So geht Verantwortung

Japan soll "normal" werden

Autor: U. Gellermann
Datum: 17. Juli 2014

Nahezu lyrisch kommt das Auswärtige Amt daher, wenn es die deutsch-japanischen Beziehungen beschreibt: "Das bilaterale Verhältnis Deutschlands zu Japan ist traditionell freundschaftlich. In den vergangenen Jahrzehnten hat es sich zu einer engen außenpolitischen Zusammenarbeit verdichtet." Nun wird das Amt mit "traditionell" hoffentlich nicht den fünf Jahre währenden Pakt der deutschen und japanischen Nazis meinen, der erst mit dem Weltkrieg endete. Immerhin ist sich das Amt sicher, dass Japan und Deutschland "gemeinsame Werte" teilen und "Partner in globaler Verantwortung" sind. Es gibt Menschen, bei denen löst das Wort "Verantwortung", inzwischen Lieblingsvokabel deutscher Verantwortungsträger, schwere allergische Verwerfungen aus.

"Auch Japan will normal werden" schreibt die unverantwortliche FAZ jüngst und meint nicht die Tatsache, dass die japanische Regierung drei Jahre nach Fukushima die stillgelegten Atomkraftwerke wieder in Betrieb nehmen und neue bauen will. Die Rückkehr zur Normalität sieht das Zentralorgan der deutschen Wirtschaft in der Aushebelung der japanischen Verfassung. Denn Shinzo Abe, der aktuelle japanische Ministerpräsident, hat, am Parlament vorbei, die japanische Armee wieder angriffsfähig gemacht: Japan darf jetzt auch außer Landes militärisch aktiv werden. Diesen Verfassungsbruch kennt man aus Deutschland, auch deshalb mahnt die FAZ: "Nichts spricht dagegen, dass Tokio sich stärker engagiert". Aber wer Japan für normal hält, der ist es selbst nicht.

Seit Jahr und Tag besucht Shinzo Abe den Yasukuni-Schrein, wo die Seelen kaiserlicher Soldaten, einschließlich berüchtigter Kriegsverbrecher, verehrt werden. Es wäre etwa so, als würde die deutsche Kanzlerin jährlich einen Kranz am eingeebneten Grab des SS-Generals Reinhard Heydrich auf dem Berliner Invalidenfriedhof niederlegen. Bis heute hat sich Japan nicht für seine Kriegsverbrechen entschuldigt oder Entschädigungen gezahlt. Nicht für die Insassen seiner Konzentrationsläger während des Zweiten Weltkrieges, nicht für seine Menschenversuche in den Lägern, nicht für die etwa 200.000 Zwangsprostituierten, zumeist geraubte Koreanerinnen, die bis heute in Japan "Trostfrauen" heißen, weil sie doch die armen japanischen Soldaten während des Krieges trösten mussten. Ob über den Krieg allgemein oder über das Massaker im chinesischen Nanking, von dem das Rote Kreuz notierte: "Nach deren Aussagen (denen der Zeugen) schnitten die marodierenden japanischen Soldaten Frauen die Brüste ab, nagelten Kinder an Wände oder rösteten sie über offenem Feuer. Sie zwangen Väter ihre eigenen Töchter zu vergewaltigen und kastrierten chinesische Männer. Sie häuteten Gefangene bei lebendigem Leib und hingen Chinesen an ihren Zungen auf."

Spätestens seit der Teilnahme der japanischen Armee am Irak-Krieg sind die "Selbstverteidigungsstreitkräfte" wieder international gefordert. Erst recht Obamas "Pivot to Asia" sein Schwenk nach Asien, akzentuiert von der Konzentration amerikanischer Luft- und Seestreitkräfte im asiatischen Raum, verlangt von Japan den Schwenk in der Militärpolitik. Wahrscheinlich deshalb war der japanische Kriegsminister, Itsunori Onodera, jüngst auf Besichtigungs- und Einkaufstour auf dem US-Marinestützpunkt in San Diego, wo er die USS Makin Island besuchen durfte. Ein Kriegsschiff vom Typ Makin Island mit F–35B-Kampfjets wäre dem bislang einzigen chinesischen Flugzeugträger "Liaoning" wahrscheinlich überlegen. Und um China geht es natürlich: Rund um die Senkaku-Inseln zum Beispiel, im ersten Chinesisch-Japanischen Krieg von Japan okkupiert, gibt es jede Menge Öl und Gas. Da weiß die amerikanische Administration nur zu genau, wem die Inseln gehören: Den Japanern, versteht sich. So geht "globale Verantwortung".

"Ein wenig" so schreibt die FAZ, "erinnert die Debatte (in Japan) an die in Deutschland, wo vom Bundespräsidenten abwärts viele fordern Verantwortung in der Welt zu übernehmen." Der Schwenk der USA reisst Lücken in Europa. Gegenwärtig sind noch etwa 40.000 Mann US-Truppen in der EU stationiert, für 2015 ist eine Reduzierung auf 30.000 geplant. Nicht zuletzt deswegen musste die EU "mehr Verantwortung" in Osteuropa übernehmen. Auch aus diesem Grund fand sich Frank-Walter Steinmeier als menschliche Drohne auf dem Kiewer Maidan wieder, wohl darum findet eine Bundestagsmehrheit es völlig normal ein Assoziierungsabkommen mit einer ukrainischen Regierung zu schließen, die mit Nazi-Ministern gespickt und deren Militärapparat von Faschisten dominiert wird. So geht es, vom Bundespräsidenten aus, einfach abwärts.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 18. Juli 2014 schrieb Gideon Rugai:

"Die Nazis waren so "sozialistisch", dass sie von der deutschen Industrie finanziert und geliebt wurden."

Oh, sie wurden sogar von der allierten (US-)Industrie hochgeschätzt, gepäppelt und gemästet, das ging soweit das bestimmte Güter und Rohstoffe gar nicht erst auf dem US-Markt landeten sondern vorzugsweise und großzügig dem nazideutschen Rüstungs-Markt zur Verfügung gestellt wurden. Bereits in den Siebzigern alles minutiös festgehalten von Anthony C. Sutton. 
Das wollen bis heute nur wenige überhaupt hören...schliesslich gabs zur großen Versöhnung ja auch Care-Pakete ganz umsonst.

Das Credo unserer großkopferten Puppenspieler : Mäste sie alle, lass sie sich untereinander balgen, investiere dann in den Sieger und nimm den Rest aus wie Weihnachtsgänse. Häng danach schöne bunte Karotten vor die Nasen des Fussvolks, gestatte ein bisschen Ruhe, Frieden und Wohlstand bis die Augen gierig leuchten und dann starte den Reigen aufs Neu´....bis in alle Ewigkeit, Amen.




Am 18. Juli 2014 schrieb Eva Gärtner:

Wenn ich das Wort "Verantwortung" nur höre bekomme ich Pickel. Es ist gut, dass sie aufdecken wie verantwortungslos es verwandt wird.


Am 18. Juli 2014 schrieb Brigitte-Mensah Attoh:

BRAVO ULI !
Auf diese Weise schaffst Du es sicher leicht, jeden noch so skeptischen japanischen Zweifler zu überzeugen. Bei anderen Leuten rennst Du ja sowieso schon längst offene Türen ein.


Am 17. Juli 2014 schrieb Thorsten Walde:

Die Japan-Schelte mag ja berechtigt sein, doch: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht gen Nippon weisen. Die alte Bundesrepublik hat über Jahrzehnte kriegsverbrecherische Nazigeneräle en masse als Kaserenen-Namensgeber ziemlich gut gefunden. Und Kanzler Kohl fand auch nichts dabei, sich in Bitburg vor laufenden Kameras - im Beisein eines Trägers des von Hitler verliehenen Ritterkreuzes mit Eichenlaub und Schwertern und, zugleich, des vom Bundespräsidenten und vormaligen Mitglied des Nationalsozialistischen Rechtswahrerbundes verliehenen Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der BRD mit Schwert und Schulternband - an den Gräbern von SS-Kommandeuren zu verneigen.


Am 17. Juli 2014 schrieb Alexander Kubis:

Jede linke Beweiskette mithilfe der Nazis (nationalen Sozialisten), welche versucht Sozialismen zu umschiffen ist nett.

Jede Armee ist verschwendetes Gemeineigentum (Steuergeld), jeder Krieg Missbrauch der Gemein-Idee=Gewaltmonopol.

Ohne Sozialismen wären Gaucks Reden so belanglos wie Merkel ohne Steuergeld uninteressant..

Antwort von U. Gellermann:

Die Nazis waren so "sozialistisch", dass sie von der deutschen Industrie finanziert und geliebt wurden. Oder sollte Ihnen der Freundeskreis Heinrich Himmler unbekannt sein?


Am 17. Juli 2014 schrieb Rainald Irmscher:

@ Hans Jon

"Kultur" & "KRIEGEN" sind "normale" siamesische Zwillinge - seit 10T.J.

Verstehe ich das recht? Schon seit zehntausend Jahren?

Da möchte ich entschieden protestieren. In der Zeit von 7000 und 5000 v. u. Z. gab es im Gebiet des oberen Zweistromlandes bis über das Gebiet der heutigen Türkei bis nach Bulgarien fiedliche Kulturen. Am besten untersucht ist Catal Höyük in der Konya-Ebene. Hier lebten bis zu 5000 Menschen 1200 Jahre in einer Siedlung mit gleichen Häusern, die dicht aneinander gebaut waren wie mittelamerikanische Pueblos. Erreichbar waren sie nur über die Dächer der Nachbarn. Es gab in der Siedlung keinen Herrschaftsbereich, keinen Tempelbereich und keinerlei Stadtbefestigung. Nach diesen 1200 Jahren siedelten diese Leute um auf den Nachbarhügel und lebten dort genau so friedlich weitere 700 Jahre. Die Geschichten vom Paradies gehen vermutlich zurück auf die Erinnerung an diese Zeit.


Am 17. Juli 2014 schrieb Christian Ziewer:

Wie gut sie tun, die beruhigenden Worte in Katastrophen-Zeit, die Worte von "Freundschaft" und "Tradition", von "Gemeinsamkeit", "Verantwortung" und von den guten "Werten". Und natürlich auch der unverdrossene Aufruf zum "Engagement" in "Normalität".
Immer wieder hofft der Normalbürger in mir, der Spießer, mit solchen sprachlichen Beruhigungsmitteln seine innere Sicherheit herzustellen und stabil zu halten. Kein Wunder also, daß ich jeden Unruhestifter zum Teufel wünsche, sowohl den äußeren Störenfried, der mich aggressiv attackiert, als auch den eigenen inneren Streithammel, der mich nervt mit seinem "Unruhe ist die erste Bürgerpflicht". Ich würde gern in Ruhe meinen Garten bestellen, zwar mit interessiertem Blick über den Zaun und in die Ferne, aber stets kontrolliert und wohlbemessen. Doch wie soll ich sie nur loswerden, Störenfried und Streithammel, die ich doch auch bewundere und denen ich mal dieses, mal jenes Ohr zuwenden muß, wenn sie da blöken: "Wann wenn nicht jetzt!"


Am 17. Juli 2014 schrieb Hans Jon:


Die wenigen "Weisen" dieser "Kultur" wissen, dass wir die Falschen behandeln, denn die "Normalen" sind die Verrückten!

"Kultur" & "KRIEGEN" sind "normale" siamesische Zwillinge - seit 10T.J. schon: 14400 KRIEGE mit 3,5 Mrd. TOTEN bei 250 J. "FRIEDEN" - zur Vorbereitung der nächsten KRIEGE! Mir ist kein "verantwortlicher" KRIEGS-TREIBER bekannt, "SOLDATEN SIND (normale) MÖRDER!" - sie "verteidigen" nur die jeweilige "NORMALITÄT"!!!


Am 17. Juli 2014 schrieb Lutz Jahoda:

Sie sind schon ungemein störend, diese Leute mit Geschichtskenntnissen und wachem Erinnerungsvermögen. Für die Verantwortungsträger geradezu lästig, einen so edel formulierten Satz wie "Partner in globaler Verantwortung" zerpflückt und seiner erhabenen Schönheit beraubt zu sehen.
So wird versucht, auch umgangssprachlich "deutlich zu machen", was gemeint ist. Mit dem Werbeschlagwort "Normal werden" könnte das klappen, sagten sich die Slogan-Verzapfer; denn "normal" waren schließlich schon zu Kaisers Zeiten diese "Selbstverteidigungsstreitkräfte" anlässlich des Boxeraufstands in China und gegen Aufständische in Afrika. Die Nachkommen der Hereros wissen heute noch davon ein Totenlied zu singen.


Am 17. Juli 2014 schrieb Helga Mertens:

@Kobayashi Yuito

Über die Fülle der Infos von Herrn Gellermann verwundert habe ich alles gegoogelt: Alle Fakten stimmen. Was soll dann Ihre Kritik?


Am 17. Juli 2014 schrieb Andreas Gehrmann:

Sehr gut geschrieben!
Ja, ja, man sieht schon, wie die geballte Verantwortung schwer auf den Schultern der "Kriegstreiber-Führungseliten" lastet.
Deshalb ist es auch unbedingt notwenig, den lästigen Parlamentsvorbehalt bei Einsätzen der Bundeswehr abzuschaffen und diese damit zugleich der NATO zu unterstellen.
Jedes Kind weiß doch: Verantwortungsträger müssen schnell entscheiden, damit sie ihrer "Verantwortung" auch gerecht werden können.
Ich habe es immer befürchtet: Der Irrsinn ist zur Normalität geworden!


Am 17. Juli 2014 schrieb Kobayashi Yuito:

Jetzt sind sie auch noch Japan-Spezialist. Wahrscheinlich waren sie noch nie da. Aber natürlich wissen sie besser als die Japaner was die wollen oder sollen.

Antwort von U. Gellermann:

Gemeinsam mit Angelika Kettelhack habe ich für ARTE in Japan einen Film über "Spuren europäischer Kultur gedreht". Und ich weiß wahrscheinlich so viel wie jene 10.000 Japaner, die jüngst in Tokio gegen den Verfassungsbruch demonstriert haben.

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