Das rote Kaninchen

Sigmar Gabriels Zauberhut

Autor: U. Gellermann
Datum: 13. November 2013

Angst breitet sich aus. Bei Oppermann, Schwesig & Co. Die Verhandlungsführer der SPD-Koalitionäre hatten schon gut gepolsterte Ministersessel vor Augen. Sie konnten die Ledersitze der Dienstwagen fast schon riechen, die bedeutenden TV-Talkrunden beinahe hören, die reichlichen Pensionen zählen. Da gab es böse Nachrichten aus der SPD-Basis. Die Genossen finden, so entnahm man dem Murren in der Mitgliedschaft, die bisherigen Koalitions-Verhandlungsergebnisse als schlichtweg unzureichend. Aber es ist die Basis, die irgendwann im Dezember über den Koalitionsvertrag richten soll. Sie könnte die Blütenträume vom Macht-Zipfelchen zunichte machen. Denn die Liste der jetzt schon gebrochenen SPD-Wahlversprechen ist lang.

Hatte sich die SPD doch vor den Bundestagswahlen geradezu als eine Art Anti-Agenda-2010-Partei dargestellt: Gerechtigkeit hieß der Schlachtruf, jetzt wolle man aber mal die Millionäre zur Kasse bitten, aber hallo! Jetzt würde man aber nicht schon wieder als Zustimmungsmaschine im Bankenrettungsfach auftreten. So nicht, Frau Kanzler! Und vornedran der kühne Oppermann, der die Kanzlerin in der NSA-Abhöraffäre vor sich hertrieb: "Heuchelei, Nichtinformation, Desinformation", Worte wie Steinwürfe in Richtung Kanzleramt. Sigmar Gabriel hatte sogar mal kurzzeitig ein Zeugenschutzprogramm für Edward Snowden gefordert. Jawoll! Und jetzt? Jetzt warnt der Herr Oppermann im Zusammenhang mit Snowden vor "emotionalen und moralischen Höhenflügen".

Die SPD-Mitglieder gehören zu den Weltmeistern im Krötenschlucken. Man war einst schon mal gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, gegen die NATO, gegen die Notstandsgesetze. Natürlich immer vor einer Regierungsbeteiligung. Danach gingen die SPD-Chefs dann immer in die Ortsvereine und riefen ihre Waren aus: "Kröten, leckere Kröten, einmal schlucken und schon ist alles ganz anders." - Doch Zeiten ändern sich. Nach dem Agenda-2010-Anschlag auf die soziale Marktwirtschaft warfen nicht wenige Sozialdemokraten ihr Parteibuch hin. Noch mehr SPD-Wähler wählten nicht mehr oder was anderes. Was, so dachte sich der Gabriel, wenn die 470.000 SPD-Mitglieder plötzlich von einem moralischen Höhenflug gepackt würden und den Koalitionsvertrag ablehnten?

Flugs guckte der schlaue Siggi in seinen Zylinder, sah das rote Linkspartei-Kaninchen, holte es heraus und schwenkte es vor dem Leipziger Parteitag in der Luft: Huhuh, in vier Jahren, hinter den sieben Bergen und wenn die sieben Brücken nicht brechen, dann sind wir vielleicht bereit, äh, oder so, äh, mit der Linkspartei zu koalieren. Siggi hält die Genossen für doof. Er denkt, die merken nicht, dass wir den Mindestlohn auch ohne Koalition schon erreicht hätten, wenn wir die knappe Mehrheit der SPD, der GRÜNEN und der LINKEN im Bundestag genutzt hätten. Dass mit der selben Mehrheit längst das Asyl für Edward Snowden durchgesetzt wäre. Ja, es wäre sogar eine rot-rot-grüne Regierungskoalition möglich gewesen. Aber was in vier Jahren ist, ob die SPD nach der üblichen Schrumpfkur in einer großen Koalition noch genug Stimmen für einen ordentlichen Gesangverein bekommen wird, das weiß keiner.

Der SPD-Parteitag in Leipzig präsentiert statt eines irgendwie inhaltlichen Slogans ein "Hashtag" auf dem Bühnentransparent: #spdbpt. Hashtags sind jene Computer-Doppelkreuze, die einer Zeichenkette vorangestellt werden, wenn besonders Wichtiges markiert werden soll, wenn man mit einem Meta-Tag, also einer Über-Markierung, die Suche erleichtern will. Such´s Original-Sozialdemokratische ruft das Tag den Delegierten und Mitgliedern zu, und wenn ihr´s nicht in den Koalitionsverhandlungen findet, dann eben in Gabriels Zylinder. So doof kann die SPD-Basis nicht sein, oder?


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 17. November 2013 schrieb Brigitte Mensah-Attoh:

Es hilft m. E. nur noch ein gigantisches "AUSRÄUCHERN" - eine "VolksRevolution", um dem ausgeklügelten "bösen Treiben der GIER + MACHT" - endlich einmal EINHALT zu gebieten, denn die "Superschlauen", die immer wieder neue Schlupflöcher finden und "uns" ständig eine lange Nase drehen, dünken sich "uns" immer ein paar Schritte voraus. Das Problem ist nur , wann und in welcher Form "wir" uns endlich im Klaren werden über die "alternativlose Notwendigkeit" und über eine kluge Herangehensweise... - damit die BASIS - "wir" - endlich wieder mal Land sehen werden.


Am 15. November 2013 schrieb Rena Maierhof:

Man muss nur zuhören: Gabriel hat der SPD in Leipzig die Leviten gelesen, die sei nicht ausreichend in den sozialen Bewegungen verankert, deshalb hätte es mit den Wahlprozenten nicht geklappt. Gabriel hält die SPD-Mitlgieder eben doch für doof: Mit der Agenda 2010 auf dem Buckel hätten sich die Genossen in den den Hartz-4-Inititaiven, den Gewerkschaften und den Rentnerverbänden nicht sehen lassen können. Und wenn dann noch das alte Personal, Steinbrück und seine Schattenregierung, aufgestellt wird, dann muss man sich über das Wahlergebnis wirklich nicht wundern.


Am 14. November 2013 schrieb Wolfgang Kopp:

Bisher hat es die SPD-Spitze immer noch geschafft, ihre Basis hinzubiegen. Warum sollte es diesmal anders sein? Es wäre mal schön, aber hoffen sollte man darauf nicht. Dafür darf Sigmar Gabriel sich schon mal überlegen, wie er in 4 Jahren die knapp erreichten 12% seinenGenossen als Wahlsieg verkauft.


Am 14. November 2013 schrieb Heinrich Triebstein:

Die Bundes-SPD hat die vier Jahre seit der 23-Prozent-Niederlage verschlafen. Sie hat nicht an den Inhalten gearbeitet. Deshalb gilt jetzt: Wieder das Gleiche - Mehrheit an der Kandare von Banken und Exportwirtschaft. Wer etwas Anderes will, möge über den Souverän selbst nachdenken. Artikel des Grundgesetzes wie 1, 2, 14, 15, 20 und 20a zum Gegenstand kraftvoller Demos machen und die Gewählten aus dem Dienst für die Systeme der organisierten Unverantwortlichkeit befreien. Wie sagte Horst Seehofer? Bei uns sind diejenigen, die das Sagen haben, nicht gewählt. Und diejenigen, die gewählt sind, haben nichts zu sagen.


Am 14. November 2013 schrieb Werner Kleinhausen:

Der Kaninchen-Artikel ist nicht nur klug, er ist vor allem genial formuliert. Den sollten Sie allen SPD-Mitgliedern senden.


Am 14. November 2013 schrieb Hanne Tibulsky:

Hilfreich hin und her: Wenn die SPD-Mitglieder einem Koalitionsvertrag zustimmen sollten wie er sich jetzt andeutet, dann handeln sie gegen ihre eigenen Interessen. Das nennt man unintelligent. Bei uns im Ruhrgebiet übersetzt man das mit "doof".


Am 13. November 2013 schrieb Heidi Schmid:

Gelungener Kaninchen-Artikel...oder ein vorgezogenes Gabriel-Weihnachtsmärchen? So schlau scheint die SPD-Basis nicht zu sein, sonst wäre die vom Volk gewählte rot-rot-grüne Koalition zustande gekommen. Was soll der Wink, eventuell vielleicht in 4 Jahren über eine Koalition mit den Linken nachzudenken - jetzt müssen Probleme angegangen werden.


Am 13. November 2013 schrieb Klaus Wallmann sen.:

Ich halte es nicht für hilfreich, die Mitglieder der SPD als "doof" zu bezeichnen. Der Artikel selbst zeigt, daß nicht mal deren "Führer" das glauben. Dennoch bleiben 100 Jahre Demagogie natürlich nicht ohne Folgen.
Was an möglichen "Neuwahlen" so "spannend" sein soll - keine Ahnung. Ändern wird das an den gesellschaftlichen Machtverhältnissen nichts. Aus denen übrigens auch der "Zwang" erwächst, der die "Sozialdemokratie" ganz freiwillig in die Koalition treibt.


Am 13. November 2013 schrieb Julie Engel:

Doch, doch – ich befürchte die SPD-Basis ist so doof. Traurig, aber wahr...
Dennoch bleibt es spannend. Ich schließe Neuwahlen noch nicht ganz aus.


Am 13. November 2013 schrieb Ernst Körber:

Haben Sie schon mal davon gehört, dass man bei Koalitionen nicht alles durchsetzen kann, zumal wenn man der Juniorpartner in der Koalition ist?

Antwort von U. Gellermann:

Hat jemand die SPD zur Koalition gezwungen?

Dran bleiben...

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