BERLINALE: Die kleine Freiheit im Taxi

Über ein Land in dem Schwarzmalerei verboten ist

Autor: U. Gellermann
Datum: 09. Februar 2015

Sie sitzen im Taxi des iranischen Filmemachers Jafar Panahi, der redliche Straßenräuber und die Lehrerin. Redlich ist der Straßenräuber, weil er unbedingt noch ein paar Leute aufgehängt sehen will, um die öffentliche Ordnung zu sichern. Keine Muskel rührt sich im Gesicht des vermeintlichen Taxifahrers. Die Lehrerin hält dagegen: Es seien nun genug Leute umgebracht. Panahi der Taxifahrer mischt sich nicht ein. Für einen Moment glaubt der Zuschauer an eine interessante Dokumentation einer realen Fahrt durch Teheran. Minuten vergehen, bis die Inszenierung eindeutig wird, jener dramaturgisch blendende Einfall, der den Filmemacher - dessen Berufsverbot ihm Dreharbeiten in der Öffentlichkeit verbietet - in ein Taxi zwingt. Dort zeichnen drei Minikameras das auf, was der Regisseur den höchst disziplinierten Laiendarstellern zu sagen aufgetragen hat.

Seit einem Urteil aus dem Jahr 2010 drohen dem Filmregisseur sechs Jahre Haft. Aus irgendwelchen Gründen, die eine religiöse Diktatur hat zusammenbasteln lassen. Mundtot gemacht haben die Instanzen den klugen Mann nicht: Drei Filme sind ihm seit dem Tag gelungen, seit dem man ihm das Filmemachen verboten hat. Und auch das Lächeln hat man dem Regimegegner nicht austreiben können, ein subversives Lächeln seiner Kunst, das mit feiner Ironie das große Lachen vorbereitet, das ausbrechen wird wenn die Iraner ihre schwere Bürde abwerfen und den Völkern ein Beispiel sein werden.

Spätestens als ein Händler mit illegalen DVD´s, kaum in das Taxi eingestiegen, mit einem Augenzwinkern den fahrenden Regisseur mit "Herr Panahi" anredet, verfliegt die Illusion des Dokumentarfilms und macht der großen Fiktion des Spielfilms im kleinen Auto Platz. Der DVD-Dealer ist die erste einer Reihe von Figuren, die den Zuschauern den doppelten Boden des Spiels erkennen lassen. Des schrecklichen Spiels des religiösen Systems, das versucht missliebige Filme aus dem Land zu halten und des ausgeklügelten Kammerspiels, das Panahi uns in seinem Taxi inszeniert und in dem es immer wieder auch um Filme und Zensur geht.

Wahrend der 80-Minuten-Fahrt ist viel über das Land zu erfahren. Über kulturelle Gewohnheiten, über das Erbrecht und auch über Aberglauben. Vor allem aber über die Repression, die schon an den Schulen beginnt. Hauptzeugin der iranischen Wirklichkeit ist eine Nichte des Taxifahrers, sie soll - ausgerechnet - einen Film für die Schule drehen und zählt in einer unnachahmlichen Mischung aus Naivität und Frechheit das auf, was denn in den Filmen alles nicht zu sehen sein darf. Die Kleine kommentiert dieses Regeln, die der iranischen Kinoverbreitungs-Lizenz entsprechen, mit einem schlichten und großen Satz: "Sie tun es, aber sie wollen nicht, dass man es zeigt."

Verboten ist natürlich auch "Schwarzmalerei". In einem Land in dem die Darstellung von unangenehmer Wirklichkeit ausdrücklich verboten ist, sind die Grenzen der Freiheit noch klar zu erkennen. In einem Land, in dem Lohndrückerei und Abbau sozialer Sicherheit mit Erfolg als "Reform", auch Agenda 2010 genannt, verkauft werden kann, verschwimmt die eigentliche Freiheit in der Ersatz-Freiheit sich zwischen Handy und Smartphone zu entscheiden. In einem Land, in dem Kriege für Regimewechsel in den großen Medien als Kampf für Freiheit und Demokratie aufgeführt werden, ist die Freiheit der Anderen längst zum Vorwand für Unterdrückung verkommen. Die Mehrheitsmedien strahlen ein schwer erträgliches rosa Licht aus, das die Farbe Schwarz nur in anderen Ländern erkennen lässt. Auch deshalb ist Panahis "Taxi" ein bedeutendes Lehrstück darüber, wie man auf kleinstem Raum eine große Idee entwickeln kann: Man malt die Wirklichkeit so schwarz wie sie ist.


BERLINALE: Kreuzung aus Karl May und Rosamunde Pilcher
Werner Herzog besucht mal den kolonialen Nahen Osten

Ganz zu Beginn gab es Hoffnung: Die selbstbewusste Gertrude Bell (Nicole Kidman), aufgewachsen in der versnobten Oberschicht Englands vor dem Ersten Weltkrieg, eine der wenigen weiblichen Studenten in Oxford, will sich dem konventionellen Rahmen nicht fügen und setzt sich an die britische Botschaft in Teheran ab. Jetzt, dachte man, jetzt wird dieser historisch notierte Frau ein kleines Emanzipations-Denkmal gesetzt und die anfänglich gut eingestellte, forsche Kidman nährte diese Wunschvorstellung im Film "Queen of Desert", auf das Schönste.

Aber vor die Wünsche haben die Götter den Regisseur gesetzt. Und Werner Herzog, der es in der Hand hatte der einst existierenden Gertrude Bell und ihrer Rolle bei der Herausbildung der arabischen Nationen und der obskuren Grenzziehungen gerecht zu werden, entschied sich für einen Liebesfilm mit Landschaft. - Schon die erste Liebe der Bell, der ziemlich schillernde Henry Cadogan (James Franco) geriet im Film seltsam fragwürdig: Dem Spiel der beiden war anzumerken, dass es mühsam erspielt war, echte Leidenschaft sollte selbst unter Engländern leidenschaftlicher aussehen, als es Kidman und Franco darstellten. Auch die zweite große Liebe der Bell, Charles Hotham Montagu Doughty Wylie, von Damian Lewis gegeben, kam kaum über die Kühlschranktür hinaus: Lewis schaffte es den Mann haargenau so aussehen zu lassen wie sein Namen vermuten ließ: Stockfischig.

So wird denn demnächst ein Film in die Kinos kommen, der sich, mitten in der Zeit schrecklichster Folgen des kolonialen Nation-Buildings, mit viel Sand und wunderschönen Dromedaren auseinandersetzt, und für das Treffen Gertrude Bells mit den Gründern des saudischen Königshauses eine beschauliche Teatime mit Falken reserviert. Hie und da irrt eine betont tuntiger T. E. Lawrence durch´s Bild und nach dem Abspann weiß man, aus welchen Quellen Werner Herzog getrunken hat: Karl May und Rosamunde Pilcher haben das wenige Wasser destilliert mit dem Herzog kochen mochte.

Der Wettbewerb der BERLINALE hat begonnen.
Es kann deshalb zu Verzögerungen der Leserpost kommen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 10. Februar 2015 schrieb Aleksander von Korty:

Dieser Werner Herzog hat mich schon vor Jahrzehnten zutiefst mit seinem Machwerk `Fitzceraldo´ gelangweilt. Im Gedächtnis haften geblieben sind mir nur die elendig langatmigen Szenen, wie ein Äppelkahn völlig überflüssigerweise über einen Berg gehievt wird. Ich bin schon damals fast dabei eingeschlafen.


Und dieses "enfant terrible" mit der Horror-und Schreckensvisage taugte in den Sechzigern auch besser für die schwarz-weiss-Verfilmungen von Edgar Wallace-Krimis. Da wusste mensch wenigsten gleich, wer der Böse ist, wenn der Kinski auftauchte. Als damals noch Jugendlicher fand ich die jedenfalls noch spannend. Ein vor einiger Zeit erfolgter Versuch, sie mir bei Youtube noch mal anzusehen empfand ich allerdings inzwischen als Beleidigung meines Intellekts und habe es nach ca. 10 Minuten aufgegeben.


Resümee: Der Kinski hat in seinem Leben nur wirklich eines vernünftig gemacht, sein Töchterlein Natassja. Von der gibt es nämlich einige durchaus ansehnliche, erotische Aktaufnahmen aus ihrer Jugendzeit.

NACHTRAG
Noch ein kleiner Nachtrag zu meinem vorherigen Kommentar:
Ich bin ja hier in Nicaragua in der glücklichen Situation, das mir all diese furchbaren cineastischen Machwerke erspart bleiben. Der GALERIST, von dem ich weiß, das er sich täglich drei davon reinzieht verdient für diese Selbstgeißelung Anerkennung. Eigentlich hatte ich bis zu dieser BERLINALE immer geglaubt die Selbstgeißelung und ihre entsprechenden Mönche gehörten seit dem Mittelalter der Vergangenheit an. So kann mensch sich irren. 


Am 09. Februar 2015 schrieb Lutz Jahoda:

Wer hätte gedacht, dass Werner Herzog eines Tages Klaus Kinski so sehr fehlen würde.
Dennoch wird gerade diese Rosamunde-und-Karl-Mischung voraussichtlich viele Zuschauer vor die Breitwand locken.


Am 09. Februar 2015 schrieb Gideon Rugai:

@Marie Werner

Mal deutsch gesprochen kann ich mir gut vorstellen, dass es dem Uli (tierisch) auf den Zeiger geht , sich gerade in diesen Zeiten irgendwelchen blass- bräsig-rührseligen Unterhaltungs-Mist anzuschauen, der aus in die Leinwand implementierten Schmalztöpfen quillt - insbesondere bei Themen und Charakteren mit denen man, einer gewissen Authentizität verpflichtet, eine Menge Gegenwartsbezüge aufdecken bzw. herstellen könnte.
Statt dessen bekommt man heuer, so scheint es, wieder die alte DEFA-Zarah Leander vorgesetzt, die unbeeindruckt alte Wunderlieder mit maskulinem Timbre niederschmettert.
Der Endsieg (z.B. über die Russen ) ist wieder nah !


Am 09. Februar 2015 schrieb Helga Stürzel:

Ihre Berlinale-Informationen lese ich mit großem Vergnügen. Und ich bewundere Se, wie Sie das alles schaffen.


Am 09. Februar 2015 schrieb Manfred Ebel:

Danke für die Rezensionen. Auf das Taxi bin ich gespannt. "Taxi" als Metapher finde ich schon genial.

Danke auch, dass Du diesen unsäglich blöden Satz von der Freiheit der Andersdenkenden als unsäglich blöd charakterisierst. Er wird nicht durch die Urheberin wahrer und auch nicht durch andauernd wiederholtes Zitieren. Er täuscht nur Bildung beim Möchtegern-Bildungsbürger vor. Dass gerade durch genannte Ersatz-Freiheit wirkliche Freiheit untergraben und beeinträchtigt wird, sollte ein gebildeter Bürger erkennen. Hilfreich kann sein, dass Freiheit und Erkenntnis einander bedingen. Ganz in diesem Sinne: Mehr davon!


Am 09. Februar 2015 schrieb Hans Jon:

Auch über WERNER HERZOG "herzuziehen" ist im Land der "MEINUNGS-FREIHEIT" erlaubt!
Aber ich kann nicht "mitziehen", weil ich schon lange durch "SPIEL"-Filme "mir nichts mehr vormachen lasse"!


Am 09. Februar 2015 schrieb Marie Werner:

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Werner Herzog so eine vernichtende Kritik verdient haben sollte.

Kürzlich...

20. November 2017

LINKE gegen Zensur

Senator Lederer gegen Rosa Luxemburg
Artikel lesen

16. November 2017

Wagenknecht und Gabriel: Abrüsten!

Der Aufruf zur Abrüstung nimmt Fahrt auf
Artikel lesen

13. November 2017

Das Geisterhaus der ANSTALT

Zur Staatsdoktrin feiernder Puffmütter
Artikel lesen

06. November 2017

NATO-Terror tötet Zivilisten

Mehr Truppen, mehr Mord, mehr Trump-Strategie
Artikel lesen

23. Oktober 2017

Die WZ zur MACHT UM ACHT

Ein hasserfülltes Pamphlet an der Grenze zum Schwachsinn
Artikel lesen

PDF dieses Artikels

Diesen Artikel herunterladen

Wenn Sie möchten, können Sie sich diesen Artikel auch als PDF-Datei herunterladen:
PDF-Datei laden

Artikel kommentieren

Brillant? Schwachsinn? Mehr davon?

Sagen Sie uns Ihre Meinung! Wir überprüfen Leserbriefe, bevor wir sie online stellen – nicht um sie zu zensieren, sondern um unsere Leser vor SPAM und Werbung zu bewahren. Über Kritik freuen wir uns!
Kommentar verfassen