Muchas Gracias, Ecuador

David tritt Goliath: Vielen Dank, Ecuador!

Autor: U. Gellermann
Datum: 27. Juni 2013

Schon seit einem Jahr lebt Julian Assange, Mitbegründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, in der ecuadorianischen Botschaft in London in Sicherheit vor seinen Verfolgern aus den USA. Und wie es scheint, werden die Ecuadorianer demnächst auch dem nächsten Whistleblower, Edward Snowden, Asyl gewähren. Natürlich sind die Behörden der USA, so wie die nachgeordneten Ämter in Deutschland und deren publizistischen Begleiter empört: Von Geheimnisverrat und Spionage ist die Rede. Unschuldig gucken jene aus der Wäsche, die ihre Bürger ausspionieren und deren persönlichsten Geheimnisse sammeln und so ihre Bürgerrechte verraten. Aber im "Kampf gegen den Terror", so erzählen die Staatenlenker mit ernster Miene, sind Einschränkungen der Freiheit zur Verteidigung der Freiheit eben notwendig. Dass sie einen schlechten Witz machen, fällt ihnen nicht auf.

In Ecuador verstehen sie etwas von Terror: Über Jahrzehnte hat der US-Konzern Unitet Fruit-Company, heute Chiquita, das Land terrorisiert: Einheimische kleine Bananenpflanzer wurden niedergewalzt, Streiks blutig niedergeschlagen. Nicht wenige bei Polizei, Militär und Politik holten sich ihr zweites Einkommen bei der Bananen-Company ab. Was man fälschlich die Eliten nennt, saß in der wohlgefüllten Westentasche der USA, und wie zuvor die Bananen-Konzession - wurden, als man in den 60er Jahren Erdöl in Ecuador entdeckt hatte - auch die Erdölkonzessionen ausländischen Firmen zugeschanzt. Erst dem TEXACO-GULF-Konsortium und danach so ziemlich allem, was Rang und Namen im internationalen Ölbetrieb hatte: OCCIDENTAL, EXXON, BRITISCH PETROLEUM, CONOCO, ARCO, UNORAL, TENNECO, ORYX, ELF, MINOL, PETROCANADA. Und während der normale Ecuadorianer dachte, mit den nationalen Öl käme nun endlich auch der Wohlstand, kam die Krise und mit ihr die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF).

Wer bisher annahm, mit der United Fruit Company sei der Terror-Höhepunkt erreicht worden, der kannte die letale Kombination von IWF und Weltbank nicht. Auf Druck der von den USA dominierten Organisationen musste Ecuador in den 90er Jahren sogenannte Reformen durchsetzen: Staatsbetriebe wurden privatisiert, Zollbeschränkung entfielen und die Staatsausgaben wurden gekürzt. Die Landeswährung Sucre wurde zu Gunsten des US-Dollars abgeschafft. Prompt geriet etwa ein Drittel der Ecuadorianer unter die Armutsgrenze. Und wenn Armut in Europa schon schlimm genug ist, bedeutet Armut in Lateinamerika schlicht Hunger, Krankheit und frühen Tod. Also Terror.

Der heutige ecuadorianische Präsident, Rafael Correa, dem Assange und Snowden ihre Asyl-Möglichkeiten verdanken, gibt sich redlich Mühe, den USA die Zeiten des Terrors heimzuzahlen: Er verlängerte die Genehmigung für den damals einzigen Luftwaffenstützpunkt der USA in Südamerika nicht: Im September 2009 musste das US-Militär sein Hightechzentrum für satellitengestützte elektronische Spionage in Manta räumen. Als der US-Schützling Israel die Gaza-Hilfsflotille kaperte, zog der Präsident den ecuadorianischen Botschafter aus Israel ab. Und die Regierung Ecuadors enteignete doch tatsächlich ein US-Erdölunternehmen. Dass der Vizepräsident des Landes den Vornamen "Lenin" trägt, muss für die US-Administration ein weiteres Grausen bedeuten: Da hatte sie doch über die Jahre so viel blutige Mühe in den Kampf gegen den Kommunismus investiert- und nun dies.

Die nicht im Verdacht kommunistischer Umtriebe stehende "Neue Zürcher Zeitung" schrieb noch jüngst, nach der Wiederwahl Correas: "Er hat dafür gesorgt, dass die einheimischen Firmen Steuern zahlen, und er hat den ausländischen Erdölkonzernen höhere Abgaben aufgezwungen." Da sagt der zuweilen neutrale schweizer Sachverstand: Steuern eintreiben ist gut. Auch die neue Verfassung des Landes enthält Passagen, die dem gewöhnlichen Steuerflüchtigen die Haare zu Berge treiben: Die Wirtschaftsform Ecuadors soll sozial und solidarisch sein, es werden Grundrechte auf Ernährung, Gesundheit und Bildung festgeschrieben und die Verfassung legt "Bürgerräte" als Vierte Gewalt fest. Das riecht nach Rätedemokratie, sagen die Beobachtungsorgane der USA. Da kann es nicht ausbleiben, dass Verteidiger der Demokratie und Selbstbestimmung wie Assange und Snowden ihren Weg nach Ecuador suchen und hoffentlich auch finden.

Ecuador ist ein kleines Land. Wenn der David dem Goliath USA mit seinem Asylrecht gegen die Kniescheibe tritt sollte man hoffen, dass die kleinen Beine auch höhere Ziele erreichen: Muchas gracias Ecuador, adelante Muchachos!


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 03. Juli 2013 schrieb Hans Dampf:

Machen sich die Dienste strafbar wenn sie alles wissen und nichts dagegen tun?
- Kindesmissbrauch
- Kinderpornografie
- Menschenhandel
- Marktmanipulation
- Steuerhinterziehung
- Staatsverarschung

Oder dient das etwa doch nicht dem Schutz der Menschen und der Freiheit?

Al Capone hat man mit der Steuererklärung dran gekriegt.
Vielleicht sollte die Bundesstaatsanwaltschaft wegen Beteiligung (Mitwisserschaft) und Strafvereitelung ermitteln?

Mit der Bitte um Aufklärung

Antwort von U. Gellermann:

Die Schnüffelei dient doch nicht der Wahrheitsfindung. Nur der Einschüchterung.


Am 02. Juli 2013 schrieb Claudia Edam:

Zitiert nach jungewelt.de vom 28.06.13. DER LETZTE SATZ!!!:

„führende Repräsentanten der US-Administration dem südamerikanischen Land ... angedroht ..., bestehende Zollerleichterungen zu streichen, wenn ... NSA-Aussteiger Edward Snowden Asyl ..., verzichtete die Regierung in Quito am Donnerstag ihrerseits »einseitig und unwiderruflich« auf die 23 Millionen Dollar jährlich umfassenden Privilegien, DA DIESE ZUR EPRESSUNG MIßBRAUCHT WÜRDEN. Informationsminister Fernando Alvarado bot den USA während einer Pressekonferenz zudem an, ihnen »WIRTSCHAFTSHILFE« IN GLEICHER HÖHE ZU LEISTEN, DAMIT WASHINGTON IN DIE LAGE VERSETZT WERDE, DIE MENSCHENRECHTSLAGE IM LAND ZU VERBESSERN.“

Ich könnte sie knutschen! Wie kann man sich bei der Regierung bedanken? Über die Ecuador-Botschaft in Berlin? Dazu sollten wir dann auf allen Kanälen aufrufen.


Am 01. Juli 2013 schrieb Lisa Schneider:

Mit jedem Tag wird deutlicher, wie arrogant und verbrecherischer die Geheimdienste der USA und Großbritanniens mit uns umspringen. Und jeden Tag müssen wir den mutigen Whistleblowern und dem kleinen Staat der bereit ist sie aufzunehmen dankbarer sein.


Am 28. Juni 2013 schrieb Reyes Carrillo:

Was mich richtig freut, lieber Herr Gellermann, ist, dass Sie hier via des Casus Edward Snowden ein – für die gebotene Kürze eines solchen Artikels sehr gelungenes, detailliertes – Bild des faszinierenden Andenstaates Ecuador in seiner mehr als bemerkenswerten demokratischen Gegenwart der Correa-Regierung vor allem im Spiegel seiner (seit der Conquista quasi ununterbrochen andauernden) Kolonialisierung, zuletzt eben als durch vor allem von US-Konzernen ausplündernd dominierten Vergangenheit zeichnen. Und Sie Ross und Reiter namentlich nennen! Jawohl! Schön auch, dass sich durch eine Leserzuschrift zusätzlich noch die Gelegenheit ergab, den natürlich reflexhaften Vorwurf aus der kapitalistisch „freien“ Welt (weil man dummerweise nichts anderes findet) der Zensur mit Fakten zu widerlegen. Alles Sachen freilich, die Venezuela unter Chávez genau so mitzumachen hatte und die prinzipiell jeder sozialistische Staat traditionell durchläuft… Aber wenn in Griechenland augrund brutalsten Spardrucks der sog. Troika und vor allem Deutschlands der einzige öffentlich-rechtliche, nicht-kommerzielle TV-Sender geschlossen wird, dann geht das bei Frau Dr. Merkel oder Mr. Obama und all diesen ideologisch inszeniert Sehbehinderten selbstverständlich kommentarlos, und wenn’s viel ist, mit einem bloßen Achselzucken einfach so durch! Haha, wer dieses per se einem Abziehbild gleichende, einseitige Demokratie- und Humanitäts-Gesabber noch ernst nehmen sollte, der – oh shit, der tut – in diesem Land - eigentlich bloß die hiesigen Qualitätszeitungen lesen… Verzeihung!

Ja, Ecuador ist eines der Länder, die große Hoffnungen machen und denen unser Respekt und unsere Solidarität gelten sollten! Angefangen vom seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht unterzukriegenden Kuba, zwischenzeitlich über Chile, Nicaragua (also der mit massiver Unterstützung der USA zur Strecke gebrachten sozialistischen Regierungen), dann vor allem über Venezuela mit Hugo Chávez, über Bolivien mit dem ersten indigenen Staatschef Lateinamerikas Evo Morales, natürlich auch über Uruguay bis zu Rafael Correa aus Ecuador ist es heute vor allem mehr denn je Lateinamerika, aus dem die sozialistisch-demokratischen Impulse kommen. Die vielfältigen Diffamierungen aus der westlich-kapitalistischen „freien“ Welt, angeführt freilich von der größten, gewalttätigsten, imperialistischen Heimsuchung des 20. und 21. Jahrhunderts auf diesem Globus, den USA, denen diese Länder in unterschiedlicher Vehemenz ausgesetzt sind, sollten für jeden der untrügliche Gradmesser dafür sein, welche fürs Allgemeinwohl im Inneren und Äußeren positive Politik dort betrieben wird. Ja, gell, das klingt alles ganz fürchterlich schwarz-weiß! Nur: Es ist so.
Denn mal ehrlich am Rande: Es ist ja ganz allgemein sowieso immer einfacher geworden und der freie (!) Bürger bräuchte sich heutzutage wirklich nicht mehr unbedingt eingehender mit einer politischen Materie auseinanderzusetzen, um zumindest zielsicher herauszufinden, was der Mehrheit abträglich und einer Minderheit zuträglich bzw. was, gröber formuliert, gut oder schlecht ist: Er guckt einfach in die Mainstream-Medien. Das, was dort hoch geschrieben, was dort gefeiert, was positiv bewertet wird, ist zu 99,9% garantiert gut bis hervorragend für die Eliten und schlecht fürs Allgemeinwohl oder einfach an sich keine gute Sache und das, was diffamiert, was schlecht geredet, was „kritisch“ gesehen und negativ beurteilt wird, ist dementsprechend zu 99,9% garantiert gut fürs Allgemeinwohl oder einfach an sich eine gute Sache und schlecht für die Eliten. Funktioniert mit verblüffender Zuverlässigkeit. Gut, gut, wer das bestreitet, dem käme ich meinetwegen mit Bauchschmerzen soweit entgegen, dass ich nicht von wirklich sehr extremen 99,9% sprechen würde, sondern auf 99,8% herunter ginge. Mehr aber ganz sicher nicht!
So einfach hatte es der Bürger diesbezüglich noch nie zuvor in der neueren deutschen Geschichte. Und so betrachtet sollte dann schon auch einmal ein echtes Danke an alle jene aufrechten Journalisten und Journalistinnen inkl. natürlich ihrer Verlagshäuser drin sein! Finde ich.

Zunächst aber – ich schließe mich umfassend an: Vielen Dank Ecuador! Und viel Glück und ein langes Leben in Freiheit dem Helden Edward Snowden!


Am 27. Juni 2013 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

Du sprichst mir ja wieder sooo aus dem Herzen, Uli!

Inzwischen seien seitens des "sauberen" Weltpolizisten USA (Big Brothers) ja auch schon wieder neue Wirtschaftssanktionen gegen das kleine Andenland Ecuador angekündigt worden, sollten die es wagen. . .
Wie viel Dreck am Stecken mögen die wohl n o c h haben - was auf gaar keinen Fall herauskommen darf?!)


Am 27. Juni 2013 schrieb Dr. Werner Köpp:

Gracias por el articulo sobre Ecuador!
Das ist wie schon so oft ein besonders aufklärender Artikel, der mithilft, sich zu empören.
Herzlichen Dank!


Am 27. Juni 2013 schrieb Rita Gotthold:

Was meinen Sie denn wenn Sie schreiben: "Wenn der David dem Goliath USA mit seinem Asylrecht gegen die Kniescheibe tritt sollte man hoffen, dass die kleinen Beine auch höhere Ziele erreichen" ?

Antwort von U. Gellermann:

Oberhalb der Kniescheibe hängen edlere Körperteile.


Am 27. Juni 2013 schrieb Jeanine Meerapfel:

viva ecuador, viva uli gellermann!


Am 27. Juni 2013 schrieb Angel Garcia:

Wer sich, wie Correa, als Hüter der Meinungsfreiheit aufspielt, der wird von anderen ganz anders gesehen: In der Rangliste der Pressefreiheit ist Ecuador auf Platz 104 von 179 gefallen. Reporter Ohne Grenzen kritisierte mehrmals das rigorose Vorgehen der Regierung gegen kritische und unabhängige Medien. So wurden seit Anfang des Jahres 17 Rundfunksender eingestellt, angeblich aufgrund nicht bezahlter Lizenzgebühren.

Antwort von U. Gellermann:

Seit Jahrzehnten sind die ecuadorianischen Medien im Besitz der Oligarchie. Dazu schreibt das lateinamerikanische Info-Portal DonOlito:

Dass "bis zu Correas Amtsantritt nahezu sämtliche Medien Ecuadors in der Hand von sechs Familienunternehmen lagen.[4] Öffentlich-rechtliche oder staatliche Printmedien, Radio- und Fernsehsender gibt es nach einigen Jahrzehnten der Unterbrechung erst wieder seit Ende 2007. Sie machen bis heute jedoch im Vergleich zu den privaten Medien nur einen relativen kleinen Prozentsatz in der Medienlandschaft aus. Private, kommerzielle Rundfunksender, die Correa als "merkantilistisch" bezeichnet, machen etwa 85% aus, während staatliche beziehungsweise "öffentliche" Sender nur etwa 13% aller Radiosender im Land stellen.[5] Private Fernsehprogramme besitzen 71% aller Frequenzen und staatliche Fernsehsender derzeit etwa 29% aller im Land verfügbaren Frequenzen".

Hier verläuft die Frontlinie zwischen Oben und Unten.


Am 27. Juni 2013 schrieb Anne Holzkamp:

Wie heißt denn der ecuadorianische Lenin weiter?

Antwort von U. Gellermann:

Lenín Voltaire Moreno Garcés. Und auch der zweite Vorname muss den nordamerikanischen Behörden verdächtig erscheinen: Er klingt so französisch.

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