung eines Themas. Auch der mit einem goldenen Bären bedachte Film „Fire at Sea“ schildert nur unzureichend: Distanziert gegenüber den Flüchtlingen, kommt er den Bewohnern der Insel nur über eine bemühte Inszenierung nahe, für einen Dokumentarfilm der schlechteste Weg der Beobachtung. Noch schlechter erzählt „Midnight Special“ ein Science-Fiction-Film: Junge lasert aus den Augen, ist ein Alien hat aber Menschen-Eltern. In Polen haben Frauen es schwer, teilt uns „United States of Love“ mit: Bilder gut, Leben schlecht, Liebe schwierig. Isabell Huppert ist eine sehr gute Schauspielerin, stellt der Film „L´Avenir“ fest, um dann über das Altern in Frankreich zu handeln: Das ist auch nicht anders als woanders.

In diesem aufwendigen Wust von Nicht-Erzählung, der sich nur mit Themen tarnt, ihnen aber keinesfalls auf den Grund geht, ist die radikale Verweigerung irgendetwas zu erzählen mit dem iranischen Film „A Dragon Arrives“ einfach ehrlich und erfrischend: In einer Orgie von surrealen Bildern schweigt jede Sinnsuche. "Ich wollte so viel Paranoia wie möglich in dem Film" sagt der Regisseur Mani Haghighi voller Stolz und es ist ihm gelungen. Preiswerter ist ein Vollrausch nirgendwo zu bekommen und der Film ist, bei seltenerem Gebrauch, auch nicht gesundheitsschädlich.

So trifft die diesjährige Berlinale eine gesamtgesellschaftliche Aussage über die Ästhetik des Mainstreams: Bildende Kunst, die nur dann etwas sagt, wenn die Kunstkritik ihr Inhalte aufschwätzt, Bücher, die den eigenen Bauchnabel für das Zentrum des Universums halten und eben Filme über alles Mögliche, das Unmögliche bleibt surreal.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 02. März 2016 schrieb Adam Christ:

Hr. Gellermann: kunstkritiker muessen zwangslaeufig vertreter des `aestethetischen mainstreams´ sein, bildende kunst hat sich schon immer am bauchnabel orientiert und das unmoegliche ist nun mal nicht surreal sondern es ist das universum, welches, weil zu weit, zu gross, zu unendlich, eben das ist, was nicht darstellbar ist. Sie verlangen zu viel und sind nicht einsichtig genug. Das weltgeschehen kann niemand erklaeren. Das wird schon seit jahrtausenden von religionsstiftern, philosophen, selbsternannten politischen `vorausdenkern´ und anderen wortscheissern sowie anderen kuenstlern jeglicher richtung versucht... Wieso soll es dann filmemachern, schriftstellern, den paepsten und kritikern der kritiker besser gehen respektive wie wollen diese erklaeren das erklaereungen nichts ausser dem unerklaerlichen erklaeren? koennen? Ueben sie sich doch mal in demut und erklaeren sie uns dass das einzige geheimnis dort zu suchen ist, wo tizians venus schuetzend ihre hand ueber ihre aeussere scham haelt. Seit den danach stattgefundenen dreissigjaehrigen krieg, den bauernaufstaenden und der franzoesischen revolution, marx und hitler, hat sich eigentlich nur die optik und die methodik der wahrheitssuche veraendert, jedoch hat sich diese spoettisch laechelnd immer weiter von den verzweifelten suchenden in richtung unendlichkeit entfernen koennen... Und so wird es auch bleiben, denn bei aller liebe: die geschehnisse des lebens sind nun mal wirr, und wir sind alle fluechtlinge die aus ihrer unerklaerbaren herkunft fluechten moechten in eine surreale sphaere des ewig kritikfreien gesamtgesellschaftlichen frohen erlebens. Sie ahnen es: ein wenig mehr herausarbeiten von positiven nuetzt der menschheit mehr als das taegliche einschneiden in die unvermeidbaren schusswunden... Obwohl der schoene spruch schon lange anders lautet: egalite, fraternite, brutalite... Love and peace?
 


Am 24. Februar 2016 schrieb Michael Kohle:

Schon vor mehreren Jahren fiel mir in seinerzeit von mir frequentierten Online-Medien - egal ob WON, ZON, SZON oder gar SPON, selbst auf dFC - sattsam auf, dass die primitivsten Auslassungen in aller Regel von Trollen mit eindeutig angelsächsisch aufgepeppten Nicks ausgeeitert werden bzw. wurden. Ob das heute noch so ist, keine Ahnung. Da sich die Zensoren vorgenannter "Institute für geballte Wahrheit und Meinungsfreiheit" ausschließlich auf dem Niveau vorgenannter Intelligenzbolzen zu Hause und wohl fühlten, verzichtete ich alsbald (oder wurde verzichtet) auf meine Präsenz bei solcherlei Ritterturnieren mit gezinkten Lanzen.

Mache heute mal eine Ausnahme, weil ich Herrn Jan Key nämlich mitteilen muss, dass die zwei ganzseitigen Artikel letzte Woche in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) zur Berlinale selbst in summa auch nicht im Ansatz an die Aussagekraft des Beitrags von Gellermann herankommen. Und das will was heißen, fallen die Papier-Seiten der NZZ doch reichlich voluminös aus, vom Umfang nicht vom Inhalt.


Am 23. Februar 2016 schrieb Jan Key:

Wie viele Filme von der Berlinale haben Sie denn gesehen?

Diese nichtssagende Artikel mit voll Abwertung und Hass gegen alles Westliche ist bezeichnend für Ihre krankhafte Weltvorstellung!

Antwort von U. Gellermann:

„Krankhaft“ - das war das Lieblingswort von Heinrich Himmler. Sie haben es geerbt. Glückwunsch!


Am 23. Februar 2016 schrieb Guenther Lachmann:

Danke, fuer die hervorragende Beschreibung der extensiven Leere.


Am 22. Februar 2016 schrieb Gideon Rugai:

Kultur-Pessimismus? Was für eine Kultur? Die des (bereits untergegangenen) Abendlandes deren Reste in erster Linie vom dünnen Firnis der Selbstgerechtigkeit (in Verbindung mit zunehmender kognitiver Dissonanz ) zusammengehalten werden?

Ich finde das sind typische "Cineasten"-Reaktionen, die man auch bestimmt in irgendeinem "hippen" Laden entlang des Gendarmenmarktes und nach Genuß vermeintlich cineastischer Höhepunkte hören kann - während mit abgespreizten Fingerchen am Prosecco genippt wird.

Meister Jahoda hat das ja schon schön poetisch zusammengefasst :)...

Mich überrascht Ulis Resümee so gar nicht - stellvertretend für die Tendenz die (politisch korrekte) Form anzubeten und Schwerverdauliches mit Substanz in irgendeiner versteckten Latrine herunter zu spülen.
Auf You Tube gibt es viel Wertvolles aus der real existierenden Welt (ohne Scheuklappen ) zu sehen, doch sobald man nicht mehr seinen Senf per Kommentar hinzufügen darf, oder der Verdacht besteht mit schmerzenden Realitäten ausserhalb der Scheuklappen des Betroffenheits-Bürgertums und dessen Journalismus konfrontiert zu werden, tendiert die Klickzahl gegen Null. (Verdammte Heuchelei im Zirkus der Eitelkeiten )
"Denken´s dorüaba einmol noch" - würde Edmund Stoiber sagen...


Am 22. Februar 2016 schrieb Manfred Ebel:

Meine Empfehlung:
S. Bondartschuk, "Ein Menschenschicksal", 1959, UdSSR.
Nun ja, sich anschließend einstellender Fatalismus ist ebenfalls garantiert.

Wer dann noch Reserven hat - ich hätte noch einige Empfehlungen.


Am 22. Februar 2016 schrieb Lutz Jahoda:

BERLINALE 2016

Much ado about nothing.
Der übliche Lärm um nichts.
Schmerzvoll das Ergebnis
wegen mangelnden Gewichts.
Es war halt wieder nur ein Treffen
der Filmemacher und der Schönen
zu feuchtfröhlichem Segelreffen.
Berechtigt, das enttäuschte Stöhnen.
Das Verschweigen des Übels,
wie immer gewollt.
Das wesentlich zu Erzählende,
blieb eingerollt.


Am 22. Februar 2016 schrieb Hans Heppe:

Möglicherweise bewegen wir uns schon weitaus näher am Untergang des Abendlandes, als sie vermuten.


Am 22. Februar 2016 schrieb Harry Popow:

Lieber U. Gellermann, die Einschätzung trifft den Nerv der neoliberalen Welt. Ja keine Inhalte, sie könnten zur Entlarvung des kapitalistischen Systems beitragen. Wir leben in einer Fassadenrepublik, wo nur das akzeptiert wird, was die Zuschauer und Leser davon abhält, über Ursachen des Versagens dieses Systems nachzudenken. Siehe auch der weinerliche Rückblick im Fernsehen auf den ersten Weltkrieg: Keine Silbe zu den Ursachen! Das ist Methode, das ist letztlich nur der Druck auf Tränendüsen, auf das vereinsamte ICH, das mehr und mehr durch den Mainstreams in Isolationshaft und Tatenlosigkeit gepresst wird. Was sagte da kürzlich Katja Knipping in einem Artikel: Die neoliberale Doktrin hat den Menschen entmenschlicht. Dem dient auch das blutleere Kunstgehabe auf der Berlinale. Danke für diese Klarsicht.


Am 22. Februar 2016 schrieb Bernd Verden:

Das ist doch nur primitiver Kultur-Pessimismus. Sie sollten den Untergang es Abendlandes voraussagen, das wäre dann schön komplett.


Am 22. Februar 2016 schrieb Marieluise Bernstein:

Sie sollten einfach nicht mehr zu diesem Filmfest gehen. Offenkundig verdirbt es Ihnen die Laune, anschließend versuchen Sie, Ihren Lesern die Laune zu verderben. Das muss nicht sein: Zu Hause bleiben!

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