Berlinale: Das eitle Chamäleon und der Antifaschismus

Zum Film "Blut muss fließen - Undercover unter Nazis" von Peter Ohlendorf

Autor: Hans-Günther Dicks
Datum: 20. Februar 2012

Vom Chamäleon kann man es lernen: Der Sinn von Tarnung und Verkleidung besteht darin, dass man nicht erkannt werden will, und wer sich aufmacht, die braune Mischpoke von Neo- und Altnazis bei ihren mehr oder weniger öffentlichen Auftritten mit der Kamera zu beobachten, tut sicher gut daran, solche Vorsicht walten zu lassen. In Peter Ohlendorfs Film mit dem reißerischen Titel „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ (Berlinale Panorama) macht sich ein Thomas Kuban genannter Journalist – Achtung, Tarnung! Pseudonym! – durch die Bundesrepublik und angrenzende Staaten auf, um Nazi-Rockbands und ihre Klientel bei ihren Konzerten zu dokumentieren und sich dabei ehrlich zu entrüsten über die Straftaten, die dort begangen werden: vom Hitlergruß bis zum menschenverachtenden Lied, das Ohlendorfs Film die erste Hälfte des Titels gibt; „Kuban“ selber sorgt dann dafür, dass auch das „Undercover“ in seiner Kommentierung – natürlich in der ersten Person singular – alle paar Minuten fällt und sein hohes, „lebensgefährliches“ Risiko mehr als ausreichend gewürdigt wird.

Das ist schon das erste Moment der Verstörung: Der tapfere Einzelkämpfer gegen das braune Treiben – Sonnenbrille, knallig orangenes Jacket, Knopflochkamera etc. - „tarnt“ sich mit einer Aufmachung, die als Karnevalskostüm oder heimliche Verehrung für „Schwarzbraun ist die Haselnuss“-Heino gerade noch durchgehen würde. Mehr noch: In dieser ach so unauffälligen Montur, die Ohlendorf pausenlos ins Bild rückt, besucht „Kuban“ über mehrere Jahre nicht nur vierzig (!) solcher Konzerte, sondern auch offizielle Pressekonferenzen des Bundes- wie des bayrischen Innenministers. Deren entlarvend unbeholfene Antworten auf seine Fragen wären zwar einer näheren Würdigung wert gewesen, aber mit so etwas halten sich weder unser Don Quixote noch Filmemacher Ohlendorf auf. Das nächste Konzert wartet schon, und von der blut- und hasstriefenden Musik können sie offenbar nicht genug kriegen. Außerdem, so darf man wegen der guten Vernetzung der rechten Szene getrost vermuten, werden sie dort wohl auch schon erwartet: Hallo, Kameraden, hier kommt unser Undercover-Journalist!

Man sollte erwarten, dass die beiden Macher auf solche Vermutung auch selbst kommen könnten. Doch davor bewahrt sie eine Eigenschaft, die dem Chamäleon sicher zum Verhängnis würde: ihre Eitelkeit und, als deren Reflex, der unbedingte Wille, den Film „im Alleingang“ zu machen. Dass Sender oder Förderer für ihr Konzept nicht ansprechbar waren, beklagen sie zwar, es kann sie kaum wirklich verwundert haben. Unübersehbar wird diese Einzelkämpferpose in der auffälligen Diskrepanz zwischen dem, was „Kubans“ verwackelte „Undercover“-Bilder wirklich zeigen, und dem, was ihnen seine Kommentierung zuschreibt. In recht naivem Verständnis der bundesdeutschen Rechtsordnung (im doppelten Sinne) betont er immer wieder, dass bei besagten Konzerten permanent Straftaten im Sinne des StGB begangen werden, aber die Polizei nicht nur nicht einschreitet, sondern untätig zusieht und die Nazis gewähren lässt. Im Bild zu sehen ist das nie, und auch die eine Szene, in der sich Polizisten freundlich von Neonazis verabschieden, ist da kaum beweiskräftig. Aber was hindert denn den kühnen Antifa-Einzelkämpfer daran, mit seinem „Beweismaterial“ die jeweils anwesenden Ordnungshüter direkt vor Ort anzusprechen, zum Einschreiten aufzufordern und deren Reaktion darauf zu dokumentieren? Die Antwort ist so schlicht wie entlarvend: Man wollte sein Material für den Film bewahren und nicht durch ein solches Einschreiten „verbrennen“.

Ohlendorfs Film trifft in Zeiten, da der Neonaziterror auch in rechtsbürgerlichen Kreisen besorgte Äußerungen hervorruft, auf gut vorbereiteten Boden, und seine in markige Worte gegossene Entrüstung wird mancher gerne annehmen – vom Hocker bzw. vom Kinosessel hauen wird sie niemanden. Und sollte – es gibt ja auch Pöbel unter den Neonazis – „Kubat“ oder seinem Regisseur einmal wirklich gesundheitlicher Schaden zugefügt werden, so wird auch das nicht mehr als eben diese Entrüstung auslösen, und Menschen wie Panorama-Chef Wieland Speck, der Ohlendorf und seinen kostümierten Helden im Berlinale-Kino bejubelte, werden sie gewiss als Märtyrer des Antifaschismus feiern.

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