Der Ali in Mali

Schnell mal Krieg machen

Autor: U. Gellermann
Datum: 15. Januar 2013

Neulich in der U-Bahn: Sagt der eine zum anderen: "Was ist da los in Mali?" Antwortete der, den Kopf aus der Zeitung hebend: "Irgend so´n Ali macht mal wieder Zoff in Mali." Wenn es doch nur der Bildzeitungs-Bildungs-Stand wäre, der aus dem U-Bahnfahrer spräche. Aber auch die "Tagesschau" titelt bedauernd "Frankreich feuert, Deutschland diskutiert", in der ZEIT darf ein verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion seine Solidarität mit Frankreich erklären: "Wenn Frankreich Hilfe braucht im Zusammenhang mit dem Lufttransport, muss Deutschland Unterstützung leisten." So, als sei Frankreich von einem bösen Feind angegriffen worden. Und die "Süddeutsche" freut sich: "Viel Zuspruch zu Frankreichs Krieg in Mali" während die BILD-Zeitung einen "Gegenschlag" Frankreichs notiert. Und alle, wirklich alle wissen von bösen Terroristen, die man selbstverständlich bekämpfen muss.

Dass Mali seit 1894 französische Kolonie war und das bis 1960 auch blieb, will keiner wissen und gilt dem Mainstream natürlich nicht als Erklärung für die aktuellen Zustände. Doch Mali ist ein wirkliches Muster für die Zerstörung wirtschaftlicher und sozialer Strukturen jener Entwicklungsländer, die kaputtentwickelt wurden und werden: Statt Nahrungsmittel für den Eigenbedarf zu produzieren, wurden die Bewohner des Landes erst als Zwangsarbeiter, später durch die Erhebung von Steuern gezwungen Erdnüsse und Baumwolle für den Export anzubauen. Das sind bis heute die wesentlichen Exportgüter und mit dieser Struktur wurde Mali zu einem der ärmsten Länder der Erde. Denn der Weltmarktpreis für Baumwolle fiel ins Bodenlose, nicht zuletzt, weil die US-Regierung jeden ihrer Baumwollfarmer mit 100.000 Dollar im Jahr subventioniert. Ein Betrag, für den ein malischer Baumwollbauer etwa tausend Jahre arbeiten müsste.

Es gibt Gold in Mali. Das aber hilft dem armen Land gar nichts. Denn das Edelmetall wird gefördert und gedealt von der Randgold Resources Ltd., einem Konzern im Besitz US-amerikanischer Finanzinvestoren, der seinen Sitz im europäischen Steuerparadies Jersey hat. Und es gibt Uran in Mali. Wie im benachbarten Niger liegt es in einem Gebiet, das die Tuareg beanspruchen, eine der 30 Ethnien, die in Mali leben. Und wenn die malischen Uran-Ressourcen erschlossen werden, dann soll das Uran, wie in Niger auch, schleunigst von französischen Firmen gefördert und für die 58 Atomkraftwerke Frankreichs angereichert werden. Ein prima Geschäft, an dem die Tuareg natürlich wie bisher nicht beteiligt sein werden. Die bittere Armut in Mali - ein fetter Nährboden für Terrorismus aller Art - wird weder vom amerikanischen Gold noch vom französischen Uran beseitigt werden. Der neue Kolonialismus hat vor Ort zwar keine eigenen Unterdrückungs-Behörden mehr, er beutet nur die Rohstoffe aus, die ihm nicht gehören und die er faktisch denen stiehlt, die dort leben, wo die Konzerne "ihre" Ressourcen fördern. Aber wenn der Profit gefährdet ist, dann wird Militär eingesetzt.

Durch nahezu alle Berichte deutscher Medien ziehen sich zwei Argumentationslinien, die den "Gegenschlag" Frankreichs begründen und befürworten. Zum einen ist die Rede vom "islamistischen Terrorismus". Tatsächlich gibt es - neben anderen Aufständischen - auch Islamisten in Mali, die sich gegen die Regierung erhoben haben. Und schon weiß der seit langem auf Terrorismus geschulte Redakteur, dass hier nur der kurze Prozess, die militärische "Mission" (Intervention, Operation oder Einsatz kommen als Verschleierungsbegriffe auch gern vor) helfen kann. Können die Redaktionen nicht lernen oder wollen sie nicht? Es gibt aus den letzten Jahrzehnten - vom irischen Terrorismus bis zum afghanischen - nicht einen einzigen Fall, in dem der Terrorismus mit ausländischer Waffengewalt erfolgreich bekämpft werden konnte. Und in Afghanistan ist genau das Gegenteil zu beobachten: Das ausländische "Engagement" reizt die Inländer und vergrößert die Sympathien für die einheimischen Terrorristen.

Das zweite verlogene Argument ist das der Demokratisierung. Warum ausgerechnet jene Länder, die in Afrika und im arabischen Raum in der Vergangenheit wie die Sau gehaust haben und noch immer ihren Rohstoff-Vorteil dort suchen und finden, in diesen Gegenden die Demokratie etablieren sollten, ist schleierhaft. Auch im Fall Mali gilt die aktuelle Regierung, die sich mit der gütigen Genehmigung der Franzosen eingerichtet hat, als demokratisch. Wie das mit dem Mord an etwa 50.000 Tuaregs zu vereinbaren ist, der von Milizen (Ganda Koi) verübt wurde, die in den 90ern von Kräften organisert wurden, die heute die Regierung stellen, mögen uns die Demokratiespezialisten nicht erklären. So wenig wie sie ihren Lesern und Zuschauern die idiotischen, mit dem Lineal gezogenen Kolonialgrenzen erklären wollen, unter denen besonders nomadische Völker wie die Tuareg zu leiden haben und die Dauerursache für afrikanische Kriege sind.

Es ist die Mischung aus europäischer Ignoranz, dämlicher Besserwisserei und Regierungsfrömmigkeit, mit der in den Medien der deutsche Außenminister ohne jeden Widerspruch zitiert wird: "Der Einsatz Frankreichs in Mali ist notwendig, er ist richtig und er ist auch vom Völkerrecht gedeckt." Das Völkerrecht hat in Mali gerade Urlaub und die von Westerwelle bereits zugesagte logistische Unterstützung der französischen Armee ist die reine Zuhälterei für einen immer noch kolonialistischen Krieg. Deshalb müsen die Sub-Zuhälter in den Redaktionen auch nicht nachdenken, wenn sie den französischen Außenminister zitieren, der mal wieder einen kleinen Krieg weissagt, der nur eine "Frage von Wochen“ sein würde. Sollten die Kriege in Afghanistan und Libyen nicht auch von kurzer Dauer sein? Egal, wer da stirbt, ist doch nur so´n Ali aus Mali. Die einzelnen toten Franzosen allerdings werden jetzt schon sorgsam gezählt. 


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 17. Januar 2013 schrieb Wolfgang Blaschka:

Wenn der Ghasi in Bengasi

Wenn der Ali dort in Mali
mit dem Ghasi aus Bengasi
und der Vivien aus Bolivien
samt der Martha aus Jakarta

... wenn die alle sich mal dächten,
wieviel Zeit sie schon verbrächten
mit dem Krieg, statt ihn zu ächten!

Wenn die Lina aus Berlin
mit dem Fridolin von Wien
und Tessino im Tessin
und Bettina aus Stettin

... wenn sie trotzten all den Mächten
ihrer Herrn, den Ungerechten,
stünd's um deren Macht zum Schlechten!

Wenn die Anna aus Havanna
oder Sissi aus Tiblissi,
Anatol aus Anatolien,
Fritz aus Friesland, Franz aus Banz

... wenn die alle einmal merkten,
dass ihr Glück nicht in den Märkten
liegt. Wie die sich stärkten!

Rudi aus dem Ruhrgebiet,
Ali-Khan aus Pakistan,
Florian von nebenan
und der Romulus aus Rom

... wär'n nicht länger die Enterbten,
Ausgestoß'nen, blassgegerbten
Blondgefärbten und Verderbten!

Falls Andrea nach Korea
oder York kommt nach New York,
dann vergesst nicht Li aus China,
denkt an Sue auch in Peru

... denn der Menschheit wär' beschieden
statt der Luxus-Pyramiden:
Freiheit und gerechter Frieden.

Xenia aus Kenia,
Mohammad aus Miramar,
Jussuf aus Westjordanland
säßen friedlich beieinand'.

Weit sind wir entfernt davon!
Dafür bräucht' es freilich schon
eine Revolution.

Nguyen säß' in Da Nang
grad' so gut wie in Paris.
Zögen wir an einem Strang,
ging's den Reichen richtig mies.

Ihre Nasen würden lang,
weiß und spitz vor Angst und Bang
beim Gesang zum Untergang.

Aber noch wird unverdrossen
scharf und rücksichtlos geschossen.
Soviel Blut für nichts vergossen
unter Brüdern und Genossen!

Und wofür? Es ist banal:
Für das große Kapital,
gold'nes Kalb wie einst bei Bal!

Kriegt der Gotthold Malis Gold?
Kriegt die Moni Mohn zum Lohn?
Wer kassiert denn Ehrensold?!
Macht der ihm die Gattin hold?

Nichts sind eure Klunker wert,
seid ihr durch euch selbst entehrt.
Hilft kein Meineid und kein Schwert!


Am 16. Januar 2013 schrieb Thomas Nippe:

Der Artikel zu Mali gefällt mir. Es geht da, wie immer, bei den "humanitären Interventionen" der westlichen Wertlosgemeinschaft um Ressourcen, diesmal um riesige Uranvorkommen, der Stoff, aus dem die atomaren Träume sind. Da spielen Tote keine Rolle.


Am 16. Januar 2013 schrieb Hans-Günther Dicks:

Wieder mal brillant!


Am 16. Januar 2013 schrieb Rüdiger Becker:

Schließe mich Leser Schneider an. Respekt.


Am 16. Januar 2013 schrieb Brigitte Mensah Attoh:

Wie Michael Schneider kommentiert ( kann ich nur bestätigen):
"Du bist ein tapferer Kämpfer gegen d. ewige Dummheit, Verlogenheit u. Hörigkeit der medial gesteuertern öffentl. Meinung (auch i c h ) bewundere Dich dafür!"


Am 16. Januar 2013 schrieb Rita E. Groda:

Ihr Beitrag ist so bösartig, wie zutreffend!

Bei "schlechtem Licht" gelesen könnte manch Ihnen nicht Wohlwollender Ihnen linke Ideologie unterstellen, in diesem Falle ist es exakte Zustandsbeschreibung.

"Nie wieder Krieg", dafür stand das berühmte Plakat von Käthe Kollwitz; Nie wieder Krieg hat Kurt Tucholsky nach dem 1. WK gefordert:
".....Und wenn sie euch kommen und drohen mit Pistolen:
Geht nicht! Sie sollen euch erst mal holen!
Keine Wehrpflicht!
Keine Soldaten!
Keine Monokel-Potentaten!
Keine Orden! Keine Spaliere!
Keine Reserveoffiziere!
Ihr seid die Zukunft!
Euer das Land!
Schüttelt es ab, das Knechtschaftsband!
Wenn ihr nur wollt, seid ihr alle frei!
Euer Wille geschehe! Seid nicht dabei!
Wenn ihr nur wollt: bei euch steht der Sieg!
- Nie wieder Krieg -"

Kurt Tucholsky 1923

In diesem Gedicht bat Tucholsky um 3 Minuten Gehör, auch bei denen, die die Feder schwingen. Genau diese sind es heute, die uns permanent auf zu führende Kriege einstimmen, ohne auf Hintergründe und Gefahren aufmerksam zu machen; getreue Vollzugsgehilfen der neuen Kriegstreiber in Gesamteuropa.

Nie wieder Krieg, nie wieder Ausschwitz, schalle es durch unser Land nach 45, und auch bei der UN konnte man damals solche Reden hören.

Wie die Halbwertzeit solcher Versicherungen zu bewerten ist, hat uns spätestens Joschka Fischer eindrucksvoll demonstriert.

Ich bin wirklich neugierig, ob unsere Regierung endlich mal den Schneid aufbringt deutlich klarzulegen, daß wir, die Deutschen, beim Thema Krieg mit Frankreich nicht kompatibel sind.


Am 15. Januar 2013 schrieb Angelika Kettelhack:

Der Berg BALAROUGOUKOUROU oder auch der TOMOUKOLOKOUROU in Mali sind zwar bei Weitem nicht so hoch wie der HINDUKUSCH. Aber trotzdem muss dort unsere westliche Freiheit verteidigt werden, weil auch dort gefährliche Islamis vorrücken - von Norden her gen Bamako.

Sollen sie doch im leeren Norden bleiben und nicht in den dicht besiedelten Süden drängen, zumal sie doch im größeren Teil des Landes Mali leben, das diese "niedliche Form eines Schmettelings" hat, wie es heute morgen in den Berliner Radio-Nachrichten hieß. Dass diese niedlichen Formen mit so schönen geraden wie mit dem Lineal gezogenen Grenzen von den weißen Kolonialherren geschaffen wurden und erheblich zu den Problemen in den afrikanischen Ländern beitragen, das ist unerheblich, etc. etc. ...


Am 15. Januar 2013 schrieb Michael Schneider:

Großartig- dein Artikel zu dem neuen Krieg der Franzosen in Mali! Ich staune immer wieder, wie gut und sauber du recherchierst; hier: die (von den Medien verschwiegenen) Rohstoffinteressen der USA und Frankreichs blank legst, Mali als Beispiel für jene neue, ungleich raffiniertere Art des Kolonialismus als der frühere beschreibst, die ohne Kolonialbehörde im Inneren auskommt, weil die abhängigen „demokratischen“ Regierungen“ im Lande diese Aufgabe „freiwillig“ übernehmen. Die Dummheit und Regierungshörigkeit unserer Medien- ach, wir kennen das ja schon bis zum Erbrechen, als es um die Legalisierung der früheren Kriege- vom 1. Golfkrieg bis zum Kosowo-Krieg ging!
Du bist wirklich ein tapferer Kämpfer gegen die ewige Dummheit, Verlogenheit und Hörigkeit der medial gesteuerten öffentlichen Meinung, ich bewundere dich dafür!


Am 15. Januar 2013 schrieb Jürgen Rennert:

Danke für diesen erhellenden Beitrag. Franz Zaulecks neueste Ausgabe der „Papierkorbzeitung“ -http://papierkorbzeitung.tumblr.com/image/40542982632 - flankiert ihn.


Am 15. Januar 2013 schrieb Heidi Schmid:

....und auf die Frage des Moderators an Westerwelle, WAS genau unter LOGISTISCHER UNTERSTÜTZUNG zu verstehen sei (ich wollte es auch gerne wissen) hat der sich herausgeredet wie ein Ermittler in einem Kriminalfilm - nach dem Motto: wir stecken mitten in den Ermittlungen und können solange keine Einzelheiten veröffentlichen... den Rest des Abends soll ich mich auf das Leid der afrikanischen Frauen konzentrieren die von Blauhelm-Soldaten vergewaltigt und geschwängert sitzengelassen wurden...
Ich bin überzeugt, auch in Mali geht es NUR um die Bodenschätze, egal wer da jetzt "EINGREIFT" - jeder will sein Scherflein dabei verdienen und sichern... ohne Rücksicht auf einheimische Verluste.


Am 15. Januar 2013 schrieb Christiane Reymann:

Dieser bittere Kommentar war nötig. Danke. Mir fällt anhand des Mali-Krieges ganz besonders auf, wie weit die Gewöhnung an Krieg in den Redaktionen schon gediehen ist. Eine ganze Reihe der heute vom DLF zitierten Kommentare verhöhnt Westerwelle, dass er nicht sofort Kampfhubschrauber, Raketen oder sonstwelches Kriegsgerät nebst Männern hinschickt. Bislang war immer noch eine Mehrheit der Bevölkerung gegen deutsche Kriegsbeteiligungen. Ich fürchte, wir erleben gerade, wie diese Haltung gewendet wird. Spätestens dann wären wir in der Vorkriegszeit nach Christa Wolf angekommen.


Am 15. Januar 2013 schrieb Ruttger Richter:

Ich kann Ihnen nur zustimmen. Heute in der "Süddeutschen" darf Daniel Brössler, dessen Befähigung zum Kriegs-Unterstützer aus einem Journalistik-Studium besteht, mal wieder die schlappe Haltung Deutschlands kritisieren: Man möge doch die "Kultur militärischer Zurückhaltung" aufgeben fordert der Schreibtischgeneral. Solche wie den sollte man den Franzosen zuteilen. Als Hilfswillige und Bodentruppen.

Dran bleiben...

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