Eigentum macht Bumm

Zum Wohnungs-Terrorismus

Autor: U. Gellermann
Datum: 03. Oktober 2013

Eine terroristische Macht sucht Deutschland heim: "Vier Millionen Deutsche leiden unter Mietexplosion" - "In Großstädten explodieren die Mieten" - "Mietpreis-Explosion erreicht neue Rekorde" So ist es in Zeitungen zu lesen, in Medien zu hören. Noch kann der Innenminister keine Namen nennen, der Verfassungsschutz keine Verhaftungen vornehmen, aber es gibt erste sachdienliche Hinweise, es sei der "Wohnungsmarkt", dem diese Anschläge auf Leib und Leben zu verdanken seien. Nun wissen wir, dass der Markt mit einer unsichtbaren Hand begabt ist, man wird ihm deshalb nur schwer auf die Spur kommen. Doch die Opfer sind immerhin bekannt: Rund 300.000 Menschen in Deutschland sind obdachlos, Rentner, Studenten und Hartz IV-Empfänger können sich die Wohnungen des explodierten Marktes kaum noch leisten. Wie aber zündet der Markt seine Bomben?

Zwei Fälle aus Berlin können uns auf die Spur der Täter führen. Jüngst, im Berliner Szene-Bezirk Friedrichshain, besaß ein Chefarzt aus Hannover eine Wohnung. In der Wohnung lebte eine Frau bei günstiger Miete. Weil der Chefarzt Eigentümer ist, darf er Eigenbedarf anmelden. Zwar will er nur dann und wann in der eigentümlichen Wohnung leben. Sein Wohnsitz bleibt in Hannover. Aber das Berliner Landgericht findet das ärztliche Eigentum schützenswerter als die Mieterin. Deshalb hat es entschieden: Frau dauerhaft raus, Arzt für ein paar Besuche im Jahr rein. Das selbe Landgericht hatte schon vor ein paar Monaten in einem anderen wirklich schweren Fall von Eigentum zu entscheiden. Da hatte es sich die Firma "Terrial Stadtentwicklung GmbH" aus Biberach an der Riß zur Aufgabe gemacht die Stadt zu entwickeln und sie kaufte zu diesem Zweck ein Haus und wollte es modernisieren. Da störten die Mieter sehr. Manche verließen ihre Wohnung schnell, aber eine blieb und störte weiter. Doch weil die "Terrial" nun mal aufs Entwickeln versessen war, bauten sie der Mieterin eine neues Haus vor die Nase, da mussten dann die Fenster von Küche und Bad zugemauert werden. Das fand die Mieterin schlecht. Das Berliner Landgericht aber gut: Die Mauern blieben stehen.

Wahrscheinlich sind dem armen Landgericht einfach die Hände gebunden. Denn der § 903 des bürgerlichen Gesetzbuches legt fest: "Der Eigentümer einer Sache kann, soweit nicht das Gesetz oder Rechte Dritter entgegenstehen, mit der Sache nach Belieben verfahren". Damit der Beliebigkeit nicht genug, haben die Vereinten Nationen in ihrer 1948 verabschiedeten Charta das Eigentum zum Menschenrecht erklärt. Und dem folgt das Grundgesetzt auf das Schönste, wenn es das Eigentum als Grundrecht begreift. Wenn also einem ein Eigentum gehört, dann kann er damit auf den Markt gehen und es meistbietend an den verhökern, der keines hat. Im Fall der Mauer-Wohnung führt das zu einer der zitierten Explosionen: Der Mietpreis der Wohnung wird sich nach dem Auszug der Mieterin verdoppeln. Bumm. Das gilt natürlich auch für die Eigenbedarfswohnungen, in der mal der Neffe, dann das eigene Büro oder eben die Zweit- und Drittwohnung untergebracht werden soll. Nach dem was man eine Schamfrist nennt, obwohl die Sache schamlos ist, stehen die Wohnungen wieder dem Terror-Markt zur Verfügung.

Allein zwischen 2002 und 2008 wurden etwa 600.000 Wohnungen privatisiert. Zumeist aus kommunalem Bestand wurde öffentliches Eigentum privaten Investoren zu treuen Händen übergeben. Sowohl, weil die Kommunen Geld brauchten, als auch weil auf der Agenda stand, dass Privat vor Staat gehe. Das hatte nicht selten den Doppel-Bumm-Effekt: Privat erhöhte die Miete, und weil im vorher preiswerten Wohnraum eher ärmere Mieter lebten, mussten die nun bei der selben Kommune um Wohngeld betteln. So aber kam es, dass vom frisch eingenommenen Geld alles in das Wohngeld floss, das wiederum, über die Mieten, bei den neuen Eigentümern landete. Wer diesen Zyklus für eigentümlich hält, hat recht.

In diesen Tagen beraten diverse Parteien über diverse Koalitionen. Sicher werden sie auch über Terrorismus reden. Dass die Explosionen auf der Tagesordnung stehen werden, ist nicht auszuschließen. Dass man sich mit dem Terroristen namens Eigentum nicht beschäftigen wird, dafür garantieren die verhandelnden Parteien.


PS.
Am 15. 10. 2013 um 20.30 Uhr:

Vortrag und Diskussion mit dem Herausgeber der RATIONALGALERIE
Uli Gellermann: Medien. Macht. Krieg.

Im "Buchhändlerkeller" Carmerstr.1, 10623 Berlin-Charlottenburg

http://www.buchhaendlerkeller-berlin.de/index.php/eventreader/events/grenzgaenge-gleichheit-ist-glueck-2-vortrag-und-diskussion-uli-gellermann-medien-macht-krieg.html


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 06. Oktober 2013 schrieb Dirk Müller:

Eine typische Entwicklung und auch ich bin irgendwann davon betroffen denn die Wohnungen um mich herum wurden einst von einer staatlichen Wohnungsbaugesellschaft aus öffentlichen Geldern finanziert und später einem Zockerunternehmen billig verhökert (geschenkt), das die Ware "Mensch" nun in all ihren schrillen entarteten Formen auszubeuten weiß! Der arme Mensch = Die kalkulierbare Kehrseite und heimliche Hassliebe anarchistischer Kapitalmärkte, die ohne ihn, als Gegenpol, eher in seiner Haut stecken würden, aber in ihrer erzwungenen Utopie Könige miemen. Sie haben ihr Vieh gut im Griff, in Ketten von Übertölpelung, Kontrollverlust und Schuld gefesselt, um den Sinn seines humanen Lebensinstinktes gebracht = Um das Recht der gleichmäßigen Entfaltung und inspirierenden Ruhe eines schönen bleibenden Eigenheims, mit bescheidener Familie und dennoch verharrt seine Lobby scheinbar mundtot in allen gleichgeschalteten Spartenkanälen und damit nährt man alle brutalen Extreme der Zukunft, zum Wohle des exponentiellen geistigen Nichts und man kann ihn fallen sehen, den friedlichen Michel der Mittelklasse und sich an seinem Negativbeispiel noch mehr motivieren, wenn man die Kapitalschwelle des Taschenspielers überschritten hat, dann ist man ein richtiger Jäger, man wirft mit Wattenbällen auf gebratene Hähnchen und bildet sich ein in der Natur ein Alpha zu sein und der kleine Mensch muß eigentlich nur das Geldsystem sabotieren, nicht weiter sinnlos konsumieren sondern erhalten, dennoch denkt er fremdgesteuert, wir seien produktiv, hofft unterbewußt das die Chinesen für immer umsonst arbeiten und muß an diese GmbH glauben, die mit jedem Bürokratenpalast bei der Upik eingetragen ist und sich scherzhaft souveräner Staat nennt und damit der Vorreiter für jede gewinnträchtige Privatisierung in Zukunft in der Welt ist, mit dem Logo des tatkräftigen Eunuchen, der lachend von der chinesischen Mauer springt. Nur der Gutsituierte teilt die gefälschten Meinungen, alles sei fein so, er hat seine Sklaven auf dem Feld, oder anonymisiert hinter seinen monatlichen Zinsen, Gewinnen stehen, so bleibt das Gesicht seiner Opfer verdeckt und er wäscht sich die Hände in Unschuld, lebt über seine Verhältnisse und schmeißt die Gesundheit unserer Nachkommen in den Gulli. Aber er hat sich eine gepanzerte Meinung gekauft, die man franchisen möge, dann kann man seine naive Hetze in allen Spartenkanälen begreifen, daran verdienen, ihn lieben und anbeten, darunter existiert nichts! Die politisch korrekte Meinung ist der Weißheit letzter Schluß, allen gehts gut! Wer nix verdient ist nicht fleißig. Er muß in eine primitive Konditionierung gedrängt werden, damit die goldenen Toiletten ablaufen können. Der Zinsenszins hackt alles in Stücke und auch Privateigentum wird für die falsche Ideologie zur Prostituierten denn wir müssen die Dekadenz feiern, als wenn es keinen Morgen gäbe, entartete Kreise müssen sich an der Jugend vergehen und der gesunde Kern muß zum Vieh umgepolt werden.
Und jedes Jahr kommt ein kleiner Kleckerbetrag an versteckten Steuern dazu, stets über kluge Hierarchien eingetrieben, die nie auf den direkten Schuldigen zeigen, seit 2007 sind es hier nahezu 100€ mehr Miete +undurchschaubare Nebenkosten geworden.
Einmal habe ich schon vor Gericht mit den Geldverbrennern gesessen, oben rein das Geld, Asche kommt raus = Kein Mehrwert!
Das Unternehmen hat die Häuser vergammeln lassen und eben das Nötigste nachgebessert, manche haben neue Verteilungen, andere haben für die ganze Wohnung nur eine Sicherung. Hier gibts keine Dämmung und man heizt nahezu ins Freie. Die alten Holzöfen die das Elend noch ausbremsen konnten, wurden weg rationalisiert und dafür kam das Monopol "Gas" und "TV" ist schon fest in der Miete integriert, nur eine Firma kann hier den bunten Hirntot aus der Antennendose anbieten und ausbeuten, wofür gab es früher Kartellämter?. Schaut man sich die Firma an der Börse an, dann weiß man warum auch die Handwerkerfirmen und Gärtnerunternehmen in der selben Hand sind, finanziell aus Billigjobbern zusammengewürfelt und zwischen den Fake-Unternehmen, aus der selben Hand, wird die harte Währung intern abgerechnet! Die Dekadenz aus Hollywood und der Spaß am sinnlosen Profilierungsdrang haben viele Gehirne zersetzt und während der kluge Mensch Berge von Werkzeug und Fähigkeiten und bescheidenes Eigentum bereit hält, lebt der Großteil sorgenfrei und unbekümmert gutgläubig direkt am Abgrund, statt JETZT die Weichen ausgeklügelt umzustellen, doch so geht es weiter ins Extrem und keiner glaubt es, bis es zum Zwecke des Krieges ausgebeutet wird, bleibt das Extrem verborgen.


Am 05. Oktober 2013 schrieb Manfred Ridder:

Das ist wie gewohnt eine sprachlich gute Polemik. Aber besonders gefällt mir der analytische Teil, der nachweist, dass das von den Kommunen eingenommene Geld gleich wieder in Hartz IV-Woihngelfd fließt.


Am 05. Oktober 2013 schrieb Rosa Verde:

Schade, dass ich nicht in Berlin lebe:
Am 15. 10. 2013 um 2030 Uhr:

Vortrag und Diskussion mit dem Herausgeber der RATIONALGALERIE
Uli Gellermann: Medien. Macht. Krieg.


Am 04. Oktober 2013 schrieb Caroline Bischoff:

vor 27 jahren wusste ich schon,
dass wir bald nur noch für die miete
arbeiten gehen.

helmut kohl hat den sozialen wohungsbau
ganz eingestellt
+
kein anderer nach ihm wieder eingesetzt.

nun fehlen über 4 millionen sozialwohnungen
+
80.000 wohungen für die studenten.

berlin hat die zugeteilten gelder für sozialwohungen
für etwas anderes verwendet !


Am 03. Oktober 2013 schrieb Ingo Engbert:

Wo Eigentum Bumm macht,
sagt Mieter Peng.


Am 03. Oktober 2013 schrieb Heidi Schmid:

Hab zum Thema kuerzlich einen bericht per tv gesehen. ueber die frau, der die fenster zugemauert wurden. mir scheint, die entwicklung geht dahin, dass eine "reiche" klientel ueber das mittel "wohnungsmarkt" da weiter macht, wo hartz 4 aufhoert. die menschen rauszudraengen, die sich nicht alles leisten koennen, irgendwo weg, an den rand, ueberspitzt gesagt: ein mord auf leisen sohlen, denn durch den verlust des sozialen umfelds kann man dem menschen gleich noch "eins" reindruecken, wenn er schon gelernt hat, mit hartz 4 zu ueberleben.

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