Gniffkes Kniffe

Das Wording der ARD ist im Einklang

Autor: Volker Bräutigam
Datum: 10. Juli 2014

Knapp vor 20 Uhr sendet DAS ERSTE manchmal folgenden Werbespot: „Information schafft das Klima für eine bessere Zukunft – ARD.“ Das wirkt wie die TV-Reklame mit dem Chefkoch, der seinen erwartungsfrohen Gästen bei klassischer Musik und Kerzenschein eine köstliche Bouillon reicht. Gleich nach Gongschlag, Ansage und Erkennungsmelodie bekommst du allerdings ARD-aktuell-Chefredakteur Gniffkes Tagesschau vorgesetzt. Statt einer Bouillon vom Feinsten dünne Einheitsbrühe. Schluck sie gefälligst und nähre damit deine Illusion vom rundum informierten Demokraten.

In unserer kapitalistischen Gesellschaft ist auch die Information bloß Ware, mit der die Geldaristokratie profitable Geschäfte macht. Mohn, Springer, Burda, Madsack, Plattner, Thiel, Haub, Gruner, Jahr, Holtzbrinck, Grothkamp, Donnermuth, Strüngmann usw. Allesamt Milliardäre - und einige zugleich Anteilseigner unserer den Nachrichtenhandel beherrschenden Deutsche Presse-Agentur GmbH (dpa). Jenes Kommerz-Instituts also, das eine Tradition von Falschmeldungen und konformistischer Regierungsnähe hat. Und das trotzdem – oder gerade deshalb? – Hauptlieferant aller Nachrichtenverwurster geblieben ist.

Spätestens seit Beginn der tendenziösen Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt scheinst du, gebührenzahlender TV-Kunde, dem prowestlich manipulativen Trug unserer konventionellen Medien aber zu misstrauen. Du hast wohl eingesehen, dass unsere grundgesetzlich verankerte Medien-Freiheit auch die Freiheit zur Falschinformation einschließt. Dass es keine Rechtsmittel gegen Lügen von Politikern und ihren Hofberichterstattern gibt. Du ziehst füglich Konsequenzen und wendest dich von den Traditionsmedien ab – die Zuschauerzahlen von ARD und ZDF sowie die Leserzahlen bei Spiegel & Co. sinken dramatisch – und siehst dich nach neuen Formen des Informationsaustauschs um, im Internet und in den sozialen Netzwerken.

Ziehen die zwangsfinanzierten Sender inhaltliche Konsequenzen aus dieser entlarvenden Entwicklung? Nein, die Verantwortlichen geilen sich lieber an den statistikwirksam hohen Einschaltquoten bei der Übertragung von Sportereignissen auf (Fußball, WM, Olympia), erweitern technische Kapazitäten und tun so, als müsse die Sonne gottgewollt auf ihrem umfriedeten Gebührengarten scheinen.

Ich will das arrogante Gehabe am Beispiel des Umgangs mit einer Beschwerde aufzeigen, die ich wegen der realitätsverzerrenden Nachrichten über die Ukraine-Krise beim Rundfunkrat des NDR eingereicht hatte (der Sender ist im Auftrag der ARD für Tagesschau und Tagesthemen zuständig). Mein Protest galt unbestreitbaren Verstößen gegen geltendes Rundfunkrecht:

§ 5 Programmauftrag
(1) Der NDR hat (...) einen objektiven und umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und länderbezogene Geschehen (...) zu geben. Sein Programm hat der Information (...) zu dienen.
§ 7 Programmgrundsätze
(2) Das Programm des NDR soll (...) die internationale Verständigung fördern, für die Friedenssicherung (...) eintreten (...)
§ 8 Programmgestaltung
(1) Der NDR ist in seinem Programm zur Wahrheit verpflichtet. (...)  Ziel aller Informationssendungen ist es, sachlich und umfassend zu unterrichten (...)
(2) Berichterstattung und Informationssendungen haben den anerkannten journalistischen Grundsätzen (...) zu entsprechen. Sie müssen unabhängig und sachlich sein. Nachrichten sind vor ihrer Verbreitung mit der (...) gebotenen Sorgfalt auf Wahrheit und Herkunft zu prüfen. (...)
Wie vertragen sich diese hehren Grundsätze mit der prowestlich-USA-tendierten, russlandfeindlichen, agitatorischen Nachrichtenvermittlung der ARD?
Als Tagesschau und Tagesthemen im April wochenlang von „OSZE-Militärbeobachtern“ schwafelten, die in der Ostukraine von „prorussischen Separatisten“ entführt worden seien, sah ich die Regeln sauberen journalistischen Arbeitens eindeutig verletzt und forderte zunächst die Redaktion ARD-aktuell auf, schleunigst von ihrer manipulativen Falschinformation abzulassen. Es war ja hinlänglich bekannt und offiziell geklärt, dass kein OSZE-Beobachterteam, sondern eine verdeckt operierende Clique von NATO-und Bundeswehr-Offizieren in der Ostukraine aufgeflogen war. Die Antwort der Redaktion bestand aus einer kurzen E-Mail mit ein paar ablenkenden Floskeln.

Deshalb wandte ich mich am 29. April an den Rundfunkrat, Aufsichtsgremium und demokratisches Aushängeschild des NDR. Zugleich übergab ich diversen Internet-Portalen (u.a. Medien-Analyse-International) eine umfangreiche Dokumentation. „Ex-Tagesschau-Redakteur beschwert sich über Falschinformationen“ machte die Runde im Internet.

Am 2. Juni schickte mir NDR-Intendant Lutz Marmor folgende „Stellungnahme“ des ARD-aktuell-Chefredakteurs Gniffke: „Wir haben den Begriff ‚OSZE-Militärbeobachter’ richtig verwendet. ... Die Bezeichnung ... steht im Einklang mit dem Wording von Nachrichtenagenturen und Qualitätszeitungen...“ Gniffke kombiniert also Arroganz und Ignoranz. Er merkt nicht mal, dass er ein intellektuelles Null Ouvert spielt und zugleich die zumindest mentale – nachrichtenagenturgestützte – Gleichschaltung der Medien nachweist, indem er das eigene Falschinformieren mit demjenigen der Agenturen und „Qualitätszeitungen“ rechtfertigt. „In der Gesamtheit unserer Berichterstattung (über die Ukraine, V.B.) ist es uns gelungen, den Konflikt in seiner Breite abzubilden,“ meint er. Na klar, und der Kopf ist nur zum Haarekämmen da.

Natürlich habe ich den Gniffke-Stuss nicht hingenommen und darauf bestanden, dass der Rundfunkrat endlich selbst aktiv wird. Am 18. Juni schrieb dessen Vorsitzende Ute Schildt: „... Der Rechts- und Eingabenausschuss wird sich ... am 11. 09. 2014 und der Programmausschuss am 30.09. 2014 mit Ihrer Beschwerde befassen. Die abschließende Beratung erfolgt voraussichtlich in der Sitzung des Rundfunkrats am 31. 10. 2014. Über das Ergebnis werde ich Sie unterrichten.“

Vermutlich also im Laufe des November. Nur keine Eile, Herrschaften. Bis ihr zu Stuhle kommt, kann ARD-aktuell seine Ukraine-Berichterstattung – und nicht nur die – in gewohnt tendenziöser Weise fortsetzen. Und danach wohl auch. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk lebt schließlich im Konkubinat mit der Politik. Einwände? Hygienewünsche? Da könnte ja jeder kommen.

Der schöne Satz von Karl Kraus "Was Redaktionen beschlossen haben, vergelten und büßen Nationen" (in: In dieser großen Zeit?, Aufsätze 1914-1925) stand übrigens in einem Artikel des leider viel zu früh gestorbenen FAZ-Mitherausgebers Frank Schirrmacher zu lesen. Dieser wahrlich kluge Kopf hatte sich im März zu Recht über die verfälschende und russlandfeindliche Informationspolitik des ZDF und dessen Protagonisten Claus Kleber empört und sie ungewöhnlich scharf kritisiert. Gleiche Brüder, gleiche Kappen: Kleber oder sein ARD-Pendant Thomas Roth sind, wie ihre Chefredakteure, die Kai Gniffkes, Michael Strempels oder Peter Freys, resistent gegenüber Forderungen nach seriösem, unabhängigem Journalismus.

Eine um den Hinweis auf Schirrmacher erweiterte Fassung des in der Politikzeitschrift Ossietzky (15/2014) veröffentlichten Beitrags.

Volker Bräutigams Text spielt auch in dieser Ausstellung eine Rolle

http://www.sprechsaal.de/


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 12. Juli 2014 schrieb Martin Lechky:

Liebe Frau Sammet,

zur Lektüre empfohlen:
http://www.antikrieg.com/aktuell/2014_06_12_washingtons.htm
http://www.hintergrund.de/201405283110/politik/welt/die-ukraine-usa-eu-russland-krise.html


Am 11. Juli 2014 schrieb Ute Sammet:

Nun ist es an der Zeit, dass uns Herr Gellermann über die Gründe des Krieges zwischen Ukraine und Russland aufklärt:
Welcher Staat hat überfallen, angegriffen?

Antwort von U. Gellermann:

Da ich keinen "Krieg zwischen Ukraine und Russland" sehe sondern einen Bürgerkrieg in der Ukraine, kann ich die Frage leider nicht "aufklären".


Am 11. Juli 2014 schrieb Martin Lechky:

In der t a z vom 10.07.2014 gab es zu dem Thema Israel vs. Palästina drei Artikel und ein Interview. Zu gute halten muss man das einer der drei Artikel, der kürzeste (Palästinensisches Roulette), die Situtation der palästinischen Zivilbevölkerung, in Bezug auf israelische Luftangriffe, beleuchtete.

Wer sich ein Bild über die Zustände machen möchte kann sich die BBC Dokumentation "The Ultra Zionists" von Louis Theroux zu gemüte führen. Im deutschen heisst die Dokumentation "Zoff im heiligen Land".
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Ultra_Zionists

Die deutsche Version ist im Netz nicht zu finden, die englische Version verschwindet abundan und taucht an anderer Stelle wieder auf:
http://vimeo.com/54295216


Am 11. Juli 2014 schrieb Rainer Koopmann:

@Mensah-Attoh

Der Leserin ist unbedingt zuzustimmen: Die Formierung der deutschen Medien auf den Kanzlerin-Grundsatz der unbeschränkten Solidarität mit Israel ist ziemlich eklig.


Am 11. Juli 2014 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

Vielen Dank für den Artikel! gerade im aktuellen Fall ISRAEL und PALÄSTINA: widerlich die konforme, einseitige, ewig gleichlautende Berichterstattung!

Allüberall in den Medien wird ins gleiche Horn gestoßen, Tenor:
Die Palästinenser (allesamt Hamas?) seien die Aggressoren.
(Israel zerstört ja lediglich Ziele der Hamas). Dagegen sei die israelische Bevölkerung zu bedauern, es gehe darum, d i e s e zu schützen....
- SO wollen es uns die Israel-Versteher in der Medienbranche fortgesetzt glauben machen!

Umgekehrt wird aber erst ein Schuh draus. Israel ist zutiefst zu mißtrauen.
Daß diese fürchterlichen Militär-Attacken wohl lange geplant waren, Gründe hierfür geradezu provoziert worden sein müssen - vielleicht gar mit Blick auf
eine 3. Intifada, darauf deutet einiges hin. - Gründe lassen sich immer finden, um wieder einmal grausam draufschlagen zu können auf das geschundene Brudervolk- mit dem Ziel seiner Vertreibung. Und komisch, Israel wird dafür einfach von keiner Seite "scharf verurteilt". Auch dafür nicht (und wenn, dann allenfalls mehr beiläufig), daß die Eingeschlossenen auf dem kleinen Gaza-Territorium - o h n e Schutzräume - mal 500, am anderen Tag 380 Angriffen ausgesetzt sind. Oder daß die Situation für die Palästinenser wieder einmal höchst dramatisch ist. Wenn, dann wird davon höchstens beiläufig berichtet!

Keine Rede davon, w e s s e n Blut hier wieder vergossen wird .
Es ist k e i n israelisches!

Dank der Medien und ihrer Vertreter erfahren wir aber pausenlos, daß das Opfer
in diesem jahrzehnte alten Konflikt ausschließlich ISRAEL ist
(selbst die t a z -Auslandskorrespondentin ist da keine Ausnahme!).


Am 10. Juli 2014 schrieb Herr Wurzelzwerg:

Ich habe keinen Zweifel, dass man von gleichgeschalteten Medien in der BRD sprechen kann. Sie kriegen ihre Anweisungen, was und wie sie zu berichten haben, und das selbstverständlich im Sinne der Obrigkeiten, die wiederum ihre Anweisungen aus USA kriegen, zumindest was die Ukraine-Berichterstattung angeht. Wie Merkel sagte: Wir müssen jetzt wie ein Mann zusammenstehen! Gegen wen, fragt sich nur.


Am 10. Juli 2014 schrieb E Lind:

Sieht man aktuell auch. Wenn zur Sprache kommt, die "Hamas" ( im ZDF Spezial fiel das Wort sicher 10 x ) greife Dimona mit Raketen an, so ist die Rede immer von einem Reaktor, was ja allgemein auf ein AKW hinweist, von einer Anlage zur Anreicherung waffenfähigen Urans ist hingegen nie die Rede...


Am 10. Juli 2014 schrieb Thomas Ullrich:

Mal wieder fällig: DANKE!


Am 10. Juli 2014 schrieb Heinrich Triebstein:


Am 10. Juli 2014 schrieb Lutz Jahoda:

Karl Kraus würde es gewählter ausdrücken. Ich formuliere es derb:
AUSGEKOCHTE IGNORANTEN
MACHEN UNS ZU NEBOCHANTEN..
Sie versuchen es zumindest; doch es wird ihnen auf Dauer nicht gelingen.
Hans Rott, Philosoph an der Universität Regensburg nennt uns zwei Sichtweisen::
Ignoranz als generelle Veranlagung, mögliches Wissen nicht wissen zu wollen.
Und Ignoranz als Episode: zeitlich begrenztes Nichtwissenwollen von Vorkommnissen.
Ob wissentliches Übersehen oder bereits krankhaftes Verschweigen: der Bumerang-Effekt zeigt bereits Wirkung: Was uns zu armen unbedeutenden Nachrichtenschluckern machen soll, zu sogenannten Nebbichs - aus Sicht der sich so schlau Gebenden - fällt allmählich auf die "Auslasser" und "Vertuscher" zurück.
Frank Schirrmacher im Journalistenhimmel wird Karl Kraus zeigen, wie mit Abklatschen Übereinstimmung demonstriert wird.


Am 10. Juli 2014 schrieb curti curti:

Denn sie wissen nicht.....

was sie tun, kann man dieser Art von "Journalisten" oder vielmehr Meinungsmachern kaum zugute halten. Während die führenden Köpfe maßgeblich vernetzt sind und für die weiterführende Propagandaschmiere in einem Umfang saturiert werden der bei entsprechender Charakterschwäche Vorsatz als "Übersehen und Vergessen" verkleistert, ist vorstellbar das es beim letzten Glied in der Kette, dem gemeinen Journalisten, zunehmend zur Persönlichkeitsspaltung, letztlich krankhaften Aussetzern kommt. Oder kann man mit der Lüge, all dem Wegsehen und Weglassen auf Dauer gesund bleiben, soweit man noch einen Funken Anstand hat und insoweit den Krieg gegen sich selbst spürt, den der im eigenen Kopf brodelt?

Auf jeden Fall herrscht Notstand an all dem was medial vorgegauckelt wird an "Moral und Werten" und für die Folgen daraus steht das Zitat von Karl Kraus nach wie vor aktuell. Auch sei an dieser Stelle an Schröder erinnert, der während seiner Amtszeit als BuKa betonte, für seine Regierungstätigkeit nur BILD, BamS und Glotze zu benötigen. Na wenn das kein Armutszeugnis ist - für den Journalismus!


Am 10. Juli 2014 schrieb Renate Geissler:

Bis heute ist die Ukraine-Berichterstattung unerträglich: Poroshenko ist gut, Separatisten sind böse. Dass Herr Bräutigam mit seiner Erinnerung an den den Programmauftrag bisher nichts erreicht hat wundert mich nicht: Die Anstalten sind längst nur noch Maschinen zur Verbreitung von Regierungspropaganda.

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