Zweierlei Menschenhandel

"Das Schiff des Torjägers" wirft neues Licht auf eine vergessene Kampagne

Autor: Hans-Günther Dicks
Datum: 26. November 2010

Wenn er früher unten auf dem Stadionrasen seine Ballkünste zeigte, war ihm der Jubel aus Tausenden Kehlen sicher. Nun sitzt er allein, wo einst seine Fans saßen, und obwohl er hier sein „super goal“ schoss, sind es „keine guten Erinnerungen“, die ihn mit diesem Ort verbinden. Sein Name: Jonathan Akpoborie aus Nigeria, hoch bezahlter Profikicker des Bundesligavereins VfL Wolfsburg – bis im April 2001 die Zeitungen mit großen Lettern „Skandal“ schrien und ihn anprangerten als Besitzer eines „Sklavenschiffs“, das Hunderte von afrikanischen Kindern aus Benin und Togo ihren Familien entrissen und an Ausbeuterfirmen im Nachbarland Gabun verschifft habe. Als die „Etireno“ im Hafen von Cotonou/Benin gestoppt wurde, erwies sich die Zahl zwar als weit übertrieben, die Hintergründe, wie die Kinder auf das Schiff gelangt und für welche Art von Tätigkeit sie vorgesehen waren, blieben aber im Dunklen.

Die Schweizer Dokumentaristin Heidi Specogna hat schon öfter ihr besonderes Gespür für die verborgenen Seiten von Ereignissen bewiesen, die im Medienalltag rasch vergessen waren oder gerade mal als kleine Notiz unter „Vermischtes“ Platz fanden (zuletzt mit „Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez“ über den ersten US-Toten im Irakkrieg). Mit der gleichen gründlichen Recherchearbeit geht sie nun den Hintergründen der „Etireno-Affäre“ nach. Sie befragt die Ankläger wie den angeklagten Akpoborie, folgt dem Lebensweg zweier der betroffenen Kinder und ihrer Eltern und leuchtet hinter die fetten Schlagzeilen von einst, wodurch manch spannender und überraschender Aspekt von Moral und Doppelmoral zu Tage tritt. Specogna stellt präzise Fragen, enthält sich dabei jeder Schuldzuweisung und tritt ihren Gesprächspartnern in strikter journalistischer Neutralität gegenüber. Einer Neutralität freilich, die gelegentlich schwer auszuhalten ist, umso mehr, als sie in der schlichten Gut-Böse-Weltsicht heutiger Medienkampagnen kaum mehr zu finden ist. Anhänger beider Seiten werden ihr dies vielleicht als Standpunktlosigkeit ankreiden – zu Unrecht.

So begegnen wir Vertreterinnen von Unicef und Terre des hommes, die gleich nach Bekanntwerden des Vorfalls medienwirksam von „Kinderhandel“ sprechen und eine in Benin erwirkte Änderung der Gesetzeslage sich stolz an ihre Fahnen heften, aber auch den betroffenen afrikanischen Familien, die in der Verschickung ihrer Kinder die beste Chance sahen, mit deren in Gabun verdienten Hungerlöhnen wenigstens die daheim gebliebenen Kinder durchzubringen. Akpobories Behauptung, er habe mit den zwei in Dänemark gekauften Fähren seiner Familie in Nigeria eine Existenzgrundlage geben wollen, habe aber von dem Kindertransport nichts gewusst, kann und will Specogna weder bestätigen noch widerlegen. Und während sie ihre Interviewpartner mittels Bildteilung oft direkt mit einander konfrontiert, schneidet sie dazwischen ruhige Bilder afrikanischen Alltags, die Aufgeregtheit und Aggressivität gar nicht erst aufkommen lassen: Aus dem Sandstrand von Benin ragt ein Stück vom Ruder der „Etireno“, die mittlerweile als Wrack vor der Küste liegt, bewacht von einem alten Mann, bis sie gehoben und als Schrott wieder nach Europa verkauft werden kann. Das Ende eines Verlustgeschäfts.

In einer Szene befragt Akpoborie seinen Sohn Tevin nach dessen Plänen für die Zukunft, und die Antwort kennt man schon bevor sie kommt, weil sie den Traum so vieler schwarzer Jungs in Worte fasst: Fußballstar in Europa will er werden, wie der Papa entdeckt von einem Talentscout der großen, millionenschweren Clubs. Ob er dann, wenn er gut im Geschäft ist, auch Schiffe kaufen wird für die Familie daheim? Für den Papa jedenfalls blieben mit dem „Skandal“ die üppigen Einnahmen beim VfL Wolfsburg abrupt aus: Aus Angst vor Imageschäden für den Hauptsponsor VW zog der VfL-Vorstand die Notbremse und entließ seinen Starkicker, ohne eine Klärung der Vorwürfe abzuwarten. „Leider mit Verlust“ habe man ihn „abstoßen müssen“, sagt VfL-Manager Peter Pander mit erstaunlicher Offenheit, während die Verlust bringende „Ware“ neben ihm steht – nun als Händler, pardon, „Spieler-Vermittler“ für den FC Genf! Redet da jemand von „Menschenhandel“? (ab 2. Dezember im Kino)

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