Herr Schäuble erzählt einen Witz

Am Spieltisch der Macht - Rien ne va plus

Autor: U. Gellermann
Datum: 20. April 2015

Da saß er nun in New York, der Herr Schäuble, am Tisch des einflussreichsten Think Tank der Welt, dem "Council on Foreign Relations" (Rat für auswärtige Beziehungen) und durfte sich mächtig fühlen. Und weil der Bub aus Freiburg mächtig guter Laune war, erzählte er einen Witz: Der russische Präsident Putin solle demnächst den Aachener Karlspreis bekommen, wegen seiner Verdienste um Europa. Ein verlegenes Lachen erfüllte den Raum im Harold Pratt House. Denn die illustren Gäste kannten weder Aachen noch den Karlspreis.

Später soll Schäuble den Witz erklärt haben: Weil der Putin so garstig gegen die Europäer war - er meinte in absichtsvoller Verkennung der wirklichen Geografie die EU - hätten die sich nun enger zusammengeschlossen. Und weil der Karlspreis nun mal für Verdienste für die "europäische Einigung" verliehen würde . . . Hah, hah, begann es stockend zu lachen, hah, hah, hah, hah klang es in jenem Raum, in dem die amerikanische Politik gemacht wird, während im Oval Office nur ein engagierter Schauspieler den jeweiligen Präsidenten der USA gibt. Man ist schließlich höflich im Rat für auswärtige Beziehungen.

Höflichkeit kann man sich leisten, dort, wo mit der Macht gespielt wird. Zu den Direktoren des Rates gehören der ehemalige US-Außenminister Colin Powell, die Investmentbanker Penny Pritzker, Peter George Peterson von der Blackstone Group, Stephen Friedman früher Goldman Sachs & FED, und David M. Rubenstein von der Carlyle Group, eine Schattenbank, die eine Billion Dollar verwaltet. Die Fördermitglieder des aussenpolitischen Vereins lassen, wenn sie denn gerade mal wollen, die Erde beben: Goldman Sachs, JPMorgan Chase & Co., Bank of America, Merrill Lynch, Exxon Mobil Corporation, McKinsey & Company Inc. sowie der internationale Börsenbetreiber NASDAQ OMX Group. An der Spitze der privaten Weltregierung steht mit Richard Nathan Haass ein ehemaliger "Special Assistant to the President" des George Bush, der mit der Presidental Citizens-Medaille für seine Hilfe bei der Entwicklung der Bush-Kriege "Desert Storm" und "Desert Shield" behängt wurde.

Brav dienerte der Bub aus Freiburg vor der Macht und machte ihr eine Freude zum Russland-Ukraine-Thema: "Wenn wir sagen, dass es keine militärische Lösung geben wird, kann das niemand missverstehen." Anders als den Witz hatten die Anwesenden den verschwurbelten Schäuble-Satz sofort verstanden und die Drohung herausgehört: Putin! Wir können auch anders. Und so sagte der Finanzminister in New York auch: Europa bleibe auf die Vereinigten Staaten angewiesen. Dazu fiel einem FAZ-Kommentator ein: "Als Garantiemacht der Möglichkeit militärischer Restauration des Friedens". Ins Deutsche übersetzt: Die Pax Americana, jener amerikanische Frieden, den man zur Zeit bis an die Tore des Kremls tragen möchte, muss garantiert auch militärisch hergestellt werden.

Den Karlspreis hatte im Jahr 2011 auch der witzige Herr Schäuble bekommen. Die Laudatio hielt damals der Steuervermeidungsgehilfe Jean-Claude Juncker, der den Preis schon Jahre vorher eingesackt hatte: "Der Euro ist Friedenspolitik mit anderen Mitteln in einer unruhigen und unsicheren Zeiten." Mit dem Euro wurde der Libyen-Krieg finanziert, mit dem Euro wurden und werden Soldaten in Afghanistan alimentiert. Auf Juncker folgte Schäuble: "Die politische Einheit Europas muss ein Gesicht bekommen und dieses Gesicht muss eine wirkliche Macht repräsentieren." Sein Gesicht hat Schäuble am Spieltisch der Macht in New York mit einem Witz verloren. Für Deutschland und die EU hieß es mal wieder in den USA: Rien ne va plus, nichts geht mehr ohne den großen Bruder. - Es ist nicht zum Lachen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 20. April 2015 schrieb Sven Heuser:

Eine Maxime des ESM-Gouverneurs und BRD-Schattenhaushaltejongleurs scheint zu sein: Lieber auf internationaler Bühne das Gesicht als hoher Repräsentant der BRD verlieren, als auf einen verkorksten Witz auf Kosten anderer hoher Repräsentanten zu verzichten. Er ist ja leider nicht der einzige, der als kleinkarierter Provinzler vergeblich versucht, staatsmännisch aufzutreten. Die BRD-Bevölkerung ist nicht zu beneiden.

Der wichtigste Denker des CFR, Walter Lippmann, hat das Credo der Bevormundung in dankenswerter Offenheit dargelegt: » ... das allgemeine Interesse ... kann nur durch eine spezialisierte Klasse verwaltet werden, deren persönliche Interessen über lokale Themen hinausreichen. Diese Klasse ist befreit von Verantwortung, denn sie agiert aufgrund von Informationen, die nicht Eigentum der Gemeinschaft sind; in Situationen, die das breite Publikum gar nicht begreift ... die Männer, die aktuell gerade die Macht ausüben, versagen nicht etwa dabei, den Willen des Volkes widerzuspiegeln, denn in den meisten Sachfragen existiert ein solcher Wille gar nicht, sondern sie üben Macht aus aufgrund von Auffassungen, die vor der Wählerschaft verborgen sind«. Für Interessierte darf ich den Artikel aus dem Jahr 2008 »Der Klub der Weisen Männer« mit wissenswerten Informationen über den CFR verlinken > http://www.heise.de/tp/artikel/28/28513/1.html


Am 20. April 2015 schrieb Susanne Kreuzer:

Schlimmer als eine Tragödie. Dieser Mensch ist brandgefährlich. Genauso wie die Politikerin, die ihn - und sich auf ihn - stützt. Von den vielen Wählern ganz zu schweigen ...


Am 20. April 2015 schrieb Manfred Ebel:

Es bewahrheitet sich wieder, dass Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Diesmal nicht über den Nicht-Witz, sondern den personifizierten.

Die Überschrift anwendend kann man auch sagen: "Herr Schäuble ist ein Witz".
Dann behält man Humor, wenn der Witz einem nicht im Halse steckenbleibt.
Gute Witze haben die Eigenschaft, dass man nach kurzem Bedenken losprustet - schlechte, dass sie der Abwehr des Eingeständnisses eigener Fehlbarkeit dienen.
Leider aber ist Herr Schäuble zweites und ideales Systemabbild. Und das ist kein Witz. Es ist eine Tragödie.


Am 20. April 2015 schrieb Ingrid Böhm-Duwe:

Ambrose Evans-Pritchard, ein bekannter Wirtschaftsjournalist des British Telegraph sieht in Schäuble “the most dangerous man in the world“. Nicht wenige halten ihn für irre besessen. In einer Gefährlichkeit, die ihn, anstatt mal von der politischen Bühne abzutreten, immer weiter agieren lässt. Von offensichtlichem Ehrgeiz getrieben, in den Annalen der Geschichte Einlass zu finden. Fürwahr sind seine Leistungen ja "beachtlich". Man denke z.B. an den Polizei- und Überwachungsstaat, den er als Bundesinnenminister vorantrieb resp. installierte. Leider wurden seine hochtrabenden Pläne auf den Kanzlerthron durch das persönliche Schicksal, das er erlitt und das ihn in den Rollstuhl zwang gestoppt. Und spätere Ambitionen verliefen ebenfalls glücklos – da gab es doch so Skandale bezüglich Parteienfinanzierung, was ihn dann wieder zurückwarf. Pech für ihn. Und offenbare Anzeichen von Demenz, da er sich doch so gar nicht mehr erinnern konnte, wie Gelder in seine Schreibtischschublade kamen, ließen ihn nicht sich des hübschen Shantys „Rolling home“ erinnern. Nicht doch, ein „Bauernopfer“ für dieses „Versehen“ fand er dann.

Offenbar genießt Schäuble so etwas wie „Welpenschutz“, nur anders rum. Sicherlich fühlt ein jeder ob solcher persönlichen Tragödie, die einem Menschen widerfahren kann, Betroffenheit. Was jedoch nicht heißen muss, dass dieser ab dem Zeitpunkt „Narrenfreiheit“ genießt.


Am 20. April 2015 schrieb Hans Jon:

Der rollende "Stuhl"-Fahrer ist der "Vater der Einheit", die er im Auftrag des "Pax americana" 1990 im Sinne des von ihm hochverehrten "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" aushandelte! Das war zwar gegen das BRD-"Grundgesetz", aber im heimlichen Interesse der "Schutz-Macht"-USA! Das GG gebietet nämlich für den "Fall" der Mauer alias dem "Fall" der Einverleibung der DDR alias der sog. Wiedervereinigung alias dem "Beitritt", dass Gesamtdeutschland in einer Volksabstimmung sich eine n e u e VERFASSUNG wählt. Seit diesem verfassungswidrigen "Beitritt" ist SCHÄUBLE die "GRAUE EMINENZ" im "Neuen Deutschland", der offensichtlich das volle Vertrauen der US-Administration "geniesst"!

Er hat seinen "WITZ" über KARL im Eigeninteresse "gerissen", denn er träumt davon, selber "WOLF der GROSSE vom Heiligen Amerikanischen Reich Deutscher Nation" zu sein! Zur Erinnerung: KARL der GROSSE (Massenmörder!) ritt 30 Jahre mordend mit Flamme & Schwert in Europa herum, um dieses für ROM gewaltsam zu "christianisieren"! Über KARL kann man also höchstens einen makabren und sadistischen "WITZ" machen!!!


Am 20. April 2015 schrieb Lutz Jahoda:

Ein "Witz", der erklärt werden muss, ist wie eine Zigarette, die ausgetreten wird, noch bevor sie gebrannt hat.
Glückwunsch, Herr Schäuble! Weiter so!


Am 20. April 2015 schrieb Susanne Kreuzer:

Treffliche Artikel und auch treffliche Kommentare von A. v. Korty und von B. Th. Olieni.
Vielleicht bin ich da ja sehr einfältig, aber in meinem Rabenkalender stand am 18. April: Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher. (Albert Einstein).


Am 20. April 2015 schrieb Martina Seidensticker:

Dieser Artikel verdient eine Verbeugung: Elegant und kühl skizziert er den "Bub", der am Tisch der Macht dienert. Sogar einen Witz darf er erzählen. Zugleich wird, wie nebenbei, Wissen über die Strukturen der Macht verbreitet. Das nenne ich exzellenten Journalismus


Am 20. April 2015 schrieb Aleksander von Korty:

Lieber Jalerist,

da hab ick mir ja mal wieder schibbelich gelacht über Dene beeden Artikel. Nur weeß ick nich jenau ob ick mir mehr über diesen AOK-Shopper-Fahrer amesürt habe oder über diesen Klaus Linke aus der Leder-Partei? Oder war det umjekehrt? Det weeß ick jetz nich mehr so jenau, denn ick hab mir uff den Schreck erst mal nen Schaps jejönnt. Ick hab nämlich irjendwo jelesen, det der Zustand dieser Welt nur noch im Suff zu ertragen iss.

Oder mit so ville Humor, wat kaum ener hat.
Und der Humor wird wohl nich alleene ausreichen, et kommt darauf an, se zu verändern! Ob det allerdings mit dieser LEDER-Partei zu schaffen is, kann icke nur bezweifeln. Ick gloob ja nich det sich Jeschichte wiederholt, aber son paar Parallelen drängen sich mir schon in meenen Kopp. Irjend wie erinnern mich solche Typen wie Lederer, Bartsch, Liebich, Gysi, Brie, Zimmer usw. doch fatal an Bernstein, Scheidemann, Ebert, Noske und Zörgiebel. So hab ick den Verdacht, det die jenauso anfällich für die Schmierereien des Systems sind wie ihre sozialdemokratischen Urahnen.


Ick heje daher nur noch die Hoffnung, dat die echten Linken in der LINKEN rasch die gleichen Konsequenzen ziehen, wie ihre historischen Vorbilder, Liebknecht, Luxemburg, Jogisches, Levi, Pieck usw.und sich von den Opportunisten rasch trennen. Menschewiki und Bolschewiki in ener Partei, det jeht uff de Dauer nich jut.


Am 20. April 2015 schrieb Benny Thomas Olieni:

Den Witz hat Schäuble versemmelt, so wahr ihm das verlogene "C" helfe.
Weiß Herr Schäuble überhaupt (beinahe hätte ich "noch" geschrieben), wo er ist, was die Stunde geschlagen hat, was aus ihm hervorbricht, wenn er quatscht? Und wo der Umschlag mit dem Geld geblieben ist? Vom Unterschied zwischen "EU" (ein neuerlicher schwarzbrauner Diktatur-Versuch) und Europa (ein Kontinent unterschiedlichster Kulturen, darunter die griechische und die russische) ganz zu schweigen.
- Schäuble verkörpert in tragischer Weise das Bild des "Häßlichen Deutschen". Im Englischen "Dr. Strangelove", in der deutschen Synchronisation "Dr. Seltsam".
Dabei muß "häßlich" sich nicht notwendig auf Äußeres beziehen, es gibt auch Häßliches im Inneren, z.B. abstammend vom Substantiv "Haß". Haß auf das Leben, Haß auf die Regungen der Freiheit, Neid auf einen Staatsmann wie Putin.
"Dr. Seltsam - Oder wie ich lernte, die Drohne zu lieben."
Buchtipp:
Erich Fromm, Anatomie der menschlichen Destruktivität.

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