Eine Marionette zerrt an ihren Fäden

Hamid Karzai unterschreibt das Truppenabkommen nicht

Autor: U. Gellermann
Datum: 12. Dezember 2013

Hamid Karzai will das Truppenabkommen mit den USA, die weitere Präsenz von bis zu 12.000 US-Soldaten, vorläufig nicht unterschreiben. Der Mann, den die USA zur afghanischen Garnierung ihrer Besetzung des strategisch wichtigen Landes gedacht hatten, zerrt an den Fäden, mit denen man ihn tanzen lässt. Gegenüber der Zeitung "Le Monde" sagte der afghanische Präsident sogar, die USA würden sich wie eine Kolonialmacht verhalten. Wenigstens, so Karzai, sollten ausländische Truppen nicht mehr in afghanische Häuser eindringen dürfen. Außerdem verlangt er als Voraussetzung für seine Unterschrift, dass sich ausländische Soldaten der Justiz seines Landes stellen müssten, wenn sie Verbrechen verübt hätten.

Eine dröhnende Stille breitet sich aus. Keiner der Besatzer, auch nicht die Deutschen, sagt so etwas wie: Das ist doch selbstverständlich. Wir wollten doch Afghanistan die Demokratie bringen. Und wesentliche Voraussetzung für Demokratie ist die Souveränität des Landes. Auch die Freiheits-Schwätzer, von Obama bis Gauck, von Bush bis Joschka Fischer, von den ISAF-Generälen mit ihren zeitweilig 130.000 Söldnern bis zum erbärmlichen Drohnen-de-Maizière, keiner findet ein Wort des Bedauerns oder der Trauer über jene von WIKILeaks gemeldeten 24.155 Toten des Afghanistan-Krieges. Bestenfalls stammeln sie verlogenes Zeugs an den Särgen der eigenen Toten.

Noch während der angeblichen Truppen-Abzugspläne meldet sich der NATO-Generalsekretär: Ohne das neue Stationierungs-Abkommen und ohne ausländische Truppen, droht Anders Fogh Rasmussen, würden sowohl die Finanzierung der afghanischen Soldaten und Polizisten als auch die geplanten Mittel für die Entwicklungshilfe auf Eis gelegt. Meldet sich daraufhin auch nur eines der Mainstream-Medien mit der Enthüllungsschlagzeile "Entwicklungshilfe war eine Lüge - Geld zahlt der Westen nur für ein Militärmandat"? Nein, das können sie nicht, die ZEIT-Geistschreiber und BILD-Stammler, die SPIEGEL-Arroganzler oder die FRANKFURTER ALLGEMEINEn. Denn sie waren zu jederzeit beim Krieg dabei, unterstützend, begleitend, wohlwollend.

Nun besucht Hamid Karzai in diesen Tagen den Iran. Dem neuen iranischen Präsidenten Hassan Rohani, mit dem Karzai einen Freundschaftsvertrag abschließt, fällt ein unerhörter Satz ein: "Wir sind besorgt über die Spannungen, die die Präsenz ausländischer Truppen verursacht und glauben, dass alle ausländischen Truppen das Land verlassen sollten." Was auch immer an diesem Satz zum strategischen Interesse des Iran gehört, in einem Punkt hat Rohani unverrückbar Recht: In dem mehr als zehn Jahre währenden Afghanistankrieg haben die fremden Truppen nur die Spannungen verschärft, bis zur Ausdehnung des Krieges auf pakistanisches Gebiet. Ein Krieg, dessen Echo von Al Quaida-Truppen bis nach Syrien getragen wurde. Unter dem zeitweiligen Beifall des Westens.

Der Noch-Kriegs-Minister der Regierung Merkel, Thomas de Maizière, wird wohl wieder Kriegs-Minister werden. Das kennzeichnet auch den Wert der Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und SPD. Auf seinem jüngsten Flug zu den deutsche Truppen in Afghanistan diktiert er den mitfliegenden Medienvertretern, er warte "dringend auf die Unterschrift der afghanischen Seite“ für das Truppenstatut. Eine Unterzeichnung erst nach der afghanischen Präsidentenwahl wäre "sicher zu spät“. So klingt der Kolonialminister, wenn er den `Eingebornen´ ein Statut oktroyiert. In den strammen Begleitmedien klingt gar nichts. Außer der unterwürfigen Weitergabe des Tagesbefehls. In wunderbarer Fügung lehnt zeitgleich zum Ministerbesuch ein Bonner Landgericht die Schadenersatzklagen der Hinterbliebenen jener rund hundert Toten ab, die man vor mehr als vier Jahren auf Befehl eines Bundeswehr-Offiziers heimtückisch ermordet hat. Der Offizier ist mittlerweile befördert.

Das neue Truppenstatut nennt die NATO "Resolute Support" (Entschlossene Unterstützung). Und in den deutschen Medien wird es schon "Nachfolge-Mission" genannt. Zehn Jahre Missionierung der afghanischen `Eingeborenen´ sind offenkundig nicht genug. Es braucht augenscheinlich mehr Tote, um den Afghanen das westliche Glaubensbekenntnis einzubläuen: Wir sind die Herren, ihr die Knechte.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 18. Mai 2014 schrieb F. Dorn:

Einerseits wirklich sehr sehr lustig geschrieben. Und ich kann mir gut vorstellen, dass Telefonate und Verhandlungen wirklich so ablaufen.
Ihre Texte sind insgesamt stets äußerst gesellschaftskritisch und berücksichtigen viele Bereiche, doch warum informieren Sie nicht mit Fakten?


Am 13. Dezember 2013 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

NIE WIEDER KRIEG !
... hatten wir einmal geschworen - inzwischen gehört er aber schon längst wieder zur bundesdeutschen Wirklichkeit. Die ganzen guten Vorsätze sind dahin, und das ironischerweise unter Mitwirkung der GRÜNEN!... (Völlig zu Recht hat damals Joschka Fischer den dicken roten Farbbeutel aufs Ohr bekommen - auch in meinem Namen!! Wie viele andere auch habe ich damals DIE GRÜNEN augenblicklich verlassen).

Verteidigungsminister, das weiß man doch eigentlich, haben k e i n e Berechtigung: Denn wogegen - bitteschön - hätte sich eine Bundesrepublik überhaupt zu "verteidigen"? Etwa gegen invasive Afghanen-Truppen? Mitnichten!

Diese "Kostenfaktoren" Struck, Fischer, Jung, Klein, Guttenberg usw. tja und auch De Maiziére (wieso ist eigentlich dieser Drohnenkönig immer noch da?) - das waren/sind Leute, die es für völlig normal erachten, daß der Verteidigungsetat, Militärausgaben, Militäreinsätze absurde Summen verschlingen und in den Wüstensand gesetzt werden. Staatsminister, die hauptsächlich von der bzw. für die "Show" leben, die sich statt dem Leben dem Tod bringenden Gewerbe verschrieben haben. Alles ganz normal, wie sie ihr Tun und die Verantwortlichen mit vielen blumigen Worten verteidigen, es rechtfertigen, auch wenn Fürchterliches geschieht so wie vor 4 Jahren in Kunduz/Afghanistan...
Gleichgeschalteten Gerichte tun noch ein Übriges, indem sie ausgelöschte Afghanenleben nicht für so viel wert erachten - daß sie den so schrecklich geschädigen Menschen nicht wenigstens eine angemessene Entschädigung zusprechen. (Was um alles in der Welt haben wir eigentlich in Afghanistan verloren???

Demzufolge ist es längst überfällig, daß Hamid Karzai endlich aufwacht und an seinen Marionetten-Fäden zerrt bzw. diese durchtrennt - um vielleicht noch ein bißchen das Ruder herumzureißen, es wäre dem Land zu wünschen.

Der Reyes-Carillo-Beitrag ist toll, weil damit der Nagel auf den Kopf getroffen ist!


Am 12. Dezember 2013 schrieb Hans-Peter Lindhorst:

Ihre Afghanistan-Ergüsse sind doch nur der Aufguss der Linkspartei-Pamphplete. Sie schreiben eindeutig dort ab, zugegeben ist Ihr Deutsch etwas besser.

Antwort von U. Gellermann:

Und ich dachte immer, die schreiben bei mir ab.


Am 12. Dezember 2013 schrieb Florence Garnier:

Auch in diesem Artikel hast Du wieder leider Recht!


Am 12. Dezember 2013 schrieb Reyes Carrillo:

Vielen Dank für diesen erlesenen Artikel, lieber Herr Gellermann! Sie zerren genau an den Fäden, an denen diese skandalöse imperialistische Besatzung Afghanistans baumelt. Inklusive vor allem der miesen, verlogenen Medienbakterien aus Presse, Funk und Fernsehen, die sich – wie stets - am liebsten in der kranken Darmflora geostrategisch-kapitalistischer Kriegstreiber einnisten und von dort ihre propagandistischen Winde entfahren lassen. Diese unappetitliche, wiewohl aber wissenschaftlich einwandfreie Anatomie des gemeinen Kriegstreibers und des ebenso gemeinen journalistischen Bellizisten, Sie werden es mir bitte nachsehen, konnte ich nicht unerwähnt lassen. Ein paar Bemerkungen noch:

Einer dieser besonders unangenehmen Darmflora-Bereitsteller ist in der Tat Kriegsminister De Maiziére! Da waren die Darmfloristen Struck, Jung, sogar Guttenberg, die die deutsche Afghanistan-Intervention „begleitet“ hatten, geradezu harmlose Kerlchen - vergleichsweise. De Maiziére ist in seiner leisen (bittere Assoziationen weckenden) bürokratischen, Loyalität über alles stellenden Wahrnehmungsbegrenzung dagegen der wohl gefährlichste Armeechef, den Deutschland auf seinem Weg zur sich auch offen bekennenden Interventionsarmee (faktisch ist sie es ja schon längst) unter Vertrag gestellt hat und wohl wieder stellen wird. In diesem Mann sind so gut wie alle Eigenschaften versammelt, die auf diesem Posten von der einen Seite natürlich erwünscht, von der anderen aber zu Recht gefürchtet werden: das geräusch-, leidenschafts- und mitleidlose Durchziehen einer ideologischen Agenda! Wobei die jeweilige Ideologie in Apparatschiks wie De Maiziére wohl sogar noch verhandelbar wäre, da Menschen wie er ihre Befriedigung sicher nicht aus der Ideologie bzw. dem Ziel selbst extrahieren, sondern aus dem (im Selbstbild sicher überaus positiv bewerteten) emotionslosen, loyalen und effektiven Abarbeiten der gestellten Aufgabe an sich.

So wie die kapitalistisch-neoliberale Ideologie durch ihre bisher etwa 25 bis 30 Jahre andauernde, sehr effektive Propaganda so gut wie alle Köpfe in diesem Land vernebelt und das Bewusstsein, das Denken und Fühlen, einfach alles erfasst hat, so ist es auch mit Afghanistan: Auch wenn der Deutsche sich in Umfragen immer wieder – Gott sei Dank - von seiner wenig kriegslüsternen Seite zeigt, so ist es doch gelungen, die gängigsten Entwicklungshilfe-Mädchen-in-Schulen-Euphemismen dieser Intervention in der deutschen Wahrnehmung zu verankern. Nebenbei bemerkt liegen natürlich der Neoliberalismus und die Durchsetzung seiner Interessen auch mit Mitteln der Gewalt auf einer Achse. Dazu muss man keine linke Verschwörungstheoretikerin sein, sondern nur zur Kenntnis nehmen, was z.B. Ex-Bundespräsident Köhler am 24.5.2010 auf dem Heimflug von Afghanistan so alles in die Reporter-Mikrofone zu sagen hatte.

Was für ein Scherbenhaufen, was für ein Leid, diese entsetzlich vielen Ermordeten, diese Demütigung, diese Degradierung und diese dunklen Perspektiven in und für Afghanistan, die Sie, lieber Herr Gellermann hier in Ihrer Ihnen eigenen Art aufgeschrieben haben, das macht so unfassbar wütend und ohnmächtig! Haben Sie nochmals vielen Dank!

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