Wie Draghi die Wirtschaft ankurbelt

War is good business - Invest your son

Autor: U. Gellermann
Datum: 12. Juni 2014

Hat Oma schon ein Smartphone? Wenn nicht, soll sie doch ihren Sparstrumpf bei der Kreissparkasse auflösen und schnell eines von diesen schicken Dingern kaufen und noch drei für die Enkel dazu, dann kann sie jeden Tag telefonisch darüber jammern, dass sie bei der Sparkasse keine Zinsen mehr bekommt und, wenn es so weiter geht, noch Geld für´s Geld-Aufbewahren zahlen muss. Das kurbelt die Wirtschaft an, meint Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank (EZB) und hat den Leitzins auf 0,15 Prozent gesenkt. Und Draghi muss es wissen. War er doch lange Zeit bei Goldman-Sachs im Vorstand, der wichtigsten internationalen Geld-Manipulations-Maschine und wurde für seinen Job von Silvio Berlusconi vorgeschlagen, dem Freund der Witwen und Waisen, wenn sie denn minderjährig sind.

Es gibt sie noch, die deutschen Sparer. Zwar wächst die Zahl jener, die nichts mehr zurücklegen können: Die Harz-Vierer, die Leiharbeiter, die Niedriglöhner und die Aufstocker. Aber immer noch gibt es Millionen Deutsche, die Monat für Monat so um die 100 Euro beiseite legen. Sei es direkt auf ein Bankkonto, sei es indirekt für eine Lebensversicherung oder für Zusatz-Rentenverträge. Denn dass ihre Rente gering sein wird, davon dürfen die meisten Sparer ausgehen. Zur Zeit erleben sie das wunderbare Banken-Mirakel: Zwar zahlen die Banken fast keine Zinsen mehr wenn sie sich bei der EZB Geld leihen. Aber trotzdem nehmen sie von ihren Kunden ab sechs Prozent aufwärts, wenn die sich ein paar Euro von ihnen leihen wollen. Und weil die EZB so extrem billig daher kommt, zahlen sie den Sparern zwischen nichts und gar nichts mehr für deren Einlagen.

Die vier Smartphones sind von Oma gekauft, mit ihnen wurde die Wirtschaft in China gesichert und wenn man das Phone bei Apple gekauft hat, sind nicht mal Steuern in Deutschland hängen geblieben. Denn die Nobelmarke zahlt ihre Steuern in Irland, also nicht. Jetzt liegen auf Omas Konto immer noch ein paar Euros, die auf einen sinnvollen Verwendungszweck warten. Die Börse gab am Tag der EZB-Zinssenkung einen deutlichen Hinweis: Der Dax, das Börsenfieberthermometer sprang über die historische Marke von 10 000 Punkten! Oma soll jetzt über ihr neues Handy täglich mit ihrem Bankberater über die Börsenkurse reden: Kaufen, verkaufen, kaufen. Das belebt die Finanzwirtschaft. Jenes virtuelle Wesen, das tägliche neue Finanzprodukte erfindet und an An- und Verkauf prima verdient. Was dabei herauskommt? Wer weiß, eine neue Finanzkrise vielleicht oder nur die normale Verflüssigung des Sparerkontos mittels hoher Gebühren oder schlechter Beratung.

Der alte linke Traum von der Enteignung des Kapitals wird wahr. Leider nur im Mikrobereich. Nach ein paar Monaten Bankberatung ist Omas Geld fast enteignet, es hat die Seiten gewechselt, von ihrem Konto auf das Konto der Bank. Dieser Vorgang hat keine neue Straße gebaut, keine superschnelle Internet-Verbindung verlegt, keine Schule saniert. Es wurde Papier bewegt und heiße Luft. Und wer denkt, diese Form der Ankurbelung der Wirtschaft habe sich die EZB mal eben so ausgedacht, bei einer Betriebsfeier vielleicht, der irrt: Mario Draghi war bei der Klausur der Fraktionen von SPD und CDU in Bonn anwesend. Zwar galt als Hauptthema der Klausur die Sanktionspolitik der EU gegen Russland, aber wer sich auf einen Wirtschaftskrieg vorbereitet, der braucht Geld. Und Draghi kann es drucken.

Bisher hat keine der EZB-Maßnahmen die wirtschaftliche und soziale Lage in der EU ernsthaft gebessert. Aber seit Beginn des Ukraine-Konfliktes steigen die Rüstungs-Aktien rapide. Dazu Frank Mayer vom Bankhaus Rott: "Was halten Sie von Rüstungsaktien? Die sind todsicher! Sie laufen an der Börse seit Jahren wie Bolle. Etwaige Skrupel werden durch eine unschlagbare Rendite ausgeglichen. . . Rüstung war schon immer ein Wirtschaftsfaktor, trägt sie doch auf einleuchtende Art und Weise zu Wachstum und Wohlstand bei. Zumindest hierzulande. Und er schafft Arbeitsplätze und offiziell auch noch Frieden." - So könnte Oma ihre Spekulations-Defizite ausgleichen. Und auf dem neuen Smartphone sich dann die besten Bilder von der Front anschauen. Oder alte Antikriegsposter, mit der Zeile von Allen Ginsberg "War is good business - Invest your son". Es darf natürlich auch ein Enkel sein.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 17. Juni 2014 schrieb Georg Moritz:

@Rainald Irmscher

Der Artikel von Frank Mayer ist bitterböser Sarkasmus:

"Es würde mich nicht wundern, wenn in diesem Jahr die ?Drohne? den Friedensnobelpreis? erhalten wird, da sie ja so sauber arbeitet, da ferngesteuert. Damit töten die USA gezielt Terrorverdächtige. Der Verdacht reicht aus. Saubere Sache! Seien Sie dabei! Der Einsatz von Drohnen ist gewinnträchtig. Nicht umsonst sind die Aktienkurse der Hersteller wie Northrop Grumman und Lockheed Martin fantastisch gestiegen?"

http://www.rottmeyer.de/todsichere-boersentipps-ruestungsaktien/


Am 14. Juni 2014 schrieb Zuvielnachdenker Rodin:

Zu Joe Bildstein

Wunderbar danke,Sie sprechen mir aus dem Herzen.
Salbungsvolle Kriegshetze in professioneller Reinstform,für viele Mitbürger sehr schwer bis gar nicht zu erkennen.Das sind dann die schlichten Gemüter,die ich ehrlich gesagt manchmal um ihre gedankliche Einfachheit beneide.

Herr Gellermann
Ich kann Ihnen nicht oft genug danken für Ihre immer wieder lesenswerten Beiträge.
Der (fast) tägliche Besuch bei der Rationalgalerie erspart mir mittlerweile Zeit,Geld und Nerven fürs Anti-Aggressionscoaching .*könnte Ironie gewesen sein*.
Weiter so.
Viva Rationalgalerie.


Am 14. Juni 2014 schrieb Joe Bildstein:

Herr Gauck,

zum wiederholten Male rufen Sie die Deuschen zum Waffengang auf. Zuerst auf der privaten "Sicherheitskonferenz " in Muenchen, nun in Norwegen.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/aussenpolitik-gauck-warnt-vor-tabuisierung-von-militaer-einsaetzen-a-975165.html

Seit ewigen Zeiten sind es alte Männer, die jungen Männern erzählen, es wäre etwas ganz Großartiges, mit heraushängenden Eingeweiden in einem Stacheldrahtverau zu hängen und sich die Seele aus dem Leib zu schreien, bis man tot ist.

Mir scheint das wir Deutsche nun mit Ihnen so einen alten Mann als Bundespräsidenten haben.

Ich weiss nicht wer Sie in dieses Amt gehievt hat und welche Interssen Sie vertretetn, es sind ganz bestimmt nicht meine. Wir koennen Gott nur Danken das Sie und die Dicke aus der Uckermarck 2003 nicht an der Macht waren, sonst waeren wir im Irak mitmarschiert.

Als Deutscher, Demokrat u Buerger moechte ich Ihnem mitteilen das ich mich schaeme Sie als Bundespraesident zu haben.


Mit freundlichem Gruss

Joachim Bildstein


Am 14. Juni 2014 schrieb HMA Tornow:

Draghi & Co. GmbH KG
Ihre Nachricht: Solange die Möglichkeit besteht, mit viel Geld noch mehr Geld zu verdienen, anstelle mit der Herstellung einer Ware, wird sich an den beschriebenen Zuständen, in der Zukunft, nichts ändern.

Da auch bei den finanziellen Transaktionen noch nicht einmal Papier benötigt wird, weil sich die benötigte Infrastruktur nur noch auf digitale Datenströme beschränkt, werden in den nächsten Dekaden immer mehr Arbeitsplätze fortfallen.


Am 14. Juni 2014 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

Antwort an Werner Kamphaus:

Wenn Sie dabei an "Verschwörungstheorien" denken (das ewige Totschlagsargument
gegen mehr als berechtigte Zweifel), dann machen Sie es sich doch reichlich einfach. Der Begriff soll den Leuten Sand in die Augen streuen!). Denn fast NICHTS was geschieht, geschieht "zufällig"!
"Life can be so easy, when you are strupid" - Die Ruhrkanaker


Am 13. Juni 2014 schrieb Jochen Kampeter:

Ihr ansonsten guter Artikel hat eines ausgelassen: Die Ausserkraftsetzung der Demokratie durch die die EZB. Denn deren scheinbar "nur" ökonomischen Eingriffe determinieren gesellschaftliche Prozesse, von der Frage für welchen Sektor Geld ausgegeben wird, ob für finanzielle Luftgeschäfte oder für notwendige, infrastrukturelle Projekte, bis zur Entscheidung für Krieg oder Frieden in der Ukraine-Russalnd-Frage. Längst haben de Deutschen ihre Wahlfreiheit an die mächtigen europäischen Apparate abgegeben.


Am 13. Juni 2014 schrieb JOB BRAUERHOCH:

Brillant? SI, DA, ja 1


Am 12. Juni 2014 schrieb Herr Wurzelzwerg:

@Herr Gerber



Bei Omas ihr klein Häuschen handelt es sich mitnichten um das Kapital, das gemeint ist, das hat eine entschieden andere Dimension. Omas ihr klein Häuschen wurde propagandamäßig ausgeschlachtet, damit die Oma mit dem klein Häuschen mächtig Angst kriegt vor denen, die das Kapital enteignen wollen. Aber anzunehmen, dass Sie das wissen, trotzdem werden die verstaubten Argumente immer wieder aufgewärmt.



@Herr Kamphaus


Für mich immer wieder erstaunlich, mit welch einer ungeheuren Portion Naivität manche Menschen an die Politik gehen. Sollten Sie die Ereignisse um die Ukraine nicht verfolgt haben, würde sie sich mir aber erklären.

Was aber die EZB angeht: Wir ham´s doch. Die deutschen Rüstungsfirmen produzieren ihre Mordmaschinen und füllen damit das Säckel. Jedenfalls was Rüstungsexport angeht, so geht es aufwärts. Dafür sorgt unser Pummelchen aus der Uckermark. 



Am 12. Juni 2014 schrieb Rainald Irmscher:

Danke für diesen Artikel!

Ich möchte zunächst auf das Zitat von Frank Mayer eingehen:
"Was halten Sie von Rüstungsaktien? Die sind todsicher! Sie laufen an der Börse seit Jahren wie Bolle. Etwaige Skrupel werden durch eine unschlagbare Rendite ausgeglichen. . . Rüstung war schon immer ein Wirtschaftsfaktor, trägt sie doch auf einleuchtende Art und Weise zu Wachstum und Wohlstand bei. Zumindest hierzulande. Und er schafft Arbeitsplätze und offiziell auch noch Frieden."
Wahrscheinlich glaubt der Mensch die bodenlose Unverschämtheit, die er da von sich gibt, sie entspricht ja der offiziellen Linie unserer Mainstream-Medien.

Dass noch nie ein Konflikt gelöst wurde durch Waffengewalt sondern dadurch immer nur das "Recht" des Stärkeren durchgesetzt, wird dabei vergessen.

Dass dafür immer entsetzlich viele Menschen getötet und verstümmelt und verroht werden, zählt bei solcher Argumentation nicht. Allein die "Lehre" die dadurch unzähligen Kindern erteilt wird, die miterleben müssen, wie ihre Umgebung brutal zerstört wird, darf doch nicht einfach hingenommen werden. Die Posttraumatischen Störungen gleich zu Tausenden und Millionen.

Ja, Rüstungsaktien sind todsicher, Sie töten ganz sicher ! ! !

Millionen von Menschen werden so in entsetzlich hilflose Situationen gebracht, die sie für lange Zeit paralysiert und ängstlich macht. Es gibt gar nicht genug Helfer, die sie aus dieser schweren Störung herausholen könnten.

Und - Herr Werner Kamphaus - dann ist es nicht verschwörungstheoretisch, wenn eine derartige Politik verurteilt wird.

Dieses Jahrhundert sollte das Jahrhundert des Dialogs sein. Dialog ist der einzige Weg, Konlikte zu lösen. (Dalai Lama)

Krieg ist kein Gesellschaftsspiel, bei dem sich die Planer brav an Regeln halten. Wenn es um Sein oder Nichtsein geht, werden Regeln und Verpflichtungen machtlos. Nur die bedingungslose Abkehr vom Krieg überhaupt kann da helfen. (Abert Einstein)


Am 12. Juni 2014 schrieb Wolfgang Oedingen:

Wenn ich lese. was der liebe, gute Werner K. da zu Papier bringt, weiß ich nicht, ist der so dumm oder tut der nur so ? Oder soll das gar
nicht ernst genommen werden ?
Lieber Mann, die kapitalistischen Staaten brauchen für ihre Kriege keine Vorbereitung, die stehen doch immer schon Gewehr bei Fuß, um ihre Wertevorstellungen unter die Völker zu bringen. Frieden schaffen mit
unseren weltweit erprobten Waffen.


Am 12. Juni 2014 schrieb Klaus Wallmann sen.:

Oma `ihr klein Häuschen´ ist kein Kapital. Und die Enteignung des privatkapitalistischen Eigentums an den Produktionsmitteln - einer Form des Kapitals - ist imho kein Traum, sondern historische Notwendigkeit.


Am 12. Juni 2014 schrieb Werner Kamphaus:

Jetzt kommen Sie uns doch nicht verschwörungstheoretisch: Nur weil der Draghi auf einer CDU-SPD-Klausur war, muss doch dort keine Krieg vorbereitet worden sein.


Am 12. Juni 2014 schrieb Rainer Gerber:

"Der alte linke Traum von der Enteignung des Kapitals wird wahr." Diesen linken Traum gab es nie. Die Vergesellschaftung galt nie der Oma "ihr klein Häuschen" sondern dem Eigentum an Produktionsmitteln.

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