Bekenntnisse eines Fussball-Flüchtlings

Anpfiff oder Abpfiff, das ist hier die Frage

Autor: Hans-Günther Dicks
Datum: 23. Juni 2016

Unser Autor ist eigentlich Film-Kritiker. Wenn er sich an einer Fussball-EM-Kritik versucht, dann muss Außergewöhnliches geschehen sein. Aber wenn er über einen Meister aus Deutschland schreibt, dann ist es doch eher Paul Celan, als Paul Breitner.

Ich gebe zu, es gibt weit schlimmere, bedrohlichere Verfolgungen, und viele Flüchtlinge, deren Asylanträge in Deutschland kurz und (für die Prüfer!) schmerzlos abgelehnt werden, weil sie aus angeblich „sicheren Herkunftsländern“ stammen, werden meinen Hilferuf wohl als unangemessen betrachten. Aber auch ich fühle mich verfolgt und als Flüchtling, besonders in diesen Tagen seit dem 10. Juni. Aber ich erinnere mich, dass meine Verfolgung eigentlich schon in meiner Jugend angefangen hat. Der Konflikt entstand durch meines Vaters Haupt-vergnügen am Wochenende. Das bestand darin, dass ich ihn begleiten sollte, um auf dem grünen, rechteckig markierten Rasen am Rande unseres Dorfes rund zwei Dutzend erwachsenen, seltsam bunt gekleidet umher rennenden Männern zuzuschauen und dabei gelegentlich laute Rufe auszustoßen.

Mit dem Einzug des Fernsehers in unsere Wohnstube wurde dieses Ritual immer öfter sitzend abgehalten: In einer Sendung namens Sportschau spielten nun statt der bunten Männer aus unserem Dorf auf der Mattscheibe kleine, mir ganz unbekannte Männlein in Schwarzweiß das gleiche Ritual – was mein Verständnis für das seltsame Spiel nicht eben förderte. Ich konnte dem Treiben der „Kicker“ genannten Männer einfach keinen „Kick“ abgewinnen.
Ich verstand nicht, warum jugendliche und sogar erwachsene Männer ständig hinter einem Ball her rannten, diesen sich gegenseitig abjagten, was oft mit heftigen Verletzungen einher-ging, nur um diesen dann doch wieder wegzuschießen. Sehr wertvoll konnte die Lederkugel nicht sein, sonst hätte man sie nicht so heftig mit den Füßen traktiert, und wenn das Ding nicht so teuer war, warum kaufte man dann nicht für jeden Spieler eines, um diesen Streit zu vermeiden? Mein Unverständnis wäre sicher noch viel größer gewesen, hätte ich gewusst, dass die Gagen mancher dieser Kicker den Monatslohn meines Vaters hundertfach und mehr überstiegen. Auch dass sie selbst manchmal in einem modernen Sklavenhandel für Zigmillionen an andere, reichere Vereine verkauft werden, habe ich erst später erfahren.

Bald wurde meine eigentlich einleuchtende Logik zu meiner ersten Fluchtursache, weil mein genervter Vater nicht nur wilde Flüche, sondern auch mal Pantoffeln in meine Richtung feuerte. Als Student in Köln erging es mir kaum besser: Ein Torjubel im falschen Moment in der Kneipe und eine abfällige Bemerkung über den alten Geißbock, den die FC-Fans als Maskottchen verehrten, trugen mir fast Prügel ein. Mir wurde klar, als Fußballbanause ohne FC-Begeisterungsfähigkeit war ich schlicht nicht integrationsfähig. Berlin, die nächste Station meiner Flucht, verehrte zwar keinen Geißbock, war aber offenbar unglücklich verliebt in eine Dame namens Hertha, wie Graffiti überall verkündeten. Mich ließ auch diese Fußballdame völlig kalt, und bis heute kann ich kollektiven Jubelschreien nichts abgewinnen, ganz gleich um welche Tricotfarben, Welt- oder sonstige Turniere es geht.

Nun also plagt mich die Eh-Ämm, der ich offenbar nirgendwo mehr entkommen kann. Zwar wohne ich nicht mehr in der Schöneberger Bülowstraße, wo bei ähnlichen Turnieren der laut hupende und lärmende Autokonvoi jubelnder Fußballfans diverser Nationen mir regelmäßig bis zwei Uhr morgens den Schlaf raubte. Aber auch meine jetzigen Nachbarn aus Italien, Russland, der Ukraine und der Türkei würde ich sicher vergrätzen mit dem Geständnis, dass ich „ihren“ Mannschaften ein möglichst rasches Ausscheiden wünsche - und noch intensiver natürlich der deutschen Elf, deren Fangemeinde mit Fortschreiten des Turniers von einer unübersehbaren Schwarzrotgolditis-Epidemie befallen wird und schon jetzt jedes deutsche Tor mit lauten Böllern begleitet. Beim Bäcker, beim Gemüsehändler, beim Friseur und in meinem türkischen Stammcafé, überall bin ich „abgemeldet“, wenn ich nicht die neuesten EM-Gruppentabellen und Spielerausfälle im Kopf habe. Ich will ja niemandem seine Freude nehmen, auch wenn ich sie nicht teilen kann. Aber es sollte auch Ausweichquartiere geben.

Mit zwei fußballgenervten Freunden will ich beim sonst so ruhigen Griechen in meiner Straße ins Kurzzeit-Exil gehen; doch obwohl Griechenland gar nicht bei dieser EM dabei ist, steht dort ein großer Fernseher mitten im Gastraum und lenkt Koch und Kellner von ihren Aufgaben ab.
„Alles halb so schlimm,“ meinen sie, „in vier Wochen ist alles vorbei“?

Eben nicht! Und das macht alles umso schlimmer. Die Fähnchen und das „Deutschland!“-Gegröle überall werden verschwinden, sobald „WIR“ ausgeschieden sind, aber für das unselige „Deutschland über alles“-Gefühl, das schon so viel Schaden angerichtet hat in der Geschichte, könnten Zeiten wie diese eine Verjüngungskur sein. Schon Brecht wusste: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Und spätestens wenn die Politik sich aufmacht, dieses Land wieder einmal zum Meister der Welt zumachen, werde ich auch ganz real Asyl suchen. Aber bloß wo???


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 23. Juni 2016 schrieb Heinz Raschein:

Wohin ins Exil? - Sie schreiben nicht Ziegen-, sondern "Geissbock". Täusche ich mich, oder klingt da ein alemannischer Helvetismus mit an? - Vielen Dank für den träfen Artikel und herzliche Grüsse aus südlich gelegenen Landen.


Am 23. Juni 2016 schrieb Melanie Gatzke:

Herr Dicks, gute Ansichten, sehr gut, genauso ergeht es .Ich meide diese gröllenden Fanatiker wo es nur geht.


Am 23. Juni 2016 schrieb Lutz Jahoda:

REFRAIN:
König Fußball
Und Bruder Zufall,
Ja, die zwei, die sind ein Pärchen!
Bangen, Hoffen,
Ergebnis offen,
Alles andre wär ein Märchen.
Kopfball oder Weitschuss,
Die Hauptsache ins Tor.
Wichtig: nie ins eigne!
Auch das kommt manchmal vor.
Na toll!
König Fußball
Und Bruder Zufall!
Ja, die zwei, die sind ein Paar.

VERS:
Hat der Torwart den Stürmer getreten?
War es Absicht? Oder war´s nur ein Versehn?
Die Entscheidung zum Elfmeter,
Na gut, die war korrekt.
Verdammt manchmal hilft nicht mal Beten!
War´s ein Foul oder ´ne Schwalbe,
Das Abseits nur geträumt?
Was soll´s, manches Tor geht so flöten.

*
Selbst nicht fußballinfiziert, schrieb ich vor Jahren dieses Lied. Enthalten auf einer CD, die wendebedingt nie im Handel auslag und auch niemals im Radio gespielt wurde, die aber unter dem Titel "Die Welt will nur noch Show" im Studio Wilfried Peetz produziert wurde. Wer interessiert sein sollte, melde sich.


Am 23. Juni 2016 schrieb Aleksander von Korty:

Endlich mal eine vernünftige, sachliche und fundierte Sportberichterstattung. Das war längst überfällig in der RationalGalerie.
So hoffe ich, dass dieser qualifizierte Sportreporter Hans-Günther Dicks eine Festanstellung bei Ihnen Herr Galerist erhält und von nun an regelmäßig von den sportlichen Großereignissen berichten wird. Schließlich gibt es nichts Wichtigeres auf dieser Welt, als wenn sich 22 schöne Männerbeine um ein Stück Leder streiten!


Am 23. Juni 2016 schrieb Matu:

....ein "Bekenntnis". das mir aus der Seele spricht .
Auf die letzte Frage:" aber wohin ?" wäre meine Antwort: "nach Russland" - nicht nur aus ideologischen Gründen, sondern auch aus Gründen der Empathie für "Ausgestoßene, Verkannte, Diskriminierte und mit Sanktionen traktierte Menschen" - in ein Land, dass kulturell nahe ist und mit dem wir die besten diplomatischen Beziehungen haben sollten....
Oder im Land bleiben und den Fernseher einfach "aus" stellen, sich mit Freunden treffen und gemeinsam überlegen was diesem nationalistischen, propagandistischen und dumpfen Verhalten entgegen gesetzt werden kann....


Am 23. Juni 2016 schrieb Simone Birgersson:

Toooooooooor!
Danke. Das spricht mir aus Seele, denn es geht mir ebenso. Und bei jeder dieser Gelegenheiten geht mir durch den Kopf, auf meine alten Tage doch noch eine neue Berufsperspektive zu entwickeln: Kneipenwirtin. Allerdings nur, um alle zwei Jahre zu jeder Eh-Ämm und Weh-Ämm vier Wochen lang die Lokalität zu öffnen für alle derart gesinnten Flüchtlinge. Mit einer guten Schallisolierung nach aussen. Für den Fall, dass dennoch das Torgebrüll ins Innere dringt, sorgt eine starke Lautsprecheranlage mit Stadionkapazität für Gegenwehr: Völker hört die Signale. Die erste Einladung zur Einweihung geht natürlich an Sie, Hans-Günther Dicks.

Als ersten Schritt der Gegenwehr habe ich mir die Fernbedienungs-App auf mein Pfiffig-Phon geladen mit der man alle TV-Geräte in der Umgebung zum Schweigen bringen kann.

Oder um es frei nach Juvenal zum Ausdruck zu bringen: Blöd und Spüli, so werden wir ordentlich eingeseift.

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