Breschnew in Berlin

Ein historischer Vergleich

Autor: U. Gellermann
Datum: 24. Juni 2013

Es war ein warmer Maitag des Jahres 1973. Der Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnew, besuchte Ost-Berlin. Kinder mit Fähnchen wurden abkommandiert, um den Chef des sozialistischen Weltsystems zu begrüßen. Die Staatsoberhäupter der verbündeten Staaten küssten sich innig. Breschnew hielt eine Rede vor ausgesuchten Gästen. Von Friedenspolitik und Abrüstung war darin zu hören. Konkretes sagte er eigentlich nicht. Die DDR-Medien überschlugen sich vor Freude und Ergebenheit. Die Stadt war voller Polizei und ziviler Sicherheitsleute.

Es war ein heißer Junitag des Jahres 2013. Der Chef des kapitalistischen Weltsystems, Barack Obama, besuchte Berlin. Kinder mit Fähnchen hatten frei bekommen, um den Präsidenten der USA zu begrüssen. Obama küsste Merkel. Merkel küsste Obama. Der US-Präsident hielt eine Rede vor ausgesuchten Gästen. Von Friedenspolitik und Abrüstung war darin die Rede. Konkretes sagte er eigentlich nicht. Die BRD-Medien überschlugen sich vor Freude und Ergebenheit. Die Stadt war voller Polizei und ziviler Sicherheitsleute.

Es gibt eine lebende Verbindungsperson zwischen den beiden Besuchen: Joachim Gauck. Damals, beim Breschnew-Besuch war er Pastor in der DDR. Später oberster Stasi-Jäger. Heute ist er Bundespräsident. Klein und verdruckst steht er vor den Kameras und neben dem US-Präsidenten. Rührung überwältigt ihn als er die US-Nationalhymne hört. Obama umarmt ihn. Jetzt wäre der Moment für eine originelle Frage gewesen: Ob dem US-Präsidenten die weltweite Internet-Schnüffelei der USA nicht unangenehm wäre. Und Zeit für einen Kommentar: Er, Gauck, hätte die Begründung der DDR-Regierung, die Staatssicherheit sei nur zum Schutz des Landes da, immer verlogen gefunden und warum denn Obama nichts besseres zur Verteidigung seines Horch-und Guck-Programmes eingefallen sei. Verpasste Gelegenheit. Ab zu den Kindern mit den Fähnchen.

Am Rande der Breschnew-Jubelfahrt in Ost-Berlin stand an der Frankfurter Allee damals eine Gruppe junger Leute. Sie skandierten: "Leonid bring Wodka mit! Ein Fässchen oder mehr, wir trinken alles leer!" Zwar wurden sie von den Staatsorganen misstrauisch beäugt, aber sie blieben, obwohl die Anspielung auf den legendären Alkoholkonsum des Generalsekretärs überdeutlich war, unbehelligt. Am Rand von Obamas Fahrt zur Siegessäule versuchten zwei barbusige Frauen der Gruppe "Femen" sich auf die Straße zu stürzen. Zehn tapfere Polizisten rissen sie zu Boden. Hatten sie Sorgen wegen des Clinton-Effektes? Man weiß ja, Mädels und US-Präsidenten können zu schweren Verwerfungen der Staatsorgane führen.

War zeitgleich zum Obama-Besuch ein Kardiologen-Kongress in Berlin? Liest man deutsche Schlagzeilen in der Auswertung der Visite, ist das zu vermuten. Immer ist vom Herzen die Rede. Mal ist Obama im Herzen von Berlin. Dann wieder ist er der Präsident der Herzen. Knapp und klar die Diagnose der SÜDDEUTSCHEN in einer ganzseitigen Auswertung des Besuchs lautet die Überschrift: "Von Herzen". Und dann das Jackett: ER hat es ausgezogen. Kein Medium ohne diesen geschichtsträchtigen Augenblick. Plötzlich standen alle Männer im handverlesenen Jubel-Geviert am Brandenburger Tor im Hemd da. Ob die DDR-Obrigkeit auch ihre Jacketts ausgezogen hätte wenn Breschnew plötzlich ohne Jackett gewesen wäre? Frau Merkel, mit dem Etikett der DDR-Opposition versehen, zeigte als einzige hartnäckigen Widerstand: Das Kostümjäckchen blieb an. Gelernt ist gelernt.

Was hätte wohl im Zentralorgan der SED, dem "Neuen Deutschland", gestanden, wenn Frau Breschnew die Neue Wache unter den Linden, damals noch das Mahnmal für die Opfer des Faschismus, besucht hätte? So was wie heute das Zentralorgan deutscher Blödheit, die BILD-Zeitung, zu Michelle Obama, beim Besuch des Holocaust-Mahnmals: "Schwarze Hose, armfreie Bluse, Perlenkette und Sonnenbrille" vielleicht? Kaum. Die Sowjets machten einfach keine ordentliche PR. Deshalb haben sie auch verloren.

"Das muss Liebe sein", schreibt die ZEIT am Post-Obama-Tag über das Verhältnis der Deutschen zum US-Präsidenten. Und ihr Chefredakteur, Reichsfeldmarschall Josef Joffe, fordert in der selben Ausgabe von den USA, sie mögen doch nun mal endlich in Syrien militärisch eingreifen. Das hätte sich die WOCHENPOST, das DDR-Pendant zur ZEIT, nie getraut. Eine Forderung nach militärischer Solidarität mit der laizistischen Regierung in Afghanistan zum Beispiel wäre undenkbar gewesen. So gesehen ist die ZEIT eindeutig eine Zeitung großer journalistischer Freiheiten und die WOCHENPOST war ein Blatt der Unterdrückung der Meinungsfreiheit.

Deshalb weiß die FAZ auch genau, dass die Rede Obamas vom "Streben nach Freiheit" durchzogen war. Und lässt sich von der Frage wie frei denn die Daten sind, die von der NSA eingefangen werden, nicht beirren: Es wurden ja dank der "abgeschöpften Daten Anschläge in Deutschland verhindert. Punkt!" Wann Ende der Debatte ist, bestimmt immer noch das Zentralorgan der Bourgeoisie. Ist das klar? Der West-Berliner TAGESSPIEGEL weiß von einem heißem Pflaster und warmen Herzen in Berlin zu berichten. Aber er meint es nicht so. Die Zeitung des unfreiwilligen Kalauers weiß einfach nicht, dass ein "heißes Pflaster" eine zweite Bedeutung hat. Da bleibt uns dann zuletzt nur der Kommentator der SÜDDEUTSCHEN zum Obama-Besuch: "Die Mauer ist weg. Aber die Welt ist immer noch gefährlich." Damit waren natürlich nicht die Drohnen gemeint. Die dienen doch nur der Sicherheit unserer Bevölkerung. Das hatte Breschnew in Bezug auf die Mauer ganz sicher genauso gesehen.


Kommentare

Folgende Leserbriefe wurden zu diesem Artikel geschrieben:

Am 25. Juni 2013 schrieb Armin Gröpler:

Was mich am peinlichsten berührte, war der von sich selbst und der Sache emotional überwältigte, vom evangelischen Pfarrer zum Freiheitsapostel mutierte Gauck. "Klein und Verdruckst..." erinnerte er so an den deutschen Gartenzwerg per se.


Am 25. Juni 2013 schrieb Frank-Burkhard Habel:

Als jemand, der sogar noch Chrustschows Besuche in Berlin miterlebt hat, kann ich Dir nur voll und ganz zustimmen!


Am 24. Juni 2013 schrieb Volker Ritter:

Deinem historischen Vergleich kann und will ich eine Anerkennung nicht verweigern. Angesichts der Biedermeierkultur der deutschen Medien ist Historie dringend notwendig. So bleiben eigentlich nur zwei Anmerkungen. Da der BRD die Altnazis weggestorben sind bleiben für das Amt des Bundespräsidenten nur Pfaffen wie Herr Gauck. Das Experiment mit Lobbyisten wie Herrn Wulff ist ja gescheitert und auch gewisse Freiherren müssen noch etwas reifen. Zweitens kann es nur positiv sein, wenn Medien dem Jacket von Obama mehr Aufmerksamkeit widmen, als den Hüten der Queen.
Aus hannöverscher Sicht sag ich mal: Im Osten nichts Neues!


Am 24. Juni 2013 schrieb Brigitte Hornung:

Ich schließe mich der Philippika von Frau Carrillo an.


Am 24. Juni 2013 schrieb Reyes Carrillo:

Haben Sie vielen, herzlichen Dank für die wunderbare Idee bzw. die Klarsicht zu diesen (haha: "primitiven") Parallelitäten und deren wie immer bitter-witzigen, vielschichtigen Ornamentierung, lieber Herr Gellermann! Das wirklich Beklemmende an Ihrem Aufsatz: Sie haben in allem Recht! Vor allem Ihre kleine, aber dessen ungeachtet repräsentative Presseschau hinterlässt einen angewiderten Schauer vor dieser gleichgeschalteten Obama-Apotheose, die da als ein übel riechender Schleim, zusammengekocht aus feudalistisch-kriecherischem Kotau, popstarkultiger Massenhypnose und nach Kotztüten schreiendem Boulevard aus den klebrigen Zeilen dieser hofberichterstattenden "Qualitätsmedien" quillt. Und einmal mehr muss Max Liebermann den beim Lesen dauerhaft mit aufsteigenden Grundimpuls formulieren: "Ick kann jarnich soville fressen, wie ick kotzen möchte!" Wirklich, selten hat mir einer Ihrer Artikel so tief den Finger in den Hals gesteckt und gleichzeitige Erleichterung verschafft wie dieser (nun gut, ich lese ja auch erst seit Kurzem mit). Ich weiß jetzt vor allem auch, dass es eine weise Entscheidung war, den Medienkonsum zumindest am Tag des Besuches Seiner Durchlaucht auf ein Minimum reduziert gehabt zu haben. Vor allem jedoch bin ich zutiefst dankbar, den von Emotionen übermannten Jockel Gauck (Urban Priol) nicht live und in Farbe erlebt haben zu müssen! Das sind in der Tat albtraumartige Imaginationen, in der hoffentlich jede Mutter ihrem Kind reflexhaft die Hand schützend vor die Augen gehalten hat. Es gibt einfach Anblicke, vor denen junge Seelen geschützt werden müssen! Da steht also dieser politisch zweidrittelerblindete eitle Schwurbelsack von Rührung geschüttelt neben dem schwarzen Drohnenkönig und kämpft mit den Tränen... Würg! Und Sie legen den Finger haargenau in die Wunde: Die erbärmlich entlarvende Parallelität der Begründungsebenen der totalen Überwachung zwischen der Stasi und PRISM! Genau! Aber nein, kein Zucken deswegen im vom us-amerikanischen Freiheitsmythos erbebenden Körper des deutschen Chefnarzissten, sondern aufgrund einer Hymne, die, nebenbei bemerkt, für wohl mindestens die Hälfte der Weltbevölkerung einen eher mit bedrohlichen Untertönen versehenen Klang entfaltet. Einen Moment bitte, ich muss gerad' mal aufs Klo...

Wieder da. Es ist einfach immer neu faszinierend, welchen immergleichen Ritualen, welchem immergleichen Strickmuster ideologisch aufgeladene Politiken und unkritisch buckelnde Medien gehorchen. Und es ist ja ein bekanntes, sozialpsychologisches Phänomen, dass den Akteuren innerhalb dieser jeweiligen ideologisch infizierten Systeme, Politikern wie Journalisten an erster Stelle, jeder Zugang (vom Willen ganz abgesehen) zu einer annähernd objektivierenden Metaebene fehlt und für sie daher im Wahn einer angenommenen selbstbestimmten, also freien und unabhängigen Mitgestaltung der Gesellschaft die eigene Transformation zu nur noch an den klebrigen Fäden der Mächtigen und Noch-Mächtigeren hängenden Marionetten nicht reflektierbar ist. Was natürlich niemanden aus seiner Verantwortung entlässt.

Nachtrag:
Aus aktuellem Anlass sei noch erwähnt, dass das definitiv mittelbar äußerst gewalttätige, die Mehrheit zugunsten einer Minderheit ausplündernde Diktat (neo-)liberal-kapitalistischer Gesellschaften natürlich in wesentlich eleganteren Formen daherkommt als eine damalige, zur Karikatur verkommene SU unter Breschnews Zeiten. Der längst zu einer Perversion geronnene und von Jockel Gauck so geliebte Freiheitsbegriff der USA allerdings steht für mich in seiner Verkommenheit und Verlogenheit uneinholbar ganz oben. Der Begriff Demokratie allein bedeutete zudem natürlich noch nie und heute weniger denn je für eine per definitionem die Interessen der Mehrheit zum Recht verhelfende Gesellschaftsform, im Gegenteil! Es herrscht allenthalben die selbstverständlich letztlich immer gewalttätige Minderheiten-Diktatur des Kapitals. Aus diesem Grund sind für mich die USA (nebenbei ja auch noch einzig verbliebene Supermacht) eine mittelbar durch und durch gewalttätige, ihre Gewalt weltweit exportierende Gesellschaft noch weit vor ihrem vielfältigen inneren und äußeren Gebrauch unmittelbarer Gewalt. Eine Diktatur des Kapitals. Abgesehen davon, dass die USA bis tief hinein in ihren Entstehungsmythos, bis tief hinein in ihr ureigenstes Selbstverständnis schon traditionell die gewaltaffinste Gesellschaft dieses Globus sind.


Am 24. Juni 2013 schrieb Gregor Heinrich:

Ihr primitiver Vergleich zwischen dem Diktator Breschnew und dem Präsidenten der USA ist unverschämt. Und ihre Sprechchor-Gruppe in Ost-Berlin ist natürlich erfunden.

Antwort von U. Gellermann:

Am Sprechchor war ich selbst beteiligt. Der Vergleich ist nicht primitiv. Er ist einfach.

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