Montenegro: NATO über alles

Kriminalität unter Waffenbrüdern

Autor: U. Gellermann
Datum: 23. November 2015

Das wird eine schöne Weihnachtsüberraschung für die Zigarettenmafia: Im Dezember will die NATO den Zwergstaat Montenegro als 29. Mitglied aufnehmen. Das hatte das Militärbündnis auf dem letzten Gipfel in Wales entschieden. Und der US-Vizepräsident Joe Biden, der seinen Sohn schon als Platzhalter in der Ukraine untergebracht hat, rief jüngst den montenegrinischen Ministerpräsidenten Milo Dukanović an und sicherte ihm die NATO-Mitgliedschaft zu. Beinahe hätte die NATO- und EU-Drängelei in der Ukraine zu einem europäischen Krieg geführt. Noch immer sind die NATO-Stäbe mit dem Syrien-Krieg beschäftigt, aber die Einkreisungs-Poltik der USA gegenüber Russland macht vor nichts Halt.

Schon im Kosovo-Krieg, der zur Gründung eines nicht lebensfähigen Staates und zum größten US-Stützpunkt außerhalb der USA führte, stützte sich die NATO auf die dubiose UÇK-"Freiheits"-Miliz, deren Kommandeure nicht selten aus der Zuhälterei stammten. Doch von der Gründung Montenegros, einer Abspaltung von der Bundesrepublik Jugoslawien 2006, sagt die montenegrinische Opposition bis heute: Die sei nur erfolgt, weil Ministerpräsident Dukanović für seinen florierenden Zigarettenschmuggel einen eigenen, unkontrollierten Staat haben wollte.

Montenegro hat etwa so viel Einwohner wie Düsseldorf und eine Fläche, die kleiner ist als Schleswig Holstein. Wann immer in Europa solche Amputations-Staaten gegründet wurden, waren sie von Beginn an kriminell – wie der Piratenstaat Monaco – oder wurden zu mafiösen Steuerhinterziehungs-Refugien wie Luxemburg. Schon das Referendum zur Gründung Montenegros verlief unter zweifelhaften Bedingungen: Rund 250.000 Montenegriner mit ständigem Wohnsitz in Serbien waren vom Referendum ausgeschlossen. Bei insgesamt lediglich 484.718 registrierten Wählern hätte die westliche Staatengemeinschaft unter anderen Bedingungen von Wahlbetrug gesprochen, aber die Zerschlagung Rest-Jugoslawiens und die NATO-Osterweiterung hatten offenkundig Vorrang.

Selbst die Berliner "Stiftung Wissenschaft und Politik", traditionell der NATO zugeneigt, erkennt in Montenegro kriminelle Strukturen: "Die Regierungspartei DPS beherrscht seit über zwanzig Jahren die politische Szene; Dukanović war in dieser Zeit nahezu ununterbrochen Präsident oder Premier. Privatisierungen, Bauvorhaben oder Investitionen mussten von seinem Clan genehmigt werden." So ist es nur folgerichtig, dass gegen Milo Dukanović in Italien und Deutschland Ermittlungen wegen Zigarettenschmuggels laufen.

Wenn ausgerechnet in diesen Tagen Matteo Renzi, der italienische Ministerpräsident, davon redet, die Aufnahme Albaniens, Montenegros und Serbiens in die Europäische Union müsse Priorität haben, dann will er offensichtlich den Beitritt Montenegros zur EU beschleunigen, der schon 2012 ins Auge gefasst wurde. Da es keinen sinnvollen wirtschaftlichen Grund für diesen Beitritt gibt, lässt sich nur ein geopolitischer Hintergrund begreifen: Wer in die NATO soll, der darf auch in die EU.

Dass die untertänige deutsche Bundeswehr sich mit der Ausbildung des montenegrinischen Militärs beschäftigt, muss als NATO-Bündnisstrategie begriffen werden. Der damalige Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung, Thomas Kossendey, war schon zu militärpolitischen Gesprächen nach Montenegro gereist. Kossendey bestärkte seine Gesprächspartner darin, dass Montenegro seinen Weg in die euro-atlantische Integration weiter geht und sprach ihnen große Anerkennung für die bisher geleistete Arbeit aus. Denn Montenegro hat sich mit 40 Soldaten am Afghanistan-Krieg beteiligt. Ein Zusammenhang mit dem bekannten montenegrinischen Handel mit afghanischem Heroin wurde bei den Gesprächen nicht thematisiert.

Das notorisch schlechte Verhältnis der NATO zu Russland wird sich durch den Betritt Montenegros nicht verbessern. Die montenegrinische Opposition protestiert seit Tagen gegen diese militärische Form der Westbindung. Brutale Polizeieinsätze sind die Antwort. Noch hat sich kein deutscher Außenminister gefunden, der die Polizeibrutalität auch nur kommentiert. Anders als in Kiew hatte Frank Walter Steinmeier bisher noch nicht seinen Solidaritätsauftritt in Montenegros Hauptstadt Podgorica. Offenkundig ist Kriminalität, Wahlbetrug und Gewaltherrschaft in der euro-atlantischen Gemeinschaft unter künftigen Waffenbrüdern zu tolerieren. Denn auch in Montenegro gilt: Nato, Nato über alles.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 30. November 2015 schrieb Richard Weiss:

@Alfred Heinen
-"Die Montenegriner würden in einem Bündnis mit Russland nichts gewinnen."-
Was genau würde Montenegro denn mit der NATO im Bunde gewinnen?




Am 26. November 2015 schrieb Lutz Jahoda:

Mich kann nichts mehr überraschen:
Alter Geist in neuen Flaschen.


Am 23. November 2015 schrieb Aleksander von Korty:

ICH schlage vor auch VANUATU in die NaTOD
aufzunehmen und zur gemeinsamen Verständigung bei allen Kriegshandlungen nicht mehr Englisch zu verwenden, sondern Bislama einzuführen.


Am 23. November 2015 schrieb Flash Flash:

Eine kleine Gegendarstellung:
Was soll ein kleiner Staat wie Montenegro machen?
Einmal abgesehen von der wirtschaftlichen Abhängigkeit zum "Westen" (ohne den EU-Markt geht da kaum etwas), ist Russland militärisch gar nicht in der Lage, die Unabhängigkeit Montenegros zu sichern.
(Außer vielleicht Atomwaffen in Montenegro aufzustellen.
Derartig wichtig ist allerdings dieser Zwergstaat auch nicht.)

Doch weitaus gefährlicher ist der Trend des Autors, weniger den Kapitalismus (der übrigens auch in Montenegro herrscht, wenn auch aufgrund der dortigen ökonomischen Lage etwas anders als z.B. hierzulande) zu kritisieren, sondern vielmehr hinter allem kriminelle bzw. verbrecherische Machenschaften zu vermuten.
Ähnlich argumentieren auch die "Rechten" bzw. FaschistInnen, die hinter allem "finstere Machenschaften" sehen und für "Recht und Ordnung" eintreten.
Garantiert sauber und "trichinenfrei".

Zum besseren Verständnis noch eine kleine Bermerkung:

Bekanntlich sind die früheren Nationalsozialisten (d.h. Faschisten) damals auch hierzulande vor allem wegen ihres Versprechens "den Saustall endlich auszumisten" gewählt worden.
Nationalismus und Moral hat zwar kaum etwas mit einer Kapitalismuskritik zu tun, ist aber eine gefährliche Mischung.

Antwort von U. Gellermann:

Armer, wirrer Flash: Erst macht er den Stammtisch nach der vierten Runde und überlegt großmächtig, ob Russland vielleicht Atomwaffen in Montenegro stationieren sollte oder lieber doch nicht. Dann fällt ihm, hicks, ein gefährlicher Trend des Autors auf: Der sei mit seiner Kritik irgendwie faschistisch, weil er nur von der kriminellen Seite Montenegros geschrieben und nicht den Kapitalismus kritisiert habe. Irgendjemand sollte ihn nach Hause bringen, bevor er die Kritik an der NATO auch noch für faschistoid hält, weil der Autor nicht erwähnt hat, dass die NATO kapitalistisch ist.


Am 23. November 2015 schrieb Manfred Caesar:

Es sind die gemeinsamen "westlichen" Werte :Mord,Raub,Lug und Trug.


Am 23. November 2015 schrieb Hans Rebell-Ion:

MONTE-NEGRO ... 29. SCHWARZER BERG der US-NATO als "FURCHTBARER HALBMOND" um
RUSSIA!


Am 23. November 2015 schrieb Benny Thomas Olieni:

Danke für den ausgezeichneten Artikel, der einige wenig bekannte Fakten auf den Tisch bringt.
Besonders gut gefällt mir dieser Satz:
"Wann immer in Europa solche Amputations-Staaten gegründet wurden, waren sie von Beginn an kriminell - wie der Piratenstaat Monaco - oder wurden zu mafiösen Steuerhinterziehungs-Refugien wie Luxemburg."
- Sind eigentlich die Nachkommen aller Washingtoner und Brüsseler Polit-Darsteller schon versorgt? Falls nicht, könnte Montenegro eine Chance auf ein Ministeramt werden. Wie wäre es z.B. mit "Ministerin für Wirtschaftsförderung"? Das könnte doch ein wenig Zigaretten- und Heroin-Schmuggel gut einschließen? Und vielleicht Waffenhandel? Und etwas Fracking, nur so zum Spaß?
; - )
- NATO, UKUSAEU & friends wirken irgendwie allmählich ziemlich weitgehend vom "Maffias" gesegnet.
Da wird der Raum zwischen den Gangs eng, deshalb müssen zusätzliche Betätigungsfelder her, um die internen Bandenrivalitäten nicht überhand nehmen zu lassen. Sehr erstrebenswert für diese Machenschaftler wäre es offenbar, sich den "Großraum Rußland" unter´n Nagel zu reißen.
Der Eindruck könnte zumindest entstehen.


Am 23. November 2015 schrieb Wilhelm Schneider:

Könnten Sie mich bitte Ihrem Verteiler zufügen, damit ich nichts verpasse? Ihre Artikel, ich lese seit etwa einem Monat die Rationalgalerie, sind besonders auch sprachlich ein Hochgenuß. Mir kommt dabei oft der "Ignaz Wrobel" von der Weltbühne vor Augen, wenn ich Sie lese. Das meine ich ganz so, wie ich´s sage! Ihre Sprache hat viel von Tucholsky, ist an sich aber natürlich ganz eigenständig.


Am 23. November 2015 schrieb Thomas Nippe:

Die NATO kann mit Fug und Recht als Terrororganisation bezeichnet werden. Eine kriminelle Vereinigung. Da macht sich Montenegro gut.
Die EU wird auf lange Sicht auf diesen militärischen Arm nicht verzchten können, trotz einiger Anstrengung in diese Richtung. Beides passt zusammen wie die Faust aufs Auge!


Am 23. November 2015 schrieb Elke Zwinge-Makamizile:

Zu Ihrem Artikel "Montenegro: NATO über alles" mit dem passenden Untertitel:
Kriminalität unter Waffenbrüdern, für den ich Ihnen sehr danke, möchte ich noch hinzufügen: UÇK-Verbrechen wie Zigaretten- und Organhandel, Bondsteel und NATO-Aggressionen, alles die Prägungen der selben Medaille (wie Arundhati Roy es damals von Osama Bin Laden und George Bush treffend gesagt hat). Europäische Politiker kooperieren mit Faschsisten, heute u.a. mit Jazenjuk. Wer glaubt denn da immer noch an westliche Werte? NSU, NSA.usw. das sag ich aus Zorn...


Am 23. November 2015 schrieb Herbert Ludwig:

@Alfred Heinen
Der ausgezeichnete Artikel entspringt wachsamer geopolitischer Aufmerksamkeit. Vielleicht sollten Sie sich den folgenden Artikel mal zu Gemüte führen, um Herrn Gellermanns Artikel zu verstehen:
https://fassadenkratzer.wordpress.com/2014/03/28/europa-geostrategischer-bruckenkopf-der-einzigen-weltmacht/


Am 23. November 2015 schrieb Alfred Heinen:

Das ist doch mal wieder ein Russland-Solidarität-Artikel. Für Sie ist die NATO doch nur schlecht, weil sie den Russen einen Einflussbereich nimmt. Dieser Satz von Ihnen "Das notorisch schlechte Verhältnis der NATO zu Russland wird sich durch den Betritt Montenegros nicht verbessern." zeigt doch woher der Wind weht. Die Montenegriner würden in einem Bündnis mit Russland nichts gewinnen.

Antwort von U. Gellermann:

Sie denken in Blöcken. Das blockiert.


Am 23. November 2015 schrieb Rüdiger Hansmann:

Während alle anderen ins Form der Terror-Hysterie tuten, kann man bei Ihnen Fakten lesen. Auch die NATO bleibt kühl. Mit Terror kennt sie sich besten aus. Sie verbreitet selbst welchen.

Dran bleiben...

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