Joachim Gauck hat recht

Keine Reise mehr in die USA

Autor: U. Gellermann
Datum: 10. Dezember 2013

Ich gebe zu: Es kostet mich Überwindung dem Meister der geschwollenen Rede, dem unendlich prätentiösen Selbstdarsteller Joachim Gauck recht zu geben. Aber im Fall seines Boykotts der olympischen Spiele in Russland hat er völlig recht. Zwar lässt das Bundespräsidialamt die Gründe dieses Boykotts im Dunklen. Aber für mich sind einige Gründe plausibel und völlig nachvollziehbar.

Zum einen ist es der in den Medien vermutete Protest gegen Menschenrechtsverletzungen in Russland. Sicher wird dem Bundespräsidenten die unerträgliche Beschränkung der sozialen Freiheiten, jene Kluft zwischen den superreichen Oligarchen und den armen, darbenden Massen, die Korruption und die mangelhafte Meinungsfreiheit in Russland zu seinem Boykott der Spiele gebracht haben. Es könnte ihn ebenfalls der in Russland übliche Raubbau an der Natur zu seinem Schritt bewogen haben. Denkbar ist auch, dass ein aufgeklärter deutscher Pastor die nationalistische, dumpfe orthodoxe Kirche abstrafen will.

Aber mindestens ebenso wahrscheinlich ist, dass sein Protest auch den olympischen Spielen als solchen gilt. Wird dort doch seit Jahr und Tag ein Menschenbild von der Leistung durch Kollaps verbreitet, jene primitive Ideologie des Laufens um des Laufens willen, des Springens ohne Sinn, des Werfens ohne Ziel. Das alles kann ein Freigeist wie Gauck nur ablehnen. Zumeist sind diese sonderbaren, Sport genannten Übungen auch noch von schwerem Drogenmissbrauch begleitet. Ganz zu schweigen vom üblen Nationalismus, der die Olympischen Spiel umwabert.

Die seit den Winterspielen in Salt-Lake-City bekannte olympische Korruption, die Vertreibung und Enteignung der indigenen Bevölkerung in Kanada rund um die Spiele, die Zerstörung der Natur durch den maßlosen Aus- oder Neubau von Autobahnen, Wintersportzentren und anderer Infrastruktur wird den Präsidenten angewidert haben. Auch der Versuch des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) rund um die Londoner Sommerspiele solche Verlinkungen auf die IOC-Site zu verbieten, die die Spiele in einem "falschen, irreführenden, abfälligen oder sonst wie anstößigen Licht erscheinen (zu) lassen“ wir der Bundespräsident grundlegend abgelehnt haben. Denn diese Medienmanipulation steht der russischen Zensur kaum nach. Auch dass dem IOC bis dato noch keine Entschuldigung für die Nazi-Sommer-Spiele im Berlin des Jahres 1936 eingefallen ist, kann der aufrechte Demokraten Gauck sicher nicht dulden.

Doch Gauck wird sicher über den Boykott Russlands hinausgehen und keinesfalls mehr die USA bereisen. Weil schon jene Wahlen genannte Farce - ein Wettkampf zweier Oligarchen-Gruppen, die sich inhaltlich nur wenig unterscheiden - bei dem nur der gewinnt, der die meisten Wahlkampfgelder einsammelt, all das wird die ehrliche Haut aus Rostock anekeln. Auch das US-Gefängnis-System der Apartheid wird mit dem Gauck-Boykott bestraft werden. Schließlich kann ein evangelischer Geistlicher die vielen Kriege der USA und ihren permanenten Drohnen-Mord keinesfalls dulden. Der Freiheskämpfer Gauck aber wird vor allem die Bespitzelungs-Aktivitäten der NSA nicht dulden können, hat er doch die ungleich geringeren Stasi-Spitzeleien auf das Schärfste bekämpft.

Lieber Joachim, der Kampf hat erst begonnen. Sei versichert: Ich bin auf Deiner Seite!

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DER SCHMOCK DAS BEKANNTE UNWESEN


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 11. Dezember 2013 schrieb Gisela Pietrzak:

Haha..das war richtig gut!


Am 11. Dezember 2013 schrieb Sigurd Peters:

Totale Zustimmung zum Artikel.
Mehr Rückrat, weniger Heuchelei kann man von einem Kirchenmann, der in beiden deutschen Staaten (Systemen) bestens zurechtgekommen ist nicht erwarten. Seine Haltung zur Obrigkeit ist wieder einmal völlig Bibelkonform - Römer 13. Da liegt man doch schon mal gern in Zeiten des wieder aufkommenden Kalten Krieges, vor dem allmächtigen Chef und der herrschenden Meinung im Staub. Wer hat den Prediger eigentlich gewählt? Wir das Volk? Haben wir nichts Besseres verdient?


Am 11. Dezember 2013 schrieb Gideon Rugay:

"Sie wollen doch nicht ernsthaft die russische Diktatur mit den demokratischen USA vergleichen?"


JAWOLL ! Frechheit sowas ! Die Menschenrechte (wie auch "Die Demokratie") werden in den USA - wie auch in sogenannten Bananenrepubliken - beinhart mit Pfefferspray, inflationärem Taser -Einsatz plus Schlagstock, komplett leergeschossenen Magazinen auf (überwiegend farbige) Kleinkriminelle (man weiß ja nie), vollautomatisierte Patriot-Act Produktion (sonst könnte noch jemand auf die Idee kommen die US-Verfassung zu lesen und ZU VERSTEHEN!), telegenen Bombenattentaten, Drohnen und friedensstiftender chirurgischer Kriegspräzision...äh... verteidigt...denn man weiß ja: "wer nicht für uns (also sie, die Amis) ist, ist gegen uns!"

Ja und nachts ist´ s kälter als draussen. Soviel dazu.

Und das führt wiederum automatisch zum "Triple T" (Triple Terrorism) Ranking einschlägig bekannter West-"Agenturen" (z.B. die BRD GmbH)

Wo kommen eigentlich immer die Spiegel-Leser her ? Anders kann ich mir die Ur-Mythenverbreitung im Stil des Kalten Krieges (Ami immer supergut, Russe immer ganz ganz böse - IMMER!) nicht erklären.

Wie sagte Bart Simpson mal in einer legendären Folge zu George Bush Sen.:

"Willkommen im 21.Jahrhundert, George"

( Schwarzweiß ist nicht mehr, nur noch diffuse Grautöne mit braunrotgrüner Note - hört sich- zu Recht- nach Kotze an ) .


Am 11. Dezember 2013 schrieb Armin Gröpler:

Das ist gemeinstes Kabarett- dem Helden so viele Tugenden zuschreiben und dafür am Ende in Haftung zu nehmen...!

P.:
Hartmut Bartos: Habe ich richtig gelesen "Landespappi", oder war das ein Verschreiber und Sie meinten "Landespappei" ?


Am 10. Dezember 2013 schrieb Wolfgang Blaschka:

Es könnte auch in Deutschland schwierig werden zu reisen für sensible Gemüter. Wie hier mit Flüchtlingen umgegangen wird! Die dürfen noch nicht mal arbeiten. Oder mit Hartz-IV-Empfängern! Die dürfen sich erstmal arm arbeiten. Oder mit denen, die noch einen Job haben: Die dürfen Überstunden schieben bis zum Burn-Out, immer bangend, ob sie nicht morgen einer Betriebsschließung, Standortverlagerung oder Insolvenz zum Opfer fallen. Auch in den europäischen Nachbarländern sieht es nicht viel besser, eher noch schlechter aus für den überwiegenden Teil der Bevölkerung. Arbeitslosigkeit und noch schlimmer: Jugendarbeitslosigkeit als Massenphänomen! Da muss einem zart besaiteten Menschen doch die Reiselust generell vergehen!


Am 10. Dezember 2013 schrieb Hartmut Bartos:

Nach der Lektüre so vieler Gründe beschleicht mich der Verdacht, dass das Bundespräsidialamt einfach nur Rücksicht auf die Bevölkerung genommen hat. Schließlich ist der staatlich verordnete Bildungsnotstand zum Teil schon mit dem kontinuierlichen Konsum von Pivatfernsehen und Formatradio überfordert. Da bleibt kaum noch Zeit kritischen Journalismus geschweige denn Erläuterungen dazu aufzunehmen.

Gauko Mitic, der letzte Bürgerrechtler, ist eben doch ein führ-sorglicher Landespappi.


Am 10. Dezember 2013 schrieb Juri Terper:

Endlich listet jemand die wahren Beweggründe auf. Sonst hört man immer nur üble Nachreden. Etwa jene, der Herr G. pflege mit der Absage lediglich die Familienkontinuität.



Am 10. Dezember 2013 schrieb Thomas Immanuel Steinberg:

Ich, Diplom-Volkswirt, Rentner, stimme mit Dr. Johannes Maria Becker, Privatdozent, überein: Der Beitrag ist großartig.


Am 10. Dezember 2013 schrieb Reyes Carrillo:

Ihr seelenkundig verblüffend tiefer Blick in die zarte, mitleidende Un-Tiefe dieses aufrechten Mannes, dessen sensibles Herz jedes einzelne Unrecht an Mensch und Natur auf diesem gepeinigten Erdenrund tektonisch erbeben lässt, gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die einzig Sinn gebende Motivlage wieder, die dieses personifizierte Abführmittel zu seiner Reiseabsage geführt haben kann. Dies adäquat zu würdigen verdient meinen aufrechten Respekt, wiewohl ich überhaupt Ihre ganze, aus dem leidenschaftlich pochenden Innern jenes Mannes extrahierte Liste der Beweggründe im Einzelnen unterschreibe!


Am 10. Dezember 2013 schrieb Johannes M. Becker, Privatdozent Dr.:

Klasse!
Große Schreibe!


Am 10. Dezember 2013 schrieb Harry Beningsen:

Sie wollen doch nicht ernsthaft die russische Diktatur mit den demokratischen USA vergleichen? Noch gelten in Amerika die Menschenrechte während sie in Russland mit den Füßen getreten werden.

Antwort von U. Gellermann:

Fragen Sie mal Edward Snowden.


Am 10. Dezember 2013 schrieb Sonja Schmid/ Walter Listl:

Danke für deinen wunderbaren Text zu dem schwarzfahrenden Heuchler.
Und herzliche Grüße von deinen Münchner Fans

Dran bleiben...

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