Gauck nach Baku?

Euro-Spiele in der Diktatur

Autor: U. Gellermann
Datum: 27. April 2015

Der Bundespräsident wird auf keinen Fall hinfahren. Die Bundeskanzlerin interveniert bei der Europäischen Union. Und der für Sport zuständige Innenminister weist den Deutschen Olympische Sportbund (DOSB) ultimativ an, keine Delegation zu den "Europa-Spielen" in Baku zu senden. April! April! - selbst am Ende des scherzhaften Monats. Denn natürlich sendet der DOSB zur Premiere der Europa-Spiele in Baku, zu den Wettkämpfe in Aserbaidschan, fast 300 Athleten, vom Steuerzahler mit einer halben Euro-Million subventioniert. Und ein protestierendes Wort von Gauck oder Merkel ist nicht zu lesen. Demokratische Gestik aller Art ist zur Zeit nur für Russland reserviert.

Wie sollte man auch eine Familien-Diktatur, die tapfer auf der Seite der westlichen Werte in Afghanistan, im Irak und im Kosovo gekämpft hat, auf irgendeine schwarze Liste setzen? Zudem fördert das Land im Kaukasus geradezu verdienstvolle Mengen an Öl und Gas. Das Öl wird - total demokratisch von einem Konsortium unter Führung der BP (früher British Petrol) - durch die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline auf den europäischen Markt geleitet. Das beschert zwar der Bevölkerung keinen Reichtum, denn nach Berechnungen der Weltbank leben 47 Prozent der Aseri unter der Armutsgrenze. Aber rund um die Familie des Präsidenten Ilham Aliyev bleibt so viel Ölgeld hängen, dass ihn das "Organized Crime and Corruption Reporting Project“ (OCCRP) schon 2012 zum korruptesten Mann des Jahres ernannt hat. Das versteht der Mann nicht, er verteilt doch den Reichtum gerecht. So besaß im Jahre 2009 sein zu dieser Zeit 11-jähriger Sohn neun Strandhäuser in Dubai mit einem Gesamtwert von 44 Millionen Dollar.

Deutsche Sportverbände zeichnen sich durch beharrliche Blindheit bei der Wahl jener Länder aus, in denen sich Sport auf Mord reimt. Ist doch der Deutsche Fußball-Bund der FIFA bisher treu gefolgt, als die Fédération mit Katar als Austragungsort der Fußball-WM 2022 eine islamische Diktatur auswählte. Aber nicht nur die staatsnahen Sportfunktionäre können der dicken Splitter im Auge wegen keine Balken bei anderen sehen. Auch das staatseigene Fernsehen hat Probleme eine Diktatur zu erkennen: Hat doch die ARD 2012 im selben Baku die Austragung des "Eurovision Song Contest" unterstützt, und bei der Übertragung der fröhlichen Singerei jeden Blick in aserbaidschanische Gefängnisse vermieden.

Seit August lebt der Bürgerrechtler Rasul Jafarov in Aserbaidschan hinter Gittern. Er vermehrt die Zahl der politischen Gefangenen, die in den Gefängnissen sitzen weil sie eine eigene Meinung haben. Auf einen Besuch des Bundestagsabgeordneten Christoph Strässer, der 2009 vom Europarat zum Sonderberichterstatter für politische Gefangene in Aserbaidschan ernannt wurde, warten sie noch heute. Schließlich hatte die Bundeskanzlerin dem Chef der Erb-Diktatur erst jüngst versichert: Deutschland habe Interesse an einem weiteren Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen. Aserbaidschan sei ein "Partner von wachsender Bedeutung". Ein paar Floskeln zu den Menschenrechten sollten auf keinen Fall das Projekt des "Südlichen Gaskorridors" stören, dessen Pipelines Erdgas vom Kaspischen Meer bis nach Italien bringen werden, um eine Alternative zum Gas aus Russland zu schaffen.

Auch der speziellen Merkelschen Staatsräson trägt die angebliche Republik Aserbaidschan Rechnung: Israel verhandelt seit längerem über die Nutzung des Luftwaffenstützpunkt Sitalca. Der liegt in der Nähe der Hauptstadt Baku und ist nur ein paar hundert Kilometer von der iranischen Grenze entfernt. Eine ideale Basis für die israelische Luftwaffe und ihre F-16-Kampfjets. Um die Verhandlungen zu beschleunigen unterzeichneten Aserbaidschan und Israel vor zwei Jahren ein Militärabkommen in Höhe von 1,6 Milliarden US-Dollar. Darin sagte die Regierung des Benjamin Netanjahu die Lieferung von Drohnen sowie Luft- und Raketenabwehrtechnik zu. Dass damit ein Waffenembargo der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) umgangen wird, das wegen des aserbaidschanischen Konfliktes mit Armenien um die Region Berg-Karabach verhängt wurde, interessiert weder die Regierung Merkel noch den Deutschen Olympischen Sportbund.

Und während die "Europa Spiele" noch fröhlich mit dem reinen Sport wedeln, sind die lupenreinen USA schon einen Schritt weiter: Am 9. April fand im Senat des US- Staates Washington eine Plenarsitzung statt. In dieser Sitzung wurde eine pro-aserbaidschanische Resolution verabschiedet. In den obligatorischen Begleitreden musste Aserbaidschan unbedingt als sich dynamisch entwickelndes Musterland bezeichnet werden, das sich "nach den Traditionen der Toleranz richtet, demokratische Reformen einführt und ein wichtiger Partner der USA ist". Im Dokument heißt es auch, dass Aserbaidschan einen wesentlichen Beitrag zur Energiesicherheit der USA und ihrer europäischen Verbündeten leistet und als ein wichtiger Bestandteil des Südlichen Gaskorridors gilt, der die Energieversorgung Europas diversifiziert. - Dass der Gaskorridor eine abgespeckte Variante des Nabucco-Projekts ist, lobbyisiert von ehemaligen Außenministern der USA und Deutschlands, dass der deutsche Ex-Außenminister Fischer heißt und GRÜN ist, so GRÜN wie der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes Michael Vesper, das ist einer der wundersamen Zufälle, die das politische Leben für den gemeinen Bürger bereithält, damit ihm nicht langweilig wird.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 29. April 2015 schrieb Thomas Nippe:

Treffender kann man es nicht sagen. Danke.


Am 28. April 2015 schrieb Benny Thomas Olieni:

GAUck nach Baku?

Unbedingt!

Er spricht ja ohnehin die Landessprache!

(Bakulatur)


Am 27. April 2015 schrieb curti curti:

@ Nachtrag

Und damit die tumbe Masse das Gegenteil dessen verinnerlicht, was Uli Gellermann zu entlarven bemüht ist, kleistert das Polit- u. MSM-Pack den je nach Situation und "Notwendigkeit" angepasst narkotisierenden Einheitsbrei.

Da es mitunter frustrierend ist sich die tatsächliche Welt zu vergegenwärtigen, zur weiteren Auflockerung ein kurzer Clip mit Volker Pispers, auf den ich soeben aufmerksam geworden bin. Man fühlt sich hin- und hergerissen zwischen Lach- und Weinkrampf - zum einen durch die äußerst gelungene Beschreibung niederster Charaktere, die aber dennoch imstande waren/sind ein solches Elend zu bewirken.

https://www.youtube.com/watch?v=uPvGtlYxv5U#t=359


Am 27. April 2015 schrieb Lutz Jahoda:

Aufs Präsidiale und Ministerielle Wetten abzuschließen, wäre auf dem Glücksspielgebiet das langweiligste und unergiebigste Geschäft aller Zeiten. Jedem Wettbüro wäre der Satz "es rechnet sich nicht" bereits zu viel an Begründungsaufwand. Selbst vor dem kurzen Einwurf "miese Quoten" würden sich Zocker ekeln, weshalb ihnen Verständnis, wenn nicht gar Lob entgegengebracht werden sollte, wenn nicht gar Dankbarkeit für die wegwerfende Handbewegung und das Schweigen.


Am 27. April 2015 schrieb Benny Thomas Olieni:

"...wo sich Sport auf Mord reimt..."

Wie wäre es mit mehr internationalen Sportveranstaltungen in
Mordamerika?

Eine Weltregion, die "demokratische Reformen" sogar weltweit "einführt"...
ganz den Werten von Dr. Merkele und Herrn GAUck wertegemeinschaftlich verbunden. Und bestimmt auch denen der Apparatschiks des Sportbundes der BRDDR.


Am 27. April 2015 schrieb Hans Jon::

SUPER-WENDEHÄLSIN A.M. & SUPER-GAU-ckler haben eines "extrem-gemein":
Bei den Beiden endet bei GELD & MACHT ihre "christliche" RELIGION & ihre "demokratische" IDEOLOGIE!


Am 27. April 2015 schrieb Ulrich Fiege:

Hallo Herr Gellermann, danke für den Durchblick im Dickicht, ergänzen möchte ich noch die Verteilung der Bodenschätze und: "Deutsche Sportverbände zeichnen sich durch beharrliche Blindheit bei der Wahl jener Länder aus, in denen sich Sport auf Mord reimt.", sind rein Sportlich gesehen, ein Volltreffer!

"Das Öl aus Aserbeidschan zog längst die großen Konzerne magisch an. In Baku rollt nicht mehr der Rubel sondern der Dollar. Überall wo es nach Öl riecht, scheinen die USA schon zur Stelle zu sein. Das in Baku gebildete Edölkonsortium charakterisiert die neuen Machtverhältnisse: Die US-Konzerne Amoco (17 %), Pennzoil (10 %), Unocal (10 %) und Exxon (5 %) halten zusammen 42 Prozent der Anteile; 27 Prozent sind in britischer Hand (British Petroleum 17 %, Ramco 10 %); den Rest teilen sich Gesellschaften aus Aserbeidschan, Russland, Norwegen, der Türkei und aus Saudi-Arabien."

http://www.ag-friedensforschung.de/memorandum/Tschetschenien.html


Am 27. April 2015 schrieb Ingrid Böhm-Duwe:

Baku ist ja nicht Russland. Das unterscheidet der Bundesdampfplauderer schon recht fein. Man erinnere sich an Gaucks „Symbolpolitik“ wo er in Sotschi den Paralympics fern blieb. Traurig finde ich nur, dass, wenn so etwas geschieht, das wirklich Wichtige, die Menschen nämlich, bei solchen Gesten angeblicher „Größe“, wie der Gau©kler sie sicherlich für sich bescheinigt hatte, zu kurz kommt. Und nicht das, was im Vordergrund steht, seine Würdigung erfährt: Der gemeinsame Kampf behinderter Sportler miteinander und gegeneinander in friedlichem Wettstreit. Und gegen Ausgrenzung.

Gauck wird allerdings wahrscheinlich mEn Baku mit seinem Besuch „beglücken“. Eventuell im Schlepptau das Merkel - oder andersrum. Da geht doch noch was? „Stallorder“ von „home sweet home“ überm Teich oder vom ewigen selbst ernannten Opferland… Das sportliche Ereignis ist für diese zwei Leut‘ von sekundärer Wichtigkeit.

PS: Ich unterscheide zwischen „Leuten“ und „Menschen“. Von Ersteren gibt es zu viel und von der zweiten Kategorie zu wenig. Leider!


Am 27. April 2015 schrieb Joe Bildstein:

@curti curti
Danke fuer den Hinweis.
Beir mir zuhause liegt Zbig Werk direkt neben der Bibel, alles im Namen des Herrn.

Lesenwert auch der teutonische Beitrag in diesem Machtspiel

http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/projekt_papiere/DeutAussenSicherhpol_SWP_GMF_2013.pdf

Die Grafik auf Seite 31 laesst einen schaudern.... die Handschrift der Regime in Washington u Tel Aviv ist nicht zu verkennen......

Noch eine rauch ich mir um das zu ertragen.


Am 27. April 2015 schrieb curti curti:

@ Joe Bildstein

Zbig aktualisiert findet sich mittels Thomas P.M. Barnett in "Blueprint for action". Und dieses vor US-EGO strotzende Machwerk ist dort Standard in allen öffentlichen Bibliotheken. That´s the way it goes!

http://www.amazon.de/Blueprint-Action-Future-Worth-Creating-ebook/dp/B008MFXR28/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1430113180&sr=1-1&keywords=blueprint+for+action


Am 27. April 2015 schrieb curti curti:

In derartige Geschehnisse involvierte Polithansel oder Verbandsfuzzis sind weder physisch blind noch im materiellen Sinne dumm, sie wissen vielmehr genau was zu tun ist und setzen es entsprechend um, konsequent. Sehr hilfreich ist ihnen dabei die mehr oder weniger völlig fehlende emotionale Intelligenz, es bleibt ihnen in gieriger Kurzsicht verborgen was wirklich wertvoll ist.
Die wirklich Gewieften unter ihnen spüren es zumindest, mißachten und unterdrücken es aber vorsätzlich um ihrem pathologisch manifestierten Eigennutz rigoros auszuleben.

Sowas fällt heute unter "herausragende Führungsqualität" und anstatt in stationärer Obhut zu verweilen machen sie die ganze Welt zum Irrenhaus. Eine wahrlich beachtliche (Ent)wicklung, die keineswegs mehr überraschend ist, egal auf welchem "event" sie sich gerade bewegen!


Am 27. April 2015 schrieb Felix Kruft:

super texte. ich hoffe, sie machen noch lange so weiter!


Am 27. April 2015 schrieb joe bildstein:

Ich empfehlte das Buch "The Grand Chessboard" von Brzezinski, darin zu lesen:

""In that context, how America `manages´ Eurasia is critical. A power that dominates Eurasia would control two of the world´s three most advanced and economically productive regions. A mere glance at the map also suggests that control over Eurasia would almost automatically entail Africa´s subordination, rendering the Western Hemisphere and Oceania (Australia) geopolitically peripheral to the world´s central continent. About 75 per cent of the world´s people live in Eurasia, and most of the world´s physical wealth is there as well, both in its enterprises and underneath its soil. Eurasia accounts for about three-fourths of the world´s known energy resources." 
Die Dicke aus der Uckermark wird also alles tun was Herrscher in Wash und Tel Aviv vorschreiben.

[http://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&frm=1&source=web&cd=1&ved=0CB0QFjAA&url=http%3A%2F%2Fwww.takeoverworld.info%2FGrand_Chessboard.pdf&ei=kLQ9VeGOCsjKaKLVgbAO&usg=AFQjCNEMElFMcSG4MRlpJxNlo0evOh3Few&bvm=bv.91665533,d.d24];

Zu den Aktivitaeten des radikalzionistischen Apartheidregimes in Tel Aviv faellt mir so spontan das Buch von Frau Galiski ein "Das 11. Gebot, Israel darf alles".
[http://www.watzal.com/EHG%20Israel%20darf%20alles.pdf]
In diesem Sinne, rauchen wir noch eine Prise von dem guten schwarzen Afghanen.

Dran bleiben...

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