Die SPD und die Pflicht

Willi Kowalskis Monolog zum Koalitionsvertrag

Autor: U. Gellermann
Datum: 14. Dezember 2013

Also, ehrlich gesagt, ich hab dem Koalitionsvertrag nicht gern zugestimmt. Noch mal ne Runde mit Merkel, wer weiß, wo wir dann später stimmenmäßig landen, hab ich bei uns im Garten-Verein gesagt. Außerdem, schon wieder mit der CDU, ist eigentlich nix für mich. Ich war dann auch ganz glücklich, als die Hannelore Kraft gesagt hat, dass wir da nicht mit wehenden Fahnen reingehen sollten, in die Koalition. Später, als der Siggi, der Gabriel, dann gesagt hat, wir machen das nicht für uns, wir machen das für die da draußen, für die kleinen Leute. Es ging schließlich um den Mindestlohn, und wenn wir jetzt nicht zustimmen, dann wird das nix. Und als dann der Ortsvereinsvorsitzende aus der Regionalkonferenz kam und sagte Mensch Willi, da müssen wir jetzt unsere Pflicht tun, da müssen wir durch, da hab ich dann dem Heinz gesagt, ist schon gut. Ist aber das letzte Mal.

Denn das mit der Pflicht, das haben die mir damals auch bei den Notstandsgesetzen gesagt. Da war ich noch bei den Jusos. Wir haben demonstriert wie verrückt - muss so 68 gewesen sein. Aber im Unterbezirk waren sie nicht dafür. Und Auto-Müller, der auch bei uns war, bei dem ich als Mechaniker in der Lehre war, der meinte, mit meinen langen Haaren, da würde er drüber wegsehen, aber dieses Gegröle auf der Straße, da wäre er gegen. Was wäre denn, wenn der Russe kommt, und wir hätten keine Gesetze für den Notfall. Das wäre doch wohl meine Pflicht zuzustimmen. Haben wir dann in der ersten Großen Koalition, mit Brandt und Kiesinger, auch gemacht.

Der Russe hat schon unseren Pappa auf Vordermann gebracht. Als der aus Gefangenschaft kam, war eins klar: Nie wieder Krieg. Aber als der Herbert Wehner dann meinte, wir könnten nie Regierungspartei werden, wenn wir gegen die NATO wären, und wie stünden wir denn da, wenn der Russe käme und uns keiner helfen würde. Es wäre jetzt unser Pflicht als Sozialdemokraten . . . da hat unser Alter sich erinnert wie schlimm die Kriegsgefangenschaft beim Russen gewesen war und überhaupt. Onkel Jupp hat dann noch gesagt, die Russen hätten unsern Pappa ja auch nicht eingeladen, aber Onkel Jupp war KPD, der war längst verboten.

Im neuen Koalitionsvertrag kommt der Russe nicht vor. Aber NATO und Auslandseinsätze schon. Da ist die Koalition dafür. Ich eigentlich nicht. Kann man ja in Afghanistan sehen, wohin das führt: Zu nix Gutem. Aber wenn man in so einem Bündnis ist, da hat man schon Bündnisverpflichtungen. Wie damals in Jugoslawien, war 99, der Scharping und der Fischer, die hatten so einen Auschwitzplan der Serben aufgedeckt. Dann sind wir mit der NATO nach Serbien rein. Soll den Plan ja gar nicht gegeben haben. Aber Bündnis ist nun mal Bündnis. Da kann man noch froh sein, dass der Schröder uns aus dem Irak-Krieg rausgehalten hat.

Überhaupt Schröder. Wir hatten bei uns in Rheinhausen, als hier die Hütte kaputt ging, war wohl 93, jede Menge Arbeitslose. Konnte nicht mehr so weiter gehen. Hat der Schröder dann die Hartz-Gesetze eingeführt. War ich nicht für. Aber dann haben sie gesagt, es ging um die Solidarität mit den Arbeitslosen, und es wäre unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit denen zu helfen. Dafür wären die neuen Sozialgesetze da. War ich dann erstmal doch dafür. Auch wenn Hartz-Vier bleibt, die Rente mit 67 machen sie jetzt im Koalitionsvertrag rückgängig. Kannste mal sehen.

Die letzte Große Koalition, 2005, war eigentlich Mist. Erst haben sie die Mehrwertsteuer erhöht, dann mussten sie die Banken retten. Unser Steinbrück vorneweg. Ich hab ja nie verstanden, warum wir den im Wahlkampf an die Spitze gestellt haben. Hat doch bei den Landtagswahlen in NRW alles verloren was zu verlieren war. Aber Heinz vom Ortsverein, der war sich ganz sicher: Der Steinbrück versteht was von Wirtschaft. Klar, hat ja prima Honorare eingesteckt. Und dann noch, hat Heinz gesagt, der macht das nur aus Pflichtgefühl, nur für uns. Soll ja sogar geweint haben.

Von den Heuschrecken, den schlechten Banken und den Rettungsschirmen ist in dem neuen Vertrag mit der CDU wohl nicht die Rede. Aber kann ja noch kommen. So eine Regierung dauert ja vier Jahre. Und wenn nicht, dann gehen wir nie wieder in eine große Koalition. Habe ich denen im Kleingartenverein auch gesagt. Guckt mich doch der Herbert Köster ganz schief an und sagt: Wenn ihr dann so viel Stimmen habt wie die FDP, ja? Köster ist ja schon lange raus bei uns. Wenn Du dem sein Garten anguckst: Alles Kraut und Rüben. Hat eben kein Pflichtbewusstsein.

Nun hat Gabriel nach dem Abstimmungsergebnis von 75 Prozent für den Vertrag gesagt, er sei "lange nicht mehr so stolz" gewesen, Sozialdemokrat zu sein. Also bei mir hat das nix mit Stolz zu tun, nur mit Pflicht eben. Aber ich hab ja auch die Rente durch.

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DER SCHMOCK DAS BEKANNTE UNWESEN



Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 18. Dezember 2013 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

Die SPD und die Pflicht...
Ihre Nachricht: Willi Kowalski - der Monolog erinnert stark an eine ganz ähnliche Figur vom großartigen Georg Schramm - wie heißt der doch noch???.
Kowalski ist jedenfalls einer, der sich seine eigenen Gedanken macht zu den Dingen - auch vor allem die der großen Politik - und was daran falsch, nicht stimmig - oder Unrecht ist!


Am 15. Dezember 2013 schrieb Wera Blanke:

Wieder mal Satire vom Feinsten (in nachhaltiger Tradition) - also: Der Realität auf´s Maul geschaut. Danke!


Am 15. Dezember 2013 schrieb Gert Flegelskamp:

Herr Bergner, mit dem Lesen ist das so eine Sache. In der Schule lernt man, wie man die Buchstabenfolgen aneinanderreihen muss und nur ganz selten ist damit verbunden, die aneinander gereihten Buchstaben auch in ihrer inhaltlichen Ausprägung zu verstehen. So lassen z. B. manche Aussagen unterschiedliche Interpretationen zu.
Nehmen wir als Beispiel Ihre 4 kurzen Sätze. Die könnten bedeuten, dass Ihr angegebener Name nur ein Pseudonym ist und Sie in Wirklichkeit der sind, der diesen Monolog hält, aber nun sauer sind, weil er veröffentlicht wurde.
Die zweite Möglichkeit ist, sie sind wie Kowalski ein notorischer Stammwähler, aber der einer anderen Partei und deshalb froh, dass die SPD-Mitglieder mehrheitlich aus Kowalskis zu bestehen scheinen und außerdem hegen Sie eine dauerhafte Liebe zu Angela, auch wenn die unerwidert bleibt.
Die dritte Möglichkeit wäre, dass sie zu den großen Fischen gehören, die sich von dem Beschluss der vielen Kowalskis eine Menge zusätzliches Futter versprechen, ohne zu sehen, dass es noch weitere und noch größere Fische gibt, die auch Sie als Futter ansehen.
Sehen Sie, der Siggi (wie ihn Kowalski so liebevoll nennt) tut das alles ja nur für die kleinen Leute. Und irgendwie scheinen wir alle zu glauben, die kleinen Leute, das wären wir. Doch das ist eine Frage der Sicht, denn der Siggi und alle anderen Politiker geben ja auch vor, bodenständig zu sein und da sind wir die großen Leute, weil die kleinen Leute in den obersten Etagen der Wolkenkratzer sitzen oder in ihren mit Zäunen gesicherten Eigenheimen, vor denen eine weitreichende Parklandschaft auch die Bewohner dieses Heims winzig erscheinen lässt. Zugegeben, das müssen Sie nicht verstehen, weil das vermutlich zu abstrakt gedacht ist.
Nur Ihr letzter der 4 Sätze ist eindeutig der falsche Schluss, denn es ist nicht nur Gellermanns Pech, sondern das von uns allen. Sie brauchen für diese Erkenntnis halt nur ein wenig länger, seien Sie also nicht so ungeduldig.


Am 15. Dezember 2013 schrieb Susanna Kuby:

Auf den punkt gebracht, bravissimo! Und das waehrt seit hundert jahren!


Am 15. Dezember 2013 schrieb Olaf Teßmann:

Wie sachte schon ein "älterer, aber leicht besoffener Herr" beim ollen Kaspar Hauser:



... Denn wak bei die Sozis. Na, also ick bin ja eijentlich, bei Licht besehn, ein alter, jeiebter Sosjaldemokrat. Sehn Se mah, mein Vata war aktiva Untroffssier ... da liecht die Disseplin in de Familie. Ja. Ick rin in de Vasammlung. Lauta klassenbewußte Arbeita wahn da: Fräser un Maschinenschlosser un denn ooch der alte Schweißer, der Rudi Breitscheid. Der is so lang, der kann aus de Dachrinne saufn. Det hat er aba nich jetan - er hat eine Rede jehalten. Währenddem dass die Leute schliefen, sahr ick zu ein Pachteigenossn, ick sahre: "Jenosse", sahre ick, "woso wählst du eijentlich SPD ??" Ick dachte, der Mann kippt mir vom Stuhl! "Donnerwetter", sacht er, "nu wähl ick schon ssweiunsswanssich Jahre lang diese Pachtei", sacht er, "aber warum det ick det dhue, det hak ma noch nie iebalecht! ? Sieh mal", sachte der, "ick bin in mein Bessirk ssweita Schriftfiehra, un uff unse Ssahlahmde is det imma so jemietlich; wir kenn nu schon die Kneipe, un det Bier is auch jut, un am erschten Mai, da machen wir denn `n Ausfluch mit Kind und Kejel und den janzen Vaein ... und denn ahms is Fackelssuch ... es is alles so scheen einjeschaukelt", sacht er. "Wat brauchst du Jrundsätze", sacht er, "wenn dun Apparat hast!" Und da hat der Mann janz recht. Ick werde wahrscheinlich diese Pachtei wähln - es is so ein beruhjendes Jefiehl. Man tut wat for de Revolutzjon, aber man weeß janz jenau: mit diese Pachtei kommt se nich. ...
 


Am 15. Dezember 2013 schrieb Franz Becker:

Mensch Willi, ehrliche Haut, Leute wie Du sind wirklich die Stützen vom System.
Dein Pflichtbewusstsein sollten andere haben! Ist eben Familientradition
bei Euch. Deine Leute haben auch anno 14 zugestimmt. Widerstrebend - wie
heute. Gut, ist ihnen nicht so bekommen auf lange Sicht. Aber was wären
wir ohne Hoffnung?

Dein Franz


Am 14. Dezember 2013 schrieb Frieder Rettig:

So ist es mit der SPD: Sie lässt sich gern in die Pflicht nehmen. Ob bei der Rettung der Banken oder in Afghanistan: Wenn das Kapital pfeift macht die SPD Männchen.


Am 14. Dezember 2013 schrieb Harry Bergner:

Was soll denn der larmoyante Ton? Die SPD hat gegen Ihre Wünsche entschieden. Ihr Pech. Da müssen Sie jetzt keine olle Kamellen auftischen.

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