BERLINALE: Censored Voices

Amos Oz: Israels Schande auf Band

Autor: U. Gellermann
Datum: 24. Januar 2015

Der große alte Mann der israelischen Literatur, Amos Oz, ist die zentrale Figur des Films "Censored Voices" von Mor Loushy, der in den nächsten Tagen in der Sektion "Panorama" der Berlinale gezeigt wird. Vorab versucht die Berlinale einen Teil der zumeist über 400 Filme den Journalisten zu präsentieren. Nun also ein Film über Tonbänder, die Amos Oz unmittelbar nach dem israelischen "Sechstage-Krieg" (1967) von jungen Soldaten besprechen ließ, die ihre Erfahrungen zu Protokoll gaben. Und anders als die offizielle Sieges-Propaganda verordnete, gaben die jungen Männer auch ihr Grauen preis, ihre Ängste und Zweifel. Deshalb fielen die Bänder von damals bis heute unter die Zensur.

Noch sind die Eindrücke frisch, unverstellt von der ideologische Überformung, die den Sechstage-Krieg bis heute als gerechten, sauberen und notwendigen Krieg verkauft. Die jungen Männer haben Leid und Tod gesehen, mehrheitlich sind sie nicht gefühllos, wissen um Gefangenenerschießungen, um die Erniedrigung des Gegners, und vor allem um die Vertreibung der Palästinenser von ihrem Land. Die, so wörtlich, an den Holocaust erinnert, den die Soldaten zwar nicht miterlebt haben können, dessen Erzählung aber ihr Leben prägte. Der Regisseurin ist es gelungen, zu den historischen Tonbändern alte Filmaufnahmen zu finden, die mit ihren Transportwagen voller wehrloser Flüchtlinge und dem Massen-Exodus der Palästinenser aus ihren Orten auf Eseln und zu Fuß, tatsächlich an die Vertreibung polnischer Juden aus ihren Häusern während des 2. Weltkrieges gemahnen.

"Nicht einmal Michis Fingernagel", erinnert sich einer der damals jungen Soldaten an den Ausruf einer Mutter am Grab ihres Sohnes, "ist die Eroberung Ostjerusalems und der Klagemauer wert!" Und mahnt so, nach- und eindrücklich, dass auch gewonnene Kriege eigene Opfer kennen. Und bitter konstatiert einer der jungen Männer, dass dieser Krieg kein Ende haben wird, haben kann, weil er ungerecht ist. Er sollte mit seiner Prophetie Recht behalten. - Konzentriert und nur selten sichtbar bewegt schauen die nun alt gewordenen Soldaten in die Kamera, während ihre Tonbandprotokolle ablaufen. Manchem von Ihnen war der Krieg eine Lehre, andere haben in den Jahren danach wenig begriffen.

Ob Zuschauer durch den Film dem Begreifen der israelischen Unterdrückung nahe kommen ist schwer zu beantworten. Ist doch gerade der Sechstage-Krieg, die Legende vom israelischen David, der gegen die vereinigten arabischen Nachbarn einen verdienten Sieg errungen hat, übermächtig in seiner ideologischen Wirkung. Längst vergessen die vorausgegangene Nakba (Katastrophe), die brutale Vertreibung von 700.000 arabischen Palästinensern 1947, verdrängt die Beteiligung von israelischen Fallschirmjägern an der französisch-britischen Invasion in das Ägypten des Jahres 1956. Bar jeder weiteren historischen Analyse wird es der mutige Film schwer haben in Israel ein Umdenken zu bewirken.

Umdenken in einem Israel, an dessen Spitze ein völlig verrückter Netanjahu steht, ein Ministerpräsident, der sich gerade in diesen Tagen mit dem US-Präsidenten anlegt und - von den Republikanern eingeladen - demnächst im US-Kongress gegen Obama sprechen wird. Um "über die gravierende Bedrohung zu sprechen, die der radikale Islam und Iran für unsere Sicherheit und Lebensart darstellen." Die israelische Radikalität und Bedrohung für den Frieden der Welt ist in "Censored Voices" zu erkennen. Dass der Staat Israel daraus Lehren ziehen wird, ist eher unwahrscheinlich.

Wegen der BERLINALE-Pressvorführungen kann es zu Verzögerungen bei der Leserpost kommen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 24. Januar 2015 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

ISRAEL und SHALOM - ein Paradoxon!

- Solange die ATOMMACHT ISRAEL der US-Freundschaft und die der Bundesrepublik und anderer Europäer weiterhin sicher sein kann,
- solange selbst ein NETANJAHU sich frech einreihen darf in die Reihe der untergehakten Trauer-Heuchler kürzlich in Paris - (was für eine Provokation! - Wo bleiben eigentlich die Trauerbezeugungen für die 2.400 toten Palästinenser in Gaza vorigen Sommer - die auf ISRAELS ermordet hat?)
- solange ISRAEL nicht die geringste Gelegenheit ausläßt, aus dem Holocaust bis in alle Ewigkeiten Profit zu schlagen,
- solange ISRAEL seine arabischen Nachbarn jeden Tag aufs Neue in aggressiver Weise beleidigt, demütigt, bis aufs Blut drangsaliert und ihre Rechte mit Füßen tritt,
- solange ISRAEL ungeniert zündelt und zündelt, vermeintlich ohne Folgen für sich fürchten zu müssen(!)...
- so lange wird sich die Gewaltschraube unweigerlich weiter drehen - bis es nicht mehr geht. Und dann Gnade Gott, wenn sich dieser Höllendruck eines Tages entlädt.
(Frage: wieso wohl wohnen so viele junge Israelis eigentlich im Ausland, in Berlin - und nicht Tel Aviv oder Haifa?)


Am 24. Januar 2015 schrieb Lutz Jahoda:

Israels Schande auf Band - und zur Einleitung des ganzen mosaisch-palästinensischen Elends, Deutschlands Urheberschande gleich voran.


Am 24. Januar 2015 schrieb Aleksander von Korty:

Lieber Manfred Caesar,

natürlich kenne ich gerechte Kriege ! ! !

Keine humanen, aber gerechte sehr wohl.

BEFREIUNGSKRIEGE von einer Willkürherrschaft.

Zum Beispiel, hier wo ich seit April 2010 lebe, in Nicaragua, gab es bis Juli 1979 den Befreiungskrieg der F.S.L.N. gegen die brutale 44jährige Familiendiktatur des Somoza-Clans.


Am 24. Januar 2015 schrieb Manfred Ebel:

Bravo Uli, bravo Herr Caesar! Nein, auch sog. `Verteidigungskriege´ sind Abwehr aufgedrängter Kriege, also nicht ursächliche Kriege. Krieg führen die, die militärisch neue Ressourcen erbeuten wollen. Nichts anderes!



Beim Lesen schon lief mir ein Schauer über den Rücken. Dann dachte ich an die Flut entstellender "objektiver historischer Dokumentationen" aus den MSM, in denen ehemalige deutsche Aggressoren-Krieger ungerührt von `damals´ berichten: "Nur eine Division mehr, und gewonnen haben-hätten wir den Krieg".


In Tränen brechen meist nur die Opfer-Zeugen aus, selbst nach 70 Jahren.

Dann muss man auch an die braunen Bachmanns, Jazenjuks, die heutigen Militaristen, die Baller-Baller-Spieler und letztlich so leicht und unbedacht dahingesagten tatsächlich antisemitischen und ähnlich tatsächlich diskriminierenden Alltagsreden denken. ... Müsste!


Am 24. Januar 2015 schrieb Manfred Caesar:

Ungerechter Krieg ?
Kennen Sie einen gerechten Krieg ?
Nur "Friedensnobelpreisträger" führen "gerechte" Kriege.


Am 24. Januar 2015 schrieb Aleksander von Korty:

Wozu sollten sie Lehren ziehen wollen. Sie wollen doch den Krieg. Er ist ihr Lebenselexier, an und mit ihm lässt sich verdienen und die eigene Herrschaft sichern. Öl Öl, Öl. Es gehört uns und nicht diesen armseligen Arabern. Deshalb wird das Imperium sie auch immer stützen. Völlig egal, was sie dort auch immer verbrechen.


Am 24. Januar 2015 schrieb Hans Jon:

IS ist REAL ein Wahnsinn!
IS-RAEL ist "nahe dran"!

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