Berlinale: Gewöhnlicher Kapitalismus

Ungewöhnlich gut inszeniert

Autor: Lars Jacobs
Datum: 15. Februar 2012

Die italienische Produktion DIAZ - DON´T CLEAN UP THIS BLOOD ist ein italienischer Film, der in der Sektion "Panorama der Berlinale läuft. Er dürfte es sehr schwer haben in die großen Kinos zu gelangen. Das liegt vor allem an einem Thema, das hierzulande nicht so gern gesehen wird. Es geht um Widerstand gegen den real existierenden Kapitalismus. Schon die Produktion des Films bereitete Schwierigkeiten, da sich kaum Möglichkeiten fanden, die Herstellung zu finanzieren. Schließlich konnte der Film, obwohl er in Italien spielt, dort nicht gedreht werden. Die Crew mußte nach Rumänien (!) ausweichen, um ihr Werk zu realisieren.

Der Spielfilm schildert mit fast schon dokumentarischer Präzision ein Ereignis im Juli 2001, als zehntausende Menschen sich anlässlich eines G8-Gipfels in Genua versammelten, um dort gegen die Politik der mächtigsten kapitalistischen Staaten zu demonstrieren. Bei diesem Massenprotest wurde der Globalisierungskritiker Carlo Giuliani von der Polizei durch einen Kopfschuss getötet. Die Arbeit des Regisseurs Daniele Vicari konzentriert sich jedoch auf die Ereignisse in der DIAZ-Schule, in der zahlreiche Globalisierungskritiker ein Nachtquartier erhalten hatten. Unter dem Vorwand, daß sich dort ein „Schwarzer Block“ formiere, wurde die Scuola DIAZ nächtens von Spezialeinheiten der Polizei überfallen, die dort in fast unvorstellbarer Weise ein Massaker unter den Schlafenden anrichteten. Weit über 70 Menschen wurden dort zum Teil schwer verletzt, bis ins Koma geprügelt.

Doch selbst nach diesem grausamen Überfall hörte der Terror der Polizei nicht auf. Sie drang in die Krankenhäuser ein, in die die zum Teil Schwerstverletzten eingeliefert wurden, und holten jene sich in Behandlung befindenden Demonstranten heraus, die noch gehfähig waren. Die wurden dann in das Bolzeneto-Gefängnis verschleppt, dort gefoltert, zum Spießrutenlaufen gezwungen und in unvorstellbarer Weise gedemütigt. Das alles zeigt der Film in dichten Bildern. Diese Ereignisse veranlassten später „amnesty international“ zu einem scharfen Protest. Amnesty sprach von „massiven Verstößen gegen die Menschenrechte“.

Man muß den Film loben, weil er die Ereignisse von Genua wieder in die Erinnerung zurückruft und einen Beitrag zur Aufarbeitung jener Verbrechen leistet, die nunmehr über 10 Jahre lang von der berlusconischen Regierung behindert wurde. Er schildert in vielen kleinen Sequenzen, dass es nicht nur der Protest von Jugendlichen, von Studenten war, sondern an den Protesten Menschen aller Altersgruppen beteiligt waren, auch, und das wird an der Figur eines alten Mitglieds der CGIL-Gewerkschaft deutlich gemacht, Angehörigen der arbeitenden Klasse.

Er zeigt auch das Wirken von „agent-provocateurs“, die in der Kluft von Globalisierungsgegnern durch ihr Handeln, durch das Liefern von „Molotowcocktails“ der Polizei die Vorwände für ihr brutales Vorgehen gaben. Es wird auch der erschreckte Zweifel gezeigt, der einzelne Polizeioffiziere angesichts der hemmungslosen Prügelorgie ihrer eigenen Untergebenen befiel.

Ein Mangel des Films besteht darin, dass er nicht in einem einzigen Augenblick erklärt, worum es bei diesem G8-Gipfel ging und warum und wogegen sich der Protest erhoben hatte. Im Film steht das Ereignis des Überfalls auf die DIAZ-Schule ein wenig im gesellschaftsfreien Raum, vielleicht voraussetzend, der Zuschauer wisse wohl wisse, worum es ging. Der zweite Einwand wäre gegen die Bilderflut zu erheben, die in unverhältnismäßig und ausufernder Weise die Prügelattacken wieder gibt, was jedoch, bei aller Berechtigung die Brutalität zu dokumentieren, eher eine abschreckende, eine verängstigende Wirkung erzeugen könnte. Dennoch ist DIAZ ein wichtiger Film, ein beklemmendes Dokument während einer Berlinale, die bemerkenswert politisch ist.


BERLINALE-ZWISCHENSCHNITT
Islam-Hass kommt immer gut

Hier mal nen Touristen erschießen, da mal ne Frau vergewaltigen, aber zwischendurch immer "Gott ist groß" rufen und den Gebetsteppich ausrollen: So sind die muslimischen Terroristen auf Mindanao, einer Inselgruppe der Philippinen, im Film "Captive" von Brillante Mendoza. Auch Isabelle Huppert, als christliche Missionarin verkleidet, ist in der Gruppe entführter Touristen, von denen man hofft, Lösegeld zu erpressen. Allerdings schafft sie es, mitten im Dschungel und unter permanenten Beschuss, in jeder Einstellung das Blüschen zu wechseln. Übrigens: Fast alles, was der Film erzählt, könnte passiert sein. Vor allem aber passt er gut in die antiislamische Hysterie des "Kriegs gegen den Terror".

Dass die christliche Mehrheit auf den Philippinen seit Jahr und Tag die islamische Minderheit unterdrückt. Dass auf der Insel 23 Militärstützpunkte der USA existieren, dass alle bisherigen Wahlen gefälscht wurden und die jeweiligen Regierungen immer die Unterstützung der USA hatten, das erzählt der Film nicht. Warum auch? Klischees lassen sich - ohne gesellschaftliches Umfeld, ohne historische Bezüge - einfach besser verkaufen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 17. Februar 2012 schrieb Marion Gesecke:

Der Artikel zu DIAZ mag ja ideologisch richtig sein, sprachlich ist er nur begrenzt ein Genuss.

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