Apartheid als Staatsräson

Wie der Philosemitismus die Menschenrechte ignoriert

Autor: U. Gellermann
Datum: 18. September 2014
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Buchtitel: Das unheilvolle Dreieck Deutschland, Israel und die Palästinenser
Buchautor: Arn Strohmeyer
Verlag: Gabriele Schäfer

Gegen Judenhass hatten sie jüngst in Berlin demonstriert - die Merkels, die Gaucks und Gabriels - nicht gegen Russenhass, nicht gegen Islamhass, nicht gegen Xenophobie. Als hätten die paar Idioten, die jüngst am Rande von Demonstrationen gegen das Schlachten in Gaza antisemitische Parolen riefen, den deutschen Staat erschüttert und die hochrangige Image- Reparatur-Brigade aus Staat und Regierung auf den Plan gerufen. Tatsächlich gibt es nicht wenige Deutsche, die nach dem erneuten Morden in Gaza die unerschütterliche Solidarität mit Israel in Frage stellen. Was das mit Antisemitismus zu tun haben soll, auch wenn es immer wieder und gern behauptet wird, bleibt ein Rätsel. Der Autor Arn Strohmeyer hat sich mit seinem Buch "Das unheilvolle Dreieck - Deutschland, Israel und die Palästinenser" genau dieser Frage gewidmet und sie gewissenhaft, kenntnisreich und anständig beantwortet.

Strohmeyer erinnert daran, dass die Palästinenser die deutsche Zeche zahlen, das es ihr Land ist, das man den Israelis nicht zuletzt deshalb zugesprochen hat, weil die Deutschen einen millionenfachen Mord an Juden verübt hatten, und der alte zionistische Siedlungsplan so einen moralischen Schub bekam, der zumindest in Deutschland bis heute anhält. Weil diversen israelischen Regierungen die alten Grenzen aus der Zeit vor 1967 nicht ausreichten, Grenzen die international weitgehend akzeptiert wurden, wollen sie bis heute die realen staatlichen Grenzen Israels nicht festlegen: Es gibt ja noch jede Menge Quadratkilometer im Westjordanland, die nicht von israelischen Siedlern besetzt sind und die, nach dem sonderbaren, biblisch verbrämten Glauben einer israelischen Mehrheit eigentlich ihnen gehören. Man ist in Tel Aviv für neue Grenz-Ziehungen immer offen.

"Als ewiges Opfer des Holocaust erklärt sich der jüdische Staat für berechtigt wann und wo auch immer Gewalt anzuwenden", schreibt Strohmeyer "denn es handelt sich dabei in seinen Augen immer um Selbstverteidigung." Dann zitiert er den israelischen Anthropologen Jeff Halper, der achtzehn arabische Friedensangebote aufzählt, die alle von Israel abgelehnt wurden. "Das letzte 2002, in dem die arabischen Staaten Israel die volle Anerkennung anboten, wenn es im Gegenzug das Westjordanland und den Gazastreifen für die Schaffung eines Palästinenserstaates freigeben würde." Strohmeyer zitiert viele und häufig israelische Stimmen. Das liegt sicher daran, dass die israelischen Kritiker ihr Land und seine fatale Lage am besten kennen. Aber es mag auch daran liegen, dass sich insbesondere deutsche Israel-Kritiker gern den Antisemitismus-Vorwurf zuziehen, ein Vorwurf der einen schneller zum Paria macht als man Zentralrat der Juden in Deutschland buchstabiert kann.

Denn nach dem langen, großen deutschen Schweigen über den Mord an den europäischen Juden wendeten nicht wenige Deutsche ihren "angelernten Antisemitismus" zum "angelernten Philosemitismus" (Günter Grass) und versuchten der fraglosen Schuld und Verantwortung dadurch zu entgehen, dass man aus der Haut der Täter in die Haut der Opfer kroch. Durch einen schamlosen Beifall im israelischen Sechstagekrieg zum Beispiel, den die damalige BILD-Zeitungs-Schlagzeile zum "Blitzkrieg" veredelte, als seien die Deutschen endlich gemeinsam mit den Truppen Israels unterwegs. Die Opfer der Opfer, die Palästinenser, existierten lange Zeit in Deutschland nur unter dem Begriff des Terrorismus. Bis heute wird ihr Anspruch auf ein Leben ohne Mauern, ohne das israelische Apartheidsregime und ohne den täglichen Terror der israelischen Armee in den besetzten Gebieten von den Deutschen nicht gleichermassen anerkannt wie der Anspruch Israels auf eine sichere Existenz.

Die "Sicherheit Israels auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte (ist) Teil der deutschen Staatsräson und nicht verhandelbar" verkündete Angela Merkel. Der israelische Historiker Tom Segev kommentierte die Merkel so: "Das hört sich dann an, als wäre es von der Internetseite des israelischen Auswärtigen Amtes abgelesen." Doch das Lachen kann einem im Halse stecken bleiben wenn man bedenkt, dass sich Deutschland entlang der Merkel-Räson zum Komplizen der aggressiven israelischen Militär- und Außenpolitik macht. Das argumentiert Strohmeyer nachdrücklich am Beispiel jener deutschen U-Boote, die der israelischen Militärmaschine eine atomare Zweitschlags-Kapazität ermöglicht und so einen Krieg mit dem Iran denkbar macht. Den Politologen Mohssen Massarrat zitiert der Autor mit einem weisen Satz, der einen gültigen Schlusspunkt setzt: "Ein berechtigtes Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung Israels wird aber nicht durch nukleare Erst- und Zweitschlagskapazität und eine Sicherheitspolitik gegen die Staaten im Mittlern und Nahen Osten, sondern durch eine Sicherheitspolitik hergestellt, die mit diesen Staaten gemeinsam aufgebaut wird."


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 28. September 2014 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

Eine Doku, die sich w i r k l i c h lohnt (WDR, 20.09.14)! Sie beschreibt eindringlich das harte, rechtlose Leben des palästinensichen Volkes unter der Besatzungsmacht Israel, besonders den Landraub und Siedlungsbau, die Hoffnungslosigkeit aus der Sicht eines einzelnen Palästinensers im Westjordanland. Vom Filmen und Dokumentieren hatte er sich nicht abbringen lassen. So filmte er den Tod seines Freundes, von israelischen Kugeln getroffen - die Mauer, die israelisches Gebiet vergrößert, obwohl ihn und seine Familie das immer wieder in große Gefahr brachte. Während der Zeit, als sein kleiner Sohn erst Säugling war, dann zum 5Jährigen heranwuchs - wurden ihm von israelischen Soldaten 5 Kameras zerstört..
Ihm aber lag daran, auf diese Weise deutlich zu machen (so können wir besser begreifen) was es heißt: Palästinenser zu sein.


Am 19. September 2014 schrieb Gideon Rugai:

@Ebehardt Kleinknecht

"So funktioniert moderner Antisemitismus: Israel wird die alleinige Verantwortung für die Ereignisse in Gaza zugeschoben, antisemitische Demonstrationen werden zu "Idioten" am Rand verkleinert und die Rolle des Iran wird erst gar nicht beleuchtet. Ihr Judenhass ist nur gut versteckt."

Hahahaha, immer wieder erstaunlich wie gut Herrchen und Hund (hier : Familienname und Kommentar) manchmal zusammenpassen, Hr. Kleinknecht.
Kommt bestimmt nicht von ungefähr. Na denn, viel Spaß noch beim bütteln für die Lehnsherren (und für die Staatsräson) !
Vielleicht fällt ja mehr Ernte ab als sonst...wenn man sich schon derart knechtend ins Zeug legt...

http://de.wiktionary.org/wiki/B%C3%BCttel


Am 19. September 2014 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

Eine wahre Wohltat - dieser Artikel, gegenübergestellt dem allgemeinen Tenor in dt. Medien, und den ausgebliebenen, allenfalls lauwarmen Reaktionen aus dem dt. Bundestag in Form von angemessener Kritik an Israel oder angemessenen Maßnahmen auf das tausendfache Massaker - neulich im Gazastreifen.

Israel tut einfach alles, um die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten, mit allen möglichen Mahnmalen, Gedenkstätten... - das aber nicht um des Holocaust willen. Nein, es steckt schon eine gehörige Portion schlitzohrige Berechnung dahinter, Kritiker mundtot zu machen (Totschlagsargument "Antisemitismus") , um damit bis zum Sankt-Nimmerleinstag die Hand aufhalten zu können und sich soviel wie möglich entschädigen zu lassen - Das "Auserwählte Volk" sucht daneben "sein" bereits blutig erbeutetes Territorium auf Kosten der Palästinenser immer mehr zu erweitern (Siedlungsbau) - oder mittels Krieg - auf Basis einer Lüge - gegen schutzlose eingesperrte Menschen ohne Fluchtmöglichkeiten militärisch vorzugehen. So wie jüngst geschehen: indem es deren Zahl reduziert oder ihren Lebensraum fast komplett zerstört.
Nein, Israel ist nie und nimmer an einer friedlichen Lösung interessiert oder gar an einer 2-Staaten-Lösung. "Friedensverhandlungen in Camp Davis etc.pp! -
alles nur Finten und viel vergeudete Zeit!

Der nächste Militärschlag ist ja auch schon vorprogrammiert.
("Landnahme im Westjordanland" titelte am 31.08.14 die sonst Israelfreundliche
taz in einem lichten Moment):
Die israelische Militärverwaltung hat 400 Hektar westlich von Bethlehem zum "Staatsland" erklärt. Den palästinensischen Eigentümern gab sie 45 Tage Zeit,
sich an den Militärischen Berufungsausschuß zu wenden.... Die israelische Bürgerrechsbewegung "Peace Now" geht davon aus, daß das Land - wie schon in zahllosen anderen Fällen - enteignet werden wird, um darauf eine Siedlung zu errichten!

Wer, wenn nicht die vielen Menschen auf den Straßen - in vielen Städten - rund um den Globus - haben gegen Israels Gräuel in Gaza ihre Stimme erhoben! Die Politik aber hat wieder einmal bloß weggeschaut, nichts verurteilt oder gar Sanktionen beschlossen. Sie spielt lieber den Tanzbär, der sich am Nasenring vorführen läßt....

Man wünschte sich so sehr, daß die Würfel endlich einmal zugunsten von Palästina und seiner bedauernswerten Bevölkerung fallen!


Kritiker dieser barbarischen Politik werden mundtot gemacht (das gängigste Totschlagsargument: der Antisemitismusvorwurf). Dieser Staat spielt ein perfides Spiel, indem er sich selber zum Opfer stilisiert.


Am 19. September 2014 schrieb Rüdiger Becker:

Seit langem bin ich der Überzeugung, die Palästinenser seien die letzten Opfer der Nazis. Vor diesem Hintergrund wirkt so manches, was hierzulande geschieht, vorsichtig formuliert, extrem befremdlich.


Am 18. September 2014 schrieb Hans Jon:

Die "Rolle" ISRAELS ist nur verstehbar als"Verbündeter" im Kalten und Heißen Krieg der USA gegen den "ISLAM". Man stelle sich vor, dass ISRAEL in GAZA eingepfercht wäre, dann wäre MERKELS Spruch sinnvoll:
"Sicherheit Israels auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte (ist) Teil der deutschen Staatsräson ?!"


Am 18. September 2014 schrieb Klaus-Jürgen Bruder:

Du bringst einen wichtigen neuen Gedanken in die Diskussion über die „Verantwortung“, wenn Du in Deiner Darstellung des Buches „Das unheilvolle Dreieck Deutschland, Israel und die Palästinenser“ von Arn Strohmeyer (Verlag: Gabriele Schäfer) auf eine der deutschen „Staatsräson“ (Bundeskanzlerin Merkel) konstitutive Praxis des Diskurses der Verantwortung“ aufmerksam machst: den „Versuch, der Verantwortung zu entgehen“, dadurch, „dass man aus der Haut der Täter in die Haut der Opfer kroch“ und dabei das Geschäft der Täter weiterführen konnte, weil die ehemaligen Opfer selber zu Tätern geworden waren und neue Opfer produzierten, denen man nun, indem man sie zu „Terroristen“ erklärte, die Täterkarte anstecken konnte


Am 18. September 2014 schrieb Klaus Wallmann sen:

Im Vorfeld der Kundgebung am Sonntag vor dem Brandenburger Tor in Berlin, zu der der Zentralrat der Juden aufgerufen hatte, äußerte sich die Gruppe "Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost" in einer Stellungnahme unter der Überschrift: "Es geht nicht um Antisemitismus. Es geht um die Frage: Sympathie mit Menschenrechten oder mit Israels Politik?"
http://www.jungewelt.de/2014/09-12/025.php


Am 18. September 2014 schrieb Ebehardt Kleinknecht:

So funktioniert moderner Antisemitismus: Israel wird die alleinige Verantwortung für die Ereignisse in Gaza zugeschoben, antisemitische Demonstrationen werden zu "Idioten" am Rand verkleinert und die Rolle des Iran wird erst gar nicht beleuchtet. Ihr Judenhass ist nur gut versteckt.


Am 18. September 2014 schrieb Gerhard Gust:

Seit 1949 ist der `Vorwurf des Antisemitismus´ ein Totschlagsargument gegen alle Kritiker der expansionistischen, zionistischen, rassistischen Politik des Staates Israel und er soll alle seine Gegner zum Schweigen bringen, sie mundtot machen, insbesondere in Deutschland. Dabei haben gerade nach den furchtbaren Erfahrungen des Holocaust alle DEUTSCHEN die ganz besondere Verpflichtung jedem Genozid und jedem Rassenhass massiv entgegen zu treten, wo auch immer auf dieser Welt. Und um sogenannten `Judenhass´ geht es dabei sowie so nicht! Die Bezeichnung `Jude´ ist seit 70 nach unserer Zeitrechnung eine rein religiöse Begrifflichkeit, so wie Christ, Buddhist, Muslim oder Hindu. Das heutige `israelische Volk´ setzt sich zusammen aus Atheisten (z.B. Mitglieder der KP Israels) und Angehöriger der verschiedensten Religionsgemeinschaften, orthodoxe, katholische, evangelische, chaldäische Christen,. Mennoniten., Muslime der verschiedensten Richtungen (Sunniten und Schiiten usw.), Juden und Angehörige noch vieler anderer Religionen. Aber eines ist Israel bestimmt: Die Außenstelle des CIA als Stachel im Fleisch der arabischen Nationen im Nahren Osten.


Am 18. September 2014 schrieb Iris Gusner:

Solange Deutschland und die EU nicht den Mut haben, öffentlich zu unterscheiden zwischen Protesten gegen die israelische Politik und Antisemitismus, werden sie indirekt Antisemitismus produzieren.
Als Leserin der BZ z.B. fühle ich mich durch ihren Sonntagsaufmacher am 14. 9. : "Achtung, judenfreundlich!" - beleidigt - als setze sie voraus, ich, der deutsche Leser, sei à priori judenfeindlich und man warne mich deshalb.
Die EU-Staaten vergessen, dass sie unterdessen jede Menge Bürger aus arabischen Ländern und islamischen Glaubens nicht nur im Land, sondern auch eingebürgert haben, die die Ereignisse in Gaza und Israel auf persönlichere Weise betreffen als uns.
Auf sie geht die Politik überhaupt nicht ein, denn dann müssste sie Stellung zur israelischen Politik beziehen. Also tun wir doch lieber so, als müsste man unter Deutschen den Antisemitismus bekämpfen.
Mich erstaunen auch unsere jüdischen Mitbürger, von denen ich noch in keiner Zeitung ein Wort des Bedauerns über die Opfer in Gaza las, sondern nur die Frage hörte: Können wir denn noch gefahrlos in Deutschland leben?
Nun, hier kann ihnen der liebe Leser nicht weiterhelfen, da ist er sprachlos..

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