Weiße Westen im Aufwind

Das Märchen vom Schlag gegen Steuerflucht

Autor: Volker Bräutigam
Datum: 03. November 2014

Das wäre mal wieder geschafft: Sie haben nicht erst lange das Sandmännchen gespielt, sondern dem Michel die Schlafmütze gleich über Augen und Ohren gezogen. Jetzt träumt er, Sie hätten mit Ihren Ministerkollegen aus Frankreich und 49 weiteren Staaten abgemacht, die wichtigsten Steueroasen der Welt auszutrocknen und die Schwarzgeldkonten unserer mafiösen Kapitalistenelite vom Fiskus abgreifen zu lassen; er träumt nun auch, unser Bananenstaat werde seriös und kriege bald genug in die Kasse, um unsere marode öffentliche Infrastruktur anständig zu reparieren. „Schäubles wuchtiger Schlag gegen die Steuerflucht,“ titelte Springers Kampfblatt DIE WELT. Na also, klappt doch, Ihr Märchen wird geglaubt!

Beim Einlullen haben Ihnen aber auch unsere öffentlich-rechtlichen journalistischen Qualitätsnutten von ARD bis ZDF geholfen. Auf die ist immer Verlass, die kennen sich aus im Umgang mit Schnarchlappen, schließlich sehen sie die schon morgens im Badezimmerspiegel. Das Nachprüfen von Behauptungen eines Bundesministers unterlassen sie gern zugunsten der Aktualität ihrer Hofberichte. Gewohnheitsmäßig, auch zwecks Energiesparens: Die Birne braucht weniger Strom, es muss nicht soviel nachgedacht werden.

Die Schweiz, bis anhin die bedeutendste europäische Fluchtburg für schwarzes und für gewaschenes Geld, werde schon auch noch dem Abkommen beitreten, da müsse nur eine Volksabstimmung her. Dann sei garantiert Schluss mit der Steuerflucht, hieß es in den Nachrichten von Tagesschau und heute. Luxemburg, Liechtenstein, Gibraltar, Guernsey, Jersey, Irland, Isle of Man, Britische Jungferninseln, Malta, Zypern, Mauritius, Bermuda, sogar die Kaimaninseln, Turks- und Caicosinseln: alle trocken, alle dicht! Toll.

Der Michel bezahlt seine Rundfunkgebühren auch für Quatsch mit Soße. Die Liste aller Länder, deren Banken äußerst vornehm-zurückhaltend mit den Daten ausländischer Kunden umgehen, kann jeder Depp einsehen und ohne Aufwand feststellen, wer die Tür für Geldwäscher und Steuerbetrüger weiterhin sperrangelweit offen hält: Nicht nur die Schweiz steht dort drauf. Aber einem hochbezahlten TV-Redaktionsteam kann man nicht zumuten, dass es sich die Mühe macht, mal nachzusehen und Schlussfolgerungen anzustellen. Für einen Finanzminister gut zu wissen, dass seine Wähler zuverlässig für blöde verkauft werden.

In Westeuropa bietet sich für den interessierten Steuerhinterzieher noch das schöne Monaco an, auch der Pyrenäenstaat Andorra bleibt in Reichweite. In Übersee steht der US-Bundesstaat Delaware zu Diensten. In der Karibik gibt es zahlreiche weitere Geldasyle, die Bahamas zum Beispiel. Auch der Nahe und der Ferne Osten (z.B. Dubai, Jordanien, Bahrain resp. Hongkong, Macao und das absolut sichere Singapore) sind großzügig. Nicht zu vergessen so wunderschöne Inselparadiese wie die Seychellen, die Malediven und Tonga. Taiwan wäre noch zu nennen, es hat den Vorzug, von den allermeisten Staaten nicht anerkannt zu sein und deshalb auch keinen internationalen Finanzkontrollen zustimmen zu müssen, zugleich aber verfügt es als reicher, hochindustrialisierter Inselstaat über ein erstklassiges Bankensystem mit ausgezeichnetem Service.

Die legendären Profite, die fürs Hüten krimineller Geldvermögen anfallen, werden nun nur auf 51 Staaten weniger als bisher verteilt. Es findet demnach eine Profitkonzentration statt: weniger Steueroasen, dort aber höhere Einlagen. Das freut die Finanzminister der fraglichen Oasen-Regierungen, die jeweiligen Banker, die international tätigen Finanzjongleure, die Tourismusbranche (wegen der höheren Umsätze dank der  Reiseintensität der Geldkuriere) sowie das den Oasen angeschlossene Rotlichtmilieu.

Von Ihren Aktivitäten, werter Herr Finanzminister, haben alle etwas, nicht wahr, eine Win-Win-Aktion nennt man das neudeutsch:  Auch die Produzenten von Weißen Westen sind auf der Gewinnerseite - und deren Kundschaft, zum Beispiel Sie. Jetzt aber Obacht, damit der Michel nicht schnallt, dass Sie Ihre Weste fortwährend bekleckern: Sie verzichten schließlich auf eine jederzeit und leicht mögliche Änderung des deutschen Steuerrechts. Einfach die uneingeschränkte Steuerpflicht auf Einkommen und Vermögen aller natürlichen und juristischen Personen mit deutschem Pass bzw. mit einem Firmensitz in Deutschland einführen. Zugleich rigoros ausschließen, dass in Deutschland erzeugte Konzerngewinne den jeweiligen ausländischen Tochtergesellschaften gutgeschrieben werden, die ihren Sitz in einer Steueroase haben. Und umgekehrt verhindern, dass Konzerne, die im Ausland buchhalterische Verluste schreiben, diese in Deutschland mit hiesigen Gewinnen verrechnen.

Freilich, Herr Minister, wir verstehen schon: Wenn Sie sich wie ein richtiger Diener des Volkes verhielten, würden Ihnen unsere Oligarchen die Speichen am Rollstuhl verdammt stramm nachziehen. Sie halten es also lieber mit Ihrer reichen Herrschaft, dem deutschen und dem internationalen Geldadel. Die sorgt dann auch dafür, dass Sie immer eine frische Weiße Weste haben.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 03. November 2014 schrieb Aleksander von Korty:

Der rasante Bundes-Rollstuhl-Raser handelt nach dem deutschen Sprichwort: "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass". Dabei soll der deutsche Michel durchaus den sehr fleißigen Waschvorgang erkennen können, aber bitte nicht den Umstand, dass nicht die Kapital-flüchtigen Finanzjongleure nass gemacht werden, sondern wieder einmal mehr, er selbst.
Allerdings ist dies dennoch alles nur für Ihn, den Michel, erdacht: GROSSES THEATER! Er muss schließlich dumm und bei Laune gehalten werden und darf auf keinen Fall hinter diese parlamentarischen Theater-Kulissen schauen. Das wäre fatal,. Es könnte nämlich sonst zur Folge haben, dass er plötzlich und brutal aus seinem Schlaf und seinen süßen Träumen gerissen wird , was wiederum zur Folge hätte, dass dieses Affen-Theater vom misslaunig Erweckten plötzlich und radikal geschlossen werden würde. Und die dann arbeitslosen Polit-Laien-Darsteller müssten sich nach ehrlicher Arbeit umsehen und könnten auch nicht mehr auf die Hilfe und Unterstützung ihrer einstigen finanzkräftigen Brotherren hoffen.


Am 03. November 2014 schrieb Hans A. Plast:

"unsere öffentlich-rechtlichen journalistischen Qualitätsnutten von ARD bis ZDF"

(Zitat aus dem Artikel)

- Dafür gibt es seit einiger Zeit einen amerikanischen Fachbegriff, der sich auch gut ins Deutsche übertragen läßt. Geprägt wurde er glaube ich von Gerald Celente:

Presstitutes

zu Deutsch: Presstituierte


Am 03. November 2014 schrieb Brigtte Mensah-Attoh:

Voll im Trend der deutschen Massenmedien: unseriöse MOGELPACKUNGEN! Es hätte mich doch sehr gewundert, hätte eine solche Meldung doch auch n u r e i n m a l der Wahrheit entsprochen (speziell die über "ausgetrocknete" Steueroasen. Würde man alles aufzählen wollen an falschen Meldungen, Halbwahrheiten, Verdrehungen oder glatten Lügen - die den BürgerInnen nur Sand in die Augen streuen sollen - das ergäbe eine lange Liste).
Von der RATIONALGALERIE dagegen und auch von den Machern der Sendung
DIE ANSTALT etc.pp. fühle ich mich we-sent-lich besser informiert - (speziellen Dank an diese Spezies aufrechter Mitbürger)!


Am 03. November 2014 schrieb Lutz Jahoda:

Wolfgang Schäubles Wiegenlied

Streu, streu, streu!
Mein Traumsand ist nicht neu!
Wenn er auch stark knirschen tut,
dem Traumlandmichel tut er gut!
Streu, streu, streu!
Träumt süß von Geld wie Heu!


Am 03. November 2014 schrieb Hans Jon:

Zu diesem Artikel über "STEUERFLUCHT" ist das ZDF-Politmagazin "DIE ANSTALT" als "herausragender" Volksaufklärer gerade auch tätig gewesen!

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