Das Gauck-Verständnis

Heisse Luft für den Freiheits-Apostel

Autor: U. Gellermann
Datum: 31. Mai 2012

Liest und hört man deutsche Medien, dann ist dem ersten Pfarrer im Bundespräsidentenamt nur ein einziger bemerkenswerter Satz bei seinem Israel-Besuch gelungen: "Ich will mir nicht jedes Szenario ausdenken, welches die Bundeskanzlerin in enorme Schwierigkeiten bringen könnte mit ihrem Satz, dass Israels Sicherheit Deutschlands Staatsräson ist", hat er auf eine Frage geantwortet, was denn sei, wenn es einen Krieg zwischen Israel und dem Iran gäbe. Präsentiert wird der Satz, lang und gewunden von der WELT über die ZEIT bis zur SÜDDEUTSCHEN, als möglicherweise abweichende Anmerkung zum Kanzlerin-Wort, nach dem Israels Sicherheit eng mit der deutschen Staatsräson verbunden wäre. Heilige Einfalt, möchte man ausrufen, wenn nicht das Kalkül sichtbar würde: Die Medien hatten sich vorgenommen den Gauck als ganz was Besonderes wahrzunehmen, vor der Wahl, dann wollen sie ihn jetzt nach seiner Wahl auch so sehen.

Nach "I have a dream" klänge das, was der Gauck in Israel so sage, und er habe auch die Prüfung bestanden, die dort auf ihn gewartet habe, schreibt Frau von Bullion in der SÜDDEUTSCHEN, und als sich dann auch noch die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten angeregt mit Simon Peres unterhält, da wird für die Journalistin das Sommermärchen dieses "etwas anderen Präsidenten" endlich sichtbar. Auch die ZEIT mag ihre Hoffnung auf den völlig anderen Präsidenten nicht aufgeben: Mit seiner Anmerkung zu Merkels "Staatsräson" habe der "wortmächtige Selberdenker Gauck" zwar "einen Fehler gemacht." Aber seine "Denkfreiheit" sei einfach großartig. - Der Gauck sagt das, was jeder bei Verstand sagen würde: Es kann ganz schön schwierig werden, für Frau Merkel, wenn die meschuggene Regierung Netanyahu den Iran mit Krieg überzieht und dann die deutsche "Staatsräson" greifen sollte. Denn die Mehrheit der Deutschen, sagen die Umfragen, fände das falsch und erweist sich erneut klüger als ihre Regierung, was keine so große Kunst wäre, wenn das Wahlvolk den Unsinn nicht immer zusammenwählen würde aus dem sich die Regierung bildet.

Die wirklich wichtigen Gauck-Sätze werden unter ferner-liefen in den deutschen Medien behandelt: "Was mich mit großer Sorge erfüllt, ist das iranische Nuklearprogramm. Es stellt angesichts der Äußerungen der iranischen Staatsführung nicht nur eine konkrete Gefahr für Israel, sondern auch für die Region und auch für uns in Europa eine potenzielle Bedrohung dar." Es gibt, bisher, keine iranische A-Waffe. Das wissen der israelische Geheimdienst und auch der amerikanische und man kann deren Erkenntnisse nachlesen, wenn man will. Gauck will nicht. Und mitten in das langanhaltende Kriegsgeschrei Netanjahus, der seinen Überfall auf den Iran mit der angeblichen Atom-Bombe des Irans begründen will, um einen völkerrechtswidrigen Krieg zu führen, trötet der Pfarrer aus Rostock in die Kriegstrompete, heizt der Bundespräsident die Kriegstemperatur weiter an. Alle Welt sei durch die Iranis gefährdet, sagt er: Ja, wenn das so ist, dann werden wir sie wohl präventiv bomben müssen, so lautet sein Satz in ordentlicher Übersetzung. Den deutschen Medien fällt er deshalb nicht besonders auf, weil sie ähnlich gefährlichen Unsinn seit Monaten selbst äußern. Kriege mal eben von Schreibtisch aus zu führen, sei es von dem im Bundespräsidialamt oder aus einem Redakteursbüro, gehören zwischenzeitlich zum deutschen Standard. Hauptsache es ist nicht das eigene Blut was fließt.

Es gab noch einen Gauckschen Nebensatz, der zur standardisierten Pflichterfüllung des gewendeten Ostlers gehört, der eine gewisse Beachtung verdient: "Vier Jahrzehnte meines Lebens habe ich in der DDR verbracht, die Israel bis kurz vor ihrem Ende nicht anerkannt hat. Verblendet von einer antifaschistisch genannten Ideologie, haben die Machthaber in der DDR die deutsche Verantwortung für die Shoah nicht übernommen. Stattdessen verordneten sie staatlichen Antizionismus." Fangen wir für den außenpolitischen Klippschüler Gauck mit einer einfachen, diplomatischen Wahrheit an: Israel hat die DDR nicht anerkannt, die DDR deshalb nicht Israel, es war kalter Krieg und weder die USA noch die Sowjetunion hatten ein Interesse an einer Annäherung der beiden Staaten. Selbst wenn Gauck das altersbedingt vergessen haben sollte, steht ihm doch ein großer Apparat zur Klärung solch einfacher Fragen zur Verfügung. Während in Westdeutschland noch der schwere Mantel der inneren Emigration über der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte lag, thematisierten Schriftsteller wie Apitz oder Fühmann in der DDR die Shoah, saßen im Politbüro der SED drei Leute aus jüdischen Familien, gingen Exilierte und Ex-KZ-ler, Antifaschisten eben, in die DDR-Schulen und erzählten von den Verbrechen der Nazis. Vielleicht hat Gauck das alles nicht erreicht, weil seine Familie fest in der NSDAP wurzelte und solche Leute mit diesen Wahrheiten nichts anfangen wollten. Aber er sollte für seine mangelhafte persönliche Bildung nicht die DDR verantwortlich machen. Und was den "Antizionismus" anbelangt: Es gab und gibt Israelis, die den Zionismus in seiner aggressiven, aktuellen Form als falsch begreifen.

"Schon die Anfahrt hierher, die Olivenbäume und die wunderschöne Landschaft haben mich beeindruckt", erzählte der Bundespräsident irgendwo in Israel. Dass an der neuen israelischen Mauer zur Knechtung der Palästinenser eine halbe Million Olivenbäume gerodet oder verbrannt wurde, mag der selbsternannte Mauer-und Freiheitsexperte Gauck in diesem Zusammenhang nicht erwähnen. Und erst recht nicht jene unterwürfigen Medien, die den Mann mit viel heisser Luft zum Freiheitsapostel aufgeblasen haben und denen jetzt der Atem fehlt, um den Präsidenten das zu nennen was er ist: Eine beamteter Heuchler.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 02. Juni 2012 schrieb Gunther Wunderlich:

Ihre Anmerkungen und Kommentierungen beeindrucken und prägen. Ich bedanke mich bei Ihnen für die regelmäßigen \"intellektuellen Sonnenstrahlen\". Diese wärmen und führen zum Erblühen weiterführender Gedanken.

Ihre Analysen und die daraus gezogenen Schlüsse erfreuen mich durch die herrliche Frische abseits des breiten Meinungsstromes.

Danke für

- Ihren Mut in Zeiten der Meinungsdiktatur
- Ihre Akribie in der Recherche
- Ihre Konsequenz der Schlüsse

Sollten Sie Anregungen und Vorschläge zu Themen und darüber hinaus Unterstützungsbedarf sehen, so stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.


Am 01. Juni 2012 schrieb Werner Wahl:

Es zuviel der Ehre, diesen Menschen als "Freiheitsapostel" zu sehen und zu beschreiben und auch sein Verhalten als Heuchelei zu bezeichnen! In die Ukraine reist er nicht wegen der Menschenrechte- die Journaille sieht darin eine mutige Tat, aber nach Israel kann dieser Typ ohne Skrupel reisen und "schöne Reden von sich geben". Dabei sollte das Reiseunternehmen BP doch bloß mal die Länderberichte von "AI" studieren und viele dieser Reisen würden bei einem ehrlichen und aufrechten Menschen mit derselben Begründung unterbleiben und zudem dem Steuerzahler viele unnötige Kosten ersparen. Die Grundlage all diesen Handelns ist "fehlende christliche Moral". Es ist eben pfäffisches Tun!!!


Am 01. Juni 2012 schrieb Hatto Fischer:

Ich respektiere sehr Deine Meinungsäußerungen und oftmals bringst Du auf bewunderswerte Weise Dinge ans Tageslicht die wie gesagt gerne übersehen werden. Dennoch wünsche ich mir von Dir eine andere Art der Auseinandersetzung. Deine letzte zu Gauck ist Dir aber ganz und gar mißlungen. Es fehlt an einer Redlichkeit. Du hast selbst die Familiengeschichte von Gauck ins Spiel gebracht und ich habe darauf geantwortet seit wann gibt es diesen Familiendeterminismus? Irgendwie bist Du in einem moralischen Schema verfangen. Das läuft auf eine positive DDR, schlechte BRD hinaus, doch das auf die heutigen Verhältnisse zu übertragen, das ist halt nicht so einfach wie Du es vorgibst, indem Du eine politische Philologie betreibst. Nur so etwas funktioniert nicht denn wie bei jeder Gesetzgebung, die niemals perfekt sein kann, kommt es doch auch darauf an den Geist dahinter zu spüren, um eine gelungene Interpretation hinzu bekommen. Aber ganz einfach gesagt, Du magst nicht den Pfarrer Gauck aber dann machst Du es Dir zu einfach ihn zu kritisieren, denn eine wirkliche Kritik ist das nicht.

Antwort von U. Gellermann:

Da Gauck unbedingt die auffälligen Anstrengungen der DDR mit dem Faschismus aufklärerisch umzugehen hätte merken müssen, was er aber leugnet, gibt es zwei Möglichkeiten: Er lügt aus ideologischen Gründen retrospektiv oder es gab, als er heranwuchs, ein Umfeld, das ihn hinderte diese Anstrengungen zu erkennen. Ich habe das Zweite angenommen. Es gab in dem Huldigungsartikel der "SZ" zu Gaucks Israelreise einen Hinweis: "Jochen wir wussten davon (vom Judenmord) nichts", wird Gauck über seine Eltern zum Thema zitiert. Offenkundig hat er das geglaubt. Seine Eltern habe ihn angelogen: Alle, verdammt noch mal alle Deutschen wussten das. Also war er eingebunden in das Lügengespinst seiner Eltern, die in einem für sie, als ehemalige Nazis, besonders feindlichen DDR-Umfeld lebten. Das zu vermuten finde ich redlich.


Am 01. Juni 2012 schrieb Heidemarie Salevsky:

Vielen Dank für diese beiden großartigen, analytischen Beiträge - zur Linken und zu Gauck!


Am 01. Juni 2012 schrieb Wolfgang Oedingen:

Wie konnte Ihnen der dickste Hund entwischen ? weil Gauck hier mal nicht der beamtete Heuchler ist ?

Als Gauck bei seinem Staatsbesuch in Israel das Archiv von Yad Yaschem besuchte, in dem Dokumente der Opfer der industriellen Massenvernichtung durch die Nazis aufbewahrt werden - fielen ihm die "Stasi"-Unterlagen ein. Sechs Millionen ermordeter Juden - und Gauck fallen die "Stasi"-Archive ein.

"Das ist für mich natürlich aus mehreren Gründen besonders interessant. Ich weiß, was Archive wert sind, obwohl ich kein Historiker bin”, sagte Gauck. "Denn es gab ja mal eine Zeit unmittelbar nach der Befreiung der Deutschen Demokratischen Republik durch die eigenen Bürger, da haben wir entschlossen, die Archive der Staatssicherheit in unsere Hand zu nehmen."

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