Jugoslawien in Kiew

Vom Bürgerkrieg zur Spaltung

Autor: U. Gellermann
Datum: 21. Februar 2014

Großmächtig bewegen sich EU-Außenminister in der Hauptstadt der Ukraine. Mal standen sie selbst auf dem Maidan und orchestrierten den Protest, mal mahnten sie Reformen aller Art an, dann wieder übten sie Druck auf einen gewählten Präsidenten aus. Gut zwanzig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion, nachdem man die NATO um jede Menge ehemaliger Staaten des Warschauer Paktes erweitert hatte, fehlen zur NATO-Ausdehnung nur noch Weißrußland und die Ukraine, dann steht man endlich an der russischen Grenze, dann kann man den Russen jene Sorte Demokratie befehlen, die in einem vom Westen diktierten Freihandel besteht: >Beim Eintritt in den Westen werden Sie gebeten aus Sicherheitsgründen all ihre Rohstoffe abzugeben<.

Dass die im Westen hochgelobte Opposition in ihren Reihen einen starken faschistischen Block hat von dem sich die anderen bisher nicht distanzieren: In den deutschen Medien kaum der Rede wert. Dass eine der drei Oppositionsparteien, von Frau Timoschenko inspiriert, der Regierungspartei (bis auf deren NATO-Verweigerung) zum Verwechseln ähnlich ist: Macht nichts, Hauptsache sie steht der NATO und der EU freundlichst gegenüber. Dass der CDU-Zögling Klitschko "den Westen" zu einer Militärintervention aufgerufen hat: Er will doch nur spielen. Und wenn es ein Spiel mit dem Feuer ist? Dann kommen "wir" eben und löschen.

Was wäre wenn sich die Stadt München als autonom gegenüber der Bundesregierung erklärt hätte, wie die Stadt Lwiw, die in den deutschen Medien hartnäckig "Lemberg" heißt, es gegenüber der Kiewer Zentralregierung tut? Was wäre wenn eine stark von der NPD geprägte "Opposition" diverse deutsche Regierungsgebäude und zentrale Plätze dauerhaft besetzt hielte und mit Molotowcocktails und erbeuteten Waffen diese Besetzungen verteidigte? Was wäre wenn diese Opposition - wie jüngst im Nordwesten der Ukraine, in Riwne geschehen - ein Atomkraftwerk gestürmt und besetzt hätte? Längst wäre die Bundeswehr in Bewegung gesetzt worden, um den Zerfall des Landes zu stoppen.

Die Destabilisierung der Ukraine wird aus dem Ausland gut begleitet: Vom US-amerikanischen Vordenker Zbigniew Brzeziński, Dauergast auf der Münchner Sicherheitskonferenz, der sich dringend ein Russland ohne eine verbündete Ukraine wünscht, über den Vietnamkriegsveteranen und ehemaligen US-Präsidentschaftskandidaten John McCaine, der auf dem Maidan die Protestler anspornte: "Ukrainisches Volk! Das ist euer Moment! Die Freie Welt ist mit euch! Amerika ist mit euch!" Bis zu Cem Özdemir, den notorischen Bellizisten, der mit Inbrunst plädierte: "Die Ukraine gehört zu Europa", so wie vor ihm schon der Ex-Außenminister Westerwelle oder der CDU-Abgeordnete Wellmann, dem in der "BZ" zum Thema einfiel, dass die Ukraine immerhin "seit 500 Jahren christlich" sei.

Es ist der ausgeprägte Nationalismus in der West-Ukraine, der sich gegen die russischsprachigen Ost-Ukrainer und vehement für die Verbreitung der ukrainischen Sprache einsetzt. Ähnlich wie beim Zerfall Jugoslawiens dienen die nationalen Widersprüche in der Ukraine einer Einmischung von Außen, die damals in den Bürgerkrieg mündete. Die vorschnelle Anerkennung der neuen Teilstaaten durch die Bundesrepublik Deutschland verschärfte die Krise. Und während in den westlichen Medien hauptsächlich der serbische Nationalismus bemängelt wurde, war die kroatische Nationalvariante zusätzlich faschistisch gefärbt: Symbole der mit den Nazis verbündeten Ustascha-Bewegung dominierten zeitweilig die kroatische Öffentlichkeit und der spätere kroatische Staatspräsident Franjo Tudjman betonte er sei stolz, weder mit einer Serbin noch mit einer Jüdin verheiratet zu sein. Das Muster ist erkennbar. Nur nicht für die Mehrheitsmedien in Deutschland und für die Mehrheit im deutschen Parlament.

Der im Ergebnis der Aufspaltung Jugoslawiens entstandene Staat Bosnien Herzegowina steht vor dem Scheitern. In der Republik Kosovo sind seit 1999 mehrheitlich NATO-Truppen stationiert, die Wirtschaft wird vom Internationalem Währungsfonds und organisierter Kriminalität geprägt. Die USA unterhalten dort mit dem "Camp Bondsteel" ihren größten Stützpunkt außerhalb der USA. Das Militärlager beherbergt eine "Black Site", eines der Foltergefängnisse der USA. - Der Ukraine ist zu wünschen, dass ihr ein "jugoslawisches Modell" erspart bleibt. Allerdings ist die Aussicht, mit einer NATOisierten Ukraine das Schwarze Meer zu beherrschen, die erheblichen Öl-Reserven der Region ebenso zu kontrollieren wie jene noch nicht erschlossenen Öl- und Gasvorkommen, die im Schelf des Schwarzen Meeres lagern, höchst verlockend.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 23. Februar 2014 schrieb Reyes Carrillo:

Zu Antwort von U. Gellermann an Roman Herbich:

Genau so ist es, lieber Herr Gellermann! Danke für diesen sehr treffenden Vergleich! Sehr gut!

Und analog zu Zuvielnachdenker Rodin - mir geht es wie ihm: Sie schreiben meist in beängstigendem Maße meine Gedanken nieder. Und auch ich frage mich, woher Sie mich kennen...


Am 23. Februar 2014 schrieb Inge Merker:

Die arme Ukraine: Der IWF hat schon Hilfe angedroht. Unter anderem muss auch in der Ukraine etwas gerettet werden: "Der größte Inhaber von Staatsanleihen der Ukraine, die US-Fondsgesellschaft Franklin Templeton, wollte sich am Freitag nicht zu den aktuellen Ereignissen äußern. Die Fonds von Templeton halten rund 6,4 Milliarden Dollar, mehr als ein Drittel der in Dollar denominierten Anleihen des Landes, wie aus den jüngsten Pflichtmitteilungen hervorgeht. Ende 2013 stockte die Gesellschaft ihre Bestände sogar um rund 250 Millionen Dollar auf." (Quelle: Handelsblatt). Wenn die Ukrainer schlau wären, würden sie sich bei den Griechen erkundigen, wohin die IWF-Hilfe führt.


Am 23. Februar 2014 schrieb Roman Herbich:

Ist die Flucht von Janukowitsch vor dem Volkszorn nicht der Beleg für Herrn Prelles Überlegungen, "Konflikte zu allererst mal aus den realen Verhältnissen (in diesem Fall halt der Ukraine) zu erklären," und nicht wie Sie es tun, aus den geostrategischen Bedingungen?

Antwort von U. Gellermann:

Die Initialzündung des ukrainischen "Konflikt" liegt natürlich in den sozialen, bzw. nationalen Verhältnissen. Aber nehmen wir mal zwei Kennzahlen: Die Ukraine hat zur Zeit etwa acht Prozent Arbeitslose, die griechische Arbeitslosigkeit liegt bei 27 Prozent. Während der griechische "Volkszorn" in den deutschen Medien eher abfällig beurteilt wurde (Randalierer), war der ukrainische Volkszorn "heldenhaft". Keine Politiker der USA oder der EU mochte sich in Athen an die Seite der griechischen Opposition stellen, während sie sich auf dem Maidan drängelten. Während Janukowitsch als eine Art Diktator galt, wurden die zwei seit Jahrzehnten herrschenden, völlig korrupten Parteien Griechenlands als demokratisch bezeichnet. Als aber der griechische Ministerpräsident Papandreou ein Referendum (seine erste wirklich demokratische Handlung) über das erpresserische "Rettungspaket" der EU abhalten wollte, wurde er von der selben EU abgelöst.

Es gibt eine weitere Nachricht, die den Unterschied zwischen einer echten Heldenbewegung und randalierendem Protest deutlich macht: Der ukrainische Oberrabbiner Moshe Reuven Asman hat die jüdische Gemeinde in Kiew aus Gründen ihrer Sicherheit aufgerufen, die Stadt zu verlassen.


Am 23. Februar 2014 schrieb Joe Bildstein:

Im Bezug auf den amerikanischen Vordenker Zbigniew Brzezinski empfehle ich folgende Lektuere " The Grand Chessboard". Ich hab das Buch 1998 gelesen. Der Uberfall auf den Irak und Afganistan waren danach nur logische Konesquenz. Hier der link zum PDF

http://www.takeoverworld.info/Grand_Chessboard.pdf


Am 22. Februar 2014 schrieb René Schrader:

Im ARD-Text lese ich: "Timoschenko endlich frei", Ihr Jubel scheint sich in Grenzen zu halten.

Antwort von U. Gellermann:

Was unterscheidet Julia Timoschenko von Janukowitsch? Nur eins: Sie ist für die EU und die NATO. Sollten dafür die Menschen in der Ukraine auf die Straßen gegangen sein? Dann kann man nur Beileid wünschen.


Am 22. Februar 2014 schrieb Zuvielnachdenker Rodin:

...und wieder ein sehr guter,lesenswerter Artikel. Danke Herr Gellermann.
Der Name Brzezinski ist im Übrigen mit so ziemlich allen Bürgerkriegen,Massakern,Schlachtereien,Säuberungsaktionen in den letzten gut 30 Jahren mühelos in Verbindung zu bringen.Einschliesslich der dazugehörigen Lügen und Tatsachenverdrehungen,des Medienterrors und der allumfassenden Macht und Einflussnahme der US-Adiministration.

Man kann sich mittlerweile nur noch mit sehr wenigen Menschen über solche Themen unterhalten,die Meisten halten einen für einen Spinner und Verschwörungsheini.
Der Horizont der Menschen wird immer flacher,insofern hat die Verblödungsmaschinerie Erfolg.

Genau deshalb lese ich gern die Rationalgalerie ;) Sie schreiben in beängstigem Masse meine Gedanken nieder.Manchmal frage ich mich,woher Sie mich kennen ;)
Weiter so.


Am 22. Februar 2014 schrieb Gerd Bucholz:

Was nun Herr Gellermann, Janukowitsch geht, Timoschenko kommt vielleicht, und Ihre Prognosen?

Antwort von U. Gellermann:

Man kann den Ukrainern nur wünschen, dass sie - anders als nach der "0rangenen Revolution" die keine war sondern nur die andere Oligarchenfraktion an die Macht gebracht hat - zu neuen Ufern aufbrechen. Bei den im Land vorhandenen Illusionen über die EU ist davon kaum auszugehen.


Am 22. Februar 2014 schrieb Reyes Carrillo:

Ich geb’s ja zu: Schon allein durch die (notwendige) Erwähnung des schneidigen Herrn Özdemir mit seiner NATOafinen, bellizistischen Weltsicht hat sich Ihr Artikel in mein tiefstes Wohlwollen eingeschlichen! Sorry Cem, aber du stehst nunmal symbolisch für sowieso alles das, was die Grünen zu völlig überflüssigen, konservativen und neoliberalen Parlamentssesselpupsern gemacht hat. Das nur ganz nebenbei.

Ich danke Ihnen sehr dafür, dass Sie die wichtigsten Eckpfeiler in der Ukraine-Frage gesetzt und dabei auch den mit entscheidenden Blick auf die Situation Russlands geworfen haben, das sich niemals mit einer der NATO beigetretenen Ukraine abfinden könnte (mit einigem Recht natürlich, wie Sie ja auch zeigen). Bei Russland möchte ich hier auch bleiben. Jede Forcierung in diese Richtung würde, was heißt würde, wird einen hochgefährlichen Brand entfachen, dessen Ausmaß und Grenzen unabsehbar sind. Und, mein Gott, was es nicht alles an lieblichem Schalmei-Geflöte nach der Auflösung des Warschauer Pakts gegeben hatte! Noch inniger geflötet dann nach dem Ende der Sowjetunion seitens der EU, seitens der USA, dass man selbstverständlich auf diese neue Situation und die sensiblen Sicherheitsinteressen Russlands Rücksicht nehmen werde – ab da mit Stehgeiger-Begleitung aus allen NATO-Winkeln. Das Gegenteil ist natürlich passiert, wie Sie ja feststellen, Russland ist bis auf die von Ihnen genannten Ausnahmen umzingelt von dem einzigen existierenden und dazu noch höchst aggressiven, rücksichtslosen und andauernd internationales Recht brechenden Militärbündnis der NATO. Und war da nicht noch was? Soweit mir bekannt, gab es früher in Westdeutschland sogar einen breiteren Konsens darüber (SPD und FDP), beide (!) Militärbündnisse einst überflüssig zu machen. Na ja, hat irgendwie nicht ganz funktioniert.

Wo ist überhaupt die gute, alte Diplomatie geblieben, die ihren Namen verdient? Eine Diplomatie, die sich in die Interessen oder Empfindlichkeiten des Partners hineindenkt, die versucht, diese zu verstehen, die selbstverständlich nicht auf Maximalforderungen beharrt, um das Machbare zu ermöglichen? Seit mindestens zwei Dekaden gibt es diese Diplomatie seitens des NATO-Westens nicht mehr (warum wohl?): Konflikte werden sogar geschaffen, mindestens aber kräftig angeheizt, das ganze Vokabular ist bellizistisch geworden, einst wunderbare Begriffe wie Freiheit, Demokratie und humanistische Werte wurden in ihrer Bedeutung zum Pejorativ. Der Einzug des Neoliberalismus in der westlichen Hemisphäre hat dem gemeinen Kapitalismus noch einmal einen nachgerade bewusstseinsverändernden, nunmehr gänzlich skrupellosen Schub verpasst, die eigenen Wirtschaftsinteressen durch gnadenlose Ausbeutung der Ressourcen anderer Staaten über Einflussmacht um jeden noch so hohen Preis, auch an Blut und Leben, hemmungslos durchzusetzen. Ob Russland und die Ukraine oder sonstwer auch dem Kapitalismus erlegen sind, spielt dabei überhaupt keine Rolle: Die haben keine NATO zur Durchsetzung ihrer Interessen. Außerdem ist die russische Außenpolitik eine geradezu buddhistisch geprägte Friedensveranstaltung im Gegensatz zur bluttriefenden Bilanz der NATO-Mitglieder, allen voran der USA und der EU.

Ja, lieber Herr Gellermann, hoffentlich geht dieser von Ihnen sehr treffliche Vergleich mit einer „Jugoslawisierung“ an der Ukraine vorbei! Ich befürchte allerdings das Schlimmste.


Am 22. Februar 2014 schrieb Joe Bildstein:

Divide et Impare, war nie anders und wird nie anders sein.
Staaten haben Interessen, keine Freude.
Ich denke Metro, Allianz, Aldi, Hochtief, Neckerman, Deutsche Bank und GoldmanSucks stehen schon in den Startloechern um der Ukraine alles das zu bieten wonach Sie, die Ukraine, schon so lange lechzen.
Die teutonische Einmischung von Aussen markiert einen neuen Meilenstein im Auferstehen der Junkerkaste die nah an den Futtertroegen in Berlin rumlungert.


Am 22. Februar 2014 schrieb Gideon Rugay:

Zur "Affaire Prelle" : Es liegt mir fern hier Wasser auf irgendjemandes Mühlen zu schütten, es könnte jedoch sein , dass Herr Prelle sich auch an Artikeln wie diesen hier nährt, den ich mit einer Mischung aus sich hochtürmender Skepsis und Verblüffung las...

http://www.propagandafront.de/1196360/chaos-weltweiter-zusammenbruch-des-sozialismus-nimmt-an-fahrt-auf.html?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+Propagandafront+%28PROPAGANDAFRONT%29

Interessant ist die Formulierung von "einigen Leut(ch)en" (eine Formulierung die bereits die "Herabwürdigung" Andersdenkender impliziert, das von mir eingefügte "ch" dient nur der Verdeutlichung) die etwas anderes glauben als Mr. Armstrong (er geht in einem anderen Text soweit zu behaupten, es gäbe auch keine direkte Einflußnahme der USA in Syrien oder seinerzeit in Libyen). Alles nur Trendentwicklungen geschuldet. Ich habe keine Ahnung wo man Mr. Armstrong politisch/ökonomisch verorten soll, aber die Aussage, alles würde sich gemäß zu antizipierender sozial-ökonomischer Trends und Fehlentwicklungen, dem daraus entstehenden Phänomen überbordender Korruption und ohne Einflussnahme Dritter (hier explizit die USA aus Armstrongs Sicht) abspielen (auch gemäß verlässlicher ukrainischer Quellen , wie Mr.Armstrong behauptet) - was soll man davon halten ?....Lehrt uns insbesondere die jüngere Geschichte nicht auch , dass zu jedem Strippenzieher und "Krisenmanager" des Middlemanagements ein verantwortlich-übergeordneter Puppenspieler im Hintergrund gehört ?...Es würde mich zumindest interessieren was thematisch Versierte dazu zu sagen haben....ich persönlich glaube der Mann ist so sehr von seinen eigenen ökonomischen Modellen und Trendanalysen eingenommen, dass er lieber aus dem Fenster fällt, als einen Makel in der eigenen Betrachtung und Berichterstattung anzuerkennen...eine wohlbekannte menschliche Schwäche dieser Zeit: Die unbedingte Einhaltung der (z.B. "politisch korrekten") Form überwiegt die Notwendigkeit unmittelbarer inhaltlicher Betrachtung u. nüchterner Analyse ohne Scheuklappen.
Gilt natürlich für jede Seite in der Auseinandersezung...


Am 22. Februar 2014 schrieb Reyes Carrillo:

Natürlich könnte man engagiert kritischen Lesern wie Herrn Jörg Prelle einfach für ihre aus ihrer Sicht ja berechtigten, kritischen Beiträge zur Pluralisierung und Schärfung der verschiedenen Wahrnehmungen etwas dankbarer sein. Zudem ist Prelle ausgewiesener Ukraine-Experte, wie er Ihnen ja schon früher bewiesen hat. Vielleicht ärgert Sie ja diese Kompetenz und wird zur Konkurrenz? Vor allem aber könnten Sie bitte ein bisschen höflicher und konstruktiver reagieren als Sie es Herrn Prelle gegenüber getan haben, verehrter Herr Gellermann.

Könnte man.

Man könnte aber auch bloß sagen: Hallo lieber Jörg, bitte sei so gut und geh’ einfach wieder spielen, wenn ein Erwachsener was schreibt, was du einfach noch nicht verstehen kannst. Und Ihnen, Herr Gellermann, könnte man vorwerfen, sich wiederholt auf diese Ebene eingelassen zu haben und dem armen Kerl Dinge geschrieben zu haben, die dieses einfältige Gemüt fähig sind, es schon wieder zu verstören. Und dann noch dazu in Ihren knallroten, lehrerhaften Buchstaben! Musste das sein? Eine gewisse Verantwortung auch Ihren dramatisch unterbelichteten Lesern gegenüber sollten Sie schon wahrnehmen.

Könnte man.

Last not least aber kann man auch nur schlicht daran verzweifeln, wie fruchtbar doch die geklonte Saat des medialen Mainstreams im Hohlraum so mancher Birne aufquillt und offensichtlichen Überdruck erzeugt. Das wahlweise Bitterste oder Komischste am Prelle-Syndrom ist ja, dass die Betroffenen immer glauben, dass das was sie denken ihrer eigenen, unabhängigen Analyse entspringt. Wäre es nicht zum Verzweifeln und ungehörig den Leidenden gegenüber, dann wäre es in der Tat ein Schenkelklopfer.

Präventiv: Warum ich nicht die Auffassungen von Mitbürgern wie Prelle bereit bin zu diskutieren? Muss ich das wirklich beantworten? Aber warum dieses zugegebenermaßen ziemlich niveaubefreite Bashing? Ganz einfach: Weil’s ungeheuren Spaß macht, einen wieder frei durchatmen lässt - und viel Wahrheit darin steckt.


Am 22. Februar 2014 schrieb Hannes Stütz:

"Ähnlich wie beim Zerfall Jugoslawiens dienen die nationalen Widersprüche in der Ukraine einer Einmischung von außen, die damals in den Bürgerkrieg endete. Die vorschnelle Anerkennung der neuen Teilstaaten durch die Bundesrepublik Deutschland verschärfte die Krise."

So steht es im Kommentar und auch nicht unrichtig. Aber klarer wäre es zu sagen, daß die damalige Anerkennung Kroatiens durch Deutschland die Signalrakete in ein Munitionsdepot war. Der ausführende Schlächter Jugolaviens ist der damalige deutsche Minister des Äußeren. Die Hälfte
der Leichenberge gehört in seinen Vorgarten.
Der Mann ist hochangesehen.


Am 21. Februar 2014 schrieb Bernd Becker:

Auf die Gefahr hin, dass Leser Prelle auch mich einen geopolitischen Neurotiker schilt, empfehle ich - tatsächlich - einen Blick auf die Europa-Karte. Danach auf den Begriff "Cordon sanitaire" bei Wikipedia. Und um illuminatenmäßig noch eins draufzusetzen, kann ich nur einen Beitrag aus dem gewiss unverdächtigen SPIEGEL empfehlen: www.spiegel.de/politik/ausland/robert-helvey-der-umsturzhelfer-a-386006.html

PS: Wollen wir wetten, dass die "inneren Verhältnisse" auch auf dem Minsker Oktober-Platz demnächst zu brennenden Barrikaden führen werden? Eigentliches Ziel bleibt natürlich ein ganz anderer, der Rote Platz. Vorerst.


Am 21. Februar 2014 schrieb Jörg Prelle:

Lieber Herr Gellermann, bei kritischen Beiträgen sind Sie immer fix mit der kommentierenden Einordnung: Bei mir also "Realitätsverweigerung!" Gutes Stichwort! Wenn Sie sich nicht die Mühe machen, Konflikte zu allererst mal aus den realen Verhältmissen (in diesem Fall halt der Ukraine) zu erklären, sondern die immer gleiche geopolitische Platte abspielen, dann hat das jedenfalls nix mit Marxismus zu tun, eher schon mit Illuminatentum. Und mit dem großzügigen Umgang mit dem Begriff: Faschimus wird man auch kein Antifaschist.

Antwort von U. Gellermann:

Man muss kein "Marxist" sein, um den seligen Stepan Bandera, den antisemitischen Kumpan der Nazis, als Faschist zu qualifizieren: In dessen Nachfolge begreift sich die Partei Swoboda, den preisen und loben die Molotow-Cocktail-Werfer des "Rechten Sektor", dessen Denkmäler stehen in der Westukraine zuhauf, der wurde vom orangenen Timoschenko-Freund Wiktor Justschenko zum "Held der Ukraine" ernannt. Das EU-Parlament, kaum des Marxismus verdächtig, erklärte in einer Resolution, dass im Wahlerfolg der Swoboda "Rassistische, antisemitische und ausländerfeindliche Auffassungen" zum Ausdruck gekommen seien. Und so fort. Es macht immer Sinn sich zu informieren, bevor man anderen "Illuminatentum" attestiert.


Am 21. Februar 2014 schrieb Wera Blanke:

Danke!
Das musste endlich mal gesagt werden. Es ist nachgerade unerträglich, wie die Mainstream-Medien sich auf dem rechten Auge blind stellen.


Am 21. Februar 2014 schrieb Dario Fo:

In der hannöverschen Dorfpresse (HAZ) verbreitete jüngst Alexander Graf Lambsdorff - Neffe des berüchtigten Spendensammlers Otto Graf Lambsdorff - die Ansicht, in der Ukraine stirbt man für europäische Werte. Graf Alexander ist Spitzenkandidat der FDP im Europawahlkampf und kann sicher nicht zwischen europäischen Werten und denen der Frankfurter Börse unterscheiden.
Man stelle sich aber vor, Blockupy hätte auf dem Platz vor der EZB in Frankfurt europäische Werte wie die französische Revolution mit brennenden Barrikaden oder gar Waffen verteidigt. Müßten wir die Reaktionen deutscher Printmedien erst lesen, oder können wir sie gleich selber schreiben?


Am 21. Februar 2014 schrieb Jörg Prelle:

Die Mobilisierung der Straße ist wichtig. Nur dadurch entsteht Druck auf Parlamente, etc. etc. Dies gilt bei Ihnen aber nur hierzulande. Nur leider, leider sind seit 1989 blöderweise immer die falschen Leute mit den falschen Ideenauf den Straßen. Da haben Sie mein Mitleid. Dass Ihnen aber dazu seit Jahrzehnten nix außer Öl (gut dass Sie noch was im Schwarzen Meer gefunden haben) und Brzezinski einfällt, kommt davon, wenn man alle und jeden Konflikt vor allem und fast nur durch eine geopolitische Brille sieht. Wenn Sie die Gläser mal putzen würden, würden sie entdecken, dass sich solche Konflikte primär aus den inneren Verhältnissen selbst entwickeln und auch nur so erklären. In der Ukraine und sonstwo. In dem Maße in dem die Linke (im Allgemeinen) das nicht tut, kann sie zwar die Welt interpretieren - aber nur als Zaungäste.
Auf jeden Fall viel Glück bei der weiteren Suche nach unaufgeschlossenen Ölfeldern.

Antwort von U. Gellermann:

Dass ist das Lustige an Ihrer Wirklichkeitsverweigerung: Zwar ging es nachweislich im Irak, in Libyen und auch in Syrien um Öl, aber wenn es auch in der Ukraine um Rohstoffe geht, finden Sie es einfach langweilig. Und noch langweiliger finden Sie es, wenn die einst gegen die Sowjetunion gegründet NATO heute Russland einkreist und - über einen veritablen Bürgerkrieg - auch die Ukraine vereinnahmen will. Dass die aktivsten "Straßenkämpfer" Faschisten sind scheint Sie nicht zu stören.


Am 21. Februar 2014 schrieb Marie Dupont:

Ich bin sehr, sehr froh, dass Sie aussprechen was ist. In der Ukraine geht es um Geopolitik, um die Isolierung Moskaus und den zweiten Sieg des "Westens". Dass die Proteste gegen Janukowitsch berechtigt sind relativiert sich, wenn man sich seine organisierten Gegner ansieht: Alle vom selben Holz wie auch der Präsident.


Am 21. Februar 2014 schrieb Sven Kampmann:

Wie kommen Sie dazu Cem Özdemir als notoriscne Bellizisten zu bezeichnen?

Antwort von U. Gellermann:

Weil er, zum Beispiel bei einem Besuch der Ditib-Moschee in Schwäbisch Gmünd, das pazifistische Verhalten der Bundesregierung im Libyen Konflikt kritisierte, es "Peinlich" nannte und mahnte "Dikatoren nicht weiter zu mästen."

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