Berlinale: Aus der Sektion Panorama

Eine echte Konkurrenz zum Wettbewerb

Autor: Hans-Günther Dicks
Datum: 18. Februar 2013

Der Wettbewerb der Berlinale genießt immer die besondere Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Doch am Ende dieses Wettbewerbes darf man feststellen, dass in anderen Sektionen des Festivals nicht selten die interessanteren Filme zu sehen waren. Zwei dieser Filme aus der Sektion PANORAMA hat unser Autor Hans-Günther Dicks mit seinen Filmkritiken gewürdigt.


DAS ROTE BLINKLICHT
Der Film WORKERS

Eine große, ausladende Totale mit Blick auf Meer und Möwen, dann ein Kameraschwenk nach rechts, der ganz langsam eine monströse Mauer ins Bild rückt. Ihre Funktion bleibt offen: eine Fabrik, eine Kirche, eine ausgedehnte Villenanlage, alles kann dahinter liegen, sogar ein anderer Staat. Gemeint ist die Grenzstadt Tijuana zwischen den USA und Mexiko, aber auch eine soziale Grenze ist denkbar, zwischen oben und unten, arm und reich. Arm steht hier für die beiden Hauptfiguren. Lidia war ihr Leben lang Hausangestellte in der Villa einer alten Millionärin, deren ganze Liebe – und nach ihrem Ableben auch ihr komplettes Vermögen - ihrer verwöhnten Rassehündin Principesa gehört. Rafael ist einst auf dem Weg aus El Salvador in die USA in Tijuana gestrandet, wo er seit 30 Jahren illegal als Reinigungskraft in einer Glühbirnenfabrik arbeitet; doch statt ihm die fällige Abfindung auszuzahlen, droht ihm sein Chef mit der Einwanderungsbehörde, um ihn noch leichter ausbeuten zu können. Den Reichtum spiegeln in Rafaels Fabrik die blitzblanken Hallen, während Lidias Chefin dem Mammon gleich ein veritables Denkmal in ihrem Park gesetzt hat: wie eine altägyptische Gottheit thront Principesa als schlanke Marmorfigur zwischen Pinien, dahinter das Meer so unendlich wie ihr Reichtum.

„Workers“ heißt der Film, und sein Regisseur und Drehbuchautor José Luis Valle, dessen Biografie der seines Helden Rafael sehr ähnelt, dürfte diese proletarischer klingende englische Bezeichnung mit Bedacht einem sanfteren Titel vorgezogen haben, gerade weil sie in reizvollem Kontrast steht zu der Welt absurder Dekadenz, in der sein Film spielt. Nicht umsonst gehört es zu Lidias Aufgaben, den sensiblen, musikalisch anspruchsvollen Vierbeiner vor allem Billigen und Hässlichen zu bewahren, und auch Rafael, in dessen Fabrik es schon keine Arbeiter mehr zu geben scheint, hat Stil genug, sich zur Feier seiner Abfindung neue Schuhe zu kaufen, die er bis zum dann ausfallenden großen Tag nicht beschmutzen möchte. Jesús Padilla gibt den Rafael als wortkarges, sich in seiner Freizeit mit den Mühen des Alphabets plagendes Opfer, während Susana Salazar als Lidia hinter der Fassade der Dienstbeflissenheit immer auch Rebellisches ahnen lässt – zwei darstellerische Meisterleistungen, ohne die Valles Film kaum gelingen könnte.

Die zum Teil extrem langen Kameraeinstellungen lassen dem Zuschauer Zeit und Raum, sich einzufühlen in die besondere Atmosphäre der sozialen wie psychischen Grenzsituation, in der sich die Protagonisten befinden. Der Filmtitel „Workers“ ist somit auch schon ein Versprechen auf kommende Umbrüche, die Regisseur Valle ganz undramatisch in kleinen Gesten oder symbolischen Bildern andeutet, etwa wenn der um sein Geld betrogene Rafael sich mit kleinen Sabotageakten rächt oder wenn das rote Blinklicht über ihrer Liege, das Lidia ein Leben lang herrisch zum Dienst rief, nach und nach rebellische Gedanken in ihr auslöst.

So wird, aller Langsamkeit zum Trotz, aus „Workers“ am Ende fast ein Krimi über die Macht des Geldes, aber auch der Solidarität, und Valles besondere Pointe liegt darin, dass es zu diesem Umschwung einer ganz ungewöhnlichen Koalition bedarf. Am unermesslichen Reichtum klebt stets der Hauch von Unmoral, und mag auch die Patronin sich davon frei fühlen, ihr Sohn, ein halbseidener Drogenbaron, verkörpert perfekt die Bedenkenlosigkeit, mit der sich Geld in Macht verwandelt: Selbst seiner Mutter angebeteten Rassehund hat er nur mit vorgehaltener Pistole „kaufen“ können. Ausgerechnet seine und seiner Kumpane Gier wird nun zum Bündnispartner der ewig Ausgebeuteten. Doch während sie die Gier nur zum weiteren Raffen treibt, nehmen sich nach dem etwas vorzeitigen Ableben ihrer vierbeinigen Herrschaft Lidia und die anderen Bediensteten nur, was ihnen schon lange zustand – ganz ohne den Sozialneid, den man den Unterschichten so gern unterstellt. Den Himmel, auf den man sie vertröstete, überlassen sie nun – frei nach Heine – gerne den Engeln, den Spatzen und Principesa.


EIN BILD DES ERBARMENS
Der Film TANTA AGUA

Endlich sind sie angekommen am Ziel ihrer länger geplanten Urlaubsreise, die das Eis brechen soll zwischen Vater Alberto und seinen bei der Mutter lebenden Kindern Lucia (14) und Federico (10). Nun sitzen die drei in ihrem Auto an einem ganz besonderen Ort, der alles bietet, was man von einer Touristenattraktion ersten Ranges erwartet: eine Super-Ferienanlage mit Thermalbad, tollen Ausflugs- und Freizeitangeboten in malerischer Flusslandschaft, gefunden in Reiseprospekten, aus denen Lucia mit bitter ironischem Unterton gerade dem Vater vorliest. Denn alle hymnische Prospektlyrik kann nichts ausrichten gegen den Dauerregen, der ohne Aussicht auf ein Ende aufs Autodach trommelt und die Sicht trübt – ein Bild, das selbst Steine erweichen und zu Tränen rühren müsste. Ein Bild des Erbarmens, auf das selbst der Filmtitel „Tanta agua“ („Soviel Wasser“) nicht ausreichend vorbereitet; auch alle noch folgenden Urlaubskatastrophen – das Thermalbad bleibt wegen Gewittergefahr geschlossen, dem bestellten Quartier fehlt ein Zimmer, Luisas Disco-Besuch endet mit einem heftigen Kater usw. – können die Tristesse nur noch illustrieren, nicht mehr steigern.

Gerade mal zwei Kurzfilme haben Ana Guevara Pose und Leticia Jorge Romero aus Uruguay bisher als filmisches „Oeuvre“ vorzuweisen, da gelingt ihnen mit ihrem ersten Langfilm ein ganz großer Wurf, der es an Originalität der Geschichte wie an Professionalität der Gestaltung mit manchem großen Namen aufnehmen kann. Das beginnt mit dem Hauptdarsteller Nestor Guzzini, der schon 2009 in Adrian Biniez’ mit drei Berlinale-Preisen bedachtem Film „Gigante“ zu sehen war. Er gibt den Alberto in einer brillanten Mixtur aus verspäteter Erzieherrolle und hilflosem Bemühen um die Gunst seiner Kinder, die zwischen der Aussicht auf einen tollen Urlaub und der vertrauten Umsorgtheit daheim bei der Mutter nur halb begeistert auf die Reise gehen. Sein Versuch, Lucia und Federico mal für ein paar Tage ein Leben ohne Fernseher schmackhaft zu machen, scheitert kläglich, und die Grimassen, mit denen sich Federico noch aufheitern lässt, findet Lucia nur peinlich. Nicht genug damit, zerstört Albertos übertriebene Fürsorge auch noch ihre ersten zarten Liebesbande.

So sehr auch die verregnete Urlaubsstimmung den ganzen Film dominiert, selbst als der Dauerregen freundlicherem Wetter gewichen ist: Das von den Regisseurinnen gemeinsam geschriebene Drehbuch sorgt dafür, dass „Tanta agua“ nicht in der Tristesse gefangen bleibt. Kleine, fast unbedeutende Momente geben allen drei Hauptfiguren Raum für eine je eigene, subtile Geschichte. Dies geschieht so subtil, dass selbst der „dramatischste“ Moment des Films aus den Bildern verbannt bleibt: von einem Fahrradunfall Federicos, der in ein paar Blessuren und einem zerbeulten Rad endet, erfahren wir nur aus den Dialogen. Und Albertos so diskretes wie folgenloses Anbandeln mit einer gut aussehenden Dame wird so sparsam inszeniert, dass man es fast übersehen könnte.

Der eigentliche Geniestreich der beiden begabten Debütantinnen aber ist die Wahl ihrer Kamerafrau. Wer Rodrigo Pla’s Film „La demora“ aus dem Berlinale-Forum 2012 gesehen hat, wird sich an die kraftvollen, alle Register der Cadrage ziehenden Scope-Bilder von Maria José Secco erinnern. Mit noch gesteigerter Inspiration entlockt sie auch in „Tanta agua“ der scheinbaren Monotonie des Regens immer neue Facetten und findet im tristen Grau bizarre Lichteffekte und verborgene Strukturen. Die Enge in der zu kleinen Ferienhütte weiß sie mit kurzen Kamerafahrten zu unterstreichen, die die drei Hauptfiguren quasi umzingeln, während sie bei Außenaufnahmen meist aus der Distanz mit starr fixiertem Blickwinkel das Statische der Situation betont. Ein Musterbeispiel unaufdringlicher und gerade dadurch gelungener Bildgestaltung.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 18. Februar 2013 schrieb Karin Odenthal:

Nun haben Sie ja viel zur Berlinale veröffentlicht. Aber zu den Preisen schreiben Sie nichts und Ihre Favoriten (der Film über den schwulen Priester oder der Nachtzug nach Lissabon) tauchen bei den Preisträgern nicht auf. Warum?

Antwort von U. Gellermann:

Die Preise werden von Jurys vergeben. Und Jurys sind Kompromissmaschinen, unberechenbar und häufig unsinnig. In diesem Jahr bekommt der iranische Film aus Solidarität mit den Filmemacher einen Drehbuchpreis obwohl er erkennbar nie ein Drehbuch gesehen hat. Einer der besten Wettbewerbs-Film ("In the name of . . .") erhält gar keinen Preis, obwohl er a) mit einem schwulen polnische Priester ein Problem benennt, b) einen super Hauptdarsteller hat und c) ein soziales Milieu auf das Feinste bebildert. Ein silberner Bär für den besten männlichen Darsteller geht an einen bosnischen Roma der kein Schauspieler ist sondern nur sich selbst (schlecht) spielt. Catherine Deneuve brilliert als ältere Dame in einem wunderbar erzählten Film, die aussteigt und ihr Leben neu ordnet und bekommt nix, aber eine nette chilenische Darstellerin, die eine ähnliche Figur in einem langweiligen Film darstellt, bekommt den Frauen-Bären. Da der "Nachtzug nach Lissabon" - von mir heftig gelobt - außer Konkurrenz lief, konnte ihm kein Preis verliehen werden.

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