Terror in Tuben

Fahndung nach Al Dente ist ausgelöst

Autor: U. Gellermann
Datum: 10. Februar 2014

Zahnpasta-Tuben sind der letzte Schrei bei Terroristen. Das erzählen deutsche Medien in diesen Tagen nachdrücklich. Die kühne aber höchst geheime NSA hat unter den Millionen Mails, die sie liest und den Trillionen Telefonanrufen, die sie abhört wieder schlimme Wörter gefunden: Zahn und Pasta. Sofort haben die deutschen Medien diese Meldung gehorsamst weitergegeben. Zwar rätseln die Kryptomanen der Agentur noch, ob es statt "pasta" auch "basta" hätte heißen können. Oder ob gar die "Pasta" der Italiener gemeint gewesen ist, dann hätte es sich ja nur um Nudeln gehandelt. Aber der im Abhörbericht enthaltene Begriff "al dente" (für die Zähne) weist doch, so die Experten, auf einen gewissen Al Dente hin, den haben die Geheimdienstler schon lange im Auge, beziehungsweise im Ohr. Auf alle Fälle werden sie jetzt auf Zahnpasta-Tuben im Flugverkehr achten und auf den gefährlichen Al hinter dem sich wahrscheinlich ein Ali verbirgt.

Nun ist es so, dass seit Jahren an den Flughäfen Flüssigkeiten aller Art nicht im Handgepäck mitgeführt werden dürfen. Und die deutsche Bundespolizei hat in einem Merkblatt genauestens geklärt, was eine Flüssigkeit außer Nitroglyzerin auch sein kann: "Hierunter sind alle Substanzen zu verstehen, welche bei Raumtemperatur flüssig, zähflüssig, gelartig, cremig oder von ähnlicher Konsistenz sind (zum Beispiel Pasten, Lotionen, Mischungen von Flüssigkeiten und Feststoffen, Suppen sowie Streichkäse/-wurst, Zahnpasta, Haargel, Sirup, Parfüm und Rasierschaum)". Es gab sogar schon Fälle, dass eine Groß-Tube Chlorodont vom Grenzbeamten ausgedrückt wurde und ein schönes Muster auf dem Förderband hinterließ. Aber das ficht die deutschen Medien nicht an. Sie haben es von der NSA, also amtlich, erfahren: Der Terror kommt aus der Tube. Das ist neu und bedrohlich.

Weil der Tuben-Terror die Olympiade in Sotschi bedroht, haben die USA sogar zwei Kriegsschiffe ins Schwarze Meer entsandt. Voller Marine-Elite-Soldaten. Auch das melden die Medien erleichtert. Denn wenn diese oder jene Tube am Strand von Sotschi auftauchen würde, dann wären die Marines willens und in der Lage, den Strand zu stürmen, alle Araber oder Tschetschenen umzulegen, um danach die Köpfe auf einer internationalen Pressekonferenz zu präsentieren. Die Spitze der NSA bekäme von Putin einen schönen Orden und alles wäre wieder gut.

Nichts ist so richtig gut mit der NSA teilt die gute, alte SPD der Öffentlichkeit mit. Und wer jetzt gedacht hätte, die Sozialdemokratie, zwischenzeitlich in einer Regierungskoalition verankert, wäre nach der Meldung über das abgehörte Schröder-Handy jetzt zu energischen Schritten gegenüber den amerikanischen "Freunden" bereit, der irrt. SPD-Justizminister Maas wirft dem US-Geheimdienst NSA zwar willkürliche Überwachung vor: "Wer Kanzler-Handys abhört, der liefert keinen Beitrag zum Schutz vor Terroranschlägen." Aber das muss man aus dem Politischen ins Deutsche übersetzen: Wenn die Überwachung nicht willkürlich wäre, sondern schön ordentlich, mit dem Abgehörten und der SPD abgestimmt, dann könnte man, ja was könnte man dann? Dass es sich um ein sozialdemokratisches Kanzlerhandy handelt ist dem Heiko Maas besonders verwerflich. Denn nur das Abhören von Otto Normalo liefert scheinbar echte Beiträge zur Terrorabwehr. Wer weiß, ob dieser Otto am Telefon nicht das Chlorodont-Attentat geplant hat.

Selbst der Präsident des Deutschen Softball-Verbandes und SPD-Innenexperte Michael Hartmann, hat zur NSA eine total radikale Meinung: "Wer uns ausspäht, muss damit rechnen, dass er seinerseits ebenfalls Zielobjekt wird". Man kann die NSA förmlich zittern hören. Denn Michael Hartmann wird künftig, wenn er selbst spioniert, drei Tage vor den deutschen Medien vom Zahnpasta-Attentäter wissen, umgehend einen Bundeswehrflottenverband ins Schwarze Meer beordern, um den tschetschenischen Muslimen mal zu zeigen was eine Antiterror-Einheit ist. Außerdem wird der Bundesnachrichtendienst umgehend den Hintermann dieses Tuben-Terrors, den unheimlichen Al Dente auf die Fahndungsliste setzen. - Die SPD wird es der NSA schon zeigen. Bei Gelegenheit. Oder später. Vielleicht.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 11. Februar 2014 schrieb Birigitte Mensah-Attoh:

Zum Leserbrief von Irene Wagner:

Ihr Kommentar, in dem Sie einen Attentäter nennen, der trotz seiner Tat - Zahnpasta hin oder her - u n b e h e l l i g t in den USA weiterlebt, fielen mir - wenn Sie erlauben - noch eine Handvoll andere Leute ein, die trotz ihrer terroristischen Untaten ebenfalls u n b e h e l l i g t in den Vereinigten Staaten von Amerika weiterleben (sicherlich trotzdem mit sich im Reinen): George D. Bush, Rumsfield, Dick Cheney, Condoleeza Rice, usw usw. usw. ! Sie sind für die Zerstörung des IRAK - aufgrund einer Lüge - verantwortlich.


Am 10. Februar 2014 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

Ich habe mich schlapp gelacht - habe bei diesen Dauer-Zahnpastatuben-Warnungen so kurz vor Sotschi selber schon ähnlich Schlimmes vermutet. Und - Wolfgang Blaschka ist endlich wieder da - ! Schubbi-dubbi-duuuuh!


Am 10. Februar 2014 schrieb Wolfgang Blaschka:

Was soll ich jetzt machen? Mein Lieblings-Italiener heißt tatsächlich Pasta e Basta. Bisher dachte ich, das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, dass zwei finstere Gestalten mit Geigenkästen hereinkommen namens Aglio und Olio und wild um sich schießen, wenn sie kein Schutzgeld kassieren können. Muss ich mich nun umorientieren und zum Schweinsbraten-Ali gehen? Demnächst werden noch Creme-Torten verdächtig und Joghurt verboten. Milupa, Hipp und andere Breichen sind eh schon tabu. Nur eines haben die Terrorfahnder bisher übersehen: Den Matsch in ihrer Birne. Der ist tatsächlich explosiver als Glyzerin.


Am 10. Februar 2014 schrieb Armin Gröpler:

Zum Leserbrief von Svenja Ginger:
Ihre Nachricht: Eigentlich haben Sie recht, verehrte Svenja; oder anders: man sollte garnicht mehr schreiben, vor allem keine Satiren. Weil alles schon komisch genug ist...


Am 10. Februar 2014 schrieb Irene Wagner:

Dem normalen Menschen erscheint die Aufregung um Zahnpastatuben im Zusammenhang mit Terrorismus völlig abwegig. Heute habe ich jedoch einem Leserbrief in der Jungen Welt entnommen, daß es tatsächlich ernst zu nehmen ist. Laut Leserbrief wurde 1976 mit solchen Tuben (mit Sprengstoff gefüllt) ein Anschlag auf eine kubanische Passagiermaschine verübt. Dabei starben 73 Personen. Auftraggeber war Posada Carriles, der heute noch unbehelligt in den USA lebt.


Am 10. Februar 2014 schrieb Peter Lind:

Ach Gellermann! Ich glaube, daß Sie die Gefahr, die von terroristischen Zahnpastatuben ausgeht gröblichst unterschätzen. Haben Sie ein so kurzes Gedächtnis? Erinnern Sie sich nicht mehr an das Jahr 1999, als bolschewistische Terroristen von der ostzonalen Stasi den verdienten Langstreckenläufer und Vorbild der deutschen Sportjugend (Dieter Baumann) delegitimierten? Ist Ihnen entfallen, wie man ihm Nandrolon in die Zahnpasta drückte, nur damit er bei einer Dopingkontrolle als Gedopter erwischt wird? Ja, ja, machen Sie sich nur weiter lustig! Aber unser Land wird sich das nicht bieten alssen. Schließlich, so unser aller Aussenminister, ist Deutschland viel zu groß, als das es nur immer am Rande der Auseinandersetzungen stehen bleiben kann. Und darum kann man nur hoffen, daß unsere Sicherheitsbehörden die Aufhebung der Flüssigkeitskontrollen an den Flughäfen wieder rückgängig machen, zusätzlich den Fluggästen neben der Ganzkörper-Scannerdurchleuchtung auch das Pinkeln in vorbereitete Röhrchen, das Abgleichen unserer Daten mit den Erkenntnissen unserer Freunde vom NSA u.v.m. verordnet. Zu ihrer Sicherheit und nur gegen Aufpreis, versteht sich. Das wäre ein entscheidender Schlag gegen alle Terroristen - und gegen solche Defätisten wie Sie.


Am 10. Februar 2014 schrieb Wera Blanke:

Endlich mal wieder ein Feuerwerk der Satire! Man hört es knallen und zischen, wo sonst nur Watte quietscht. Danke!


Am 10. Februar 2014 schrieb Moyra Mangold:

Da schließe ich mich dem Kommentar von Frau Gatzke an. Mit so einem Artikel ist ein positiver Start in den Tag gleich vorprogrammiert. Eines muss ich noch anmerken. Der große Terrorführer Al Dente hat noch einen Stellvertreter mit Namen Al Flourid, der uns bereits seit Jahrzehnten von Innen infiltriert und zerstört. Al Flourid ist ein Abfallprodukt aus der Industrie und toxisch. Er wird uns seit Jahren als gesundheitsfördernd verkauft. Al Flourid ist ein Schläfer, der erst in unserem Körper erwacht und seine Arbeit verrichtet.


Am 10. Februar 2014 schrieb Melanie Gatzke:

Ein köstlicher Artikel.
Mehr davon. !
Damit startet man doch gleich fröhlich in den Tag, mit Pasta..basta.


Am 10. Februar 2014 schrieb Heinrich Triebstein:

Es gab bei einer früheren documenta den Beitrag eines US-amerikanischen Künstlers, der jede Sekunde seines täglichen Lebens ins Netz stellte. Sein Hintergedanke: Die Abhörer sollen in der Flut der Informationen ersticken. Der Stasi ist das schon widerfahren. DIE NSA wird weiter wüten in ihrer Sammelwut, solange sich Bürgerinnen und Bürger dem Irrglauben hingeben, die USA seien ein mächtiges Land. Die USA werden beherrscht von einer Elite von Paranoikern, die aus der großen Mehrheit ihrer Untertanen eine Masse von blind folgenden Schafen gemacht hat. Paranoia ist die Mischung von Größenwahn und Verfolgungswahn. Man könnte auch von einem Überwertigkeitskomplex sprechen. Und der hat etwas Unheilbares. Wer ihn überwinden wollte, kann nur verlieren. Da lob ich mir den Minderweritgkeitskomplex. Wer den zu überwinden sich aufmacht, kann nur gewinnen.


Am 10. Februar 2014 schrieb Alex Werner:

Die Kritik von Frau Ginger kann ich nicht verstehen. Gerade die satirische Übertreibung macht den Wahnsinn der Anti-Terror-Propaganda deutlich.


Am 10. Februar 2014 schrieb Svenja Ginger:

Die Terror-Zahnpaste ist komisch genug, sie hätte keinen Kalauer mit "Al Dente" gebraucht.

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